Schwerpunkt

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Politische Bildung im Freien Radio FRO

AutorIn: Andreas Wahl

Andreas Wahl – Geschäftsführer von Radio FRO – berichtet unseren LeserInnen der MEDIENIMPULSE wie Radioarbeit genutzt werden kann, um Medienbildung bzw. politische Bildung anzuregen und um politisch aktiv zu sein ... aber auch welche Nebenwirkungen entstehen können, wenn man nicht aufpasst ...

I. Im Gehen lernen!

Noch nach Jahren kann ich das tiefe Gefühl der Beschämung spüren, das mich an diesem späten Nachmittag im Frühjahr 2015 überfiel. Ich saß in einer Besprechung der Redaktion "Radiabled". Die Gruppe aus jungen, meist körperlich beeinträchtigten Radiomacher*innen gestaltet jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat eine einstündige Radiosendung bei Radio FRO in Linz, einem von 14 Freien Radios mit offenem Zugang in Österreich. Gut drei Monate vorher hatte ich die Betreuung dieser Redaktion übernommen und mein Ziel war es, die Redaktion aus eben dieser Betreuung heraus zu führen und sie mit sanftem Druck zu mehr Selbstständigkeit zu zwingen – als Geschäftsführer von Radio FRO musste ich auf den Einsatz verfügbarer Ressourcen achten. Ein weiteres Ziel war, die Redaktionsmitglieder zu politisieren. Seit Monaten tobte in Oberösterreich ein sozialpolitischer Kampf, die oö. Landesregierung wollte 25 Millionen im Sozialbereich einsparen. Stark betroffen von den Kürzungen sollte die Behindertenhilfe sein. Radio FRO hatte sich publizistisch in die Auseinandersetzung eingemischt, mehrfach über die Proteste berichtet und verantwortliche PolitikerInnen ins Studio geladen. Und was machten die etwa 15 Betroffenen, die zweimal monatlich eine Radiosendung on Air schicken? Sie bereiteten eine Frühlingssendung vor, in der sie barrierefreie Ausflugs- und Kulturtipps geben wollten. Pah! Wie auf kranke Esel habe ich auf die SendungsmacherInnen eingeredet, sich doch endlich in dieser sozialpolitischen Auseinandersetzung zu engagieren - keine Chance!

II. Mit einem fremden Arsch …

Als ich schon aufgeben wollte, haben mir die Redaktionsmitglieder Andreas Anderle und Anja Kalteneder unter zustimmendem Nicken der KollegInnen ihre Zurückhaltung erklärt: Der Großteil der Redaktionsmitglieder war um die 25 und lebte noch Zuhause. In absehbarer Zeit, innerhalb von 10 bis 20 Jahren, würden ihre Eltern zu alt sein für die oftmals aufwändige Pflege und sie müssten in eine der Betreuungseinrichtungen des Landes ziehen. Genau dort würde aber nun der Sparstift angesetzt und sie hätten Angst, keinen dieser raren Plätze zu bekommen, wenn sie jetzt unangenehm auffielen. Plötzlich wurde mir klar, dass es hier um Existenzangst ging, um echtes Leben, und nicht nur um eine weitere politische Auseinandersetzung. Was ich in meinem Drängen versucht hatte, war, wie man es im Mühlviertel nennt, "mit einem fremden Arsch durchs Feuer reiten". Also jemanden in einen Konflikt zu drängen, dessen Konsequenzen nicht ich, sondern sie/er zu tragen hätte. In dieser Redaktionssitzung haben wir dann einen Pakt geschlossen: Ich als nicht Betroffener exponiere mich in dieser Auseinandersetzung, die Radiabled-Redaktion versorgt mich aber mit Informationen und ich kann mich auf sie berufen. So haben wir das dann auch gemacht und ich habe meinen Arsch für so manchen Feuerritt zur Verfügung gestellt. Einfach weil er weniger verletzlich ist. Die Zusammenarbeit zwischen mir und der Radiabled-Redaktion hat in weiterer Folge noch eine weitere für mich erstaunliche Wendung genommen. Aber dazu später.

III. Es auch einmal krachen lassen

Diese Episode - bei der ich viel darüber gelernt habe, dass Handlungsoptionen oftmals sehr ungleich verteilt sind - ist nicht untypisch für die Arbeit Freier Radios. Dadurch, dass sie Massenmedien betreiben, die vor allem jenen eine Stimme geben, die ansonsten medial unterrepräsentiert sind, geraten sie immer wieder in gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Diesen Aspekt ihrer Arbeit betreiben die Freien Radios natürlich in unterschiedlicher Intensität. Radio FRO in Linz gehört zu jenen, die es auch einmal krachen lassen. Wenn es etwa um Grund- und Menschenrechte geht, kann es sein, dass wir unsere sonst geübte journalistische Äquidistanz hinter uns lassen und selbst politische Aktionen organisieren. Politische Bildung findet bei Freien Radios also oftmals als "Begleiterscheinung" statt. Nicht, weil wir sie für unsere Aufgabe hielten, sondern ganz einfach, weil wir sie für unsere alltägliche Arbeit brauchen.

Am klarsten zeigt sich das bei Radio FRO im Informationsmagazin FROzine - eine Informationssendung, die von Montag bis Freitag zwischen 18:00 und 18:50 Uhr ausgestrahlt wird, journalistischen Kriterien verpflichtet ist und die das im Offenen Zugang generierte Programm ergänzt. Die wöchentlich stattfindende Redaktionssitzung gerät manchmal auch zu einer Nachschulung in politischer Bildung. Welche Aufgaben hat der Landtag, wie positionieren sich Gemeinderatsfraktionen in einer speziellen Frage, was macht die mittelbare Bundesverwaltung, woher kommt der Staat oder welche Interessensgruppen beraten den Bürgermeister? Solche Informationen werden dann peer to peer ausgetauscht. Fragen, die einer tieferen Erörterung bedürfen, oder die niemand in der Redaktion befriedigend beantworten kann, werden in FRO-Lectures abgehandelt. Dafür laden wir uns ExpertInnen ein, die in Abendveranstaltungen tiefere Einblicke bieten. Wie macht man eine BürgerInneninitiative, welche Rolle spielen Burschenschaften in der österreichischen Politik, wie entsteht Hass im Netz? Zu diesen FRO-Lectures werden alle Interessierten eingeladen. Also auch ProgrammmacherInnen aus dem Offenen Zugang oder Menschen aus dem weiteren FRO-Umfeld. Sie, die Lectures, sind aber auch Teil der FRO-Lehrredaktion, die jedes Jahr 12-16 Menschen eine fundierte journalistische Ausbildung angedeihen lässt. Die meisten AbsolventInnen haben zuvor schon den Basisworkshop besucht, in dem sie bereits erste Grundlagen zu Medienpolitik, der Rolle von Medien und zur Medienkritik geliefert bekamen.

IV. Ein wenig Theorie

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Freie Radios in einem sehr viel höheren Grad implizit politische Bildung vermitteln als explizit. Das ist wohl überhaupt ein Erkennungsmerkmal nonformaler Erwachsenenbildung. Zielsetzung ist nicht die Vermittlung politischer Bildung, sondern die tatsächliche Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen bzw. die Selbstrepräsentation von Gruppen und Personen. Politische Bildung ist dabei eine notwendige Voraussetzung, um diese Zielsetzung zu verfolgen oder ein Nebeneffekt politischen Engagements. Neben der bereits in die Jahre gekommenen, aber immer noch gültigen Theorie der "Schweigespirale" (Noele-Neumann 1980), die bereits in den 1970er- und 80er-Jahre ein Verschwinden von Meinungen konstatierte, die keine öffentlich-mediale Repräsentation erfahren, hat Maren Beaufort von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen interessanten theoretischen Rahmen für die Arbeit Freier Radios im Verhältnis unterschiedlicher Konzepte von Demokratie vorgelegt (Seethaler & Beaufort, 2017). Beaufort untersucht dabei die Rolle der Medien in unterschiedlichen Demokratie-Konzepten. Der liberal-repräsentativen, der diskursiven und der partizipatorischen Demokratie. Dabei kommt sie - grob vereinfacht - zum Schluss, dass Freie Radios (ähnlich wie auch Onlineforen) eine umso größere Rolle spielen, je intensiver der Austausch zwischen Bevölkerung und EntscheidungsträgerInnen ausgestaltet ist. Die Entscheidung, welche Medienmodelle man fördert, ist somit auch eine Entscheidung, in welcher Art Demokratie wir tatsächlich leben können. Je stärker sich das politische System in Richtung partizipatorische Demokratie neigt, desto wichtiger wird die Rolle Freier Radios und Community-Fernsehsender.

V. Digitalisierung bringt die Tante zum Tanzen

Die Möglichkeiten, die sich mit der Digitalisierung eröffneten, haben der fast hundertjährigen Tante Radio eine Frischzellenkur verpasst und sie zum Tanzen gebracht. Nicht nur, dass heute jede*r mit einem Mikrofon und einem Laptop technisch hervorragende Sendungen produzieren kann, ist auch die Verbreitung von Radiosendungen sehr viel einfacher geworden. Die Freien Radios Österreichs betreiben seit 1999 eine Online-Austauschplattform für Radiosendungen, die sich im Laufe der Jahre zu einem Archiv zivilgesellschaftlichen Engagements entwickelt hat. Mit über 86.000 Beiträgen, deren Gesamtlänge ausreichen würde, um 10 Jahre lang durchgehend Radio zu hören, verfügt dieses Archiv über zeitgeschichtliche Zeugnisse aus vielen Regionen Österreichs, die nirgends sonst gespeichert sind. Das besonders wertvolle daran ist, dass dieser Bestand unter cba.fro.at rund um die Uhr frei zugänglich ist. Getreu dem Motto der Freien Radios, dass, was mit öffentlichen Mitteln produziert wurde, der Öffentlichkeit auch frei zur Verfügung stehen muss.

Für die unmittelbare Radioarbeit bedeutet die Möglichkeit, Radiosendungen gleich nach ihrer Ausstrahlung auch online zur Verfügung stellen zu können, eine wesentliche Erweiterung in Wirkung und Verbreitung. Ja dem Radio an sich wird damit seine Flüchtigkeit genommen. Nun können HörerInnen zu jeder Zeit auf Sendungen zugreifen, können ganze Sendungen noch einmal hören oder einzelne Passagen wiederholt nachhören. Radiosendungen können via Link weiterempfohlen und versandt werden und können auf einfache Weise Bestandteil einer Dokumentation werden.

Die Digitalisierung hat die Nutzbarkeit Freier Radios für zivilgesellschaftliche Gruppen nochmals gesteigert, vor allem in Kombination mit der Nutzung Sozialer Medien.

VI. Was ich Ihnen noch schulde

Abschließend muss ich Ihnen noch erzählen, wie sich das mit der Radiabled-Redaktion weiter entwickelt hat. Ich wollte diese Redaktion 2015 zu mehr Selbstständigkeit drängen, den Redaktionsmitgliedern damit aber auch schrittweise Ressourcen entziehen. Nach einigen Diskussionen haben sie das auch akzeptiert, in weiterer Folge jedoch mein Angebot ausgeschlagen, weiterhin das Protokoll bei den Redaktionsbesprechungen zu führen. "Selbstständig heißt selbstständig" haben sie zu mir gesagt und mich aus der Redaktionssitzung hinauskomplimentiert. Soviel Emanzipation war von meiner Seite nicht geplant! Aber ich trug es mit Fassung.

In die Auseinandersetzungen um Kürzungen im Sozialbereich in OÖ hat sich die Radiabled-Redaktion mittlerweile stark eingemischt. Und auch sie lassen es manchmal krachen!


Literatur

Noelle-Neumann, Elisabeth (1980): Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut, München: Langen Müller.

Seethaler, Josef/Beaufort, Maren (2017): Community media and broadcast journalism in Austria: Legal and funding provisions as indicators for the perception of the media’s societal roles. The Radio Journal: International Studies In Broadcast & Audio Media, 15, 173–194.

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freie radios, freie medien, politische bildung, medienbildung