Kultur - Kunst

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Das Archiv für emanzipatorische Praxen

AutorInnen: Renate Höllwart / Büro trafo.K

Das Wiener Büro trafo.K entwickelt Konzepte und Formate der Kulturvermittlung für und mit Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen, bei denen unterschiedliche Wissensformen und künstlerische Strategien zusammen kommen. Den MEDIENIMPULSEN präsentieren sie ihr umfangreichs "Archiv für emanzipatorische Praxen ...

Abstract

Welche Strategien können wir einsetzen, um Selbstverständnisse und Routinen des "Lernens" zu unterbrechen? Und was können wir voneinander lernend verlernen? Diesen Fragen widmet sich das Büro trafo.K in vielen Projekten. Das Wiener Büro für Kunstvermittlung und kritische Wissensproduktion stellt im Folgenden ihr emanzipatorisches Online-Archiv vor, das sich gleichzeitig kritisch mit den Sammeln, Ordnen und Archivieren beschäftigt.


I. Einleitung

Wir leben in einer Gesellschaft, die von Machtstrukturen entlang von sozialen Unterschieden und Unterscheidungen durchzogen ist. Auch jedeR, der/die mit Schule zu tun hat, erfährt das und handelt in Räumen, in denen unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Sprachen aufeinandertreffen. Wie aber kann ein Prozess entstehen, der Räume schafft, um über das Bestehende hinauszugehen und Verhältnisse neu zu denken? Welche Strategien können wir einsetzen, um Selbstverständnisse und Routinen des "Lernens" zu unterbrechen? Was können wir dabei über die Bedeutung der Relevanzsetzungen unterschiedlichen Wissens in Bildungsprozessen lernen und was voneinander lernend verlernen? Dies sind Fragen, wie sie oft am Anfang eines Projekts von trafo.K, einem Wiener Büro für Kunstvermittlung und kritische Wissensproduktion, stehen, wenn Konzepte und Formate für die Arbeit gemeinsam mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen und vielen anderen entwickelt werden.

Auch für das Projekt "Strategien für Zwischenräume. Neue Formate des Ver_Lernens in der Migrationsgesellschaft"[1] waren es Fragen wie diese, die den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen der Wissensvermittlung, die sich hierarchischem Lernen widersetzen, bildeten. Das Anliegen, das versammelte Wissen und die Erfahrungen aus dem Projekt für die Schulpraxis zugänglich zu machen, führte zur Entscheidung, mit dem Aufbau eines digitalen, jederzeit erweiterbaren "Archiv für emanzipatorische Praxen" zu beginnen.

II. Normierende Ordnungen unterlaufen?!

Es geht darum, einen Raum für eine alternative und emanzipatorische Wissensproduktion zu schaffen, der einerseits Freiraum für die Aneignungsprozesse aller Beteiligten bietet und eben andererseits durch die Sammlung von Erfahrungen und Ergebnissen über den Projektzeitraum hinaus emanzipatorische Praxen in Form eines Archivs für die Arbeit in der Schule und anderen Bildungszusammenhängen wirksam macht.


Abb. 1: Materialien zu Sprache

Nun sind Archive zuallererst Räume, die Wissen generieren und speichern. Sie sind Orte, an denen Geschichte und Geschichten gesammelt und aufbewahrt werden und beziehen sich mit ihren Sammlungen von Objekten und Dokumenten auf die Vergangenheit, um diese für die Zukunft zu sortieren und festzuhalten. Doch welches Wissen findet Eingang in die Archive, wer entscheidet darüber und wer bestimmt, für wen sie eigentlich zugänglich sind? Wie entsteht Wissen? Und was gilt als relevantes Wissen?

III. Strategien erproben, hinterfragen und sammeln

Wie kann also ein Archiv aussehen, das die normierenden Ordnungen des Archivs[2] unterläuft und gleichzeitig das Potenzial des Sammelns von unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen für zukünftiges Handeln in Bildungsprozessen aufgreift? Die Online-Sammlung "Archiv für emanzipatorische Praxen" basiert auf einem Prozess der gemeinsamen Wissensproduktion an einem konkreten Ort, dem Forschungszentrum für historische Minderheiten (FZHM). Im Rahmen des Projekts haben viele Jugendliche und junge Erwachsene gemeinsam mit ExpertInnen, KünstlerInnen und VermittlerInnen Strategien der Aneignung von Inhalten und Räumen erprobt und ihr Wissen geteilt. Das Forschungszentrum war dabei nicht nur Raum für die Sammlung von Erfahrungen mit Methoden aus kritischer Kunstvermittlung, Theaterpädagogik, Geschichtsvermittlung und Stadtforschung, sondern auch Ort der Präsentation der Ergebnisse und weiterführenden Diskussionen.[3]

Es entstand ein performatives Archiv als Recherche-, Vermittlungs-, und Ausstellungsraum, in dem Prozesse der gemeinsamen Aneignung von Wissen ausverhandelt und dabei ständig erweitert und verändert wurden. Die im Laufe der Zusammenarbeit entstandenen Auseinandersetzungen über Grenzen, Flucht, Protestbewegungen, Liebe, Körper, Zusammenleben, Mehrsprachigkeit, Soziale Bewegungen, Geschlechterpolitik, Musik, Gesetze, Politik, Erinnern und Interventionen im öffentlichen Raum bildeten den Rahmen für die Konzeption des Online-Archivs. Parallel zu den Workshops mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden in Zusammenarbeit von trafo.K mit der Künstlerin Sheri Avraham, dem Arbeitskreis Archiv der Migration, maiz – Autonomes Zentrum von und für Migrantinnen und Regina Wonisch vom FZHM Beiträge zum Archiv recherchiert, erstellt und neu zusammengestellt mit dem Ziel, die "Ordnung des Wissens" in Lehrplänen und Unterrichtspraxen zu reflektieren.

Es ging um eine verändernde Praxis, mit der jenseits von Zuschreibungen, Vorannahmen und festgeschriebenen Kategorien Gegengeschichten und Methoden zu alternativer Wissensproduktion in den Blick genommen werden können. Den Schwerpunkt bildet dabei die Sammlung und Adaption von Konzepten, Materialien, Theorie und Projekten mit dem Fokus auf emanzipatorische und kritische Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft. Diese Sammlung und die erprobten Strategien und entstandenen Ergebnisse aus der Zusammenarbeit mit Jugendlichen bilden – dabei die Inhalte und Fragestellungen der am Projekt beteiligten Jugendlichen ernst nehmend – die Basis für das Online-Archiv für emanzipatorische Praxen, das einlädt, neue Formate des Lernen und Verlernens kennenzulernen, auszuprobieren und anzuwenden.

IV. Sprache, Stadt, Geschichte und, Kunst im Fokus auf Ungleichheitsverhältnisse

Die Themenbereiche Kunst, Geschichte, Stadt und Sprache – Themen, in denen Ungleichheitsverhältnisse und Spannungsfelder in der Migrationsgesellschaft besonders deutlich werden – sind dabei so ausgewählt, dass sie sowohl für den Schulalltag als auch für aktuelle Fragen im Kunstfeld neu verbunden und produktiv gemacht werden können. Sie betreffen alle und sind in der Migrationsgesellschaft eigentlich längst geteilte Kontexte im doppelten Sinne des Wortes (shared und divided). Das Archiv schlägt Ansätze vor, die einen Prozess des Verlernens in Gang setzen, die eine Veränderung von Perspektiven, von Bildungsansätzen, Lehrplänen und Institutionen sowohl im Kunst- und Kulturbereich als auch im Bildungsbereich ermöglichen. Dabei spielen vermittlerische und künstlerische Konzepte und Projekte eine besondere Rolle. Sie eröffnen Raum, in der Aneignung von Wissen neue Perspektiven einzunehmen, partizipative Prozesse für Unvorhersehbares anzuleiten und vorherrschende Bilder und Selbstverständnisse zu hinterfragen.

In diesem Sinne versteht sich das Archiv als permanent zu erweiternde Sammlung von Materialien, die jeweils spezifisch für eine konkrete Bildungssituation neu zusammengestellt und erprobt werden können. Konkrete Handlungsanregungen für Workshops, Materialien wie Videos, Texte und Audiointerviews, Arbeiten von Jugendlichen und eine Zusammenstellung von Links zu selbstorganisierten Initiativen und Projekte im Kontext von Bildung und Migration ermöglichen es, neue Beziehungen innerhalb und zwischen den Schwerpunkten Kunst, Geschichte, Sprache und Stadt herzustellen und emanzipatorische Praxis zu entwickeln. Gleichzeitig bietet die Sammlung Werkzeuge für die Reflexion des pädagogischen Verhältnisses zwischen Lehrenden und Lernenden.

V. Arbeiten mit dem Archiv www.trafo-k.at/verlernen/


Abb. 2: Navigation zur Gruppierung der Beiträge
entlang von Formaten

Der Aufbau des Archivs auf www.trafo-k.at/verlernen verfolgt eine nicht-hierarchische Struktur der Ordnung. Je nach Bedarf und Interesse besteht die Möglichkeit, die Sammlung der Beiträge über die Schwerpunkthemen Kunst, Geschichte, Sprache und Stadt zu ordnen oder sie über die Navigationsleiste in Handlungsanregungen Materialien, Texte, Ringvorlesung, Präsentationen, Projekte und Links zu sortieren. Die spezifizierte Suchfunktion konkret nach Themenfeldern und Formaten innerhalb des Archivs ordnet die Online-Sammlung neu. Die Suche über die Themenfelder Anti-/Rassismus, Feminismus, Gegengeschichten, Gender, Mehrsprachigkeit, Migration, öffentlicher Raum, Post-/Kolonialismus, Queer, Urbanismus, Widerstand eröffnet die Möglichkeit, die versammelten Beiträge konkret nach einem thematischen Fokus zu ordnen. Die Suchfunktion nach Formaten wie Audio, Bild, DIY, Video, Installation, Interview, Performance, Stadtrundgang, Text, Website ermöglicht die Auswahl von bevorzugten Formen und Medien der Wissensvermittlung.


Abb 3. Handlungsanregungen Kunst


Anmerkungen

[1] Ein Projekt von Büro trafo.K (Ines Garnitschnig, Renate Höllwart, Elke Smodics, Nora Sternfeld) gemeinsam mit Sheri Avraham, Regina Wonisch, Arif Akkılıç, Maia Benashvili, Xhejlane Rexhepi, Gabu Heindl und Dirk Rupnow, in Kooperation mit WUK m.power und Jugend am Werk, dem Forschungszentrum für historische Minderheiten, maiz – Autonomes Zentrum von und für Migrantinnen und dem Arbeitskreis "Archiv der Migration". Das Projekt ist gefördert aus den Mitteln von SHIFT. Das Teilprojekt Ringvorlesung und Publikation wird finanziert von der AK–Wien und erfolgt in Zusammenarbeit mit schulheft.

[2] Vgl. Über die Rolle und Funktionen von Archiven als Bestätigung von Herrschaftsverhältnissen und als Etablierung von Gegengeschichten im Sinne eines "Archiv von unten", in: Bratić, Ljubomir (2017): Auf dem Weg zu einem Archiv der Migration, schulheft 1/2017, Wien: Studienverlag, 108–117; Wonisch, Regina (2017): Archive als Orte emanzipatorischer Bildungsprozesse? schulheft 1/2017, Wien: Studienverlag, 98–107; Rodríguez, Felipe Polanía (2016): Gedächtnis, Archiv und Vermittlung. Ansätze für eine Vermittlungspraxis mit geflüchteten Menschen, in: Art Education Research No.12/2016, eJournal des Institute for Art Education der ZHdK, online unter: https://blog.zhdk.ch/iaejournal/files/2016/11/Layout_Felipe_FINALFINAL.pdf (letzter Zugriff: 14.09.2018)

[3] Vgl. Garnitschnig, Ines/Smodics, Elke (2017): Im Zwischenraum von Teilhabe und Teilgabe. Eine Projektbeschreibung zu Strategien für Zwischenräume. Neue Formate des Ver_Lernens in der Migrationsgesellschaft, schulheft 1/2017, Wien: Studienverlag, 12–20.


Literatur

Garnitschnig, Ines/Smodics, Elke (2017): Im Zwischenraum von Teilhabe und Teilhabe. Eine Projektbeschreibung zu Strategien für Zwischenräume. Neue Formate des Ver_Lernens in der Migrationsgesellschaft, in: schulheft 1/2017, Wien: Studienverlag, 12–20.

Bratić, Ljubomir (2017): Auf dem Weg zu einem Archiv der Migration, in: schulheft 1/2017, Wien: Studienverlag, 108–117.

Wonisch, Regina (2017): Archive als Orte emanzipatorischer Bildungsprozesse? in: schulheft 1/2017, Wien: Studienverlag, 98–107.

Polanía Rodríguez, Felipe (2016): Gedächtnis, Archiv und Vermittlung. Ansätze für eine Vermittlungspraxis mit geflüchteten Menschen, in: Art Education Research No.12/2016, eJournal des Institute for Art Educa ion der ZHdK, online unter: https://blog.zhdk.ch/iaejournal/files/2016/11/Layout_Felipe_FINALFINAL.pdf (Letzter Zugriff 14.09.2016).

Tags

strategien, projekte, kulturvermittlung, onlinearchiv, sprache, emanzipation, methoden