Praxis

4/2018 - Medienkompetenz und Medienperformanz

Wo ich wohne

Ein Medienprojekt in der Freinetklasse

AutorIn: Eva Neureiter

Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohnraum und den sehr diversen Wohnsituationen der Kinder werden Fotos und Plakate in der Volksschul-Klasse produziert. Der Beitrag beschreibt die Entstehung und Umsetzung des Projektes ...

Das Projekt wurde in einer Mehrstufenklasse mit Freinetpädagogischem Schwerpunkt in Wien durchgeführt. Die Klasse besuchen Kinder von 6–11 Jahren, 4 Kinder sind Integrationskinder. In der Klasse werden viele Sprachen gesprochen. Über das Konzept der Freinetpädagogik kann sich die Leserin / der Leser über die unten angeführten Links informieren.

Die Idee zum Medienprojekt "Wo ich wohne" entstand aus einem Sprachen- und Länderprojekt sowie dem Alltag der Kinder. Vor 2 Jahren haben wir in unserer Klasse über die Länder aus denen die Familien unserer Schülerinnen und Schüler kommen und die Sprachen, die in diesen Ländern gesprochen werden, gearbeitet (Ungarn, Bulgarien, Kroatien, Schweden, Syrien, Indien, etc.). Ein durchgehender roter Faden war: wir kommen aus vielen verschiedenen Ländern der Erde, wir sprechen viele verschiedene Sprachen – jetzt wohnen wir alle in Wien.

Dazu kam das Thema "Wohnen in Wien", ein breites Thema für die Kinder, weil viele in ihrem Leben übersiedeln; z.B.: ein Schüler zog gerade mit seiner Familie in das eigene Haus am Wienerwaldrand, ein anderer musste von zu Hause ausziehen und wohnt nun in einer Wohngemeinschaft, wieder andere mussten vor dem Krieg in Syrien fliehen.

Das Thema "Wohnen" begleitet die Kinder und wird somit zum Thema in der Klasse (wir reden darüber, die Kinder zeichnen Pläne von ihren Wohnungen und dem eigenen Zimmer, sie schreiben Geschichten über ihre Wohnsituation).

Nun war die Idee, dieses Thema aufzugreifen und mehr dazu zu arbeiten als normalerweise üblich. Wir starteten das Medienprojekt "Wo ich wohne".

Zuerst wurden die Eltern beim Klassenforum im September darüber informiert, dass jedes Kind den Fotoapparat mit nach Hause nehmen wird und 3 Fotos von zu Hause machen soll. Mir war wichtig, dass die Eltern dies als Arbeit für die Schule sehen und nicht glauben, wir wollen ihre Wohnungen ausspionieren.

Die Fotos:

Die Schülerinnen und Schüler starteten mit einem konkreten Auftrag. Jedes Kind nahm an einem Tag den Fotoapparat mit nach Hause und bekam den Auftrag 3 Fotos zu machen:

  1. Da schlafe ich.
  2. Da esse ich.
  3. Diesen Platz mag ich sehr gerne.

Der Auftrag war nur 3 Fotos zu machen, weil das in Summe 60 Fotos wurden und die Weiterverarbeitung komplizierter geworden wäre. Außerdem schien es eine gute Übung sich für etwas zu entscheiden (Welcher Platz ist mein Lieblingsplatz, wenn ich mich für einen entscheiden muss?).

Die Präsentationen:

Diese Fotos wurden gemeinsam in der Klasse angeschaut. Dazu stellten wir die Sessel als "Kino" auf, alle in Richtung Leinwand; das Kind, dessen Fotos wir betrachteten, kam heraus und erzählte von seiner Wohnung.

Danach konnten die anderen Kinder an dieses Kind Fragen stellen. Interessant dabei war, dass die zuhörenden Kinder die Bilder sehr detailreich betrachteten (z.B.: Hast du das Bild an deiner Wand selber gemalt? Ist das Spiel....? Kannst du von deinem Balkon die Kirschen am Kirschbaum ernten?). Diese Präsentation und die Antworten auf die Fragen ermöglichten allen einen Einblick in das Leben der anderen Kinder. Für mich waren diese Präsentationen sehr berührende Momente: einerseits, weil das präsentierende Kind einen Teil seines Lebens mit uns teilte, andererseits, weil die zuhörenden Kinder wertschätzende Fragen stellten.
Die Fotos boten eine große Bandbreite an Wohnsituationen: vom eigenen Trampolin im Garten bis hin zur kleinen Küche, in der gerade 2 der 5 Familienmitglieder Platz finden, um gemeinsam zu Essen. Für die Kinder sind es "ihre Wohnungen" und es ist genügend Platz für alle, die da wohnen (die Kinder nehmen für uns beengt scheinende Wohnverhältnisse nicht als solche wahr). Für uns Lehrerinnen erklärte manches Bild auch, warum Kinder so sind, wie sie sind: in viele Familien haben der Fernseher, der Computer, etc. einen prominenten Platz, während der Platz z.B.: zum gemeinsamen Essen oder ein Platz zum Zeichnen, Basteln, Malen oder Lernen sehr beschränkt ist. Bücherregale fehlen in vielen Kinderzimmern völlig. Am Ende jeder Präsentation sagte ich als Lehrerin:"Danke, für den Einblick in dein Leben!"
In diesen kleinen Referaten schulten die erzählenden Kinder ihre Sprache (Sprachförderung vom Leben und der Sprache der Kinder ausgehend); die Zuhörenden lernten Interesse am Leben der Mitschülerinnen und Mitschüler (und sie waren sehr interessiert)!

Die Plakate

Als alle Fotos gemacht und auch vorgestellt waren, gestalteten wir Plakate damit.
Zuerst besprachen wir, was ein Plakat braucht, um ein gutes Plakat zu werden (Schriftgröße, Farbkombination, es gibt Plakate mit Bildern oder auch ohne, manche Plakate haben ein Datum/ Uhrzeit, etc.). Dazu brachte ich 2 Plakate mit in den Unterricht.
Jedes Kind bekam einen weißen Karton (Größe A1), auf diesem gestaltete es sein eigenes Plakat.

In den unterschiedlichen Plakaten spiegelte sich die Arbeit in einer Mehrstufenklasse mit Freinetpädagogik: Die jüngeren Kinder klebten die Fotos auf und schrieben dazu "Da schlafe ich. Da esse ich. Diesen Platz mag ich sehr gerne." Die älteren schrieben mehr auf ihr Plakat: wer an welchem Platz beim Essen sitzt, warum sie den Lieblingsplatz besonders gerne haben, welche Kuscheltiere bei ihnen im Bett schlafen,...

Bei dieser Arbeit legten wir wert auf die Plakatgestaltung (Fotos nicht alle in ein Eck, die Überschrift in der Mitte des Plakats) und die Rechtschreibung. Deshalb sollten alle zuerst ihr Plakat mit Bleistift beschriften, damit jede und jeder zuerst schauen konnte, wie der Platz gut genützt wird, und Rechtschreibfehler korrigiert werden konnten.

Wir beschlossen, die Namen der Kinder auf die Plakatrückseite zu schreiben, somit können die Kinder nun raten, welches Plakat von wem gestaltet wurde (alle Plakate hängen in der Klasse und geben somit wieder Anlass zur genauen Betrachtung, zum Lesen,...).

Einige Tipps für Pädagoginnen und Pädagogen zum praktischen Ablauf

  • Wir verwendeten 2 Digitalkameras: eine gehört unserer Klasse, die andere war eine alte Kamera von mir. Es dauerte daher bei 20 Kindern mehr als 2 Wochen bis alle Fotos geschossen waren (ein Kind wurde krank und der Apparat war bei ihm, einer vergaß,...). Hier ausreichend Zeit einzuplanen ist sinnvoll. Insgesamt war das Interesse den Fotoapparat mit nach Hause zu nehmen sehr groß. Für das ganze Projekt sind 4 Wochen ein guter Zeitrahmen, die Schulbeginn eignet sich gut, da sich die Kinder zu dieser Zeit neu in der Gruppe zusammenfinden (Mehrstufenklasse).
  • Viele der Fotos wurden unscharf, was einerseits an der Qualität der Kameras andererseits an der Fotographierpraxis der Kinder lag. Dies störte jedoch nicht, weil es darum ging "selber" die Fotos zu machen und nicht möglichst wettbewerbsfähige Fotos. Für die Kinder war die Unschärfe kein Thema, sie waren stolz auf ihre Fotos und ihr zu Hause.
  • Die neuen Fotos spielte ich jeden Tag in der Früh vom Apparat auf den Klassenrechner und versah sie mit dem Namen des Kindes. Anders wäre es schwierig gewesen den Überblick über die Bilder zu bewahren. Wegen dieser Kopie wählte ich die Variante mit den beiden Apparaten: bei Fotos, die die Kinder mit ihren Handys machen, haben wir immer wieder Probleme mit dem Überspielen auf den Klassenrechner.
  • Die Fotos pro Kind waren auf 3 beschränkt (wie oben beschrieben), manche Kinder machten nur 2 Fotos (z.B.: weil das Bett auch der Lieblingsplatz war), andere dann doch 4; das war in Ordnung.
  • Vor der Mitgabe der Fotoapparate empfiehlt es sich, dass alle alten Fotos gesichert werden. Ein Kind brachte den Fotoapparat zurück und es waren nur mehr seine eigenen 3 Fotos darauf. Alle anderen, die wir seit Schulbeginn gemacht hatten, waren gelöscht.
  • Die Präsentationen machten wir 1–2x pro Woche für ca. 40 Minuten, wir brauchten 4 Termine, um alle Fotos in Ruhe anzuschauen. Jedes Kind brauchte 5–10 Minuten. Wir projezierten die Fotos vom Klassen-PC über den Beamer zur Leinwand (in der Vorbereitung der Technik Zeit einplanen!!).
  • Wichtig ist, die Erzählungen und Fotos der Kinder nicht zu werten (wie viele von uns PädagogInnen dies gerne machen)!
  • Einige Kinder erzählten, dass sie vor dem Fotografieren ihr Zimmer zuerst aufgeräumt hatten :-) .
  • Für die Plakate ließ ich die Fotos in einem Drogeriemarkt entwickeln (das dauert wieder eine Woche!). Sie glänzten daher schön und werteten die Arbeit somit auf.

Uns allen hat dieses Medienprojekt viel Freude bereitet. Es beinhaltete eine Vielzahl an medienpädagogischen Lernmöglichkeiten kombiniert mit sozialen Erfahrungen in der Klasse. Ich kann es weiterempfehlen!

Infos zur Freinetpädagogik:https://freinetgruppewien.wordpress.com/freinetpadagogik/https://www.kooperative-freinet.at

Link zur Projektseite der Klasse: https://fbklasse3.wordpress.com/2018/10/19/medienprojekt-wo-ich-wohne/

Tags

foto, wohnen