Praxis

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

5 vor 12. Es wird Zeit – Ein Inklusivo Spaghetti Western

Inklusive Medienarbeit mit Menschen mit (Lern-) Behinderung/en.

AutorIn: Ernst Tradinik

Ernst Tradinik arbeitet schon viele Jahre mit Menschen & Medien, mit SchülerInnen und jungen Erwachsenen, vor allem mit Menschen mit (Lern-) Behinderung/en. Er arbeitet mit (Trick-) Film und Video in all seinen Facetten und es freut uns, dass er in den MEDIENIMPULSEN seine 'integrative Medienarbeit' vorstellt ...

I. Menschen & Medien

Ich arbeite schon viele Jahre mit Menschen & Medien. Mit SchülerInnen und jungen Erwachsenen, vor allem mit Menschen mit (Lern-) Behinderung/en. Und ich arbeite mit (Trick-) Film und Video in all seinen Facetten, ob als künstlerisches Medium, als Musikvideo, Dokumentation oder natürlich auch redaktionelle Beiträge. Seit einigen Jahren verbinde ich diese Bereiche und mache, wie es nun heißt, "inklusive Medienarbeit". Ich persönlich mag das Wort "inklusiv" nicht. Vielleicht deswegen, weil viel Kosmetik mit diesem Wort betrieben wird und weniger grundsätzliche Haltungsänderung. Auch wenn Sprache zu Haltungsänderung und zumindest Überlungen darüber beitragen kann.

Die Idee einen "Cowboyfilm zu drehen", gibt es schon viele Jahre. Vermutlich seit ich das erste Mal Winnetou gesehen habe. Dass aus dieser Idee eine Hommage an den Italo Western wird, mit Menschen mit (Lern-) Behinderung/en in den Hauptrollen, wurde erst vor einigen Jahren klar. Es sollten unbedingt prominente SchauspielerInnen dabei sein, ausschließlich in Nebenrollen. Dies haben schließlich Alf Poier, Hubsi Kramar und Stefano Bernadin übernommen.

Gemeinsam mit OKTO TV bzw der oktolab GmbH / Georg Lindner reichten wir beim Fernsehfond für nicht kommerzielles Fernsehen (u.a.) ein. Und so erlebte "5 vor 12. Es wird Zeit", seine Geburtsstunde: eine 4 teilige Fernsehserie (je 20min.) für OKTO TV. Hier online zu sehen. Teil 5 ist das Making OF von Edgar Ketzer: https://www.okto.tv/de/series/396

II. Produktion

Wir bekamen die Zusage. Und da außer der Idee noch nicht viel mehr da war, reiste ich zu Orten in Österreich, wo man einen Western drehen konnte und schrieb mich so zu einer Geschichte um Jim, Ben & Cooper, der Banditenbande, die die Uhr vom Sheriff stiehlt. Ich sah mir nochmal "Spiel mir das Lied vom Tod" an. Der Beginn dieses großartigen Italo Westerns sollte unbedingt eingebaut werden. Also musste ein Zug und eine Station her. Dies fand ich dann in der Steiermark bei Stainz. Kraubath heißt die Station, die zu "Silvertown" wurde. Das Drehbuch war relativ schnell geschrieben, behaupte ich mal so im Nachhinein. Ein großes tragendes Element ist ja immer wieder der Ton bzw die Filmmusik. Diese setzte Klaus Tschabitzer / der Schwimmer großartig um. Ich wollte Musik, die an Italo Western bzw Ennio Morricone erinnert.

Da ich selber nun seit 25 Jahren auch als Betreuer tätg bin, war es nicht schwierig, an Menschen zu gelangen, die beim Western mitmachen wollten. Mal Cowboy oder Indianer sein wollten die meisten sofort. Und mal schießen. Damit meine ich nicht nur die Menschen mit (Lern-) Behinderung/en.

Die Hauptrollen besetzten ausschließlich Menschen mit Lernschwierigkeiten (früher Menschen mit geistiger Behinderung, mit besonderen Bedürfnissen oder auch mit kognitiver Beeinträchtigung benannt), einige davon mit physischer Behinderung. Also Menschen, die auf den Rollstuhl bzw. persönliche Assistenz angewiesen sind. Menschen mit Lernschwierigkeiten sind in der Regel auf 24 Stunden Betreuung bzw Unterstützung angewiesen, leben in Wohngemeinschaften und besuchen (geschützte, also nicht erster Arbeitsmarkt) Tageswerkstätten.

Die Begeistrung war also sofort da. Bei allen. Bei der Wahl des Film Teams achtete ich sehr darauf, dass neben der jeweilgen Film Qualifikation auch die menschliche Qualität passte. Klingt so banal, aber ich hatte die Sorge, dass jemand die Filmarbeit über den Umgang mit den Menschen mit (Lern-) Behinderung/en stellt. Die Menschen die mitarbeiteten, setzten dann auch um, was ich mir wünschte. Hohe Professionalität, sehr große Empathie und Humor. Oder in Kürze: ein ganz normaler Umgang miteinander. Auch wäre z.B. ein zu mitleidiger Umgang ein Greuel gewesen. Die Stimmung am Set war toll. Etwas Besonderes tut sich grad, das spürten alle. Das klingt zwar etwas theatralisch, aber so in etwa traf es die Stimmung. Es wurde aber auch viel kommandiert, geübt, gegessen, organisiert, gescherzt und gelacht.

III. Vorbereitungen bzw. Gedanken zur inklusiven Medienarbeit

Ich selbst wusste nicht, wie weit das Drehbuch auch wirklich 1:1 umgesetzt werden wird. Beim Schreiben dachte ich eher an einen roten Faden. Dialoge, die man jederzeit um- oder abändern kann. Um möglichst großen Spielraum bei den Dreharbeiten zu haben. Um einen Umgang mit den SchauspielerInnen eingehen zu können, der adäquat ist, der jederzeit an die jeweiligen Möglichkeiten angepasst werden konnte. Und das recht spielerisch oder kreativ. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass jemand z.B. zu blöd ist. Es kam schon auf eine gewisse Haltung an.

Es gibt/gab kein auschließliches Richtig oder Falsch. Dies war aber von vornherein schon so im Konzept vorhanden. In der Extremvariante gedacht, heißt das, wenn während dem Dreh dann doch eine andere (Cowboy-) Geschichte erzählt worden wäre, wäre dies auch in Ordnung gewesen.

Es ist an den verschiedenen ProfessionistInnen der Filmcrew und mir gelegen, dies en passant mit zu tragen. Ich rechnete also damit, dass einiges improvisiert werden wird. Und schwor die Crew schon im Vorfeld darauf ein. Versuchte zu erzählen, wie Menschen mit (Lern-) Behinderung/en sind, sein könnten, was sein kann, was so ist, wie bei allen Menschen und vor allem, was ich alles selbst (noch) nicht weiß.

Die Ton- und Licht- und Kameraeinstellung musste der möglichen improvisierenden, kreativen und evtl. pädagogischen Arbeit mit den SchauspielerInnen unterordnen. Bzw. so gestaltet werden, dass ein humorvoller nettes Miteinander gewährleistet werden kann. Dies begann z.B. mit einem Umdenken der Kameraleute. Also eher schnelles Drehen, möglichst nicht stunden lang warten müssen, geplante Drehs / Szenen umstellen, sobald man das Gefühl hatte, die Stimmung könnte bei Einzelnen kippen, weil z.B. das Warten oder die Anspannung zu anstrengend wurde. Dann wurde der Tagesplan kurzerhand umgestellt und wir drehten eine andere Szene.

IV. Dreharbeiten

Die ersten Drehtage verbrachten wir in der Westernstadt Lucky Town in Großpetersdorf / Burgenland. Dies war ein sehr guter Einstieg, weil wir dort viele Räumlichkeiten zur Verfügung hatten. Für unsere Verpflegung, Kostüme und Schminkraum. Und weil wir uns in einer Westernstadt aufhielten. Dies machte sofort die richtige Stimmung. Dort drehten wir die Szenen im Saloon, im Gefängnis und natürlich, die wichtigste Szene sozusagen, das finale Duell zwischen dem Gangsterboss Jim und dem Sheriff.

Die SchauspielerInnen selbst waren in dem Moment, als sie in ihrem Kostüm waren, tatsächlich wie "verwandelt". Ich merkte dies meist erst abends, wenn sie in ihrem "Normalmodus" locker vor sich hinblödelten. Dies taten sie über Tag weniger, da waren sie hochkonzentriert und passten gut auf. Sie fragten nach, bzw taten, was gefordert wurde, auch mit den Wiederholungen kamen sie erstaunlich gut klar.

Zur Freude aller kamen zu diesen Drehtagen Alf Poier, Hubsi Kramar und Stefano Bernadin. Diese besonderen Nebendarsteller dabei zu haben, machte noch einmal mehr etwas Besonderes aus diesen Drehtagen. Aber auch der Papa eines Darstellers sprang sofort als Cowboy an der Bar ein. Oder z.B. Armin Faymann, unser Aufnahmeleiter wollte unbedingt einen spuckenden Cowboy in einer Szene spielen. Ob Zufall oder nicht. Da hätte er mich fast angespuckt...

Bevor wir zu drehen begannen, übten wir meist nochmal kurz die Szene. Dies wurde manchmal auch schon mitgefilmt. Die beiden Kameramänner, Kurt Van der Vloedt und Ernst Spiessberger hatten den Auftrag, nicht immer auf die "Klappe" zu warten und zeitgleich zu filmen. Durch die zwei Kameras hatten wir zumindest zwei Einstellungsgrößen bzw. -perspektiven, um auf alle Fälle schneiden zu können, wenn mal nur ein Durchspielen einer Szene möglich war. Wenn man so möchte, könnte man sagen, "5 vor 12" ist eine Mischung aus Spielfilm und Doku.

Abgesehen davon, dass wir manche Drehs spontan umstellten, um Unruhe oder übermäßige Langeweile bei SchauspielerInnen zu begegnen, war die Konzentration der SchauspielerInnen sehr groß.

Auch die Geduld mit uns, also der Filmcrew, fand ich persönlich erstaunlich hoch. Mit den häufigen kleinen Anweisungen, wann sie wo zu stehen und/oder zu starten hatten. Die Wiederholungen wurden viel gelassener in Kauf genommen, als gedacht. Einerseits wohl, weil dies ein so besonderes und durchaus auch filmisch professionelles Projekt war, das spürten die SchauspielerInnen. Es kam auch auf sie an. Aber – wie schon oben erwähnt – das Hineinwachsen durch die Kostümierung, den besonderen Orten, dem Schminken, der Betreuung und der Arbeit von Regieassistentin Doris Habeler oder Aufnahmeleiter Armin Faymann, Elena Strubakis (Kostüme) bis hin zu Human Khazar, der sich um das leibliche, und damit auch seelische Wohlbefinden großartig kümmerte.

Alle glänzten neben ihrer jeweiligen filmischen Profession, durch Empathie, menschliche Zuwendung bzw. Aufmerksamkeit, oder schlicht durch normalen Umgang mit Menschen mit (Lern-) Behinderung/en.

Das Drehen, das Dabeisein am Filmset war für alle aufregend. Kameras, Licht, viele Menschen rund um, wichtiges Getue und Organisiererei und Vorbereitungen aller Art. Einige hatten Headsets auf, um sich via Funk miteinaner zu unterhalten, damit nicht immer hin und her gelaufen oder geschrien werden musste. Und dann war wieder alles bereit, jemand nahm die Klappe vor die Kamera und dann mussten alle ruhig sein, bis auf die, die gerade spielten.

Alle SchauspielerInnen sind LaiendarstellerInnen, bis auf Florian Jung, der hauptberuflich Schauspieler ist. Während der Dreharbeiten bemerkte ich, dass Florian Jung wohl etwas langweilig ist. Darum habe ich mich an einem Abend während der Dreharbeiten hin gesetzt und einen etwas längeren Dialog für Florian geschrieben, damit er seine sprachlichen schauspielerischen Fähigkeiten ausspielen kann. Diesen spielte er dann mit Julia Krasser, einer Betreuerin der Mosaik GmbH Werkstatt aus Deutschlandsberg / Stmk.

Einmal kam Armin Faymann (Aufnahmeleitung) zu mir gelaufen und meinte, er vermute, man müsse mit einer Schauspielerin sofort drehen. Sie wirke etwas angespannt. Und tatsächlich hatte er richtig vermutet. Ich kannte sie schon länger und wusste aus Erfahrung, wie sehr sie unter Umständen, die Fassung hätte verlieren können. Schnell organisierten wir einen Dreh, in dem sie mich erschießen konnte. Das tat sie mit großer Freude und Genugtuung. Wir brauchten diese Szene nicht, es blieb auch nicht die Zeit, mich zu schminken oder zu kostümieren. Dies irrietierte sie auch nicht im geringsten, sie freute sich sehr auf den "Ernst erschießen". Die gute Laune war wieder da und ich habe mir beim Umfallen nicht weh getan und wir verwendeten dies schließlich für den Trailer.

Ein Schauspieler, Karl, welcher in einer ÖHTB Wohngemeinschaft in Wien lebt, war einer der Nebendarsteller im Zug. Er freute sich schon sehr auf diesen "Ausflug", in dem mit Zug gefahren wird und gefilmt wird. "Cowboy. Ausflug. Zug. Super!". Den Zug hatten wir für drei Stunden gemietet. Eine echte Dampflok mit einem von uns ausgewählten Waggon. Die Zeit war knapp, es musste eine Fahrt von außen und innen und ganz kurze Dialoge zwischen Fahrgästen und der Zugüberfall aufgenommen werden. Die Kameramänner waren dabei, einer außen, einer innen, alle mit dem Headset verbunden, damit wir alles gut steuern und dirigieren konnten. Und Karl begann immer zu winken, sobald die Kamera auf ihn gerichtet wurde. Jedes Hinweisen darauf, dies nicht zu tun, hätte das Zeitbudget mehr als gesprengt. Das war schließlich zu akzeptieren, oder es wurde ihm etwas in die Hand gegeben, damit er anderweitig beschäftigt war, schließlich sollte er auch ausgeraubt werden.

Und dennoch wurde das Winken dann auch in den Film genommen. Ein Cowboy, der den ZuseherInnen zuwinkt. Völlig logisch. Ein Cowboy winkt.

V. Es wurde schon Zeit

Das Schöne am Filmemachen ist ja, dass man bestimmte Dinge wiederholen kann. Teile eines Dialoges vorsagen. Und wieder sagen. Oder anders sagen. Und wieder sagen. Und nochmal aufnehmen. Oder nur einmal. Oder gar nicht. Oder so nehmen, wie es kam oder war. Diese Freiheit/en nahmen wir uns und versuchten möglichst flott etwas um zu kreiieren oder es einfach so zu nehmen, wie es ist.

Und irgendwie wurde es tatsächlich schon Zeit, weil die Uhr ja eigentlich schon "5 vor 12" anzeigte. Also allerhöchste Zeit für den ersten Spaghetti Inklusivo Western aus Österreich. Allerhöchste Zeit einen Film zu machen, in dem ausschließlich Menschen mit (Lern-) Behinderung/en die Hauptrollen besetzen. Und so ein möglichst unterhaltsames Produkt entstehen sollte, welches möglichst viele Menschen gerne ansehen. Weil ja die meisten Menschen auf Cowboys und Indianer Filme stehen. Und so, möglichst en passant, Menschen mit (Lern-) Behinderung/en völlig unaufgeregt und normal ins Alltagsbewusstsein geholt werden können. Und jede/r auf seine Weise mit spielen, mit partizipieren kann. Mit mehr verbaler Sprache, oder mit weniger verbaler Sprache, mit Winken oder weniger winken.

VI. Weitere Informationen zum Film

5 vor 12 Es wird Zeit. Der Spaghetti Inklusivo Western. 65 min., HD - mit deutschen UT

5 vor 12 Aufführungen der Kinoversion mit anschließender Diskussionsmöglichkeit – Buchung möglich bei: ernst.tradinik@menschenundmedien.at – Auch DVD und Filmmusik CD.

5 vor 12 - Infos: http://menschenundmedien.at/5vor12.html

5 vor 12 - Fotos zum Dreh: http://menschenundmedien.at/Dreh.html

5 vor 12 - 4 Teiler (je 20 min) online bei OKTO TV: http://okto.tv/5vor12

5 vor 12 Artikel bei Kurier: https://kurier.at/kiku/ein-italo-western-mit-viel-humor/400026454

5 vor 12 SchauspielerInnen: Florian Jung, Florian Rauscher, Stefan Weber, Angela Wirnsberger, Gernot Rosmann, Petra Leszischin u.v.a. Musik: Klaus Tschabitzer, Kamera: Kurt Van der Vloedt & Ernst Spiessberger, Regie: Ernst Tradinik

5 vor 12 In den Hauptrollen ausschließlich Menschen mit (Lern-) Behinderung/en. In den Nebenrollen u.a. Alf Poier, Hubsi Kramar & Stefano Bernadin.

5 vor 12 ist eine Hommage an den Italo Western. Jim, Ben & Cooper überfallen den Zug und rauben die Uhr des Marshalls. Und verdammt! Es kommt, wie es kommen muss! Zum finalen Duell zwischen Jim und dem Sheriff. Mit ure langen und eigentlich voll langweiligen Einstellungen.

Und doch so spannend. Es wird Zeit!

VII. Zum Autor

Ernst Tradinik arbeitet schon viele Jahre mit Menschen & Medien. Seit 25 Jahren im Betreuungsbereich mit Menschen mit Lernschwierigkeiten. Noch länger mit Film, Video und inklusiven Medienprojekten. Seit einem Jahr als Lektor (inklusive Medienarbeit) auf der FH St Pölten tätig.

Die inklusive TV Sendung auf OKTO TV: NA (JA) GENAU - Die intelligente humorvolle TV Sendung, online unter: http://www.okto.tv/najagenau

Darunter auch die Sendung über die Kunstworkshops für Kinder mit (Lern-) Behinderung/en. Nun auch mit deutschen UT auf YouTube, online unter: https://youtu.be/ZeRhIVAYcug

Das inklusive Medienprojekt: LOKvögel, Fische & Schmetterlinge entstand 2009, online unter: https://youtu.be/y6X69ikOLh8

Tags

5vor12, medienarbeit, medien, menschen, produktion