Praxis

2/2018 - Medien, Demokratie und politische Bildung

Chaos macht Schule

HackerInnen an Schulen

AutorIn: Sonja Waldgruber

Chaos macht Schule ist eine Initiative mehrerer lokaler Ableger des Chaos Computer Club (CCC). Der CCC ist eine europäische Hack:innenvereinigung und seit über 30 Jahren aktiv. Seit 2007 arbeiten Mitglieder des CCC mit Bildungseinrichtungen zusammen, um Medienkompetenz und Technikverständnis zu stärken ...


Chaos macht Schule Wien - schule@c3w.at

I. Einleitung

Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, die durch die technischen Entwicklungen der letzten 30 Jahre eine andere ist, als jene, in deren ihre Eltern und Lehrer:innen aufgewachsen sind. Damit sind diese häufig nicht in der Lage, die Schüler:innen entsprechend informiert in die digitalisierte Welt einzuführen. Chaos macht Schule versucht diese Lücke zu schließen und hofft, dass es in Zukunft zwischen der gerade heranwachsenden Generation und ihrem Nachwuchs diese Lücke nicht mehr geben wird und Chaos macht Schule obsolet wird.

Dieser Bericht aus der Praxis geht kurz auf die Initiative Chaos macht Schule selbst und den Chaos Computer Club ein. Danach folgt eine kurze Übersicht über die behandelten Themen und Methoden. Für weitere Informationen nützen Sie bitte die Links am Ende des Textes, Fragen und Kommentare senden Sie bitte an schule@c3w.at.

II. Chaos macht Schule

Chaos macht Schule ist eine Initiative mehrerer lokaler Ableger des Chaos Computer Club (CCC). Der CCC ist eine europäische Hack:innenvereinigung und seit über 30 Jahren aktiv [1]. Seit 2007 arbeiten Mitglieder des CCC mit Bildungseinrichtungen zusammen, um Schüler:innen, Eltern und Lehrende in den Bereichen Medienkompetenz und Technikverständnis zu stärken [2].

Interessierte können über schule@lists.ccc.de Kontakt zu Ansprechpartner:innen in ihrer Umgebung aufnehmen. Die Liste der beteiligten Gruppen reicht von Aachen bis Zürich. Seit 2016 beteiligt sich auch der Chaos Computer Club Wien (C3W) an der Initiative. Anfragen erreichen uns über die Liste oder direkt über schule@c3w.at.

Auftakt für Chaos macht Schule in Österreich war 2016 auf der Privacyweek [4] aktiv.

III. Motivation

Die Neuen Medien [5] sind 2018 nicht mehr neu und haben die Lebenswelt der Kinder erreicht. Sie sind nicht nur Wissensspeicher und Informationsquelle, sondern Teil der täglichen sozialen Interaktionen der Schüler:innen in den verschiedenen Online Netzwerken. Durch die rasante Entwicklung in den letzten Jahren sind viele Eltern und Lehrende im besten Fall ebenfalls am Lernen und fühlen sich oft nicht sicher in der Vermittlung an die Kinder. Im schlimmsten Fall nutzen sie Digitalangebote unreflektiert und haben selbst nur eingeschränkte Medienkompetenz.

Die Schüler:innen wachsen in einer digitalisierten Welt auf und genauso wie sie lernen, nicht auf heiße Herdplatten zu greifen und nicht in Autos zu laufen, müssen sie auch in die Welt des Internet und seiner Services eingeführt werden.

Computer können die Welt zum Besseren verändern (siehe dazu auch die Hackerethik [6]). Hacker:innen sind daher grundsätzlich positiv gestimmt, was die Möglichkeiten durch die digitalen Angebote betrifft. Wir sind uns jedoch auch der Möglichkeiten des Missbrauchs oder der Fehlfunktionen bewusst. Reflektierte Nutzung der Services beruht auf Wissen über die Technik hinter den Oberflächen und auf dem Verständnis der Zusammenhänge und Interessen aller Beteiligten.

IV. Konzept

Chaos macht Schule wird meist für ein bis zwei Schulstunden in eine Klasse eingeladen. Damit kann unser Workshop nicht mehr als ein Impuls sein, der das Interesse der Schüler:innen stärken und durch Informationen Diskussionen und Reflexionen auslösen kann.

Gerade in einer digitalisierten Welt ist der Zugang zu Informationen so einfach wie noch nie. Das Ziel von Chaos macht Schule ist es, Schüler:innen zu befähigen, selbst weiter zu recherchieren, Geschäftsmodelle und Mechanismen zu verstehen und damit auch in Zukunft, wenn noch zu erfindende Angebote und Technologien ihren Alltag bestimmen werden, selbst entscheiden zu können, was sie in welchem Ausmaß verwenden wollen und was die Vor- und Nachteile sind. Wir geben keine Klickanleitungen für vorhandene Apps, sondern versuchen, den Schüler:innen Verständnis und Handlungskompetenz zu vermitteln.

Bisher wurden wir an Schulen der Sekundärstufe I und II eingeladen. 90 Minuten sind für die Fülle der Themen zu wenig, daher wird nach der Einleitung der weitere Inhalt im Detail von den Schüler:innen bestimmt. Je älter die Schüler:innen sind, desto weniger geben wir vor und desto mehr wird diskutiert. Bei Jüngeren kommen Spiele zum Einsatz, um das Verständnis zu fördern.

Wir sind alle im Bereich der IT (Information Technology) / IKT (Informations- und Telekommunikationstechnik) tätig. Dadurch haben wir die Möglichkeit, auf die zahlreichen Fragen der Schüler:innen und Lehrenden individuell einzugehen. Ausgehend von einer Sammlung an Themen [7] mit Beispielen und Werkzeugen wird so jeder Termin einzigartig. Die Sammlung wird kontinuierlich erweitert, jede Klasse trägt mit ihren Fragen dazu bei.

Wir verweisen immer auf weitere Quellen zu den jeweiligen Themen. Zur Vertiefung empfehlen wir häufig die Aufzeichnungen der Veranstaltungen des CCC. Die bekannteste ist der Chaos Communicaitons Congress jedes Jahr Ende Dezember. Fast alle Talks von CCC Veranstaltungen sind online über media.ccc.de abrufbar und hier finden sich auch Präsentationen für Einsteiger:innen.

V. Themen

Jeder Workshop beginnt mit einer kurzen Vorstellung des C3W, des CCC und der Erklärung, was Hacker:innen, abseits vom Hollywood Klischee, machen. Abhängig vom Alter der Schüler:innen ergeben sich hier häufig Anknüpfungspunkte zu den politischen Aspekten des Hacken, der Überwachung durch den Staat und der sozialen Kontrolle durch die Gesellschaft.

Der Schwenk zum Geschäftsmodell der Anbieter der Apps und Services: "Du bist die Ware, nicht der Kunde", erfolgt über die drei Fragen "Was zahlt ihr für das Service? Was kostet das Service für den Anbieter? Wie viel Gewinn macht der Anbieter?"

Das funktioniert ab dem Alter von 10 Jahren und bietet als Vertiefungsmöglichkeiten die Themen Privatsphäre, personalisierte Werbung, Profiling [21] und Filterblasen [22]. Eine kurze Live-Demonstration, in der gezeigt wird, wie mehr als hundert weitere Server darüber informiert werden, dass wir zwei Webseiten von rein werbefinanzierten Zeitungen geöffnet haben, kommt hier immer gut an (Ligthbeam [8]).

Einige Schüler:innen haben sich bereits mit Verschlüsselung der Inhalte der Kommunikation auseinandergesetzt, und das leitet zu den Metadaten weiter. Bei höheren Schulstufen können wir auf "We kill people based on metadata" [9] eingehen oder etwas entspannter auf Bewegungsprofile mit Hilfe der Vorratsdatenspeicherung [10] oder mit Google myActivity [11].

Häufig wird auch das Thema Darknet angesprochen. Hier bietet sich die Möglichkeit auf Metadaten einzugehen und den Bedarf nach Anonymisierung mit Services wie Tor [12]. Eine kurze Live-Demonstration kann gleich damit verbunden werden, zu zeigen, wie stark sich Suchergebnisse unterscheiden, wenn man anonym unterwegs ist.

Schüler:innen verstehen recht schnell, dass bei allen Services, die sie nutzen, Metadaten anfallen und kommen mit eigenen Ideen, was man aus den von ihnen genutzten Services alles über sie herausfinden kann.

Das Thema Kennwörter (Stunde 2 [13]) ist ein klassischer Impulsgeber, um bereits in der Schule zu sensibilisieren. Wie regelmäßige Top Ten Listen von Kennwörtern zeigen, haben ja auch viele Erwachsene dieses Thema nicht im Griff.

Zu Falschmeldungen (Fake News) und Kettenbriefen gibt es das ausgezeichnete Projekt Mimikama [14], darauf greifen wir gerne zurück und besprechen das Thema anhand deren Beispiele. Themen wie Mobbing und Sexting sind aus unserer Sicht eher soziale Probleme, und daher verweisen wir hier auf Rat auf Draht [16] und beschränken uns auf unsere Expertise im IT-Bereich.

Je jünger die Schüler:innen sind, desto stärker setzen wir auf Spiele, um Inhalte zu vermitteln. Arbeitsblätter dazu sind als Open Educational Ressources (OER) auf unserer Website verfügbar [19].

VI. Workshops für Erwachsene

An einigen Schulen haben wir auch Workshops gemeinsam mit Lehrenden gemacht. Die diskutierten Themen sind hier die gleichen wie bei den Schüler:innen. Dabei kann stärker in die Tiefe gegangen werden, und es können in einem Workshop unterschiedliche Themen besprochen werden. Diese Workshops geben uns Amateur:innen auch immer die Möglichkeit mit den Pädagog:innen über die Vermittlung unserer Inhalte zu reflektieren und uns zu verbessern.

Gemeinsam mit einer Volkshochschule hat der C3W an mehreren Abenden versucht, auch in der Erwachsenenbildung die Themen Verschlüsselung, Datenspuren, Netzpolitik und Privacy Einstellungen der Services zu vermitteln. Dieses Format haben wir jedoch wegen geringer Teilnehmer:innenzahl nach einem Semester wieder aufgegeben.

VII. Zusammenfassung

Nicht alle Themen, die von Schüler:innen angesprochen werden, haben in diesem Bericht Platz gefunden. Alle unsere Materialien und Links zu genutzten Werkzeugen oder Beispielen sind online verfügbar [7]. Schauen Sie vorbei! Wir freuen uns auch über Rückmeldungen und weitere gute Tipps. Ein kurzes Mail an schule@c3w.at und unsere Sammlung kann weiter wachsen.

Chaos macht Schule ist nicht die einzige Initiative, die Schüler:innen bei ihrem Einstieg in die (digitalisierte) Welt unterstützt. Jede Gruppe hat hier ihre eigenen Zugänge und Methoden. Manche arbeiten ehrenamtlich wie wir, andere machen es beruflich und müssen sich daher über Kostenbeiträge der Schulen finanzieren. Durch diese Vielfalt ist für jede Schule und für alle Themen etwas dabei.

Mimikama [14] und Rat auf Draht [16] wurden bereits genannt, Safer Internet [15] bietet umfangreiches Informationsmaterial und Workshops. Auf europäischer Ebene lohnt sich ein Blick auf Material von EDRI [17], den Comic Digital Defender gibt es auch auf Deutsch [18], an der Übersetzung hat Chaos macht Schule mitgearbeitet.

Schulen und Lehrende werden bei der (digitalen) Bildung der Schüler:innen nicht alleine gelassen. Chaos macht Schule und andere Initiativen bieten Unterstützung direkt in der Klasse und bei der Fortbildung. Wir freuen uns von Ihnen zu hören: schule@c3w.at


Links

[1] https://ccc.de

[2] https://ccc.de/de/schule

[3] https://privacyweek.at

[4] https://codeweek.eu

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Medien

[6] https://www.ccc.de/de/hackerethik

[7] https://projekte.c3w.at/material

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Lightbeam

[9] https://thehackernews.com/2014/05/ex-nsa-director-admits-we-kill-people.html

[10] https://opendatacity.de/project/vorratsspeicherung-in-der-schweiz/

[11] https://myactivity.google.com/

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Tor_(Netzwerk)

[13] https://projekte.c3w.at/schulstufe_8_-_3_stunden

[14] https://www.mimikama.at/

[15] https://www.saferinternet.at/broschuerenservice/

[16] https://www.rataufdraht.at/

[17] https://edri.org/papers/

[18] https://edri.org/files/defenders_v_intruders_de_web.pdf

[19] https://projekte.c3w.at/arbeitsblaetter

[20] https://c3w.at/posts/2017/nerd-cafe-josefstadt/

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Profiling

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase


Chaos Computer Club Wienbuero@c3w.at

Tags

digitale bildung, privatsphäre, schule, digitalisierung