Praxis

3/2011 - Von der IKT zur Medienbildung

Ihren Medienführerschein, bitte!

Oder: ist Medienkompetenz messbar?

AutorIn: Anu Pöyskö

Unter Bezeichnungen wie "Internetführerschein" oder "Medienpass" laufen in Deutschland derzeit mehrere bildungspolitische Initiativen, die die Vermittlung von Medienkompetenz  systematisieren wollen - ein kritischer Überblick.

In Deutschland laufen aktuell mehrere bildungspolitische Initiativen, die ein ähnliches Ziel verfolgen: Medienkompetenz zu systematisieren, messbar und überprüfbar zu machen. Die Rede ist von Medien- oder Internetführerscheinen, die man in der Schule mehr oder minder verpflichtend einführen möchte, um damit ganze Jahrgangskohorte zu erreichen.

In Bayern existiert bereits ein „Medienführerschein“, in Nordrhein-Westfalen ist man dabei, einen „Medienpass“ zu entwickeln, Rheinland-Pfalz plant einen „Internet-Führerschein“. Für den vorliegenden Beitrag wurden etablierte VertreterInnen der medienpädagogischen Praxis aus den jeweiligen Bundesländern um ihrer Einschätzung diesen Initiativen gebeten.

Woher kommen plötzlich all diese Bemühungen, Medienkompetenz zu zertifizieren? Für Jürgen Ertelt, Medienpädagoge und Netzexperte bei der IJAB in Bonn wird dadurch zunächst etwas sehr Positives sichtbar:

„Das Thema Medienkompetenzstärkung ist nun wirklich angekommen. Man weiß mittlerweile, dass eine Handlungsnotwendigkeit gegeben ist. Sie wird allerdings dann von den zuständigen oder vermeintlich zuständigen Stellen so kanalisiert, dass es auch bürokratisch handhabbar, also mit entsprechenden Kontrollmechanismen versehen ist.“

Kathrin Demmler, Direktorin des JFF in München, ortet die Vorläufer der Entwicklung im Bereich frühkindlicher Bildung:

„In den letzen 5 bis 10 Jahren wurden in allen Bundesländern Bildungspläne für den Kindergarten und Kindertagesstätten entwickelt; und in diesen Bildungsplänen hat Medienbildung Einzug gehalten, in manchen mehr in manchen weniger. Damit wurde im frühkindlichen Bereich eine Marke gesetzt, Medienbildung hat einen Stellenwert. und dann war die Frage da, wie das für den schulischen Bereich umgesetzt werden kann.“

Die Antwort lautete fast überall gleich: lasset uns ein Zertifikat schaffen, das Medienkompetenz bei SchülerInnen prüft und bestätigt.

In den deutschen Medienbildungs-Diskursen mischt der Jugendschutz stets kräftig mit - schwingt hier eine Vorstellung von Medienwelten als versperrte Räume mit, die nur mit einem Pass zu betreten sind?

„Es gab in der Politik schon auch die Idee: "Erst wer einen Medienführerschein hat, darf dann den Computerraum benützen!" Dann wird es natürlich total schwachsinnig. Aber so wird es nicht umgesetzt.“, meint Kathrin Demmler.

Laut Jürgen Ertelt sieht man in einem Zertifikat eher ein Motivationsinstrument, etwas, was Kinder – tatsächlich oder vermeintlich – anspornt. Internetführerscheine werden in der Diskussion u.a. mit Schwimmausweisen gleichgesetzt; wer das „Seepferdchen“ gerne sein eigen nennt würde sich auch über ein „Netzpferdchen“ freuen.

Bayern

Medienführerschein

Seit November 2010 bietet die Bayerische Staatskanzlei den Medienführerschein an; zunächst stehen für die 3. und 4. Schulstufe sechs Unterrichtsmodule zu Themen wie „Printmedien“, „audiovisuelle Medien“ oder „interaktive Medien“ bereit. In den kommenden Jahren soll der Medienführerschein für weitere Zielgruppen ausgebaut werden.

„Im Prinzip passt alles, was unter Medienführerschein, Netzpferdchen, Medienpass oder wie die Dinge heißen läuft, schlecht mit dem Konzept einer ganzheitlichen Medienbildung zusammen. Aber die Konzepte, die dahinterstehen, zum Teil schon. Die Begriffe, die verwendet werden, kommen aus einer sehr schulischen Denke, aus einer die besagt: man kann zertifizieren, man kann sagen: so, jetzt ist jemand medienkompetent. Und da sind wir uns einig, und da sind sich auch die meisten Schulpolitiker einig: das passt für Medienkompetenz eigentlich gar nicht.“, meint Kathin Demmler.

Positiv findet sie, dass im Vorfeld eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem zugrunde liegenden Medienkompetenz-Begriff stattfand. Die am Projekt beteiligten Institutionen entwickeln gemeinsam eine Matrix der verschiedenen Dimensionen der Medienkompetenz. Derzeit findet man sie allerdings irritierenderweise nur unter „außerschulische Partner“, als beziehe es sich nicht auf das Gesamtprojekt.

Da das bayerische Modell bereits in der Umsetzungsphase angekommen ist, gibt es schon erste Ergebnisse: „Die vorbereiteten Unterrichtsmodule werden gerne angenommen, damit kommen die LehrerInnen sehr gut klar. Eine Erkenntnis ist aber auch – und das war leider zu erwarten - dass daran nicht angeknüpft wird. Am Ende jeden Moduls steht immer dabei, jetzt könnte man mit den Kindern z.B. einen kleinen Animationsfilm machen. Das wird nicht gemacht, weil die Lehrkräfte sagen, dafür fehlt ihnen die Infrastruktur, dafür bräuchten sie die ExpertInnen. Es steht dem Medienführerschein aber kein Geld zur Verfügung. Es wird - aus finanziellen Gründen – diskutiert, ob die LehrerInnen die Materialien gedruckt bekommen oder selbst ausdrucken müssen. Und dementsprechend ist auch das Problem, ihnen keine weiteren Anlaufstellen anbieten zu können.“

Von den bisher entwickelten sechs Modulen wurde eines scharf kritisiert: das Modul „Schau genau hin – Nachrichtenwege erkennen und bewerten“ erzählt den SchülerInnen von der Überlegenheit der gedruckten Medien den Online-Medien gegenüber und spiegelt so deutlich die Interessen der Zeitungsverleger wieder - die auch an der Erstellung dieses Moduls beteiligt waren.

Dazu Kathrin Demmler: „Jene fünf Module, die von der Stiftung Medienpädagogik erstellt wurden, finde ich durchaus gelungen, ausgewogen und objektiv. Das Modul um Journalismus finde ich sehr problematisch, da teile ich die Kritik.“

Nordrhein-Westfalen

Medienpass NRW

In Nordrhein-Westfalen einigte sich die rot-grüne Regierung im Koalitionsabkommen auf die Einführung eines Medienkompetenzführerscheins. Dieses Vorhaben wird nun durch die Initiative „Medienpass NRW“ umgesetzt. Die Initiative definiert die Stärkung der systematischen Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule als ihr Ziel.

„Grundsätzlich muss man begrüßen, dass überhaupt eine Auseinandersetzung stattfindet“, meint Jürgen Ertelt. In NRW hatte ein öffentlich ausgetragener Streit mit dem für das Projekt zuständigen Staatssekretär zur Folge, dass der Prozess der Medienpass-Entwicklung nun offener gestaltet wird; u.a. gab es eine öffentliche Konsultation:

„Da ist dann die Fachlichkeit gefragt, wie der Medienpass inhaltlich gestaltet werden sollte. Und dann verbindet sich die qualitative Frage mit der Anzahl der SchülerInnen, die man erreichen möchte.“

Sorgen bereitet ihm die – bereits angekündigte – Umschichtung der Fördermittel im medienpädagogischen Bereich: weg von Pilot- und Modellprojekten hin zu den großen quantifizierten Maßnahmen ‚Medienpass’.

"Das kann einzelne Träger der medienpädagogischen Arbeit in NRW erheblich treffen.“

Jürgen Ertelt fragt sich auch, was passiert, wenn die Umsetzung der Medienbildung eine Pflichtaufgabe für LehrerInnen wird, anstelle eines medienpädagogischen Fachpersonals, und ob die angefertigten, standardisierten Materialen jemals mit der raschen Entwicklung der Medienwelten und dem Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen Schritt halten können:

„Das ganze Zeugs, das tonnenweise gedruckt wird wie ‚Chatten ohne Risiko’ usw. befasst sich inhaltlich nicht mit dem, wo Jugendliche heute unterwegs sind. Den klassischen Chat als solchen nutzt man nicht mehr. Wenn heute ein Medienpass entwickelt, wird z. B. mit Fragestellungen zu Privacy-Einstellungen bei facebook gearbeitet ... das kann schon in wenigen Monaten obsolet sein.“

Rheinland-Pfalz

Internet-Führerschein

Auch in Rheinland-Pfalz einigte man sich in der rot-grünen Koalitionsvereinbarung auf die Einführung eines Internet-Führerscheins für SchülerInnen.  Diese Absicht ist eine der Konsequenzen aus einer Enquetekommission des Landtags von Rheinland-Pfalz, die sich 2009 und 2010 sehr intensiv mit dem Thema „Jugend und Medien“ befasst hat. Mit der Umsetzung wurde bis jetzt noch nicht begonnen.

„Wir vermuten, dass es sich im schulischen Bereich abspielen wird, werden aber natürlich sehen, dass unsere Definition von Medienkompetenz Berücksichtigung findet. Medienbildung ist nicht nur formelle Bildung, nur in einem Medienführerschein abfragbare Bildung. Und diese anderen Aspekte müssen auch berücksichtigt werden.“, sagt Albert Treber, Leiter vom Institut für Medienpädagogik in Mainz.

Er ortet die Arbeit seiner Einrichtung im kreativ-persönlichkeitsbildenden Bereich und sieht wenig Anknüpfungspunkte zu Maßnahmen, die rein auf formelle Qualifikation abzielen:

„Da ist ein Unterschied in der medienpädagogischen Arbeit, ob man personenorientiert, inhaltlich intensiv arbeiten kann oder qualifikationsorientiert der großen Zahl nachjagen muss. Und die große Zahl ist im politischen Bereich immer erfolgreicher, da habe ich keine Illusionen. Aber das überlasse ich gerne der Schule.“

Rheinland-Pfalz ist ein medienpädagogisches Musterland, wo sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Bereich bereits relativ flächendeckend medienpädagogische Aktivitäten stattfinden.

„Es gibt nichts, wo man nicht noch mehr tun könnte, aber im Moment ist der Bereich gut aufgestellt“, meint Albert Treber. Dies ergibt laut der Einschätzung von Jürgen Ertelt im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders günstige Bedingungen für die Einführung eines Medienführerscheins; zertifiziert wird eine Qualifizierung, die auch tatsächlich stattgefunden hat.

So sieht es auch Albert Treber:

„Wenn die Akteure alle zusammenarbeiten, könnte auch ein Medienführerschein bildungsbereichsübergreifend durchaus Sinn machen.“

Noch ein abschließendes Statement, bitte!

Medienführerscheine sind politische Instrumente, öffentlichkeitswirksame Leuchtreklame mit der Botschaft „Wir tun (eh) was“. Ob sie in ihrer Umsetzung zur echten Medienkompetenzförderung beitragen, kann aus unterschiedlichen Perspektiven angezweifelt werden:

Albert Treber warnt vor davor, Medienkompetenz auf das Messbare runterbrechen zu wollen:

„Von unserer Warte her ist Medienkompetenz unlösbar verbunden mit anderen Kompetenzen, die selten quantifizierbar sind. Wenn die Leute sagen, Medien verderben die Jugend, weil sie sich falsch verhalten unter dem Einfluss der Medien, so hilft da nicht Medienkompetenz dagegen, sondern moralische und soziale Kompetenz. Diese wiederum kann man über Medienarbeit beeinflussen, man kann Persönlichkeitsbildung über pädagogische Medienarbeit betreiben. Medienkompetenz selbst ist in ihren technischen Aspekten vielleicht quantifizierbar, aber in den Aspekten, die wirklich wichtig sind, also in den moralisch-inhaltlichen Aspekten, ist sie es nicht. Und deshalb ist es schwierig, Medienkompetenz irgendwie messen zu wollen.“

Kathrin Demmler zweifelt an der Sinnhaftigkeit von Maßnahmen, die nicht entsprechend dotiert sind:

„Medienführerschein ist ein dämlicher Begriff… aber ich kann so ein Konzept weitgehend vertreten. Ich glaube, es mangelt nicht an der Theorie, sondern an dem Willen, dass auch wirklich deckend umzusetzen. Wenn man mit einem Medienführerschein oder wie auch immer dieses Ding heißt, Medienpädagogik in der Breite in die Schule tragen möchte, muss man da auch wirklich viel Geld reinstecken. Nur dann funktioniert es, sonst bleibt es so ein Krückstock, wo ein Halbblinder damit herumläuft, und danach nicht schlauer ist als zuvor.“

Jürgen Ertelt stemmt sich gegen Konzepte, die fertige Antworte liefern anstelle von Reflexionsanlässen:

„Es ist eine Aufgabe der Bildung, Diskussionen zu führen: was ist mein Anspruch gegenüber den Medienwelten, wie möchte ich mich da einbringen. Man muss für sich einen Weg finden, was Privatheit, Kommunikationsoffenheit, Vernetzung oder politischen Ausdruck angeht. Dazu sollte Bildung befähigen. Und dass tut sie mit einem Pass, der nachweist, dass ich regeln, die andere für mich aufgestellt haben, auswendig gelernt habe, mit Sicherheit nicht.“

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