Forschung

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Politik? Gerne, aber jugendorientiert!

AutorInnen: Yvonne Herzig Gainsford / Amina Ovcina Cajacob / Matthias Künzler

Sind Jugendliche tatsächlich nicht an Politik interessiert, wie immer wieder behauptet wird? Diese Frage stand im Zentrum des interdisziplinären Projekts "Scoop-it 2.0". Ziel dieses schweizer Projekts war es, eine Online-Plattform zu bauen, die die partizipativen Möglichkeiten nutzt ...

Abstract

Die heutige Jugend ist unpolitisch. So zumindest lautet die weitverbreitete Meinung. Im interdisziplinären Projekt "Scoop-it 2.0" wurde untersucht, wie es tatsächlich um das Interesse der Jugendlichen an Politik bestellt ist. Ziel des Projekts war es, neben der Gewinnung von Erkenntnissen eine Online-Plattform zu bauen, die die politische Partizipation Jugendlicher fördern und unterstützen soll. In einem ersten Projektschritt wurden über 3.000 junge Menschen aus der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein zu ihrem Interesse an Politik, zur Partizipation an politischen Prozessen und zur Mediennutzung in diesem Zusammenhang befragt. Um einerseits die Ergebnisse dieser quantitativen Untersuchung zu validieren, andererseits aber auch, um bestimmte Aspekte genauer zu beleuchten, wurden fünf Gruppendiskussionen durchgeführt. Die Erkenntnisse aus den Gruppendiskussionen, auf denen der Fokus dieses Beitrags liegt, stützen die Ergebnisse aus der quantitativen Befragung in grossen Teilen. Beide Projektschritte zeigen klar, dass sich die Jugendlichen sehr wohl für Politik interessieren. Die Art und Weise jedoch, wie heute versucht wird, den jungen Menschen politische Themen näherzubringen und sie im politischen Prozess zu integrieren, stösst auf wenig Gegenliebe. Will man sicherstellen, dass die Jugendlichen am politischen Leben teilnehmen, muss man sie über die ihnen vertrauten Medien ansprechen, und zwar in einer Sprache, die sie verstehen.

The young people of today are not political. This is a widely held opinion. The interdisciplinary project "Scoop-it 2.0" tried to survey the actual interest of the youth in politics. As well as the research on their interest in politics, a goal of this project was to also build an online platform which would support and promote the political participation of young people. In a first step over 3.000 young people from Switzerland and the Fürstentum Liechtenstein were surveyed on their interest in politics, on their participation in political processes and on their use of media in these contexts. In order to validate the results but also to highlight certain aspects, five group discussions took place. The findings of the group discussions, on which this article focuses, in large parts support the quantitative survey. Both project steps showed clearly, despite the initial opinion, that youngsters are actually interested in politics. However there is a lack of acceptance in the way they are nowadays confronted with political subjects and the way society tries to integrate them into the political process. To ensure that young people will participate in political life, they will have to be informed by the media they use in their daily lives and in a language they understand.


1. Einleitung

Sind Jugendliche tatsächlich nicht an Politik interessiert, wie immer wieder behauptet wird? Diese Frage stand im Zentrum des interdisziplinären Projekts "Scoop-it 2.0". Ziel dieses Projekts war es, eine Online-Plattform zu bauen, die die Möglichkeiten der neuen Medien nutzt, um die politische Partizipation Jugendlicher zu fördern und zu stärken. Mit der Bereitstellung von niederschwelligen und informellen Kommunikationsmedien sollen Jugendliche dazu motiviert werden, sich politisch einzubringen. Das ganze Projekt wurde durch das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), die Stiftung Mercator Schweiz und die Avina Stiftung unterstützt.

In der ersten Phase des Projekts wurde eine quantitative Onlinebefragung von über 3‘000 abstimmungs- und nicht-abstimmungsberechtigten Jugendlichen (Ü18 und U18) aus verschiedenen Kantonen der Schweiz und aus dem Fürstentum Liechtenstein durchgeführt (HTW 2014). In einem zweiten Schritt wurden Gruppendiskussionen mit Jugendlichen durchgeführt (HTW 2015). Dabei wurden die folgenden vier Zielsetzungen verfolgt:

  1. Validierung (Überprüfung der über die quantitative Befragung gewonnenen Resultate
  2. Gründe für Antworten (Explikation)
  3. Diskussion Vorschlag Online-Plattform (Machbarkeit)
  4. Vorschläge für Funktionalität, Inhalt, Design der Applikation (Ergänzung)

Im Folgenden werden die wesentlichen Erkenntnisse aus den Gruppendiskussionen erläutert. Nicht thematisiert werden Aspekte der Plattform, die mittlerweile in Betrieb ist (www.engage.ch).

2. Welche Sprache spricht die Politik?

Die Lebenswelt Jugendlicher unterscheidet sich in grossem Mass von derjenigen der politischen Entscheidungsträger. Neue Medien, vor allem auch soziale Medien, spielen für die Kommunikation der Jugendlichen eine wichtige Rolle. Kommunikation, die sich um viele Dinge dreht, selten aber um Politik, so lautet zumindest die weitverbreitete Meinung. Jugendliche würden sich nicht für Politik interessieren und sich nicht aktiv an politischen Prozessen beteiligen.

Gleichzeitig kann man aber auch feststellen, dass die neuen Medien und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten den Einzug in die Welt der Politik (noch) nicht geschafft haben. Diese Tatsache führt zu der Frage, ob das Beharren der Politik auf traditionelle Kommunikationswege für das (vermeintliche?) Desinteresse der Jugend an Politik zumindest mitverantwortlich ist.

Als (Prä)-Adoleszente befinden sich junge Menschen in einer bedeutenden Lebensphase, in der sie sich intensiv als Persönlichkeiten formieren und ihre eigene Identität, auch im politischen Bereich, suchen und aufbauen. Im Prozess der Identitätsentwicklung stellt dabei das politische Interesse eine wesentliche Dimension dar, da es die motivationale Basis der Auseinandersetzung mit politischen Themen bildet (Schmidt 2004). In der wissenschaftlichen Literatur finden sich zahlreiche empirische Nachweise und Beispiele, dass Jugendliche heute kaum politisch engagiert sind und das Interesse an Politik gering ist. Um dem entgegenzuwirken, sollen Jugendliche und junge Erwachsene von politischen Parteien, staatlichen Institutionen sowie privaten politischen Interessensverbänden die Möglichkeit bekommen, problem- und projektbezogen aktiv zu werden. Es zeigt sich nämlich, dass gerade im Bereich problemorientierter Fragen und Vorhaben junge Erwachsene besonders bereit sind, sich in höchstem Masse zu engagieren (Albert/Hurrelmann/Klaus 2004). Es braucht attraktive, auf die Jugendlichen zugeschnittene Angebote, nicht zuletzt auch mediale Angebote, um ihr Interesse für bestimmte politische Themen und den Willen zur politischen Partizipation zu wecken.

Gelingt dies Politik und Staat nicht, hat das fatale Folgen. Die (direkte) Demokratie läuft Gefahr, zum Auslaufmodell zu verkommen (Vonlanthen 2007). Denn gerade die Partizipation junger Menschen hält die Demokratie lebendig. Untervertretung und Desinteresse führen zu einer Vernachlässigung der Probleme und Anliegen der Jugendlichen, was wiederum eine Entfremdung gegenüber dem Staat und seiner Organisation zur Folge hat. Ausserdem sind die Parteien und Behörden in ihrer Existenz bedroht, da Nachwuchsprobleme auftreten und das Milizsystem an seine Grenzen stösst (Ladner 2009).

3. Gruppendiskussionen: Methodik und Anlage

Gruppendiskussionen eignen sich gut dafür, die Variationsbreite von Meinungen und Werten zu erforschen, Gründe zu ermitteln und bislang nicht diskutierten Aspekten nachzugehen (Kromrey 1986: 127–131; Lamnek 2005: 84).

In der Methodenliteratur wird empfohlen, zwischen homogenen und heterogenen Gruppen zu unterscheiden (Kühn/Koschel 2011: 76–83; Lamnek 2005: 104–109). Während die TeilnehmerInnen einer heterogenen Gruppe nach unterschiedlichen Kriterien ausgewählt werden, absichtlich oder zufällig, ähneln sich die Teilnehmer/innen der heterogenen Gruppe bezüglich eines Merkmals, das für die Fragestellung als relevant eingestuft wird.

Für das Projekt wurden fünf Diskussionsrunden mit jeweils 6 bis 11 Jugendlichen durchgeführt, die von einem oder zwei erfahrenen Moderatoren geleitet wurden. Heterogenität und Homogenität wurden hinsichtlich der Merkmale "Alter" und "Interesse an Politik" unterschiedlich kombiniert, wie Tabelle 1 zeigt:

Tabelle 1: Gruppenzusammensetzung

Durchführung

Zusammensetzung der Gruppe

Anzahl

TeilnehmerInnen

30. August 2014

Zürich

Homogene Gruppe: grosses Interesse an Politik, TeilnehmerInnen älter als 18 Jahre (stimm- und wahlberechtigt)

6

21. Oktober 2014

Gymnasium Schiers (1)

Teilweise homogene Gruppe: Mehrzahl der TeilnehmerInnen älter als 18 Jahre, unterschiedliches Interesse an Politik

10

21. Oktober 2014

Gymnasium Schiers (2)

Teilweise homogene Gruppe: Mehrzahl der TeilnehmerInnen älter als 18 Jahre, unterschiedliches Interesse an Politik

11

17. November 2014

Kantonsschule Chur (1)

Teilweise homogene Gruppe: TeilnehmerInnen jünger als 18 Jahre, unterschiedliches Interesse an Politik

10

17. November 2014

Kantonsschule Chur (2)

Heterogene Gruppe: Hälfte der TeilnehmerInnnen älter als 18 Jahre, unterschiedliches Interesse an Politik

11

Für die Gruppendiskussionen wurde ein Gesprächsleitfaden erstellt, der einerseits sicherstellen sollte, dass alle Aspekte, die für das Thema Jugend und Politik relevant sind, berücksichtigt werden. Andererseits vermittelte der Leitfaden den Moderatoren die nötige Sicherheit für die Durchführung der Diskussionen.

Die Gruppendiskussionen dauerten jeweils ungefähr 90 Minuten. Sie wurden aufgezeichnet, mit der Software "f4" transkribiert und mit dem Programm "MAXQDA, Version 11" codiert und ausgewertet. Die Auswertung orientierte sich am Verfahren der "Strukturierung/Kategorisierung" (Mayring 2002: 118). Die transkribierten Texte wurden nach thematischen Aspekten unterteilt (meistens mehrere Sätze oder Abschnitte) und Kategorien zugeordnet. Die Kategorien wurden aufgrund der theoretischen Annahmen deduktiv gebildet und durch induktiv hergeleitete Kategorien ergänzt.

Auf die Codierung respektive Codebereinung folgte die Auswertung der Gruppendiskussion, indem zwischen den verschiedenen Codes Verbindungen ermittelt wurden. Beim sogenannten "axialen Codieren" (Böhm 2005: 478 f.) werden aus den transkribierten Aussagen gedankliche Konzepte interpretiert. Dies geschah in diesem Projekt unter Rückgriff auf das Codierparadigma der "Grounded Theory" (Strauss 1991: 101–106; Strauss/Corbin 1996: 76, 91). Bei diesem Codierparadigma werden grundlegende W-Fragen aufgeworfen: Welche Ursachen führen zum untersuchten Phänomen? Welches sind die dahinterliegenden sozialen Vorbedingungen? Wie gehen Akteure mit dem Phänomen um? Worin resultieren die auf das Phänomen bezogenen Handlungen? Für die Fragestellungen des Projekts bedeutete das, dass nach Ursachen gesucht wurde, weshalb Jugendliche politisch handeln oder eben nicht, welches die sozialen Vorbedingungen des politischen Handelns sind, wie der Umgang mit politischen Themen ist und wie sich eventuell das Handeln der Jugendlichen ändern lässt.

4. Eher global, oder zumindest national

Was sich bereits in der Online-Befragung gezeigt hat (HTW 2014: 52–63), bestätigt sich in allen Gruppendiskussionen: Jugendliche sind durchaus an Politik interessiert. Und zwar, ebenfalls übereinstimmend mit der quantitativen Befragung, vor allem an nationaler und internationaler Politik. Das Interesse für regionale oder lokale Politik ist hingegen nicht sonderlich stark ausgeprägt.

Für die Fokussierung auf nationale und internationale Themen werden verschiedene Erklärungen abgegeben. Von vielen werden lokal- oder regionalpolitische Themen als wenig attraktiv empfunden; gleichzeitig werden die Auswirkungen von nationaler und internationaler Politik als viel höher eingeschätzt. Angeführt wird aber auch, dass in der Gemeinde- oder Lokalpolitik die Dinge weniger falsch laufen würden. Für eine Diskussionsteilnehmerin liegt ein weiterer Grund in der mobilen Gesellschaft, die immer unterwegs und damit einfach nicht mehr so gemeindeorientiert sei.

Trotzdem – es gibt klar auch regionale und lokale Themen, die als wichtig empfunden werden und für die sich die Jugendlichen interessieren. Erwähnt werden etwa die Debatte über Tempo-30er-Zonen im Kanton Graubünden oder die fehlenden Abfallkübel im Ausgangsviertel. Bemängelt wird aber, dass zu regionalen oder lokalen Themen häufig die konkreten Informationen fehlen würden oder eher mühsam zusammengesucht werden müssten. Kritisiert wird auch der Mangel an spezifischer Werbung, und auch in den Medien würden lokale politische Themen, zumindest in der Wahrnehmung der DiskussionsteilnehmerInnen, weniger behandelt als Themen der nationalen oder internationalen Politik, die man darum auch stärker wahrnehme.

4.1 Das Umfeld macht es vor

Ob Politik interessiert, wird stark vom Umfeld der Jugendlichen beeinflusst. Wenn im Elternhaus Politik ein Thema ist oder war, dann ist auch das Interesse bei der Tochter oder dem Sohn eher vorhanden. Von Bedeutung für die Entwicklung dieses Interesses kann aber auch der Lehrer sein, der in der Geschichtsstunde den SchülernInnen mit Podiumsdiskussionen Politik näherzubringen vermag und in ihnen damit den Wunsch weckt, sich mit politischen Themen zu beschäftigen.

Den DiskussionsteilnehmernInnen ist bewusst, dass ein möglichst früher Kontakt mit Politik das spätere Interesse daran positiv beeinflussen kann, wie folgende Aussage belegt: "Ich glaube auch, wenn man nicht irgendwie mit Politik aufgewachsen ist, dann hat man auch keine Berührung damit. Und dann wird man 18, kriegt ein Stimmcouvert und dann hat man keine Ahnung, was man machen soll. Also ich glaube, man muss schon etwas vorher anfangen, eine Spur zu legen und die Leute mit Politik in Berührung bringen." Impulse für eine politische oder gesellschaftliche Beteiligung kommen also primär aus dem familiären oder engeren privaten Umfeld.

Gleichzeitig wird das eigene Umfeld Gleichaltriger als wenig politisch empfunden. Die Jungen müssten wachgerüttelt werden, sie müssten merken, dass sie mitreden könnten und auch sollten, meint ein Teilnehmer. Ein Grund für das verbreitete mangelnde Interesse bei vielen wird im Alter derjenigen gesehen, die politische Themen vermitteln. Wenn Vorlagen vorgestellt würden, meint eine Teilnehmerin, sei das Durchschnittsalter derjenigen, die die Vorlagen präsentierten, "gefühlte 65. Und dann wundert man sich, warum die jungen Leute nicht abstimmen gehen." Die Problematik der fehlenden Identifizierung der Jugendlichen mit politischen Akteuren hat sich auch im quantitativen Teil dieses Projekts gezeigt.

4.2 Am liebsten persönlich

Trotz der eher pessimistischen Einschätzung, was die Politikfreudigkeit der Peers betrifft, diskutieren die Jugendlichen viel über Politik. Nun könnte man vermuten, dass sie als Digital Natives sich auch über politische Themen vor allem über elektronische Medien austauschen. Das scheint aber nur in sehr beschränktem Ausmass der Fall zu sein. Das persönliche Gespräch im Familienkreis, mit Freunden/-innen oder SchulkollegenInnen wird klar bevorzugt.

Social Media spielen für Diskussionen im politischen Kontext eine nebensächliche Rolle. Nur in speziellen Fällen kommen Messenger-Tools im Zusammenhang mit Politik zum Einsatz. Etwa dann, wenn mit Kollegen im Ausland ein internationales Thema diskutiert wird: "Ich glaube, das wäre das Einzige, was ich über WhatsApp besprechen würde. Weil du nicht die Möglichkeit hast, mit diesen Leuten das persönlich zu besprechen."

Facebook spielt für politische Diskussionen eine unbedeutende Rolle. Es wird zwar erwähnt, dass jemand ab und zu einen Link zu einem Zeitungsbeitrag mit politischem Inhalt poste, und es könne dann auch vorkommen, dass sich daraus eine Diskussion entwickle. Dies scheint aber eher die Ausnahme zu sein als die Regel.

Die kritische Haltung gegenüber dem Einsatz von Social Media für politische Diskussionen wird unter anderem damit begründet, dass es mit elektronischen Medien schnell Missverständnisse gebe. Im persönlichen Gespräch könne man erklären, was man meine. Es wird auch auf die Gefahr hingewiesen, dass Social Media dazu verleiten können, Grenzen zu überschreiten: "Grad bei Facebook habe ich persönlich das Problem, dass es halt sehr schnell sehr polemisch wird. Und dass die Leute halt einfach anfangen, sich gegenseitig zu beleidigen und so und da möchte ich einfach nicht mitmachen."

Kritisch beurteilt wird auch die Tatsache, dass man sich mit einem Social-Media-Beitrag exponiert: "Wenn man etwas öffentlich reinschreibt, sehen das viel zu viele Leute. Auch die, die man gar nicht kennt. Und es muss ja nicht jeder die politische Meinung von einem selber wissen. Da kann man bei den einen oder anderen Leuten schon recht in den Hammer laufen, je nachdem, was für Themen das sind."

Die Jugendlichen sind, so scheint es, für die kritischen Punkte von Social Media recht stark sensibilisiert. Soziale Netzwerke und Messenger-Tools werden im Zusammenhang mit Politik vor allem für Metakommunikation über Politik eingesetzt. Das klingt dann so: "Bist du drausgekommen, worum es das letzte Mal gegangen ist, nein, du schon, nein, ich auch nicht." Wenn es um die eigentlichen Inhalte geht, ist das "Face-to-Face-Gespräch" von zentraler Bedeutung.

4.3 Lieber kurz- als langfristig

Es wird aber nicht nur über Politik gesprochen; das Interesse an Politik zeigt sich auch in konkreten politischen Handlungen. Einige der DiskussionsteilnehmerInnen sind oder waren aktives Mitglied bei einer Partei. Viele können sich aber nicht für eine Parteimitgliedschaft erwärmen, weil man dadurch abgestempelt werde. Kritisch angemerkt wird auch, dass es die richtige Partei nicht gebe und es schwierig sei, eine Partei mit einem Programm zu finden, das einem rundum passen würde: "Es kommt je nach Thema drauf an, bei einem Thema ist man auf der Schiene der einen Partei, bei einem anderen Thema auf der Schiene dieser Partei." Trotzdem können sich einige gut vorstellen, später einmal aktiv Politik zu betreiben.

Die meisten DiskussionsteilnehmerInnen jedoch sehen zumindest im Moment keine Möglichkeit für ein längerfristiges Engagement in der Politik. Ein wichtiger Faktor scheint der Zeitaufwand zu sein, der viele abschreckt. Die Schule und Freizeitaktivitäten haben klar Vorrang. Angeführt wird aber auch, dass das Interesse doch nicht gross genug sei, weil das Herzblut schlussendlich fehlen würde für ein intensiveres Engagement.

Ein kurzfristiges politisches Engagement sehen einige der Jugendlichen schon eher im Bereich des Möglichen. Das kann für die einen z. B. das Sammeln von Unterschriften für ein Anliegen in der Schule sein, für die anderen etwa die Teilnahme an einer Demonstration.

4.4 Selber mitbestimmen oder lieber andern überlassen?

Ein grosser Teil der DiskussionsteilnehmerInnen findet es wichtig, sich an Abstimmungen zu beteiligen. Das Bewusstsein, dass nur durch aktive Teilnahme am politischen Prozess etwas bewegt werden kann, ist klar vorhanden. Es gibt aber auch die Meinung, dass die andern es schon richten werden: "Also ich finde, das Abstimmungs- und Politikzeugs sollen die machen, die eine Ahnung davon haben. Ich stimme jetzt also wirklich nur ab, wenn es mich wirklich brennend interessiert […]. Aber sonst denke ich, das kommt dann schon gut, wie es kommt."

Auch eine mögliche Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre wird thematisiert. Dies aber würde, so findet jemand, bedingen, dass die Themen in der Schule besprochen würden. Überhaupt scheint das Bedürfnis zu bestehen, Politik und politische Systeme besser zu verstehen. Dabei, so lautet die Meinung mehrerer, könnte die Schule eine wichtige Rolle spielen. Es zeigt sich, dass der Mangel an Politikunterricht von den Jugendlichen selbst wahrgenommen wird.

Wenig überraschend bewegen vor allem diejenigen Themen, die die Lebenswelt der Jugendlichen direkt betreffen. Eine Schülerin etwa würde sich wünschen, in der Schule mehr mitbestimmen zu können. Gleichzeitig werden die gegebenen Mitbestimmungsmöglichkeiten nicht immer als reelle Chance bewertet, damit auch tatsächlich etwas verändern zu können. Konkret wurde das Beispiel eines Schülerausschusses angeführt: "Es hat schon immer geheissen, ja, ihr habt die Möglichkeit. Aber wenn es dann schlussendlich drum gegangen ist, war es eben halt meistens so, dass nichts gemacht worden ist."

Von Minderjährigen wird kritisiert, dass sie nicht mitreden könnten, obwohl in erster Linie ihre Generation die Konsequenzen tragen müsste. Sie bewerten die Möglichkeit, am politischen Prozess teilnehmen zu können, als sehr positiv und wünschenswert. Es wird auch angeführt, dass damit eine bestimmte Verantwortung verbunden ist. Ebenfalls geäussert wird Bedauern darüber, dass die Möglichkeiten nicht genutzt werden: "Ist schon schade, wenn man das Recht hat und so ein schönes System hat, dass man das einfach nicht nutzt."

4.5 Medien als Informationsquellen

Die Jugendlichen nutzen die verschiedensten Quellen, um sich über politische Themen zu informieren. Recht beliebt scheinen Zeitungen zu sein; Printprodukte, die sowieso zu Hause herumliegen, aber auch Onlinezeitungen. Auch bestimmte Fernsehsendungen sind eher wichtige Informationsquellen. Regionale Sender allerdings spielen keine Rolle. Hingegen wird das Radio genannt, und zwar sowohl als nationales als auch als regionales Programm. Konsumiert wird Radio von den meisten im Auto.

Erwähnt werden auch spezielle Online-Portale wie Easyvote oder Vimentis. Easyvote wird in einer Klasse auch im Unterricht genutzt und von den SchülernInnen sehr positiv bewertet. Auch die Internetseiten der verschiedenen Parteien werden genutzt, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Soziale Medien spielen zwar eine Rolle als Informationsquellen, dies aber weniger ausgeprägt, als man vermuten könnte. Aufgezählt werden Twitter und Facebook-Gruppen. Und wenn eine Gruppe dann, wie es ein Teilnehmer zusammenfasst, "ein wenig in die gleiche Richtung tendiert, dann kann man die ein wenig liken, sich untereinander etwas austauschen und dann sieht man so ein wenig, worum es geht, was so läuft."

Die Abstimmungsunterlagen, die Gemeinde oder auch Bund verschickt, werden als Informationsquellen eher negativ beurteilt. Wie bereits oben erwähnt, werden sie als unübersichtlich und mühsam empfunden. Allerdings gibt es auch positive Einstellungen diesen Unterlagen gegenüber: "Für die quasi neutrale Meinung ist eben das Büchlein, das man mit den Abstimmungsunterlagen kriegt, noch recht gut, weil das ist eben eigentlich neutral geschrieben."

Was neben den erwähnten Medien im Zusammenhang mit Information eine hervorragende Rolle zu spielen scheint, ist das persönliche Gespräch. Viele der Jugendlichen informieren sich in erster Linie auf diesem Weg. Zu Hause, mit Kollegen und Kolleginnen, in der Schule. Wenn etwas nicht verstanden wird, werden Erklärungen geholt bei Leuten, die die Dinge erklären können.

4.6 Wunsch an Berichterstattung

Die politische Berichterstattung wird von den Jugendlichen als zu polarisierend empfunden. Sie würden sich wünschen, dass die Beiträge in den Medien sachlicher wären, die Politiker weniger polarisierend.

Neben einem sachlicheren Umgang mit politischen Themen haben die Jugendlichen noch weitere Wünsche an die Medien. So sollen etwa Hintergründe und Sachverhalte besser erklärt werden. Objektiv und neutral soll die Berichterstattung sein. Dabei darf sie ruhig auch etwas lockerer daherkommen, zum Beispiel im Stil vom Newsportal Watson. Die Berichterstattung sollte auch optisch ansprechen, visuelle Reize sind gefragt. Und der Schreibstil sollte nicht zu kompliziert sein.

Transparenz ist ebenfalls ein wichtiges Stichwort. In der Wahrnehmung der Jugendlichen werden häufig zu viele Vorkenntnisse verlangt, damit man die politische Berichterstattung überhaupt verstehen kann. Um dem Abhilfe zu schaffen, wird eine kurze Zusammenfassung jeweils am Anfang vorgeschlagen, damit die Leser den Einstieg schneller finden würden.

Überhaupt scheint es ein ausgeprägtes Bedürfnis nach mehr Aufklärung zu geben, gerade auch im Vorfeld von Abstimmungen. So wird bemängelt, dass man den Abstimmungstext jeweils erst mit dem Abstimmungsbüchlein erhalte und vorher fast nirgends lesen könne, worum es wirklich geht. Das führe unter anderem auch dazu, dass man die Meinungen von anderen höre, bevor man überhaupt wisse, worum es geht, "und es ist dann schwierig, sich selbst eine Meinung zu bilden und sich zu interessieren."

5. Fazit

5.1. Interessiert sich die Politik für Jugendliche?

Sowohl die Ergebnisse der Umfrage als auch der Gruppendiskussionen zeigen deutlich auf, dass sich Jugendliche durchaus für Politik interessieren. Allerdings haben die Jugendlichen das Gefühl, dass sich die Politik nicht für sie interessiert. So bemängeln die DiskussionsteilnehmerInnen vor allem die Kommunikation bzw. Information der politischen Welt. Diese sei kompliziert und häufig ohne irgendwelche Aufklärung, die helfen könnte, politische Themen zu verstehen und sich darüber eine eigene Meinung zu bilden. Nicht nur die Kommunikation der politischen Akteure wird als problematisch empfunden, sondern auch die Kommunikation derjenigen, die über Politik informieren. Den Jugendlichen fehlen Identifikationspersönlichkeiten, die die Politik aus Sicht der jungen Menschen vertreten können.

5.2. Politik & Schule

Die DiskussionsteilnehmerInnen finden es wichtig, dass man möglichst früh mit Politik in Berührung kommt. Sonst bleibt die Politik nur denjenigen vorbehalten, die in einer politisch interessierten Familie leben. Dadurch könnten grössere Klüfte entstehen zwischen Schülern/-innen aus sozial schwachen, bildungsfernen und politisch wenig interessierten Elternhäusern und denjenigen, die in einem politisch aktiven Umfeld aufwachsen. In diesem Zusammenhang wird vor allem die Bedeutung der Schule betont. Politische Themen müssten in der Schule stärker integriert sein, damit sich Jugendliche aus allen sozialen Schichten möglichst früh mit Politik beschäftigen können.

Aufgeschlossenheit und Interesse besteht vor allem für politische Themen auf globaler Ebene; die Jugendlichen interessieren sich also für die aktuellen Ereignisse, auch wenn diese andernorts stattfinden. Für die Schulen wäre daher die Thematisierung aktueller internationaler Ereignisse ein günstiger Ansatzpunkt, um das Interesse für Politik generell zu fördern und zu unterstützen.

5.3. Persönlich wird verstanden

Die politische Berichterstattung der Medien sollte neutral sein. Die Jugendlichen wollen sich nicht manipuliert fühlen. Genau das machen die Medien in ihren Augen aber. Transparenz und Objektivität müssen gegeben sein, damit sich junge Menschen über bestimmte politische Themen eine eigene Meinung bilden können. Obwohl die Jugendlichen viel Zeit mit Social Media verbringen, sehen sie darin keine gute Möglichkeit, mit anderen über Politik zu diskutieren. Eine eigene politische Meinung beispielsweise auf Facebook zu posten, würde heissen, "viel Staub aufzuwirbeln" und mit grosser Wahrscheinlichkeit missverstanden zu werden. Aus diesem Grund bevorzugen die Jugendlichen eher den persönlichen Kontakt, wo man die eigene Meinung besser und direkt erklären kann.

Um es auf den Punkt zu bringen: Jugendliche sind politisch, aber die Politik ist zu wenig jugendorientiert. Sie sollte einfacher, neutraler und vielleicht auch etwas weniger trocken daherkommen. Und – so sagen die jungen Menschen – sie wäre im Unterricht sehr willkommen.


Literatur

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HTW (Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur) (2014): Scoop it 2.0. Studie zur Mediennutzung und zur politischen Partizipation von Jugendlichen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein, online unter: http://www.htwchur.ch/uploads/media/Scoopit_Studie_Druckboegen_01.pdf (letzter Zugriff: 21.12.2016).

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Lamnek, Siegfried (2005): Qualitative Sozialforschung. 4. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz.

Mayring, Philipp (2002): Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. 5., überarbeitete und neu ausgestattete Auflage. Weinheim/Basel: Beltz.

Schmidt, Christine (2004): Politisches Interesse von Jugendlichen – Eine Längsschnittuntersuchung zum Einfluss von Eltern, Gleichaltrigen, Massenmedien und Schulunterricht. Wiesbaden: Deutscher Universität-Verlag / GWV Fachverlage.

Strauss, Anselm/Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. (Basics of qualitative research), Weinheim: Beltz.

Strauss, Anselm L. (1991): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. Aus dem Amerikanischen von Astrid Hildenbrand. Mit einem Vorwort von Bruno Hildenbrand. (Übergänge Band 10), München: Wilhelm Fink Verlag.

Vonlanthen, Beat (2007): Zuerst kommt der Fun und dann die Politik. Politik ohne Jugend: Gefahr für die direkte Demokratie? in: Biedermann, Horst/Oser, Fritz/Quesel, Carsten (Hg.): Vom Gelingen und Scheitern Politischer Bildung. Studien und Entwürfe, Zürich: Rüegger, 33–44.

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