Neue Medien

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Rezension: Short Cuts

Ein Verfahren zwischen Roman, Film und Serie von Moritz Baßler und Martin Nies (Hg.)

AutorIn: Raffaela Rogy

Im Sommer 2013 hat sich das Münsteraner Oberseminar in einem Workshop mit dem Short Cuts-Prinzip, eine Strömung des post-avantgardistischen Erzählens, und seinem Verhältnis zur Serialität im Allgemeinen intensiv auseinandergesetzt. Raffaela Rogi hat für die MEDIENIMPULSE rezensiert...

Verlag: Schüren
Erscheinungsort: Marburg
Erscheinungsjahr: 2018
ISBN: 978-3-89472-946-2


Cover: Short Cuts. Ein Verfahren zwischen Roman, Film und Serie
von Martin Nies und Moritz Bassler (Hg.)
Quelle: Schüren Verlag

Das schriftlich- gelungene Resultat liegt nun der interessierten Leserschaft im 13. Band der Reihe "Schriften zur Kultur- und Mediensemiotik" mit dem Titel "Short Cuts. Ein Verfahren zwischen Roman, Film und Serie" vor. Die Serie lenkt den Blick. Seien es die SuperheldInnen, die sich mehrmals im Jahr gemeinsam auf der großen Leinwand einfinden, die Vielzahl an Qualitätsserien in TV sowie auf Streaming-Plattformen oder auch die sich jährlich fortsetzenden Buchreihen aller Genres; die narrative Struktur der Serie hat erfolgreich in der zeitgenössischen Medienlandschaft Einzug gehalten. Dieser Konjunktur der Serie verschließt sich auch die Kultur- und Medienwissenschaft nicht, wie der Band "Short Cuts. Ein Verfahren zwischen Roman, Film und Serie" beweist.

Angesichts auftretender komplexer Serialität, insbesondere in Fernsehserien, wird das häufig angewandte Verfahren der Short Cuts augenscheinlich. Unter dem Short Cuts-Prinzip versteht man die Zerstückelung und Neukombination einzelner Handlungsstränge. Dem Erzählverfahren der Short Cuts widmen sich die vierzehn AutorInnen im vorliegenden Werk, die in ihren Beiträgen einen Bogen von den Ursprüngen der Short Cuts in Roman und Film bis zum gegenwärtigen Serienkanon spannen. Den Anfang macht der Pionier der Short Cuts-Forschung Martin Nies, der weit über Robert Altmans Film "Short Cuts" (1993) und den Romanen Wolfgang Koeppens hinaus das Zeitgeistige der aktuellen Short Cuts-Erzählung veranschaulicht. David Ginnutis befasst sich mit der Anordnung von Erzählsträngen und entwickelt in seinen mit zahlreichen Beispielen angereicherten Ausführungen ein Gitter-Modell mit dessen Hilfe die Normierungen von Short Cuts-Texten ermöglicht werden kann.

Der Beitrag "Auf der Schwelle" von Stephan Brössel wagt sich in die Vorzeit des Short Cuts-Verfahrens und analysiert literarische Texte der 1910er und 1920er in Hinblick auf deren filmisches Erzählen. Zeitlich aktueller wird Philipp Pabst, der sich Ulrich Seidls Filmschaffen, insbesondere "Hundstage" (2001), annimmt und mittels angewandtem Short Cuts-Verfahren im Film eine zugleich realistisch und artifizielle Inszenierung erkennt und belegt. Der dänischen Literatur widmet sich Andreas Blödorn, indem er Peer Hultbergs Romane "Requiem" (1985) und "Die Stadt und die Welt" (1992) zwischen Episodik und Short Cuts verortet.

Dem postmodernen Episodenroman "Cloud Atlas" (2004) von David Mitchell gehen Dominic Büker und Valentijn Vermeer nach und diskutieren die Funktion der Metaerzählung. Über die Verflimung von "Cloud Atlas" (2012) schreibt Kilian Hauptmann in seinem gut strukturierten Beitrag und zeigt, dass die Short Cuts-Narration im Stande ist das dichotome Verhältnis von Schicksal und Kontingenz abzubilden. Zurück in die 1920er und 1930er Jahre begibt sich Gudrun Weiland und veranschaulicht am Beispiel von Heftromanliteratur wie das damalige Lesepublikum diese bereits als seriell verstand. Eloquent führt Keyvan Sarkhosh in die neue Ära des Quality-TV ein und kommt dabei auch auf das Verhältnis von Kürze und Dichte im Vergleich zum Hollywood-Kino zu sprechen. Den von Alban Nicolai Herbst geprägten Begriff des Kybernetischen Realismus wendet Stefan Tetzlass am Beispiel der seit 1963 existierenden Serie "Doctor Who" an. Dass mit der Serialisierung auch eine Popularisierung einher gehen kann zeigen Anne Lippke und Anna Seidl anschaulich am Beispiel der US-Serie Girls (2012-2017), die auf dem Independentfilm "Tiny Furniture" (2010) basiert.

Der Sammelband "Short Cuts. Ein Verfahren zwischen Roman, Film und Serie" führt eine beeindruckende Vielfalt von unterschiedlichsten Zugängen zum narrativen Format der Short Cuts zusammen. Die Auseinandersetzung reicht von den historischen Kindertagen der Short Cuts-Erzählungen bis hin zur Gegenwart des 21. Jahrhunderts und arbeitet sich im strukturalen Medien-Wechselspiel von Literatur, Film und (Fernseh)Serie gewinnbringend ab. Bei der großen Popularität dem sich das Short Cuts-Verfahren gegenübersieht wird in den einführenden Worten von Moritz Baßler die Frage nach dessen poetischen Potenzial laut, eine Überlegung die Anlass zur weiteren Diskussion gibt. Manche der Beiträge verlieren sich ab und an in einer Vielzahl von Beispielen und Zugängen, sodass das Ziel und die Absicht des Textes sich verklärt. Schade ist zudem, dass der Leserschaft ein persönliches Wort über die talentierten AutorInnen verwehrt bleibt. Trotz allem leistet "Short Cuts. Ein Verfahren zwischen Roman, Film und Serie" einen wichtigen Beitrag zur Erforschung von Erzählverfahren und legt einen weiteren Grundstein für zukünftige Forschungsarbeit.

Tags

short cuts, schriften zur kultur- und mediensemiotik, roman, sammelband, rezension