Editorial

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Editorial 2/2018: Medien, Demokratie und politische Bildung

AutorInnen: Alessandro Barberi / Christian Swertz / Frank Jödicke / Fritz Hausjell

Editorial 2/2018

Nach Wilhelm von Humboldt lassen sich die klassischen Bildungsideale auf folgende Formel bringen: "Bildung ist die höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte zu einem Ganzen in der freiesten Wechselwirkung von Ich und Welt." In unseren modernen Mediendemokratien lassen sich diese 135 Zeichen jederzeit per SMS versenden. Damit ist auf den Punkt gebracht, dass die ausgewogene Nutzung moderner Medien- und Computertechnologien keineswegs nur demokratiegefährdend sein muss, sondern durchaus und im Gegenteil zur Bildung der demokratischen Kräfte unserer Gesellschaften und Kulturen beitragen kann. Dabei stellt sich auch bildungspolitisch auf allen Stufen des Bildungssystems die Frage nach der Demokratie und der jeweiligen Demokratieauffassung in allen medienrelevanten Berufen.

Denn gerade angesichts unserer "Mediokratie" (Thomas Meyer) kann – von Online-Artikeln gegen Rechtsextremismus oder digitalen Petitionen zur Verteidigung der Demokratie hier bzw. Haßpostings gegen AusländerInnen oder Filter-Bubbles dort – gezeigt werden, dass es nach wie vor darauf ankommt, welche AkteurInnen mit welchen Haltungen und Ideologien Medien nutzen. Dabei geht es im Sinne Jürgen Habermas’ um den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit. In den Simulationswelten der Virtual Reality kann dabei auch betont werden, dass Demokratie im Medienzeitalter zu einem großen Teil auf der "Medienbühne" gespielt und inszeniert wird. Dabei steht immer auch zur Diskussion, wie – etwa im Sinne der Mediatisierungsforschung – unterschiedliche Formen der Demokratie und Demokratieauffassung in verschiedenen medienrelevanten Berufen (Journalismus, PR, Spin Doktoren, MedienpädagogInnen et al.) öffentlich gemacht werden.

Wie im analogen Medium des Buches in der Gutenberg-Galaxis geht es mithin auch bei digitalen Medien (z. B. Online-Tageszeitungen, Homepages, Blogs, Videoplattformen oder Social Media), nach wie vor darum, welche (durchaus politischen) Informationen und Inhalte in ebendiesen Medien übertragen werden. Denn digitale Medien bestimmen heute nachdrücklich die Humboldtsche "Wechselwirkung von Ich und Welt". Die Redaktion der MEDIENIMPULSE hat sich deshalb entschlossen, mit einer eigenen Ausgabe dem Verhältnis von Medien, Demokratie und politischer Bildung nachzugehen.

Dabei gingen wir bereits im Call for Papers davon aus, dass die Erziehung und Politische Bildung von (jungen) StaatsbürgerInnen z. B. neben dem kompetenten Verständnis der österreichischen Bundesverfassung (und damit des Rechtssystems zwischen Repräsentation und Partizipation) und des politischen Systems Österreichs (z. B. Parteien- und Medienlandschaft, Rolle von Kammern, Gewerkschaften oder Sozialversicherungsträgern) angesichts der (digitalen) Wissens- und Informationsgesellschaft auch Bereiche wie Medienrecht (etwa digitale Urheberrechtsfragen), Computerkompetenz (etwa Grundlagen von Computersprachen, Coden oder "Hackerethik") bzw. ganz praktisch E-Governement (etwa die medienkompetente Nutzung der vorhandenen digitalen Infrastruktur) umfassen muss. Deshalb haben wir im Vorfeld folgende Fragen in den Raum gestellt:

  • Wie verändert die Digitalisierung (des Bildungssystems) die traditionellen Mechanismen und Strukturen von Demokratie und Öffentlichkeit?
  • Welche Rolle nimmt die politische Bildung in unserer (Medien-)Demokratie angesichts von Digitalisierung und Computertechnologie ein und welchen Charakter sollte sie aus medienpädagogischer Sicht annehmen?
  • Wie kann Medienpädagogik dazu beitragen ausgehend von klassischen Bildungsidealen auch weiterhin dafür zu sorgen, dass im Medienzeitalter reflektierende StaatsbürgerInnen erzogen werden, für die "Medienkritik" im Sinne Dieter Baackes eine Selbstverständlichkeit wäre?
  • Wie wirkt sich die Digitalisierung angesichts der Diskussionen zum Bildungssystem auf die Vermittlung von politischer Bildung, StaatsbürgerInnenkunde und das Demokratieverständnis aus?
  • Welche (spezifisch medienpädagogischen) Modelle liegen vor, um zeitgemäße Politische Bildung im Sinne der modernen (Medien-)Demokratie in die Schulklassen zu bringen?
  • Was genau bedeutet Demokratie im Verhältnis von Lehrenden und Lernenden vom Kindergarten bis zur Hochschule und wie kann Politische Bildung gerade angesichts der Neuen Medien zum Ausbau der Demokratie beitragen?
  • Welche Rolle spielt unsere Medienlandschaft hinsichtlich unseres Bildungssystems und wie kann sie im Sinne der Publizistik zu Demokratisierung und politischer Bildung beitragen?

Um diese Fragen zu beantworten haben Alessandro Barberi, Christian Swertz und Barbara Zuliani in ihrem Beitrag die Debatten zur Schule 4.0 rekapituliert und sie über den "Medialen Habitus" vor allem im Rekurs auf Bourdieu auf aktuelle politische Diskussionen zu Medialisierung und Digitalisierung der Bildungsprozesse bezogen. Dabei wurde der Lehrplan "Digitale Grundbildung" als ein Kernelement der Schule 4.0 als Ausgangspunkt genommen, um dessen Hintergründe vorzustellen. In diesem Zusammenhang wird der mediale Habitus von Lehrpersonen als eine Herausforderung für die Implementierung der Schule 4.0 diskutiert. Wohin gehen wir also mit der Schule 4.0 und der "Digitalen (Grund-)Bildung", wenn wir Kompetenz, Bildung und Medien diskutieren? Aus bildungspolitischer Sicht stellt sich dabei angesichts der notwendigen Autonomie des Bildungssystems und dem Schlagwort der Industrie 4.0 durchaus die hoch politische Frage nach der wirtschaftlichen Abhängigkeit im Zeitalter der neoliberalen Deregulierungen. Werden unsere Kinder in den Schulen nur auf die Wirtschaft vorbereitet oder erziehen wir sie mit und durch Medien zu kritischen Staatsbürger*innen? Hier zeigt die aktuelle Debatte auch, dass diese Gefahr teilweise durch die Aktivität der Medienpädagog*innen abgefangen werden konnte. Wichtig bleiben auch in Zukunft die didaktischen Fragen zur Ausbildung eines medialen Habitus, welche nur durch ein permanentes Reflektieren der aktuellen medientechnologischen Bedingungen erfolgen kann. Im Hintergrund der Analyse steht dabei auch, dass ein relativ autonomes Bildungssystem nach Bourdieu nur in einem stabilen Sozialstaat in öffentlicher Hand garantiert werden kann. Abschließend betonen die Autor*innen ganz in diesem Sinne, dass unter Bildung – und damit immer auch unter "Digitaler Grundbildung" – das Erkennen von zu lernenden medienpädagogischen Inhalten zu verstehen ist, die es verantwortungsbewusst, reflektiert und sorgsam zu nutzen gilt.

Frank Jödicke analysiert dann in seinem luziden Beitrag die Oberflächen und Masken des Politischen im Medienzeitalter des 21. Jahrhunderts und versucht – u. a. im Rekurs auf die Kritische Theorie – den medialen Schein der Gegenwart zu durchbrechen, indem er die diskursiven und materiellen Bedingungen befragt, unter denen Demokratie heutzutage in Erscheinung tritt und ihre PolitikerInnen sich in Szene setzen und in Szene gesetzt werden. Dabei ist der Repräsentations- und Wahrnehmungsraum des Politischen mehr und mehr von Akteur*innen gekennzeichnet, die – rhetorisch und habituell – eine zuvor unbekannte Aufmerksamkeit auf ihre mediale Vermittlung legen. Für politische Entscheidungen sind die Sachzwänge und auch die strategischen Überlegungen weitgehend medialer Natur. Jödicke versucht nun, das Wirken dieser neuartigen Sachzwänge zu verstehen, ihre Folgen einzuschätzen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie es sich verhindern lässt, dass der politische Diskurs zu einem reinen Oberflächenphänomen und mithin zur inhaltsleeren Maske im Sinne einer Teflon-Politik wird. Der Weg unter die Oberfläche ist psychologisch und philosophisch gesehen kein einfacher, weshalb es der Autor auf rhetorischer Ebene unternimmt, die Formeln, Schlagworte und catch phrases zu analysieren, die heute eingesetzt werden müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Dabei geht es insbesondere um den Blick auf den Wandel des Medienkonsums durch Social Media, in denen eine informations- und bedeutungsbezogene "Schnipselkultur" ausgemacht wird, die den Blick aufs Ganze verstellen kann und die Rezipient*innen im Partikularen belässt. Im Rekurs auf Robert Musil und Günther Anders wird dann versucht, den medialen Schleier der Unterhaltungsmedien und ihrer mise en scène zu zerreißen, um im Sinne einer "taghellen Mystik" der Aufklärung im Dickicht der (Fehl-)Informationen das Wort zu reden. Diese benötigt im Medienzeitalter eine neue (sokratische) Mäeutik – also Dialogführung –, die sich gerade im zwischenmenschlichen Bereich der teflonbeschichteten Meinungsmaschinerie entgegensetzt.

Für MedienpädagogInnen ist auch der Beitrag von Andreas Wahl von besonderem Interesse, da er unser Thema auf einer ganz konkreten und praktischen Ebene analysiert. Denn ihm geht es vor allem darum, wie Radioarbeit genutzt werden kann, um Medienbildung bzw. politische Bildung anzuregen. Darüber hinaus steht auch die Frage im Raum, wie man – durchaus im Sinne des Medienaktivismus – in, mit und durch Medien politisch aktiv werden kann. Dabei wird hervorgehoben, dass die interne Politik bzw. Politisierung eines Radiomediums wie Radio FRO in Linz läuft, wenn die Unabhängigkeit des Mediums bzw. seiner Redaktion(en) auf dem Spiel bzw. Prüfstand steht. Dabei macht Wahl besonders deutlich, wie materielle Abhängigkeiten direkt mit den Existenzängsten von RedakteurInnen zusammenhängen und so zu bedenklich zurückhaltender Berichterstattung führt. Aber auch in den Redaktionsstuben anderer Informationssendungen im Bereich des freien Radios stellen sich immer wieder politische Fragen: Welche Aufgaben hat der Landtag? Wie positionieren sich Gemeinderatsfraktionen in einer speziellen Frage? Was macht die mittelbare Bundesverwaltung, woher kommt der Staat oder welche Interessensgruppen beraten den Bürgermeister? Fragen die innerhalb eines gegebenen Mediums zwischen den handelnden AkteurInnen beantwortet werden müssen. So hält Wahl fest, dass Freie Radios in einem sehr viel höheren Grad implizit politische Bildung vermitteln als explizit und bezeichnet dies als Erkennungsmerkmal non-formaler Erwachsenenbildung. Wichtig ist dabei auch, dass die unmittelbare Radioarbeit mit der Möglichkeit verbunden ist, Radiosendungen gleich nach ihrer Ausstrahlung auch online zur Verfügung stellen zu können, was eine wesentliche Erweiterung in Wirkung und Verbreitung bedeutet. Durch die Speicherung wird dem Medium Radio damit auch seine Flüchtigkeit genommen, da HörerInnen zu jeder Zeit auf Sendungen zugreifen oder Radiosendungen via Link weiterempfohlen oder versandt werden können.

Im Sinne der Medienkritik ist auch die Tatsache politisch, dass Kritikfähigkeit erlernbar ist und erlernt werden muss. Deshalb widmet sich der Beitrag von Elisabeth Eder-Janca eingehend diesem Umstand und diskutiert dabei speziell die Themen der informationsbezogenen "Beeinflussung" bzw. Manipulation, der damit verbundenen "freien Meinungsbildung" und "Selbstverantwortung bzw. -entscheidung" und damit auch das Verhältnis von Medien und Politik. Dabei berichtet die Autorin eingehend von ihrer Tätigkeit als Saferinternet-Trainerin, die täglich mit Workshops oder Elternabenden verbunden ist. Dabei betont sie, dass die – immer auch politische – Kritikfähigkeit auf allen Ebenen befördert werden muss. Dies beginnt in der aktuellen Medienlandschaft z. B. angesichts der Algorithmen von filter bubbles, in denen oft nicht mehr genau zwischen fact und fiction unterschieden werden kann. Dabei verweist die Autorin auf mehrere Internetangebote, die angesichts dieses Problems Hilfestellung(en) anbieten. So findet sich etwa – neben vielen hier präsentierten – eine Seite der TU-Berlin, die hoaxes und Fake-Meldungen auflistet und so als medienpädagogische Ressource dienen kann, um ganz konkret Aufklärung leisten zu können. Eder-Janca diskutiert dabei auch diesbezügliche Checklisten, Fragekataloge und Bilderchecks, mit denen kritisches Medienbewusstsein befördert werden kann. Auch kann mit dem fake news creator unterrichtet werden, wie falsche Meldungen im derzeitigen Medienangebot selbst erstellt werden können, um so hinter die medialen Kulissen zu blicken. Für Jugendliche gibt es inzwischen sogar ein Spiel, in dem es darum geht fake news in die Welt zu setzen und Gewinn zu machen. Mit ironischer Haltung lässt sich dahingehend mit einem solchen Spiel auf die Mechanismen der heutigen Medienlandschaft verweisen. Abschließend betont Eder-Janca, dass es ganz in diesem Sinne darum geht, hinter die Kulissen der Medien zu schauen, um sich eine wahrhaftig freie Meinung bilden zu können.

Angesichts des Informationslabyrinths der digitalen Medien stellt sich immer auch die Frage des (politischen) Widerstands. Deshalb geht Petra Missomelius in ihrem Beitrag dem cultural hacking als Form des politischen Protests nach und beantwortet die Frage wie diese Kulturtechnologie eine Verbindung von Medien, Demokratie und politischer Bildung herstellen kann. So ist etwa Orson Welles Radiohörspiel einer imaginären Invasion durch Marsianer aus dem Jahr 1938 ein erstes Beispiel des kulturellen Hackens. Gegenwärtig kann man an die Aktivitäten der Yes Men oder des Zentrums für Politische Schönheit denken. Dabei geht Missomelius von der Theoretisierung der black box und von Vilém Flussers Begriff des Technofaschismus aus, um die auch in den anderen Beiträgen auftauchende Schein-Sein-Dialektik des Medialen zu durchbrechen. Denn es besteht gerade aus medienpädagogischer Sicht eine eminente Gefahr, wenn die den Technologien zugrunde liegenden, technischen und gesellschaftlichen Strukturen, Organisationsprinzipien und Logiken nicht hinterfragt und reflektiert werden. Genau hier setzen alle Formen des cultural hackings an, wenn sie etwa im Rekurs auf Foucault individuellen und lokalen Widerstand im Sinne einer Sorge um Sich einsetzen, um Selbstverständlichkeiten für einen kurzen medialen Moment zu erschüttern, wodurch die jeweilige (subversive) Botschaft weitaus mehr Aufmerksamkeit und Medienecho erhält als dies auf klassischem Wege möglich gewesen wäre. Medienpädagogisch geht es dabei nicht darum, cultural hacker auszubilden, sondern das Prinzip des cultural hacking als eine kritische Perspektive in Bildungskontexten zu nutzen. Dies auch im Sinne von Judith Butlers Kritik als Dissens, die es durchaus ermöglicht medienpädagogische Molotow-Cocktails zu basteln, die nicht über Leichen gehen. Die dringliche Frage in der Wissensgesellschaft ist deshalb, so Missomelius abschließend, welche Art von Wissensformen und -praktiken subversiven Wissens aufgeboten werden können, um dem Anspruch einer zukunftsfähigen Bildung zu genügen.

Christian Swertz arbeitet dann in seinem Forschungsbeitrag im Umfeld der Diskussionen zur Medienkompetenz verschiedene Aspekte der Spielkompetenz heraus und legt den Fokus auf unterschiedliche spielerische Aspekte von Lern- und Bildungsprozessen. Er betont dabei, dass Spiel- und Medienkompetenz als sich ergänzende Perspektiven verstanden werden können. Dabei begreift er Spielkompetenzen als Prozessräume. Vier dieser Prozessräume umfassen Lernprozesse, die während des Spielens stattfinden (1), Lern- und Bildungsprozesse, die während der (Medien-)Gestaltung von Spielen stattfinden (2), den Erwerb von Metasprachen zur Reflexion von Spielen (4) und das Lernen des Lehrens von Spielen (4). Dabei wird anhand der angelsächsischen Diskussionen zur literacy auch auf die textuellen, narrativen und symbolischen Aspekte der Spielkompetenz verwiesen. Abschließend betont Swertz, dass die Spielkompetenztheorie mit der Diskurstheorie verknüpft werden kann, um den SpielerInnendiskurs und den NichtspielerInnendiskurs im Sinne einer inklusiven Medienpädagogik ins Gespräch zu bringen.

Im Ressort Praxis finden sich auch diesmal mehrere Beiträge, die der Hilfestellung für MedienpädagogInnen dienen und dort und da das Schwerpunktthema kreuzen. So fasst Sonja Waldgruber die Aktivitäten des Chaos Computer Clubs (CCC) zusammen, der gerade in den letzten Jahren intensiv mit Bildungseinrichtungen zusammenarbeitet, um Medienkompetenz und Technikverständnis zu stärken. Unter dem Titel Chaos macht Schule sind mehrere lokale Ableger des CCC in Europa verbunden, die von der grundlegenden medienpädagogischen Erkenntnis ausgehen, dass SchülerInnen in einer digitalisierten Welt aufwachsen. Lebenswelten sind Medienwelten und Medienwelten sind Lebenswelten. Genauso wie junge Menschen lernen, nicht auf heiße Herdplatten zu greifen und nicht in Autos zu laufen, müssen sie auch in die Welt des Internet und seiner Services eingeführt werden. Chaos macht Schule bietet deshalb Schulen und Lehrenden Unterstützung beim Aufbau von (durchaus auch subversiver) Computerkompetenz an.

Ernst Tradnik berichtet dann von der Produktion eines "Inklusivo-Spaghetti-Westerns", der durch inklusive Medienarbeit mit Menschen mit (Lern-)Behinderung/en entstanden ist. Er arbeitet dabei mit (Trick-)Film und Video und ist deshalb ein wahrhaftiger medienpädagogischer Kompetenzträger. Gemeinsam mit OKTO TV konnte so u. a. mit Unterstützung des Fernsehfonds für nicht kommerzielles Fernsehen eine 4-teilige Fernsehserie mit dem Titel 5 vor 12. Es wird Zeit realisiert werden. Tradnik fasst die Vorbereitungen genauso zusammen, wie die Dreharbeiten und die (Post-)Produktion, um u. a. zu zeigen, dass die Ton-, Licht- und Kameraeinstellung der möglichen improvisierenden, kreativen und evtl. pädagogischen Arbeit mit den SchauspielerInnen untergeordnet werden musste. So kann deutlich gemacht werden, dass Filmproduktion von großem medienpädagogischem Wert ist, auch und gerade hinsichtlich ihrer inklusiven Qualitäten.

Ab Herbst 2018 wird an den Neuen Mittelschulen und AHS-Unterstufen die verpflichtende Übung "Digitale Grundbildung" unterrichtet. Ziel ist laut Curriculum digitale, mediale und politische Kompetenz zu vermitteln. Ruth Kanamüller hebt in ihrem Artikel hervor, dass Radioworkshops es ermöglichen, das Erarbeiten dieses Wissens in einem aktiven Bewegungs- und Denkraum zu situieren. Anhand des Schulradio-Tages, der am 26. November 2018 zum sechsten Mal stattfindet, wird die langjährige Kooperation zwischen Schule und Freien Radios mit acht Stunden Schulradio-Sendungen manifest. So erscheinen die Freien Radios als kreative Möglichkeitsräume. Die Autorin kann so auch auf mehreren Ebenen Argumente zur Medienkompetenzdebatte beisteuern. Dabei hat sie für die LeserInnen der MEDIENIMPULSE auch ein ganze Reihe von nützlichen Links verschiedener freier Radios zusammengestellt, die nur darauf warten, in der konkreten Unterrichtspraxis verwendet zu werden.

Und praktischer als der Beitrag von Thomas Bettinger und Alexandra Beier kann Medienpädagogik kaum sein. Denn ihr Beitrag erläutert eingehend wie Kinderzeichnungen mit einer digitalen Stickmaschine gestickt werden können, um so die Palette an medienpädagogischen Möglichkeiten im Unterricht zu erweitern. Dabei wird eingehend vorgestellt, was an Vorbereitungen nötig ist, mit welchen Kosten zu rechnen ist, und welche Utensilien (z. B. Garnsammlung) benötigt werden. Da viele digitale Produktionstechniken ähnlich funktionieren, können MedienpädagogInnen schnell verstehen, wie das digitale Sticken funktioniert, wenn man vorher z. B. schon mit einem Schneidplotter gearbeitet hat. Umgekehrt findet man sich schnell mit anderen digitalen Produktionstechniken zurecht, wenn man die Arbeit mit der Stickmaschine beherrscht. Auf jeden Fall sind die LeserInnen der MEDIENIMPULSE eingeladen, mit ihren SchülerInnen auch das Sticken digital werden zu lassen.

Auch das Ressort Bildung und Politik ist diesmal wieder reich bestückt und liefert Konnexanalysen zu unserem Schwerpunktthema. So ist es Ulli Weish von Radio Orange darum zu tun, uns eingehend von einer Medienenquete zu informieren, die jüngst von der österreichischen Bundesregierung ausgerichtet wurde. Dabei steht erneut die Frage im Raum, wie der neoliberale Marktradikalismus sich zu staatlich subventionierten Programminhalten verhält und welcher (öffentliche) Raum nun für nicht-kommerzielle Medienprojekte bleibt. Weish plädiert dabei ganz im Sinne einer an Dieter Baacke orientierten Medienpädagogik für ein Demokratieverständnis, das sich deutlich an der Aufklärung orientiert. Insofern gilt im Medienzeitalter nach wie vor: Sapere aude! Dies freilich auch hinsichtlich der im Moment viele Beteiligten beschäftigenden Frage, wie mit der Datenschutz-Grundverordnung der EU nun umzugehen sei. Herbert Gnauer widmet sich deshalb den Herausforderungen und Problemstellungen, die durch Digitalisierung, Big Data und Machine Learning für den Datenschutz entstanden sind und geht der Frage nach, inwiefern die DSGVO eine passende und zeitgemäße Antwort darauf ist. Dabei liefert er auch eine bemerkenswerte Linkliste, die allen Interessierten ein schnelles Einarbeiten in diese brandaktuelle Frage ermöglicht. Daniel Lohninger erweitert dann eben diese Diskussion, indem er Datenschutz und DSGVO vor allem aus Sicht der Lehrkräfte zum Gegenstand seiner Analyse macht. In diesem Zusammenhang gibt er ganz konkrete medienpädagogische Tipps, wie etwa mit der "Pseudonymisierung" umgegangen oder für Datensicherheit am eigenen Rechner gesorgt werden kann. So „trickstert“ sich Lohninger mit den Leser*innen der MEDIENIMPULSE durch den Dschungel der Datenschutzfrage.

Und erneut beschäftigten uns im Ressort Kultur und Kunst konkrete Fragen der Ästhetik. Denn die Kuratorin Martina Schlögl untersucht im Rahmen eines Praxisberichts die aktuelle Lage im Bereich der digitalen Kunst- und Kulturvermittlung, um die digitale Transformation der Kulturinstitutionen auf den Punkt zu bringen. Wie oft wurde etwa die Mona Lisa im Louvre nun schon mit Handys technisch reproduziert und wie verschiebt sich dadurch medientechnologisch  die Wahrnehmung des Schönen? Dabei unterstreicht sie die Notwendigkeit einer aktiven Mediennutzung im Sinne des Trial und Error, um die Scheu vor neuen Medien am besten irgendwo noch vor dem Eingangsbereich des Museums hinter sich zu lassen.

Und erneut haben wir im Ressort Neue Medien insgesamt fünf RezensentInnen gewinnen können, die uns auf dem Stand der Dinge halten. So bespricht Bianca Burger den Band Theorien des Essens, der von Kikuko Kashiwagi-Wetzel und Anne-Rose Meyer herausgegeben wurde. Da Essen ein zentraler Aspekt des menschlichen Lebens ist wurde es in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem relevanten Forschungsgegenstand. Unsere verdiente Raffaela Rogy rezensiert dann den Sammelband Short Cuts – Ein Verfahren zwischen Roman, Film und Serie, der von Moritz Baßler und Martin Nies ediert wurde. So wurde im Sommer 2013 im Rahmen eines Münsteraner Oberseminars in einem Workshop mit dem Short Cuts-Prinzip, eine Strömung des post-avantgardistischen Erzählens, und seinem Verhältnis zur Serialität im Allgemeinen intensiv untersucht. Der Band fasst die Ergebnisse hervorragend zusammen.

Sophie Emilia Seidler nimmt sich dann der jüngsten Publikation von Sasha Abramsky an, der die gewaltige Bibliothek seines Großvaters wiederauferstehen lässt und so die berührende Geschichte eines bewegten Lebens erzählt, das untrennbar mit den politischen und kulturellen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Gehen Sie mit uns in Das Haus der zwanzigtausend Bücher. Raffaela Rogy hat dann auch ein zweites Mal zugeschlagen und die jüngste Ausgabe der Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft durchgesehen, die sich – medienpädagogisch äußerst relevant – dem Medium der Pinnwand widmet. Die Logik, die der Pinnwand zugrunde liegt veranschaulicht in unserer hochkomplexen Medienwelt Verbindungen und Netzwerke, visualisiert damit die konkrete Handlungsebene und schafft damit sowohl Ordnung als auch Chaos. Unseren Rezensionsteil abschließend liest Veronika Zoidl dann den Roman von Ilse Tielsch aus dem Jahr 2006 mit dem Titel Das letzte Jahr. Das Buch erzählt die Geschichte einer kindlichen Idylle, die für die Hauptfigur Elfi in einer familiären Kleinstadt in Mähren eben gerade noch ein Jahr lang Wirklichkeit ist, bevor sie durch die Agitation zwischen tschechischer, deutscher und jüdischer Bevölkerung, durch Adolf Hitler und sein sudetendeutsches Pendant Konrad Henlein ein jähes Ende findet.

Und erneut wollen wir Katharina Kaiser-Müller unseren Dank sagen, da sie mit ihrer immensen Organisationskompetenz erneut wichtige Termine für die Kalender der MedienpädagogInnen zusammengestellt und insgesamt zehn Calls und Veranstaltungsankündigungen online gestellt hat. Machen Sie es ihr nach und organisieren Sie ihre (medienpädagogische) Zukunft!

Uns bleibt nur, Ihnen interessante Lektüren im digitalen Dispositiv der MEDIENIMPULSE zu wünschen. Lesen Sie weiter und blättern/klicken Sie rein. Wir freuen uns über jeden Zugriff …

Es grüßen Sie herzlich im Namen der ganzen Redaktion,

Alessandro Barberi, Christian Swertz, Frank Jödicke und Fritz Hausjell

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