Bildung - Politik

1/2014 - Display/Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen kuratorischer und vermittelnder Praxis

Verhaltensweisen und Medien

Änderungen der Habitusformen durch den Gebrauch von neuen Medien in Österreichs Schulen

AutorIn: Ursula Dopplinger

Ursula Dopplinger diskutiert hinsichtlich der Debatten zum Medialen Habitus die Habitus-Konzeption von Norbert Elias und konfrontiert sie dabei mit dem  Einsatz neuer Medien in der konkreten Unterrichtspraxis. Dabei wird deutlich, dass wir es im Bereich der Schule immer mit "Machtbalancen" zu tun haben.

Abstract

Stellt man die Frage, wie sich die Habitusformen jener Personen, die direkt oder indirekt im österreichische Schulwesen involviert sind, durch den Gebrauch von (neuen) Medien geändert haben, müssen im Vorfeld einige theoretische und epistemologische Aspekte aufgezeigt werden. Diese bilden die Grundlage, um darstellen zu können, was für eine zielführende Umsetzung eines Bildungsprozesses in Hinblick auf die Mediendidaktik und der daraus resultierenden Medienkompetenz der Schüler/innen in Österreich notwendig ist. Mit anderen Worten wird der Frage nachgegangen, welche Rolle der Mediale Habitus in den sozialen Feldern des Unterrichts spielt? Normen, die dabei zum Tragen kommen und welche Prozesse durch den Einsatz von neuen Medien im Unterricht hervorgerufenen werden, veranschaulicht dieser Artikel.


1. Einführung und Überblick

Um die Auswirkungen von digitalen Medien im sozialen Umfeld der Schule beschreiben und in weiterer Folge erklären und verstehen zu können, soll zu Beginn der Begriff des sozialen Habitus wie ihn Norbert Elias verwendet, dargestellt werden. Danach erfolgt ein Überblick über die weiteren Aspekte, die sich dieser Thematik zum besseren Verständnis anschließen, um zum Schluss die oben gestellte Frage beantworten zu können.

1.1. Der Begriff des sozialen Habitus bei Norbert Elias

Typische Charakteristika von modernen Gesellschaften sind einerseits viele Handlungsalternativen und andererseits ein breiter Entscheidungsspielraum. Um aber die gewünschten und individuellen Fähigkeiten entfalten zu können, gibt es nur wenige Möglichkeiten des einzelnen Individuums. Dies zeigt sich u. a. im Missverhältnis zwischen dem, was Kinder gerne machen und dem, was die Gesellschaft an spezialisierten Funktionen braucht. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, in der Gesellschaft eine unausgewogene Balance zwischen individuellen Wünschen und gesellschaftlichen Anforderungen vorzufinden. Das führt wiederum zu Spannungen, da die grundsätzliche Haltung der Heranwachsenden und die Erwartungen an die Erwachsenen auseinanderdriften. Kurz gesagt heißt das, dass die Zivilisierung der jungen Menschen immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. (vgl. Elias 1997)

Mit den Worten von Norbert Elias spiegelt sich der Begriff des Habitus in den "Wandlungen der Wir-Ich-Balance" wider. Es kommt zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Betonung von der "Wir-Identität" zur "Ich-Identität", es verlagert sich also die Betonung des Sozialen gegenüber dem Individuellen.

"Bei jedem Übergang von einer weniger Menschen umfassenden, weniger differenzierten und komplexen zu einer mehr Menschen umfassenden und komplexeren Form der vorherrschenden Überlebensorganisation verändert sich die Stellung der einzelnen Menschen im Verhältnis zu der sozialen Einheit, die sie miteinander bilden – also abgekürzt ausgedrückt: das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft – in charakteristischer Weise." (Elias 1987: 224f)

Wenn nun die beiden Begriffe gegensätzlich verwendet werden, kann dies in die Irre führen. Daher verwendet Norbert Elias den Begriff des "sozialen Habitus". Dieser "bildet gewissermaßen den Mutterboden, aus dem diejenigen persönlichen Merkmale herauswachsen, durch die sich ein einzelner Mensch von anderen Mitgliedern seiner Gesellschaft unterscheidet." (Elias, N. 1987: 244)

So kann gesagt werden, dass die "Ich-Wir-Identität" einen wesentlichen Bestandteil des sozialen Habitus eines Menschen bildet. Die Heranwachsenden müssen somit erst ihre Stellung auf individueller und sozialer Ebene finden, was kurz mit der folgenden Fragen ausgedrückt werden kann: "Wer bin ich?" und "Wo gehe ich hin?". Die digitalen Medien, die jedem Kind schon von frühestem Alter zu Verfügung stehen, sind in einer Ambivalenz der "Ich-Wir-Identität" angesiedelt, tragen sie doch dazu bei, den individuellen Anforderungen und Wünschen im Spiel bei gleichzeitiger Generalisierung und Standardisierung der Nutzungsbedingungen eher zu entsprechen. Den Fragen "Wer bin ich?" und "Wo gehe ich hin?" kann daher alleine angesichts der digitalen Medien nicht auf den Grund gegangen werden. Es bedarf daher weiterer Aspekte um dieser Thematik, die einiges an Ambivalenz in sich birgt, auf den Grund gehen zu können.

1.2. Überblick

Die Schule ist eine sehr große Organisation, die nicht nur von vielen Interessensgemeinschaften beeinflusst wird, sie ist auch ein Stück weit Ideologien und Machtbestrebungen ausgesetzt. Darüber hinaus spiegelt sie die Zielsetzungen einer sich ständig wandelnden Gesellschaft wider. Es ist daher notwendig, Aspekte der Organisationssoziologie, der Prozesstheorie von Norbert Elias , sowie mikro- und makropolitische Prozesse und auch einen kurzen Exkurs in die Geschichte anzuführen, bevor die Frage nach der Rolle des Medialen Habitus in den sozialen Feldern des Unterrichts beantwortet werden kann.

2. Die Organisation Schule

Erst wenn man sich vor Augen hält, wie weit verzweigt die Organisation Schule ist und wie vielfältig der Einfluss auf diese Organisation ist, kann man verstehen, dass eine Umstrukturierung und größere Reformen durch einen Alleingang – zum Beispiel des Ministerrates – nicht nachhaltig durchgeführt werden können. Umgekehrt kann aber auch gesagt werden, dass jedes Verhalten, das aus den vorgegebenen Handlungsspielräumen innerhalb einer Organisation zu begründen ist, aus einer mehr oder weniger großen Motivation entspringt. Darüber hinaus liefert Norbert Elias mit seiner Prozesstheorie einen sehr fundamentalen Erklärungsansatz für den Antrieb eines normierten Verhaltens innerhalb einer Organisation, wie zum Beispiel die Sozialdisziplinierung im Schulwesen, weshalb diese Theorie genauer beschrieben wird.

Organisationen sind soziale Gebilde, die ihre Existenz und auch die Form ihrer inneren Struktur aus den umgebenden sozialen Systemen, die auch Normen vorgeben, ableiten. Wie später noch gezeigt wird, ist die Schule eine Organisation, die sehr weitreichend von ihrer sozialen Umgebung abhängig ist. Die Mitglieder der Organisation Schule sind nämlich auch Mitglieder der umgebenden sozialen Systeme und damit in ihre Normen und Werte eingebettet. Daher kommt ganz besonders im Schulwesen dem Verhältnis von Organisation und einer sich verändernden sozialen Umwelt eine sehr große Bedeutung zu. Es ist daher auch notwendig, dass jede Organisationsanalyse ihren beforschten Gegenstand in seinen Beziehungen zu den anderen Gebilden der sozialen Umwelt betrachtet. In der Grundschule sind das zum Beispiel die Gemeinden, die Schulerhalter sind, und damit die finanziellen, räumlichen und ausstattungsmäßigen Strukturen der Organisation leiten. Genauso gehören die Familien, die ihre Kinder in die Schule bringen, zum sozialen Umfeld. Zusätzlich üben Vereine, Firmen und dgl. einen weiteren Einfluss auf die Organisation Schule aus.

Aufgrund dieser vielfältigen Einflussfaktoren ist auch in diesem Zusammenhang dem Veränderungsprozess, dem die Schule vor allem im Bereich der Medienbildung unterliegt, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Umgekehrt haben Organisationen ganz allgemein gesprochen auch einen enormen Einfluss auf jedes Individuum, was besonders für die Schule zutrifft. Eine Änderung in der Struktur der Organisation nimmt auch Einfluss auf das Individuum. Dies muss aber nicht nur positiv gesehen werden, wenn man bedenkt, dass Organisationen aufgrund ihrer sozialen Macht ein Diktat ausüben, dem sich Individuen nicht oder nur sehr schwer widersetzen können. Es gilt also, sich dessen bewusst zu sein, dass Organisationen und Individuen im gegenseitigen Einfluss stehen, im positiven wie im negativen Sinn. Was das konkret bedeutet, soll durch die Organisationstheorie veranschaulicht werden.

3. Organisationssoziologie

Ganz allgemein ist die Zielsetzung einer Organisation unabhängig von einzelnen Mitgliedern festgelegt und teilweise auch in Dokumenten als Regelwerk bzw. als Gesetze nachzulesen, wie dies beim Schulorganisationsgesetz und dem Lehrplan der Fall ist. Zusätzlich werden die koordinierten Handlungen der Organisationsmitglieder beobachtet und analysiert, wobei die Mitglieder Normen, Regeln und Routinen unterworfen sind, die das Handeln in bestimmte Bahnen lenkt. Zwei Prämissen im Sinne des Rational-Choice-Ansatzes können unter diesen Aspekten zu einer verhaltensorientierten Analyse führen: "1. Handlungen werden ausgewählt durch die Bewertung ihrer wahrscheinlichen Folgen für die Präferenzen des Akteurs. 2. Handlungen werden ausgewählt durch die Wahrnehmung einer vertrauten, regelmäßig erlebten typischen Situation und durch den Abgleich der wahrgenommenen Situation mit einer Menge von Regeln." (Miebach 2007: 22) Die angeführte erste Bedingung spricht von einer individuellen Nutzenkalkulation mit einem sozialen Kontext. Individuen handeln gemäß der zweiten Bedingung aufgrund mangelnder Informationen, die sie über künftige Ereignisse nicht haben können und daher ihre Erwartungen von Unsicherheit umgeben sind. Unsicherheit beeinflusst wiederum die Motivation. Handlungsalternativen, die aufgrund von Regeln entstehen, stellen eine Auswahl von vertrauten, bereits erlebten Situationen bereit, was zu einer erwünschten Komplexitätsreduktion führt. "Die Entscheidung der Mitarbeiter zur Mitwirkung (participation) hängt wesentlich von der Zufriedenheit der Mitarbeiter ab. Mitarbeiter sind zufrieden, wenn die erhaltenen Anreize (inducements) größer sind als die Beiträge (contributions), die das Individuum leisten muss. Die Anreiz-Beitrags-Bilanz muss also für den Mitarbeiter positiv sein, um weiter aktiv mitzuarbeiten." (Miebach 2007: 23) Anders ausgedrückt geht es um den Mehrwert einer Handlung, der sich – wie in unserem Fall - für die Mitglieder der Organisation Schule einstellen soll, wenn diese die erwünschten Aktivitäten ausführen. Das trifft besonders auf Verhaltensänderungen aufgrund von neuen Medien wie das Smartphone oder Tablett zu. Was aber noch hinter diesem Zitat steht, ist die Theorie der Organisation als System, weshalb diese näher beschrieben wird.

4. Organisation als System

Sieht man Schulen als soziale Einheit mit klaren Regeln und Normen, erfüllen sie eine gesellschaftliche Funktion, in der Handlungen vieler Akteure koordiniert werden. Durch diese Normen und Regeln entsteht eine Komplexitätsreduktion, was den Mitgliedern Sicherheit und der Organisation einen Ordnungsrahmen verleiht. Dieser Rahmen unterliegt jedoch einem Prozess, der immer wieder auf das Neue erarbeitet und realisiert werden muss. Augenscheinlich wird dies beim Einsatz von neuen Medien im Unterricht. Sowohl Reformen als auch eine Statik in einem System sind gleichermaßen erklärungsbedürftig. Beispiele aus dem Schulsystem sind einerseits die reformpädagogischen Ansätze und didaktische Neuerungen, die es im Laufe der Geschichte schon häufig gegeben hat und andererseits gewerkschaftliche Maßnahmen gegenüber dienstrechtlichen Neuerungen. Als Konsequenz können Organisationen gleichermaßen als Handlungs- und Kommunikationssystem verstanden werden. Die Steuerung der Organisation funktioniert über Kommunikationswege, denen ein Programm zugrunde liegt, das von handelnden Personen ausgeführt wird. Handlungen der Organisation sind demnach als eine Reihe von Interaktionen zwischen Individuen zu verstehen. Gemäß Niklas Luhmann (vgl. Luhmann 1984) ist Kommunikation eine Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen. Da in einer Organisation zuerst kommuniziert werden muss, damit eine Koordination der Akteure und ihrer Aktionen möglich ist, wird in einer Organisation das Kommunikationssystem zum primären Faktor.

Hierarchien zeigen Kommunikationswege einer Organisation auf und machen dadurch auch Entscheidungen anschlussfähig. Es können Subsysteme entstehen, die in festgesetzten Beziehungen zueinander stehen und über das übergeordnete System erreichbar sind. Im Schulsystem reichen die Beispiele von den Klassengemeinschaften über die Lehrkräfte der einzelnen Schulen und den Bezirks- und Landesschulräten bis zu den Mitgliedern des Unterrichtsministeriums. Immer ist dabei eine klare Struktur und Hierarchie in den Instanzen festgelegt. Dadurch wird u. a. sichergestellt, dass nicht nur Entscheidungen getroffen werden, sondern auch Konflikte gelöst werden können. Das heißt, dass es keine Entscheidung ohne Alternativen geben kann und jede Entscheidung auch kontingent ist. Das bedeutet, dass sich die Schaffung von Handlungsalternativen in jedem Fall positiv auswirken kann, weil sie einerseits eine Komplexitäts- und damit auch Unsicherheitsreduktion darstellt und andererseits zu Anschlusshandlungen motivieren kann, was im Sinne des eigenverantwortlichen Arbeitens sehr erwünscht ist. Dies gilt gleichermaßen für LehrerInnen und SchülerInnen.

Organisationen unterliegen auch einem Programm von Erwartungen, die soziales Verhalten in die Form der Entscheidung zwingen. Das heißt, dass ein Programm "jede einzelne Entscheidung im Kontext anderer Entscheidungen auf den Unterschied beobachtet, den sie macht (oder nicht macht)". (Baecker 1999: 151) Mit anderen Worten beinhalten Handlungsspielräume in Organisationen Entscheidungen, die Produkt früherer Handlungen sind und in der Regel auch begrenzt sind, sie können aber auch strukturelle Zwänge ausblenden, was Akteure wiederum zu motivieren scheint. Es liegt daher auf der Hand, dass unter dieser Perspektive Handlungen einem Prozess unterworfen sind, weshalb es notwendig ist, diesen Begriff näher zu erörtern.

5. Norbert Elias – seine Prozesstheorie

Veränderungen von gesellschaftlichen Verhaltensweisen unterliegen einem langfristigen Prozess. Mit seiner Prozesstheorie zeigt Norbert Elias auf, dass langfristige Veränderungen im Verhalten einzelner Menschen ihre Antriebe aus der Konkurrenz interdependenter Menschen um Macht erhalten. Dies gilt sowohl für gesellschaftliche Figurationen als auch für Menschengruppen. Elias sagt dazu: "Die Angst vor dem Verlust oder auch nur vor der Minderung des gesellschaftlichen Prestiges ist einer der stärksten Motoren zu Umwandlung von Fremdzwängen in Selbstzwänge." (Elias 1997: 377) Mit Figurationen meint Elias Beziehungsgeflechte von Menschen, die durch die wachsende gegenseitige Abhängigkeit der Menschen verbunden mit den neuen Medien immer komplexer werden. Diese Abhängigkeiten werden auch Interdependenzen genannt. In seiner Prozesstheorie verdeutlicht er, dass soziale Prozesse Figurationen darstellen, die vor allem langfristig zu verstehen sind. "Das Geflecht der Angewiesenheiten von Menschen aufeinander, ihre Interdependenzen, sind das, was sie aneinander bindet. Sie sind das Kernstück dessen, was hier als Figuration bezeichnet wird, als Figurationen aufeinander ausgerichteter, voneinander abhängiger Menschen. Da Menschen erst von Natur, dann durch gesellschaftliches Lernen, durch ihre Erziehung, durch Sozialisierung, durch sozial erweckte Bedürfnisse gegenseitig voneinander mehr oder weniger abhängig sind, kommen Menschen, wenn man es einmal so ausdrücken darf, nur als Pluralitäten, nur als Figurationen vor." (Elias 1997: 70) Wie zum Beispiel das Handeln einer Familie ausgerichtet ist, hängt auch sehr stark von den Generationen davor ab. Der Grundgedanke dieser Figurationen in der Prozesstheorie ist demnach, dass Menschen nicht völlig autonom aber auch nicht völlig abhängig handeln. Sie beeinflussen sich gegenseitig und stehen damit in wechselseitiger Abhängigkeit, was in weiterer Folge zum Begriff der Machtbalance führt. "In den kontinuierlichen Macht- und Konkurrenzkämpfen unter den Menschen sind die Chancen nicht immer gleich verteilt: wer heute relativ machtlos ist, kann morgen schon relativ mächtig sein bzw. einen Machtzuwachs erfahren haben und dadurch die Machtbalance zu seinen oder ihren Gunsten verändern." (Treibel 2006: 202)

Grundsätzlich ist Norbert Elias der Meinung, dass Individuen nicht Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse sind, weil sie wie schon erwähnt auch bis zu einem gewissen Grad autonom sind, jedoch nicht völlig. Somit geht er von einem dynamischen Machtbegriff aus, in dem es um eine monopolartige Kontrolle von Ressourcen geht. Das heißt, dass Macht nicht automatisch und zwingend gleich einer statischen Notwendigkeit vorhanden ist. Sie entwickelt sich vielmehr, denn letztlich sind die Machtinhaber in ihrer Machtausübung, als auch in der Kontrolle der Ressourcen, die vor allem sozial und nicht materiell zu verstehen sind, abhängig vom Verhalten ihrer Untergebenen. Daher kann es keine einseitigen Abhängigkeiten geben. Es entwickelt sich vielmehr immer eine Machtbalance, die der Kern zwischenmenschlicher Beziehungen ist. Das Zusammenleben der Menschen wird darum auf Mikro- und Makroebene immer einem Wandel unterworfen sein, der eine ungeplante und nicht vorhersagbare Richtung einnehmen kann. Diesen unbeabsichtigten Folgen menschlichen Handelns misst Elias große Bedeutung zu. "Die in einer Figuration miteinander verflochtenen Individuen bringen zwar soziale Entwicklungen in Gang, durchschauen diese aber nicht immer und können diese auch nicht kontrollieren; der Gang der Ereignisse entgleitet ihnen." (Treibel 2006: 203) Genau dieses Phänomen kann im Bildungswesen immer wieder beobachtet werden. Interessant dabei ist aber auch, dass Elias in diesem Zusammenhang zu der Erkenntnis kommt, dass soziale und politische Probleme sowohl durch eine Veränderung der Machtbalance wie durch deren Verhinderung entstehen können. In jedem Fall steckt aber eine Aktivität dahinter, die der momentanen bzw. intendierten Strömung entgegenwirkt.

6. Mikropolitische Prozesse

Die Schule kann auch als Sozialordnung mit klaren Wertvorstellungen und Normen, innerhalb der sich der überwiegende Teil der Habitusformen abspielt, beschrieben werden und die durch deren Mitglieder ausgehandelt werden. Dies kann explizit oder auch implizit geschehen, wobei sich unter den beteiligten Personen Gruppen und Koalitionen bilden. Durch die unterschiedlichen Interessen und/oder Ressourcen können sogenannte Machtspiele entstehen, die keineswegs nur durch ökonomische und technische Prozesse beeinflusst werden. Damit ist gemeint, dass soziale Ordnung in Organisationen von interagierenden Mitgliedern in stummen Aushandlungen bzw. stillschweigender Übereinkunft oder durch explizite Verhandlungen produziert und transformiert werden kann. Drei grundlegende Sachverhalte nehmen Einfluss auf diese soziale Ordnung. Erstens stehen die Mitglieder einer Organisation, wie zum Beispiel die Schulpartner, in wechselseitiger Abhängigkeit bei gleichzeitigen pluralen und teils gegensätzlichen Interessen. Zweitens hat jede Organisation eine Ungewissheitsquelle und wer diese kontrollieren kann, besitzt auch die Macht über die anderen Organisationsmitglieder. Drittens – und das gilt vor allem für das Bildungssystem – kann es nur einen unvollständigen Arbeitsvertrag geben, weil er nur die Zahlung genau regelt, nicht aber die Arbeitsleistung, da dies bis ins Detail nicht möglich ist, wenn man die Vor- und Nachbereitungszeit der Schulstunden bedenkt oder Besprechungen aller Art innerhalb der Kollegenschaft bzw. mit den Eltern der SchülerInnen etc. (vgl. Müller/Jentsch 2003).

7. Mikro- vs. Makropolitische Prozesse

James Coleman zeigt bei der Erklärung des Verhaltens sozialer Systeme einen wichtigen Umstand auf: Wenn ein bestimmter Eingriff die Systemebene beeinflussen soll, müssen die Änderungen auf einer tieferen Ebene als die zu beeinflussende Ebene ansetzen, weil erst dann Konsequenzen für das System entstehen (vgl. Coleman 1991). In weiterer Folge können Erklärungen in Bezug auf das Systemverhalten primär durch die Darstellung von Handlungen und Einstellungen zielführender sein, als wenn allgemeine Erklärungen über gewisse Systeme erfolgen. "Eine Erklärung von Systemverhalten aufgrund innerer Analyse von Handlungen und Einstellungen tieferer Ebenen ist wahrscheinlich stabiler und allgemeiner als eine Erklärung, die auf der Systemebene stehen bleibt. Da das Systemverhalten aus den Handlungen seiner Bestandteile hervorgeht, kann man erwarten, dass die Kenntnis der Verknüpfung dieser Bestandteile zu einem Systemverhalten eine größere Vorhersagbarkeit garantiert als eine Erklärung, die sich auf statistische Beziehungen der Oberflächeneigenschaften des Systems stützt." (Coleman 1991: 4) James Coleman bringt damit die Struktur von zwei Übergangstypen zur Sprache von denen schon Norbert Elias gesprochen hat, nämlich von der Makro- zur Mikro- und von der Mikro- zur Makroebene. So weist Coleman in der Handlungstheorie der Individualebene zusätzlich darauf hin, "dass Individuen dazu neigen, sich systematisch so zu verhalten, dass sie die Ergebnisse ihrer Handlungen weniger gut bewerten als Ergebnisse, die durch andere Handlungen hervorgerufen worden wären. Zu diesen systematischen Verzerrungen gehört die Überschätzung von Wahrscheinlichkeiten unwahrscheinlicher Ereignisse. Oder es kommt vor, dass man sich in der Einschätzung einer Situation, in der eine bestimmte Wahl getroffen werden muss, (und damit auch bei der Wahl selber) von Elementen der Situationsbeschreibung beeinflussen lässt, die für das Ergebnis irrelevant sind." (Coleman 1991: 18)

Mit anderen Worten lässt sich die Interdependenz von Handlungen auch durch kollektive oder soziale Entscheidungen ausdrücken bzw. erklären. Beim Bildungssystem zum Beispiel werden Informationen wie in jedem großen System primär über Medien wie das Internet vermittelt. Jene Personen, die diese Information verbreiten sind aber innerhalb des Systems selbst Akteure mit eigenen Interessen. Daraus kann geschlossen werden, dass sowohl der Umfang als auch die Art der Information, die anderen Akteuren zugänglich gemacht werden, beeinflusst sind. In weiterer Folge werden diese Informationen durch unterschiedliche Kommunikationsstrukturen verändert. Somit lässt sich ein Schwanken von Informationen von der Makroebene zur individuellen Ebene orten. Daraus ergibt sich folgende Situation: Institutionen, wie das Bildungssystem erfüllen in einer Gesellschaft eine bestimmte Funktion, nämlich bis zu einem gewissen Grad das Regeln des Zusammenlebens der Generationen und vor allem die Vermittlung von bestimmten Fähigkeiten und Kenntnissen sowie die Orientierung des Handelns an übergeordneten gesellschaftlichen Wertmaßstäben, womit das soziale Handeln und im Bildungssystem der Erwerb von Schlüsselkompetenzen gemeint ist. Allein daraus wird ersichtlich, dass jede Informationsweitergabe einer sehr komplexen Struktur unterworfen ist. Diese Komplexität impliziert bei Reformen wiederum ganz besonders drei Aspekte.

7.1. Der Innovationsaspekt

Projekte und Überlegungen zu Reformen stellen einen Innovationsprozess dar, der allein durch die dazu notwendigen Interaktionen sehr labil und störanfällig ist. Während solcher innovativen Prozesse herrscht meist implizit eine Verunsicherung vor. Daraus folgt, dass bei Innovationsprojekten die TeilnehmerInnen möglichst wenig mit Störungen konfrontiert werden sollten. Jede Art der Abweichung vom ursprünglichen Projektplan löst Irritationen und Verunsicherungen unter den TeilnehmerInnen aus, die einen positiven Verlauf des Projektes gefährden und auch kontraproduktiv wirken können. Vor allem bei auftretenden Irritationen zeigt sich daher auch die große Notwendigkeit einer kompetenten Projektleitung.

7.2. Das Streben nach Komplexitätsreduktion

Menschen sind grundsätzlich – aber besonders bei Innovationsprozessen – bestrebt, die Komplexität, die durch das Neue hervorgerufen wird, zu reduzieren. Ein komplexer Ablauf kann schnell zu einer Überforderung führen. Das gilt auch für die Anzahl der TeilnehmerInnen. Das heißt, dass zum Beispiel sowohl die Struktur eines Projektes für alle TeilnehmerInnen verständlich sein muss, als auch die Anzahl der involvierten Personen selbst vor allem in der Pilotphase eines Projektes überschaubar und daher limitiert sein muss. Zu viele TeilnehmerInnen mit zu vielen verschiedenen Aufgaben wirken sich kontraproduktiv auf den Projektverlauf aus. Dazu sei folgende Frage in den Raum gestellt: Wie viele Lehrkräfte sind bei der Einführung von Laptopklassen oder Smartboards involviert und wie sieht das bei der Gestaltung von Videospielprojekten im außerschulischen Bereich aus?

8. Exkurs in die Geschichte

Unter der Perspektive der Strukturen der menschlichen Geschichte, von denen Norbert Elias spricht, werden die Probleme bei Reformversuchen im Bildungssystem verständlich: Konflikte konnten einerseits immer nur in kleinen Schritten gelöst werden und andererseits erst dann, wenn es dazu eine Notwendigkeit, die meist einen politischen Hintergrund aufwies, gab. Es liegt wohl in der Natur von auftretenden Irritationen und Verunsicherungen, wie sie zum Beispiel durch die Suche, welche Inhalte in welcher Form in der Medienbildung vermittelt werden sollen, hervorgerufen werden, dass sie weder linear noch gleichförmig verlaufen. Zu vielen verschiedenen beeinflussenden Faktoren unterliegen die Ursachen der Probleme, als dass man von klar strukturierten und nachhaltigen Lösungsansätzen sprechen könnte. Konflikte sind nicht nur in der Medienbildung, sondern im gesamten Schulbereich, wie uns die Geschichte des Bildungssystems in Österreich zeigt, an der Tagesordnung. Die Vergangenheit lehrt uns aber auch, dass im Bildungswesen bei Reformen zum überwiegenden Teil zu viele Akteure mitreden und auch beeinflussen dürfen, die weder unmittelbar in das Bildungswesen involviert sind, noch ausreichende Kenntnisse einerseits über die Bedürfnisse von Heranwachsenden und andererseits über die Bedürfnisse des Lehrpersonals haben. Vielmehr geht es diesen Akteuren zumeist eher um die Durchsetzung der eigenen Interessen, die sowohl kurzfristiger als auch langfristiger Natur sein können. Damit aber das Bildungssystem mit seinen Verantwortlichen trotzdem handlungsfähig bleiben kann, ist eine Durchsetzungskraft bestimmter Einflussnehmer auf das Bildungswesen notwendig. Damit kommt aber auch eine sehr relevante Norm im Bildungswesen, nämlich die der Machtausübung, zum Tragen.

8.1. Macht: top down vs bottom up

Um mit Norbert Elias einen Überblick über den Machtbegriff zu geben: "Macht eines anderen ist etwas, das man fürchtet: Er kann uns zwingen, etwas zu tun, ob wir es wollen oder nicht. Macht ist suspekt: Menschen gebrauchen ihre Macht, um andere für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Macht erscheint als unethisch: Jeder Mensch sollte in der Lage sein, alle Entscheidungen für sich selbst zu treffen. […] Man sagt, jemand 'hat' Macht und lässt es dabei bewenden, obwohl der Wortgebrauch, der Macht als ein Ding erscheinen lässt, in eine Sackgasse führt. Machtprobleme lassen sich nur der Lösung näher bringen, wenn man unter Macht unzweideutig die Struktureigentümlichkeit einer Beziehung versteht, die allgegenwärtig und die – als Struktureigentümlichkeit – weder gut noch schlecht ist. Sie kann beides sein. Wir hängen von anderen ab, andere hängen von uns ab. Insofern als wir mehr von anderen abhängen als sie von uns, mehr auf andere angewiesen sind als sie auf uns, haben sie Macht über uns, ob wir nun durch nackte Gewalt von ihnen abhängig geworden sind oder durch unsere Liebe oder durch unser Bedürfnis, geliebt zu werden, durch unser Bedürfnis nach Geld, Gesundung, Status, Karriere und Abwechslung." (Elias 1970/2009: 97) Der springende Punkt dabei ist, dass Norbert Elias Macht nicht als einen Zustand sieht, sondern als einen Beziehungsbegriff. Macht entsteht, wenn die Balance der Beziehung – durch welchen Grund auch immer – ins Wanken gerät. Daher spricht Elias auch von der Machtbalance. Ich möchte nun diese theoretische Abhandlung auf die Beziehung der Schulbehörden zur Lehrerschaft übertragen: Auch hier ist erkennbar, dass die Macht der Schulbehörden nicht auf einem Status beruht, sondern dass diese durch Beziehungen lebt. Sie lebt aus vielerlei Hinsicht, nämlich weil die Lehrkräfte das Bedürfnis nach Geld und – wenngleich in ihrer Minderheit, aber dennoch – nach Karriere haben. Sie lebt, weil ein moderner Staat und die darin lebenden Gesellschaften und Organisationen darauf angewiesen sind, dass der Nachwuchs gut ausgebildet wird. Sie lebt, weil Eltern ihre Kinder lieben und ihnen eine bestmögliche Ausbildung angedeihen lassen wollen. Gerade auf der Ebene des Bildungswesens sind die Figurationen enorm. Je differenzierter aber ein System ist, desto zentraler ist meistens die Leitung bzw. die Steuerungsgruppe dieses Systems. Im Bildungswesen gibt es aber nicht nur eine sehr hohe innere Differenzierung, die Steuerungsgruppe selbst ist in einem sehr hohen Maß differenziert. Im Österreichischen Pflichtschulwesen gibt es für jede Schule bzw. in sehr kleinen Volksschulen für jeden Schulverband eine Direktion, dann kommen die Instanzen der Bezirksschulräte, danach der Landesschulräte und schließlich noch das Ministerium. Es ist daher nicht verwunderlich, dass aufgrund dieser stark abgestuften Hierarchien es auch vielfältige Machtbeziehungen gibt.

9. Und was hat das mit medienpädagogischen Verhaltensweisen zu tun?

Um gleich mit einer Habitusform zu beginnen: Lernen braucht u. a. eine Gemeinschaft. Aus ihr entspringt die Motivation, die Welt begreifen und verstehen zu wollen und aus ihr ergibt sich die Notwendigkeit einer sozialen Struktur mit einer Regelung der Hierarchie und damit auch der Machtverhältnisse. Diese Gemeinschaft ermöglicht es jedoch auch, eine eigene Identität zu entwickeln. Ohne Partizipation in einer Gemeinschaft ist es den Heranwachsenden nicht möglich, eine Basis für die eigene Identität zu finden, weil das Feedback der Umwelt, die Resonanz und die Eingliederungsmöglichkeiten fehlen. Auch hier wird daher das Ineinandergreifen der verschiedenen sozialen Ebenen ersichtlich. Individuen und Gemeinschaften konstituieren somit einander.

Was allerdings beim Prozess des Lernens eher übersehen wird, weil es befremdend auf Lehrkräfte wirken kann, ist die "Peripherikalität", womit eine spezifische Zurückgezogenheit gemeint ist. Konkret geht es dabei um folgendes: "Lernenden muss gestattet sein, zumindest temporär eine periphere Rolle einzunehmen, eine Position, die sich durch 'Zurückgenommenheit vom Handlungsdruck' auszeichnet und dadurch eine 'kognitive und emotionale Distanz zur Unmittelbarkeit der Praxis' (Clases et. al. 1996: 239) ermöglicht. Damit Lernen geschieht und sich entfalten kann, müssen der Zugang zum Praxisfeld und die spezifische Zurückgezogenheit (Peripherikalität) legitimiert und anerkannt sein." (Altrichter 2007: 333) Durch die Möglichkeit der genauen Dokumentation der Aktivitäten zum Beispiel auf einer Lernplattform oder im Social Network wie zum Beispiel Facebook kann es zu einem impliziten Druck kommen, wenn sich Kinder nicht täglich auf der Plattform nach Neuigkeiten erkundigen bzw. sich nicht in den Foren beteiligen wollen. Bleibt die Frage offen, ob dieser Druck ein motivierender oder ein destruktiver Druck ist?

Die Möglichkeiten, die sich mit digitalen Medien eröffnen, sind aber vor allem auf der Gemeinschaftsebene bedeutend vielfältiger. Wie, in welchem Ausmaß, was und mit welcher Intensität und Nachhaltigkeit im kognitiven wie im sozialen Bereich gelernt wird, ist maßgeblich von der Gemeinschaft beeinflusst. "Eine Praxisgemeinschaft ist eine intrinsische Bedingung für Existenz von Wissen, weil sie den Interpretationshintergrund bietet, der nötig ist, um ihr Erbe zu verstehen. Daher stellt die Partizipation in einer kulturellen Praxis, in der jegliches Wissen existiert, ein epistemologisches Prinzip des Lernens dar." (Lave/Wenger 1991:98)

Wenn man sich nun in die Lage der SchülerInnen versetzt – und das ist jedem Lehrer und jeder Lehrerin zu raten –, kann gesagt werden, dass SchülerInnen nur auf der Basis ihres Erfahrungsfeldes lernen können. Ausgebaut wird dieses Erfahrungsfeld dann durch begleitende Denkprozesse, die sehr individuell ausfallen können. Daher beruht alles Wissen bis zu einem gewissen Grad auf einer individuellen Konstruktion der einzelnen SchülerInnen, die dieses Wissen reflektiert haben. Diese Konstruktion ist aber sozusagen ein notwendiger Akt, um überhaupt zu einem Wissen zu kommen, wobei mit Wissen hier nicht nur ein kognitives, lexikalisches Wissen gemeint ist – das ist der geringste Teil –, sondern vielmehr der Ausbau der Erfahrungswelt der SchülerInnen und in diese fällt auch die Implementierung von Laptops, Smartboards oder Tabletts und dgl. Das wiederum impliziert somit Herausforderungen in Form von gezielten Problemstellungen, mit denen die Heranwachsenden konfrontiert werden, um nach deren Lösungen suchen zu können. Ein solcher Problemlösungsprozess schließt aber auch den Umgang mit dem Scheitern ein, was LehrerInnen und SchülerInnen gleichermaßen betrifft.

"Anselm Eder, der soziologisch differenziertere Analysen liefert, betont die Angst vor dem Scheitern, die sich dann im Ergebnis als berechtigt erfüllt – verunmöglicht eine echte Problemlösung. Er konzediert aber: Die adäquate Problemlösung ist erst durch (vorübergehendes) Scheitern möglich, denn nur damit kann man das Problem erkennen." (Presch 2007: 3) Eder meint damit, dass eine Fehlertoleranz wichtig ist, weil Kinder zuerst immer mögliche Problemlösungswege probieren und dabei auch Fehler machen, was auch positiv gesehen werden sollte. Der Computer und ähnliche digitale Medien erfreuen sich genau deshalb großer Beliebtheit, weil der Computer unmittelbar Feedback gibt und es bei auftretenden Fehlern die Möglichkeit der sofortigen Wiederholung und Neubearbeitung gibt. Ohne digitale Medien wird erst durch die Reaktion der Erwachsenen ein Fehler als schuldhaftes Verhalten von den Kindern interpretiert. Dabei findet gerade durch das Scheitern ein Lern- und Entwicklungsprozess statt bzw. wird er dadurch in Gang gesetzt, was wiederum LehrerInnen wie SchülerInnen gleichermaßen betrifft. Was im Scheitern oder Fehler machen noch implizit vorhanden sein sollte, ist die Betonung der Individualität von Bildung, was bedeutend für das Selbstbewusstsein der LehrerInnen ist. So verrichten Lehrpersonen nicht bloß eine Dienstleistung, ihre Lehrverpflichtung basiert vor allem auf dem ethischen Prinzip, dass es bei der Erziehung auf alle Beteiligten selbst sowohl in ihrem Tun als auch in ihrem Denken ankommt.

Wenn also Lehrpersonen sich überdurchschnittlich für eine Sache interessieren und einsetzen, dann kommt meist neben dem kognitiven, pädagogischen und didaktischen auch ein jeweils subjektiver bzw. individueller Mehrwert zum Tragen. Angesichts dieser entstehenden Prozesse stellt sich die Frage, wie weit man beim Einsatz von digitalen Medien dann überhaupt noch von einer unreflektierten Sozialdisziplinierung sprechen kann. Oder anders ausgedrückt könnte durch die Vergegenwärtigung von medienpädagogischen Verhaltensweisen gesagt werden, dass ein maßgeblicher gesellschaftlicher Habitus darin besteht, sich bereits verankerten Regeln und Normen zu widersetzen, denn nur dadurch kann Entwicklung stattfinden – und das zeigt uns die Geschichte.

Bleibt noch die Frage offen, welche Rolle der Mediale Habitus in den sozialen Feldern des Unterrichts spielt?

In kaum einem anderen Feld wird die Ambivalenz der heutigen Gesellschaft in Bezug auf die Mediennutzung sichtbarer als im schulischen Umfeld. Über die digitalen Medien wurde die hierarchische Kontrolle, die Generierung von LehrerInnen- und SchülerInnendaten einfacher und Veränderungen dadurch in einem zeitlich kürzeren Zeitraum möglich – sollte man meinen. Tatsächlich kann aber über diese Medien auch zeitlich ebenso schnell eine Meinungsbildung sowohl unter Lehrpersonen als auch unter SchülerInnen erfolgen. Das heißt, dass auf jeder Ebene im Schulsystem nicht nur eine Individualisierung der Lehr- und Lernwege erfolgt, es ist einerseits auch eine Solidarisierung über die sozialen Netzwerke möglich wie andererseits eine zunehmende Kontrolle durch die Schulbehörde. Die Wir-Ich-Balance, die im sozialen Habitus aufgrund der digitalen Medien eher aus der Balance gekommen ist, erfährt bei Irritationen und Unsicherheiten insofern einen Ausgleich, als sich auf jeder Ebene in diesen sozialen Netzwerken Peer-Gruppen bilden können und das Individuum sich dann dort eher in der solidarisierenden Gruppe wiederfindet.

Das heißt auch, dass die sozialen Felder des Unterrichts durch die digitalen Medien einem schnelllebigen, permanenten Wandel unterzogen sind, deren Erscheinungsformen kaum vorhersehbar sind, weil die Einflussfaktoren gemäß den mikro- und makropolitischen Prozessen sehr komplex sind.


Literatur

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Treibel, Annette (2008): Die Soziologie von Norbert Elias. Eine Einführung in ihre Geschichte, Systematik und Perspektiven, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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medialer habitus, norbert elias, machtbalance, organisationstheorie