Neue Medien

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Rezension: Das Haus der zwanzigtausend Bücher

von Sasha Abramsky

AutorIn: Sophie Emilia Seidler

Sasha Abramsky lässt die gewaltige Bibliothek seines Großvaters wiederauferstehen und erzählt damit die Geschichte eines bewegten Lebens, das untrennbar mit den politischen und kulturellen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Sophie Emilia Seidler rezensiert...

Verlag: dtv
Erscheinungsort: München
Erscheinungsjahr: 2015
ISBN: 978-3-423-28062-4


Cover: Das Haus der zwanzigtausend Bücher
von Sasha Abramsky (Autor), Bernd Rullkötter (Übersetzer)
Quelle: Amazon

Die Privatbibliotheken berühmter Literaten wie jener Johann Wolfgang von Goethes, Ludwig Tiecks oder Umberto Ecos sind bis heute Gegenstand der Faszination und Forschung, spiegeln sie doch nicht nur den Bildungshorizont ihres Besitzers wider, sondern liefern zugleich ein Porträt des kulturellen Diskurses, vor dessen Hintergrund das Schaffen leidenschaftlicher Büchersammler neue Bedeutung erhält. Der Journalist (Guardian, Observer, Independent), Wirtschaftsexperte und Politikwissenschaftler Sasha Abramsky (*1972) lässt in "Das Haus der zwanzigtausend Bücher" keine Sammlung eines literarischen Autors vor dem geistigen Auge des Lesepublikums wiederauferstehen, sondern die immense Bibliothek seines Großvaters Chimen Abramsky (1916-2010), deren Schwerpunkt auf der Geschichte des Judentums und des Sozialismus liegt – der "wahrscheinlich besten Bibliothek für jüdische Geschichte in Europa" und der "höchstwahrscheinlich vollständigsten Privatkollektion" sozialistischer Theorie.

Damit schafft der Autor einerseits ein persönliches Erinnerungsdokument, schreibt andererseits jedoch die mit der Biographie des Sammlers sowie den historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts eng verwobene Geschichte einer der bedeutsamsten Privatbibliotheken Englands. Zugleich führt Sasha Abramsky damit ein Projekt seines Großvaters zu Ende: "Mit Mitte achtzig machte er sich Notizen für eine Autobiographie (letzten Endes sollte er sich allerdings nicht in der Lage sehen, die Arbeit in Angriff zu nehmen). Darin stellte er sich die Frage: ‚ Warum könnte jemand den Drang verspüren, über sein eigenes Leben zu schreiben?‘ Teil seiner Antwort war die Überlegung, dass sein Leben einen großen Zeitraum unseres turbulenten Jahrhunderts umspannt hatte: Revolution, Bürgerkrieg, Pogrome, brutale Diktatur, den Zweiten Weltkrieg [...]. Seine Geschichte war, wie er wusste – wie ich wusste, wie jedem klar war, der Chimen nahestand – , eine Geschichte, die erzählt werden musste." Aufgrund politischer Konflikte zwischen der sowjetischen Regierung und seinem Vater, einem Rabbiner, mit seinen Eltern von Russland nach England migriert, wendete sich Chimen bald vom Judentum ab und entdeckte heimlich den Marxismus für sich, begann ein Studium in Jerusalem und schloss sich der jüdischen Verteidigungsstreitmacht an. Nach einem Besuch bei seinen Eltern in London hinderte ihn der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs an der Rückreise nach Israel. So wurde sein Traum von einer wissenschaftlichen Karriere zunichte gemacht; stattdessen betrieb er in den folgenden Jahren mit seiner Frau einen jüdischen Buchladen im Londoner East End. Seine intellektuelle Neugier stillte Chimen hierauf im autodidaktischen Studium marxistischer Theorien und in einer antiquarischen Lehre beim legendären Raritäten-Buchhändler Heinrich Eisemann.

Ohne akademischen Abschluss entwickelte sich Chimen Abramsky zu einem Intellektuellen, dessen größtes Vergnügen im Aufspüren seltener Bücher und in der detailgenauen Begutachtung ihres Gehalts bestand – dieses leidenschaftliche "Jagdfieber" konnte er schließlich als Buchexperte beim renommierten Auktionshaus Sothebyʼs sowie als Lehrbeauftragter und später Professor honoris causa am UCL professionell ausleben, während er privat den Aufbau seines "Bücherhauses" vorantrieb. "Im Laufe der Jahrzehnte war Chimen so süchtig nach Druckseiten geworden, nach der Haptik seiner Bücher, der Aura alter Manuskripte und den Inhalten seiner Briefwechsel, dass er sich zuletzt buchstäblich mit Wortmauern umgab. Sie boten ihm Schutz vor dem Wahnsinn der Außenwelt – oder halfen ihm, durch das Chaos zu navigieren."

Chimens Enkel Sasha Abramsky beschreibt die Bibliothek seines geliebten Großvaters, die neben Briefen und Originalhandschriften von Karl Marx, Bertrand Russel und Rosa Luxemburg auch wertvolle Ausgaben jüdischer Mystik, hebräische Manuskripte und verzierte Renaissance-Bibeln enthielt, mit warmen, liebevollen Worten: "In einem Haus, das in den sechsundsechzig Jahren, in denen Chimen es bewohnte, kaum renoviert worden war und mit jedem Jahr baufälliger wurde, waren Ideen der Mörtel, der Chimens Biblio-Bausteine zusammenhielt." "Die Sammlung war schlicht und einfach ein wunderbares intellektuelles Unterfangen – sowohl eine Art Fachbibliothek, auf die Chimen zurückgreifen konnte, wenn er für seine Essays und Bücher recherchierte, als auch ein Werk der Liebe, des Respekts vor der Vergangenheit." Als Jugendlicher sei das Haus seiner Großeltern für den Autor "eine Schule, eine Universität, eine Bücherei und ein Zufluchtsort, wenn ich es daheim einmal nicht mehr aushielt" gewesen. Die emotionale Bindung an die Sammlung stellt der Autor jedoch neben ihre inhaltliche Bedeutung, die ihrer Vollständigkeit und subtilen Ordnung wegen Professoren und Buchhändler stets in Staunen versetzt habe. Für den Büchersammler sei "das Bücherregal das wahre Reich menschlicher Harmonie" gewesen, wenn "Werke eines Rabbiners und eines radikalen Philosophen in demselben Regal standen." Die Ordnung und Katalogisierung sei Chimen Abramsky stets ein Dorn im Auge gewesen, da sie der zufälligen Begegnung von Autoren und Texten ihren Zauber genommen hätte.

Den Topos der Bibliothek als Erinnerungsort nimmt Sasha Abramsky wörtlich, wenn er die einzelnen Räume des Bücherhauses Zimmer für Zimmer durchwandert und anhand der darin aufbewahrten Bücher Geschichten erzählt – von Buchkäufen und Briefwechseln, aber auch vom Stalinismus in Russland, vom Leben seiner Großeltern und ihren Freunden und Bekannten, jüdischen Emigranten in England, von Parteibei- und austritten, von der Schwierigkeit, jüdisch zu leben und kommunistisch zu denken, von politischen Diskussionsrunden und unter falschen Namen publizierten marxistischen Essays, von Kindheitserinnerungen, Schtetl-Kultur und kosheren Banketten (für Chimens Frau Mimi war nämlich "das Sammeln von Menschen genauso wichtig wie das Sammeln von Büchern für ihn. Sie musste geradezu unablässig Gastgeberin sein"). So bettet der Autor das behutsam gewobene Netz aus Familienanekdoten und persönlichen Erinnerungen einerseits und der Bandbreite der Bücher und deren Geschichte andererseits in den größeren Kontext des 20. Jahrhunderts ein. In seiner Danksagung schreibt Sasha Abramsky dementsprechend, er habe im Zuge der Recherche- und Schreibarbeit die Möglichkeit erhalten, "das Leben meiner Großeltern – und in der Folge mein eigenes – als Teil einer religiösen, kulturellen, politischen und migratorischen Tradition zu sehen, die bis in den Nebel der Zeiten zurückreicht."

Sasha Abramsky gelingt es, ein schillerndes Bild vom bewegten Leben seines Großvaters, einem jüdischen Emigranten in England, marxistischen Essayisten, kommunikativen Intellektuellen und glühendem Bibliomanen der Art zu zeichnen, die Philipp Blom in seinem Nachwort als "Generation der Bibliotheken" bezeichnet, denen der Aufbau privater Büchersammlungen ("metaphysische Schneckenhäuser") in der Fremde ein Gefühl von Sinnstifung und Heimat verliehen hat. Diese "Emigranten-Bibliotheken" seien "zutiefst private und religiöse Orte zugleich [gewesen]: Repositorien der eigenen Biografie (wie bei Chimen Abramsky, in dessen Haus verschiedene Räume Phasen seiner intellektuellen Entwicklung reflektierten), Orte, an denen individuelle und kollektive Geschichte scheinbar sinnvoll ineinandergreifen, die dem Narrativ geweiht sind, der Erklärung, dem roten Faden. Allein die Reihung der Buchrücken im Regal (nach welchem Prinzip?) schafft einen trügerischen Eindruck von Ordnung: als wäre hier alles, was in goldenen Lettern leuchtet, systematisch und erschöpfend behandelt, als könnte man von einem Buch zu nächsten schreiten auf dem Pfad der Erleuchtung."

Nahezu voyeuristisch folgt man der Familie Abramsky in ihr von Büchern überfülltes Haus und begleitet den Autor auf seiner Reise durch Buchrücken und Briefe, welche die Vorstellungskraft bibliophiler LeserInnen beflügelt. Neben der regelrecht fetischistischen Lust, die das Porträt der Bibliothek hervorruft, lohnen die solide belegten und wissenschaftlich-kritischen Darlegungen über historische, politische, soziologische und philosophische Entwicklungen. Lebendig lässt Abramsky die geselligen Salons bei seinen Großeltern – Treffpunkt politischer Aktivisten, Historiker, Verfechtern des Marxismus, jüdischer Intellektueller und Bibliophiler – vor dem geistigen Auge des Lesepublikums erstehen. Der Impetus, private und öffentliche Erinnerungen im Rahmen eines systematischen Rundgangs durch die gewaltige Bibliothek zu verknüpfen, lässt verzeihen, dass er zuweilen in ein sentimentales Register verfällt und auch Erinnerungsstücke (Träume, frühkindliche Zubettgehszenen, Urlaubserlebnisse) konserviert, die den Eindruck seriöser Recherche zu einem Thema von allgemeinem Interesse zu schmälern drohen. So wird "Das Haus der zwanzigtausend Bücher" zu einer liebevollen Biographie, zu einem Dokument persönlicher und kollektiver Erinnerung, zu einem Zeitporträt, zu einer poetologischen Reflexion über historisches und biographisches Schreiben und zu einer Hymne auf das gedruckte Buch.

Tags

chimen abramsky, biographie, rezension, geschichte, judentum, sozialismus