Neue Medien

3/2018 - Literaturvermittlung/Digitale Literarizität, Literalität und Literaturproduktion

Rezension: Böse Briefe. Eine Geschichte des Drohens und Erpressens

von Ernst Strouhal und Christoph Winder

AutorIn: Johanna Lenhart

Ernst Strouhal und Christoph Winder liefern in diesem aufwendig gestalteten und materialreichen Band eine aufschlussreiche Zusammenstellung von Erpresser- und Drohbriefen. Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE …

Verlag: Christian Brandstätter
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN 978-3-7106-0152-1


Cover: Böse Briefe
von Ernst Strouhal und Christoph Winder
Quelle: Brandstätter

"Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit möchte ich Ihre Unternehmung erpressen" – was zu Beginn klingt wie ein höflich-alltäglicher Geschäftsbrief, stellt sich schnell als weniger legales Unterfangen heraus. Der Hang Droh- und Erpresserbriefe als Geschäftsbriefe zu stilisieren, um sie so offizieller, zwingender und zugleich anonymer wirken zu lassen, ist nur eines der Verfahren die Ernst Strouhal und Christoph Winder in Böse Briefe beschäftigt. Die von den Autoren gesammelten Briefe decken das gesamte Spektrum der unerfreulichen Nachrichten ab, von Droh- und Erpresserbriefen über Bekennerschreiben von AttentäterInnen bis hin zu Denunziationsbriefen. Diese "Kältekammern der Briefkultur" werden vom frühen 15. Jahrhundert und den Drohbriefen des Ritters von Quitzow bis in die Gegenwart nachvollzogen, wo die bösen Nachrichten in Form von Hasspostings und Shitstorms zwar ein neues Medium gefunden haben, in ihrer Gestaltung und Vorgehensweise ihren Vorgängern aber verblüffend ähneln. Die Briefe werden dabei von den Autoren nicht nur – aber auch und zwar gründlich – auf ihre sprachlichen Strategien hin untersucht, sondern besonders im Hinblick auf die visuelle Gestaltung sowie Materialität und sie vollziehen auch den Weg der (kriminalistischen) Beschäftigung mit ihnen nach: "Jede Geschichte der bösen Briefe ist", so die Autoren, "auch eine Geschichte der materiellen Kultur des Briefes und ihrer Aufschreibsysteme sowie der historischen Methoden ihrer Analyse: Der Bestimmung der Papiere und Deutung der Spuren darauf, der Untersuchung der Handschriften, der unterschiedlichen Tinten, der Schreibmaschinen und ihrer Typen und – nicht zuletzt – ihrer Sprache."

Der aus Zeitungspapieren ausgeschnittene und zusammengeklebte Erpresserbrief hat sich dabei zwar ins kollektive Gedächtnis als Prototyp eingeschrieben, ist aber, abseits von Literatur und Film, wo er unter anderem bei Sherlock Holmes seinen Auftritt hat, eher selten, wobei Ausnahmen die Regeln bestätigen: Die bis heute nicht aufgeklärte ‚Entführung‘ des überdimensionierten, vergoldeten Bahlsen-Kekses – dem Wahrzeichen der Firma – mit dem dazugehörigen Erpresserbrief, unterzeichnet vom Krümelmonster, unterstreicht gerade durch den Griff zu Schere und Kleber ihre eigentliche Harmlosigkeit. Aber auch wenn es weniger komödiantisch zugeht, verleihen die verschiedensten Gestaltungen von Erpresserbriefen, von zusammengeklebt bis getippt oder mit verstellter Schrift geschrieben, nicht nur dem Schrecken ein Bild, sondern auch der "Schrift eine Stimme" und verraten so einiges über den/die UrheberIn – ist es doch ein Unterschied, ob ein/e ErpresserIn in Riesenlettern den/die EmpfängerIn förmlich anschreit oder in winzigen Minuskeln verschämt flüstert, den Drohbrief auf eine Beileidskarte schreibt oder mit Skizzen verbildlicht: "Die Graphik simuliert die prosodischen, physiognomischen Merkmale der Rede: Lautstärke und Tonhöhe, Akzentuierungen und Rhythmus, Gesten und Mimik."

Diese "visuelle Inszenierung des Schreckens" wird durch zahlreiche Abbildungen und ‚case studies‘ zum Leben erweckt: Neben breiter angelegten Überlegungen zu bestimmten Aspekten von ‚bösen Briefen‘ – etwa der Entwicklung einer kriminologischen Graphologie, dem zwischen den Zeilen durchscheinenden Wahnsinn der VerfasserInnen oder zu historischen Kontexten von Droh- und Erpresserbriefen – sind es vor allem die detailliert geschilderten und abgebildeten Fallstudien, die ein eindrückliches Bild liefern: Jack the Ripper, Charles Lindbergh, Kaiserin Elisabeth, die RAF, Martin Luther King oder die Colombine-Attentäter, sie alle – und einige mehr – sind SenderInnen oder EmpfängerInnen dieser Briefe. Die Vorgehensweisen der einzelnen AbsenderInnen erzeugt dabei durch ihre Raffinesse große, mitunter voyeuristische, Faszination, durch "ihre Dreistigkeit und Brutalität oder […] ihre kindliche Mitteilsamkeit und ihr verzweifeltes Ringen um Aufmerksamkeit" haben sie aber durchaus auch eine verstörende Wirkung. Was durch die Vielzahl an Beispielen auch nachvollzogen werden kann, ist die Intimität, die Nähe, die diese Briefe zwischen EmpfängerIn und SenderIn, zwischen Opfer und TäterIn, herstellen. Durch private Details und/oder behauptete (räumliche) Nähe bei gleichzeitiger Distanz, die durch das Medium Brief und die Anonymität erzeugt wird, dringt der/die SchreiberIn in die Privatsphäre einer Person ein, verhindert gleichzeitig aber, sich zu entblößen, was bei dem/der Adressatin "neben Angst und Empörung vor allem Scham und Einsamkeit" erzeugt.

Auch wenn die Vielzahl an Beispielen gelegentlich etwas ins Anekdotische abrutscht, ergibt sich so doch ein eindrucksvolles Bild von der Diversität und – in der Folge – der Funktionsweise von bösen Briefen. Die außergewöhnlich schöne Ausstattung und sorgfältige Gestaltung tun ihr Übriges, um einen sowohl ästhetisch genussvollen und unterhaltsamen wie informativen kulturgeschichtlichen Einblick in die dunkle Seite der Briefkultur zu bieten.

Tags

drohung, erpressung, böse briefe