Neue Medien

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Rezension: IM GRÜNEN

von .aufzeichnensysteme (Hanne Römer)

AutorIn: Erkan Osmanovic

Mit IM GRÜNEN hat .aufzeichnensysteme, das aktuelle Pseudonym der Künstlerin Hanne Römer, eines der wichtigsten lyrischen Bücher der letzten Jahre vorgelegt. Erkan Osmanovic hat den auf den ersten Blick recht sperrigen Band für die Leserschaft der MEDIENIMPULSE rezensiert …

Verlag: Ritter Verlag
Erscheinungsort: Klagenfurt
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-85415-562-1

Cover: IM GRÜNEN
von .aufzeichnensysteme (Hanne Römer)
Quelle: Ritter Verlag

"wenn ich dich was fragen dürfte. / ich würde dir nicht antworten." So beginnt die Decollage namens "IM GRÜNEN" der .aufzeichnensysteme. Um die Schlagworte DATUM, ZEIT, WASSER und LUFT ordnen sich zweizeilige Konstrukte. Nach der ersten Strukturgröße DATUM folgen etwa diese Zweizeiler:

"gelbes / auf der birne // absichtslose / zusammenkunft // zitronenfalter / anwesend // zwei rücken / eines tages // wachsen / zusammen // ein rythmus / an vielen stellen // das fernhin / treffende // verletzt papier / schlägt aus // grashalm / ist die spitze // nieselregen räumt / luft zur seite // wasserläufer / übersetzt // dampf bersteht / das ganze // beginnend mit / einem sprung // dreht die zeit / in die sonne // gehäuse / bei nacht // im kern steckt / die ausführung // rücknahme / bringt sie in form // fest verschlossen / bleibt die nuss // setzt sich / aus dem raum // die hälfte / hält doppelt // jetzt und / in zukunft // bis zum anschlag / nachrichten vor dem ton // falsche voraussetzungen / verdreht in richtige // der inszenierung vor / ihrer auflösung entzogen // schallplatte / mit wiederholungsrille // nimmt einfluss auf das / selbstbild der bewohner // abgesang / von allen seiten // geschlagen von / der biberkelle // das eingemachte / unter druck // findet sich / beendet vor // weniger kalt / als klar // im einklang / mit dem wetter // nach belieben / mit sicherheit"

Bilder werden evoziert. Sei es eine Waldlichtung, ein Park oder eine Gartenwiese. Die LeserInnen finden sich im Grünen wieder und schon staunt man über die Wirkungen dieser Mikrotexte. Keine vorgegebene Sinnkonstitution – erst aus dem Wechselspiel zwischen Textinput und kognitiver Weiterverarbeitung entsteht eine Geschichte. Die Worte dienen nur als Anhaltspunkte, die höchst individuell ausgekleidet werden können. Dichterische Immanenz wird hier in den Mittelpunkt gestellt. Auch formal ist das Buch auf die poetischen Kurzgebilde ausgerichtet: unpaginierte Seiten, Kleinschreibung, keinerlei Figuren – auch nicht indirekt durch Personalpronomina angedeutet – und schließlich der Verzicht auf eine Autorin oder einen Autor.

Zwei Verse je Strophe, zwei bis acht Strophen je Seite. Aus diesen Elementen ergibt sich etwas wie ein Gedicht. Kursiv markierte Aphorismen fungieren als Strukturelemente zwischen den "Pseudo-Gedichten". Nach fünf Seiten Text erfolgt die Zäsur der poetischen Gebilde durch Zweizeiler. Wie etwa nach dem obigen Textzitat ("gelbes / auf der birne //  […]  // nach belieben / mit sicherheit") folgendes: "was ist es, das dich antreibt? / fleiß ist das falsche wort." Augenfällig: Satzzeichen werden hier verwendet; in den "Pseudo-Gedichten" dagegen ausgespart. Sie unterstützen die Kontemplation, brechen die Struktur auf und bringen einen ironischen Ton mit sich.

Jedwede Skepsis entflieht nach Augenblicken der Lektüre. Man oszilliert zwischen Naturbildern, eigenen Erinnerungen und dem Unbekannten. Das Muster einer Meditation zeigt sich: die Gedichtkonstruktionen sind offen, stufenlose Übergange zwischen den "Pseudo-Gedichten", damit auch eine Steigerung der Sogwirkung des Rhythmus. Dies kommt nicht von ungefähr. Auf dem Buchrücken erklärt man die Wirkungsabsicht: "Nicht nur der unaufgeregte Ton gemahnt an Traditionen fernöstlicher Dichtung: Abgelöst aus ihren Kontexten erzeugen die collagierten Partikel bis ins Äußerste reduzierte Mikroerzählungen." Man taucht immer mehr in diese Welt ein, identifiziert sich mit der Umgebungsbeschreibung, findet sich in Tagträumen wieder:

"verwertest du alles? / ich spreche von aufwertung. // knapp / bemessen // in sich / verstrickt // radio aus / ebenholz // oben schwimmt / das momentane // goldenes auge / ewiger lauheit // seines zeichens / ozelot oder axolotl // sorglos beschränkt / schweifend verantwortlich // je nachdem / wonach ihm ist // färbt sich der finger / gelb von gerbsäure // die nächste wasserschale / ist zu fluten // flügel schlagen / luft zu wind // schwerfällig bekräftigt / der dünnste teil"

Die Grundlage für die "Pseudo-Gedichte" ist, laut Buchrücken, "[d]estilliert aus umfangreichen von .aufzeichnensysteme hergestellten (journalartigen) Prosatexten wurde das Material nach seiner Eignung ausgewählt, Potential als Projektionsfläche zu entfalten." Über große Strecken funktioniert das auch. Die Worte sind Richtsteine der eigenen Meditation, doch der Text zeigt sich widerspenstig. Das Stilprinzip durchbrochen – sogar angekündigt: "wird von dir alles einer verwertung zugeführt? / die frage ist zu lange. // der fluss / geht unter // graues / legt an // schlagartig / unbekümmert // ein windchen / im schatten // kennung / unbekannt // ariki, büffel / zeus, admiral // cherubim, alster / keiler, vulkan // der zeitpunkt / ist passend // christian burmester / arnolf ringer // voyager, nordwind / elistha, over // bringt beiläufges / zum kippen // rheingold, labe / arime, dick // luckau, aller / regulius, elan // flüchtiges festbeißen / stimmige abfolge //  […] wacker, apollon / monte wymper // in der reihenfolge / ihres erscheinens". Hier tauchen Beistriche auf, vorher noch verpönte Satzzeichen, jetzt willkommene Rhythmusmittel. Allerdings kommt es auf der inhaltlichen Ebene zu einem Einbruch: So etwas wie eine Narration macht sich breit. Eine Stimme spricht, reißt einen raus dem bisherigen Sog, man muss sich kurz umblicken und taucht dann doch wieder ein.

Das Buch setzt sich auf offensive und spielerische Art und Weise mit der Sinnstiftung von Texten auseinander. Besser gesagt mit Textelementen wie Worten, Sätzen, aber auch Satzzeichen. Es geht also um die diversen Beziehungen der syntagmatischen und paradigmatischen Achsen. Denn Sinn, also auch eine Narration, ergeben sich aus der Aufstellung von Relationen der jeweiligen Elemente: etwa ein Wort zum Wort im Paradigma oder Syntagma. Solche Beziehungen können miteinander interferieren. Das Buch zeigt, dass diese Bausteine eine immer komplexere Sinnkonstruktion vornehmen, obwohl sie ja gezielt jegliche Konstrukte, die dies vorwegnehmen würden verhindern wollen. Das gelingt dem Werk auch. Den Leserinnen wird vor Augen geführt, wie die Wortbedeutungsstruktur mit einer paradigmatischen Konnotation interferieren kann, trotzdem sie vom Satz und Kontext isoliert zu sein scheint. .aufzeichnensysteme – hinter denen Hanne Römer steckt – stellen sich in eine sprachexperimentelle Tradition und nutzen auch das Zitieren als poetisches Mittel. Denn wie bereits erwähnt, stammen die Bausteine aus vorgegebenen Texten ("journalartige[] Prosatexte[]"). Und der Text wiederum ist das Produkt einer bestimmten Montagetechnik: der Ellipse. In der Rhetorik heißt das, das alles, was für das Verständnis nicht unbedingt nötig ist, ausgelassen werden kann. Anders gesagt: alles Redundante kann weggeschnitten werden. Das Augenmerk liegt dann an den Übergängen innerhalb der Gedichtkonstrukte (innersequentiell) und an den Übergängen zwischen den Gedichtgebilden (transsequentiell) – dort zeigt sich die Feinarbeit.

Am Ende der Lektüre ist etwas passiert. Nicht auf den Buchseiten, nur im Kopf. Allein durch die Ausnutzung von Text-Montagen gelingt das Wunderwerk. Mit "IM GRÜNEN" ist es .aufzeichnensysteme gelungen Prosa zu verfassen, ohne eine Handlung vorzugeben, die dann doch folgt. Mögen die ersten Seiten vielleicht noch abschrecken, so belohnen die folgenden die Leserinnen und Leser mit einer Lektüre, die man so schnell nicht vergisst.

Tags

lyrik, experimentelle literatur