Neue Medien

4/2018 - Medienkompetenz und Medienperformanz

Rezension: Arrival. Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

von Ted Chiangy

AutorIn: Simon Nagy

Der preisgekrönte Science-Fiction-Autor Ted Chiang wird regelmäßig mit dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges verglichen. Simon Nagy hinterfragt diese proklamierte Verwandtschaft und wirft einen genauen Blick auf die Konstruktionen von Zeitlichkeit im Werk der beiden Autoren ...

Verlag: Golkonda
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-946503-12-5


Cover: Arrival. Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes von Ted Chiang
Quelle: Golkonda

Den US-amerikanischen Autor Ted Chiang umgibt seit Jahren ein Mythos des Genialen. Sein Werk umfasst seit 1991 gerade einmal fünfzehn Erzählungen, die allerdings fast allesamt mit dem Nebula oder dem Hugo Award, teilweise sogar beiden, ausgezeichnet wurden, zweien der wichtigsten Science-Fiction-Preise des angloamerikanischen Raums. Chiangs Erzählung "Geschichte deines Lebens" bildete die Grundlage für Denis Villeneuves erfolgreichen Film "Arrival" aus dem Jahr 2016, in dessen Folge schließlich auch das Interesse der internationalen Feuilletons auf den Autor gelenkt wurde. Als neue Hoffnung der Science-Fiction wurde er vielerorts gepriesen, als Meister der minimalen Form und als Ideen-Virtuoso in der Tradition von Erzählern wie Jorge Luis Borges. Denis Scheck brachte diese Tendenzen auf einen Punkt, indem er konstatierte, dass "seit Borges niemand den Bereich des Sagbaren so eindrücklich erweitert" habe wie Ted Chiang.

In der Tat lesen sich Chiangs Texte, wie jene von Borges, oft weniger als klassisch erzählte Geschichten denn als fiktive Berichte eines uns gleichermaßen vertrauten wie fremden Universums. Chiangs Geschichten liegen raffiniert erdachte Gedankenexperimente zugrunde, die stets um zwei zentrale Themen kreisen: um eine Reflexion über die Möglichkeiten individuellen Handelns inmitten logischer Unmöglichkeiten sowie – in Borges’ Worten – um eine "neue Widerlegung der Zeit". Der Vergleich mit dem argentinischen Autor wird auch von Chiangs Texten selbst nahegelegt: Seine erste publizierte Erzählung "Der Turmbau zu Babel" verortet sich sowohl durch die Babel-Motivik als auch durch die mystisch-pseudohistoriographische-theologische Sprache im Fahrwasser von Borges; und die Protagonistin von "Geschichte deines Lebens" verweist sogar namentlich auf ihn, indem sie sich eine Fabel ausdenkt, von der sie behauptet, sie könne von Borges stammen.

Die vorliegende Rezension nimmt diese textextern wie -intern postulierte Verwandtschaft zum Anlass, Chiangs Erzählungen unter dem Gesichtspunkt der Borges’schen Form kritisch zu durchleuchten. Die von molosovsky ins Deutsche übersetzte und im Golkonda-Verlag unter dem Titel "Der Himmel ist die Abwesenheit Gottes" veröffentlichte Erzählungssammlung soll darauf befragt werden, wie sehr sie dem Schreiben des Argentiniers, das regelmäßig konventionelle Denkbewegungen aushebelt, tatsächlich verwandt ist und welche Ähnlichkeiten ihr oft vorschnell attestiert werden.

Die fünf Erzählungen des Bandes verbindet das gemeinsame Motiv der Zirkularität, konkreter: die Vorstellung eines kreisförmigen Raum-Zeit-Gefüges. "Der Turmbau zu Babel" erzählt die Geschichte eines Bergarbeiters, dem aufgetragen wird, von der Spitze des fertiggestellten Babel’schen Turms aus das Firmament zu durchbrechen. Nachdem er, der bereits einen langen Stollen ins Himmeldach gebaut hat, von einem Wasserbruch erwischt und ganz nach oben gespült wird, findet er sich nicht etwa im Jenseits wieder, sondern am Fuß des Turms zu Babel. In "Geschichte deines Lebens" lernt die Linguistin Louise Banks die Sprache einer außerirdischen Lebensform, in der das Ende des Satzes zu Beginn des Sprechens genauso präsent ist wie sein Anfang. Indem sie mit dieser Sprache auch das kreisförmige Denken der Außerirdischen übernimmt, wird es ihr möglich, ihre eigene Zukunft zu sehen. "Der Kaufmann am Portal des Alchemisten" erzählt die geradezu klassische Geschichte einer Zeitreise in die Vergangenheit, bei der der Protagonist schmerzlich erfährt, dass das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden kann, und mit leeren Händen in die Gegenwart zurückkehrt.

Die Verwandtschaft dieser Zirkularität mit dem bei Borges zentralen Thema des Unendlichen spornt viele der Vergleiche zwischen den beiden Autoren an. Doch sind ihre Konzeptionen von Zeitlichkeit so unterschiedlich, dass die Behauptung von Ähnlichkeit einer näheren Betrachtung nicht standhält. Diese vergleichende Betrachtung läuft nicht bloß auf eine komparatistische Differenzierung hinaus, sondern lässt auch in Chiangs Schreiben selbst genauere Abstufungen erkennen. Chiangs Raum-Zeit-Vision lässt sich mit dem Begriff einer linearen Zirkularität beschreiben: Geschichte verläuft in jedem Text streng linear, kann aber durch punktuelle Bemühungen eingerollt werden. Der Kaufmann kann in die Vergangenheit reisen, Louise Banks in die Zukunft blicken, der Bergarbeiter den höchsten und zugleich tiefsten Punkt des Himmels erreichen. Ihnen allen bleibt es aber verwehrt, in den Lauf der Geschichte einzugreifen. So gehen die Figuren allesamt einen bruchlosen Kreis ab, bis sie wieder an ihrem Ausgangspunkt auf der Geraden, die die Geschichte ist, ankommen. Borges’ Konzeption der Zeit unterscheidet sich hiervon auf zweifache Weise: In manchen Texten verweigert er seinen Figuren den Kontakt zur übergeordneten Zeitlichkeit gänzlich, in anderen Geschichten gewährt er ihn ihnen, stürzt die Figuren damit aber in die Aporie des Unüberblickbaren. Jaromir Hladik gelingt es in Das Geheime Wunder zwar, die innere Zeit für ein Jahr still zu stellen, um vor dem Tod durch die Kugel der Faschisten seinen angefangenen Theatertext im Kopf fertig zu schreiben, doch ist diese Stillstellung vollkommen von der äußeren Zeit entkoppelt und wirkt in keiner Weise auf sie ein. Die Bewohner der Bibliothek von Babel hingegen, die mit dem endlosen Raum und der unendlichen Zeit in tagtäglichem Kontakt stehen, verzweifeln: Der Widerspruch zwischen der Suche nach der eigenen Heilsgeschichte und der permanenten Konfrontation mit dem Unendlichen potenziert ihre eigene Unzulänglichkeit ins Unermessliche. Geschichte versperrt sich entweder dem Zugriff von Einzelnen, oder sie öffnet sich, präsentiert sich dabei aber als unzerkleinerbar und verurteilt jeden Versuch, sie in mundgerechte Stücke zu packen, zum Scheitern.

Es ist also kein utopisches, sondern ein dunkles und unheimliches Bild, das Borges’ Texte vom Kontakt mit dem Unendlichen zeichnen. Dass Chiangs Geschichten diese Aporie verdrängen, zeigt sich am deutlichsten an jener Stelle, an der Borges namentlich genannt wird. Louise Banks imaginiert im Rahmen einer Reflexion über die Sprache der Außerirdischen eine Erzählung, die ihr zufolge "von Borges stammen könnte: Man stelle sich eine Person vor, die das Buch der Zeit konsultiert, eine Chronik, in der jedes Ereignis der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verzeichnet ist. […] Mit einem Vergrößerungsapparat würde die Person die hauchdünnen Seiten durchblättern, bis sie die Geschichte ihres Lebens findet. Sie gelangt zu der Stelle im Text, die beschreibt, wie sie das Buch der Zeit liest, und sie blättert weiter zu der Stelle, an der bis ins Kleinste ausgeführt wird, was diese Person später an diesem Tag macht: mit Hilfe der Informationen des Buches wird diese Person 100 Dollar auf das Rennpferd Devil May Care setzen und das Zwanzigfache gewinnen." Anschließend entwirft sie das Szenario, dass sich die lesende Person aufgrund dieser Lektüre dagegen entscheidet, überhaupt zum Pferderennen zu gehen, und schließt: "Daraus ergibt sich ein Widerspruch: Laut Definition muss das Buch der Zeit recht haben, doch was auch immer das Buch darüber aussagt, was eine Person tun wird, sie kann sich anders entscheiden. […] Ein Werk wie das Buch der Zeit ist eine logische Unmöglichkeit, genau deshalb, weil seine Existenz zu den angeführten Widersprüchen führen würde." In dieser Passage zeigt sich Chiangs grundlegendes Missverständnis über das Schreiben von Borges. Chiang lehnt Widersprüche ab, weil sie für ihn logische Unmöglichkeiten darstellen, die sich nicht abbilden lassen. Seine Geschichten sind dementsprechend frei von Widersprüchen und lassen sich restlos rational erklären. Sie warten zudem nicht darauf, dass dies von einer externen Interpretation unternommen wird, sondern realisieren es selbst: Jeder Text läuft auf eine ausführliche innerfiktionale Erklärung seiner eigenen Mechanismen hinaus. Sei es, dass der Babel’sche Bergarbeiter bemerkt, dass die Welt die Form eines Siegelzylinders hat; sei es, dass der zeitreisende Kaufmann feststellt, dass die Vergangenheit zwar ausgekundschaftet, nicht aber verändert werden kann; sei es, dass Louise Banks die von ihr selbst an Hochschulkursen gelehrte Sapir-Whorf-Hypothese am eigenen Denken bestätigt findet und diese Deckungsgleichheit extensiv erläutert. Borges’ Texte hingegen lassen sich nicht mithilfe kohärenter Erklärungen aufschlüsseln. Sie vermeiden Widersprüche nicht, sondern bilden sie ab, und schlagen dabei vertrackte Pfade in Raum wie Zeit ein, die am Ende eine Schieflage der Rationalität erzeugen. Nicht das Deckungsgleich-Verständliche, sondern das Inkommensurabel-Dunkle durchzieht sein Schreiben. Die von Chiang gezeichneten Kreise schließen sich stets, während Borges die Zeichnung von Kreisen entweder im Ansatz unterbindet oder aber die Zeichnung den Kreis sprengen lässt.

Angesichts dieser unterschiedlichen Konzeptionen ist es auch nicht verwunderlich, dass die Fabel, die Louise Banks erzählt, einen Sinnfehler aufweist, der sie als grundlegend un-borges’sch ausweist: Die Person, die das Buch der Zeit liest, würde bei Borges in diesem Konvolut aus Zeichen niemals ihre eigene Geschichte finden. Die Überfülle einer Chronik der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlaubt das (Wieder-)Erkennen von Einzelnen nicht. Der Finder des Sandbuches in Borges’ gleichnamiger Erzählung wird verrückt, bevor er nur einen einzigen ihm verständlichen Satz in dem unendlichen Werk entdecken kann, und nicht anders würde es dem*der Finder*in des Buches der Zeit gehen. Aus der Erprobung des in der Rezeption häufig bemühten Vergleichs Chiangs mit Borges lassen sich die Charakteristika des Schreibens von Ersterem nun in klareren Worten beschreiben. So weisen die in "Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes" versammelten Geschichten eine enorme Dichte an anspruchsvollen Ideen aus Philosophie, Linguistik und Theologie auf. Sie lassen sich vorzüglich auseinandernehmen, in ihren Elementen analysieren und anhand ebenjener Theorien, die sie bebildern, erklären: etwa der Sapir-Whorf-Hypothese, der Relativität von Zeit oder der Deklination der Probleme einer Reise in die eigene Vergangenheit. Über eine Bebilderung gehen sie dabei aber nicht hinaus. Alle Bewegungen eines Textes, die sich nicht sofort am Begriff ihrer selbst erklären lassen, werden schnell gekappt und stillgestellt. So wird in ihnen eben kein neues und potentiell außerirdisches Denken angestoßen, sondern das bereits Bekannte in neu formulierte, nicht aber neuartig gedachte Formen umgegossen.

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