Bildung - Politik

Ausgabe 2/2011

Keine Bildung ohne Medien

Eine Zwischenbilanz aus österreichischer Perspektive

AutorIn: Anu Pöyskö

Seit 2009 bündelt die Initiative "Keine Bildung ohne Medien" ProtagonistInnen der deutschen Medienpädagogik-Szene, unter anderem durch ein gemeinsames "Medienpädagogisches Manifest". Ende März fand in Berlin mit dem "Medienpädagogischen Kongress" die erste, große Zusammenkunft der UnterzeichnerInnen und UnterstützerInnen des Manifestes statt. Über 400 medienpädagogische Fachleute aus Theorie und Praxis waren dem Ruf gefolgt. Noch weitaus mehr wären gerne gekommen, erhielten aber – trotz Aufstockung der Kongressplätze Aufgrund des großen Andrangs – keinen Platz mehr. "Es herrscht gerade so eine Aufbruchstimmung, nicht hier zu sein hieße wirklich etwas zu verpassen", meinte etwa Irene Schumacher, eine erfahrene Praktikerin aus Freiburg.

Medienpädagogik blickt in Deutschland auf eine lange Tradition zurück. Wie wirkungsmächtig medienpädagogische Ansätze sein können, haben „Leuchtturmprojekte“ eindrucksvoll erwiesen. Von einer breitenwirksamen medienpädagogischen Grundversorgung sei man jedoch noch weit entfernt. Die medienpädagogische Praxis leide unter „Projektitis“, beschreibt Horst Niesyto, der Sprecher der Initiative, die aktuelle Situation: da eine Grundfinanzierung fehlt, fließt die Zeit und Energie von MedienpädagogInnen in das Schreiben von immer neuen Projektanträgen – auf Kosten der pädagogischen Arbeit mit den Zielgruppen. Daher fordert die Initiative organisatorische und strukturelle Rahmenbedingungen, die eine kontinuierliche und nachhaltige Förderung von Medienkompetenz möglich machen.

Medienpädagogik muss mehr sein als Alibi- oder Feuerwehraktion in Reaktion auf eine öffentliche Aufregung. Der Ruf nach (mehr) Medienpädagogik wird meist nur dann laut, wenn etwas passiert. So geschehen auch am Vortag des Kongresses: ein junger Berliner wurde bei dem Versuch, seine online gemobbte Freundin zu verteidigen, krankenhausreif geschlagen. "Immerhin kontaktieren die Medien jetzt auch uns, und nicht immer nur jene, die sofort nach Verboten schreien", konstatiert Horst Niesyto. In einem häufig sehr oberflächlich geführten, skandalisierten medialen Diskurs über Kinder, Jugendliche und Medien wollen die deutschen MedienpädagogInnen nicht "mit den Wölfen heulen" – und zahlen mitunter drauf, indem ihnen der Ruf als Verharmloser und Beschwichtiger nachhallt. Der Blick der Medienpädagogik auf den Medienalltag und die Mediennutzungspraxen von Kindern und Jugendlichen soll – darüber scheint bereits ein breiter Konsens zu herrschen – ressourcen- und nicht problemorientiert sein.

In einer ausgedehnten Arbeitsgruppenphase diskutierten und präzisierten KongressteilnehmerInnen konkrete Forderungen für verschiedene medienpädagogische Handlungsfelder. Die Thesenpapiere, die als Grundlage für diese Arbeit dienten, wurden im Vorfeld erstellt und teilweise auf der mixxt-Plattform der Initiative (http://keine-bildung-ohne-medien.mixxt.de/) kollaborativ erarbeitet. Die zielgruppenspezifischen AGs spannten den Bogen von frühkindlicher Pädagogik über Sonder-, Integrations- und Inklusionspädagogik, Arbeit mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen bis hin zur Erwachsenenbildung und Arbeit mit SeniorInnen. Arbeitsgruppen mit Fokus auf aktuelle Medienentwicklungen befassten sich u.a. mit Computerspielen und Pädagogik oder aktiver Medienarbeit in Zeiten von Web 2.0. Thesen- und Ergebnispapiere aller AGs sind online (http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/?page_id=1136).

Nach der teilweise sehr intensiven und ergiebigen Arbeitsgruppenphase kam der Kongress am zweiten Tag etwas ins Stocken. Viele TeilnehmerInnen fanden es enttäuschend, dass kein Austausch über Arbeitsgruppenergebnisse stattfand. Auch die angekündigten, schriftlichen Arbeitsgruppenergebnisse ließen auf sich warten. Der zweite Kongresstag war als ein Schritt der Initiative nach außen konzipiert. Die Ergebnisse der Unterschriftenaktion zum „Medienpädagogischen Manifest“ wurden vorgestellt, eine Pressekonferenz fand statt. In Dialogrunden sollten Forderungen des Manifestes mit VertreterInnen aus der Politik diskutiert werden. Leider war das Bestreben der VeranstalterInnen, hochrangige VertreterInnen der Jugend- und Bildungspolitik als DialogpartnerInnen zu gewinnen, nur mäßig erfolgreich. Und insgesamt schien das öffentliche Interesse an der Veranstaltung hinter den Erwartungen zurückzubleiben.

Parallel zum offiziellen Programm am zweiten Tag verabredete sich eine Gruppe von KongressteilnehmerInnen über Twitter zu einem Spontan-barcamp. In einem offenen Brief an die Veranstalter (http://piratenpad.de/briefkbom11) übten sie strukturelle und inhaltliche Kritik. Von außen betrachtet, hat das Ganze etwas von einem Generationskonflikt. Viele jüngere MedienpädagogInnen in Deutschland sind in einer florierenden bar- und educamp-Szene aktiv und finden hierarchische Strukturen klassischer Konferenzen befremdlich und ineffizient. Inhaltlich fordern sie einen echten, tiefgehenden Paradigmenwechsel; weg von der Dominanz des Medienkompetenzbegriffes: „Es geht in unseren Augen nicht nur darum, Urteilsfähigkeit im Umgang mit Medien zu erlernen, sondern Medien müssen auch in das „Miteinander“ integriert werden ("soziale Qualität der Medien"). Medien sind Motor für vieles. Es sollte weniger um eine Institutionalisierung und Bewertung von Urteilsfähigkeit gehen, sondern darum, wie Medien dabei helfen können, das eigene Leben zu bewältigen (weil Medien in Echtzeit mein Leben begleiten; sie sind "always on" und ubiquitär).“ Es bleibt zu hoffen, dass die konstruktiv-kritischen jungen Stimmen in die weiteren Diskussionen gut eingebunden werden können – erste Schritte in diese Richtung wurden bereits gesetzt, u.a. schlug JFF-Leiterin Ulrike Wagner in der facebook-Gruppe "Medienpädagogik" die Fortsetzung der Diskussion im Rahmen eines barcamps vor und erntete dafür viel Zustimmung.

Bei allen Dissonanzen – und das betonen die KritikerInnen auch – sind die Aktivitäten rund um die Initiative "Keine Bildung ohne Medien" als ein positives, starkes Zeichen Richtung „Mainstreaming der Medienbildung“ zu werten und zu würdigen. Die Arbeit hat, wie die InitiatorInnen selbst auch stets betonen, erst begonnen. Weitere Treffen sind geplant, neue Arbeitsgruppen haben sich formiert. Die Ergebnisse des ersten Kongresses werden zu einer Broschüre zusammengefasst, die sich an politische Entscheidungsträger wendet.

Was können wir in Österreich von der Initiative "Keine Bildung ohne Medien" lernen? Hier wurde bereits in den 70ern mit dem Grundsatzerlass zur Medienerziehung eine gute Grundlage für medienpädagogische Aktivitäten in der schulischen und außerschulischen Bildung geschaffen. Mit der Umsetzung hapert es jedoch seither. Medien erleiden das gleiche Schicksal wie viele andere Querschnittsthemen auch: zuständig ist jeder, irgendwie – und in der Praxis dann oft niemand. Medienpädagogik kämpft gegen die Marginalität und wird den Ruf eines netten Extras nicht los. In vielen Schulen finden Projekte mit und über Medien – wenn überhaupt – in den letzten Semesterwochen statt, nachdem alles Wichtigere abgeschlossen ist. Die in Medienfragen engagierten PädagogInnen erleben sich in ihren Einrichtungen häufig als EinzelkämpferInnen. So gilt der Befund, der Medienbildung mangele es an Breitenwirksamkeit, für Österreich genauso wie für Deutschland.

Wichtige bildungspolitische Weichenstellungen passieren jetzt – es wäre eine vertane Chance wenn die Medienpädagogik dazu schweigt. In einer von PISA dominierten Bildungsdiskussion hätten wir MedienpädagogInnen alles Recht, erhobenen Hauptes zu sagen: "Ihr habt ein Problem – schaut her, wir kennen die Lösung!". Wenn wir eine intensive(re) Beschäftigung mit neuen Kulturtechniken und eine gleichberechtigte Einbeziehung aller Zeichensysteme in die Bildungsprozesse verlangen (neben der Schriftsprachlichkeit also u.a. das Visuelle oder Gestisch/Motorische), geht dies nicht auf Kosten der „klassischen“ Kulturtechniken Lesen, Schreiben oder Rechnen, sondern unterstützt diese. Nur ein Kind, welches das Gefühl hat, etwas zu können, traut es sich zu, mehr zu lernen. Wenn wir alle PädagogInnen dazu befähigen, Kinder und Jugendliche bei ihren Orientierungsprozessen in den Medienwelten zu unterstützen und unterschiedliche Medien methodisch vielfältig in ihre Arbeit zu integrieren, leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Bildung im 21. Jahrhundert.

"Media education for all" fordert die Brüsseler Deklaration, die 2010 bei einer gesamteuropäischen Medienpädagogik-Konferenz entstand. "Medienbildung für alle!" verlangt auch eine Gruppe österreichischer (derzeit noch hauptsächlich Wiener) MedienpädagogInnen, die sich Ende 2010 als eine bottom up-Initiative bei dem ersten Wiener educamp formiert hat. Auch hier wurde/wird zunächst an einem gemeinsamen Grundsatzpapier gearbeitet; nicht im Glauben, dass ein Papier bereits Probleme löst – aber in der Hoffnung, dass so ein Dokument szeneintern identitätsstiftend wirken und nach außen zentrale gemeinsame Forderungen in knapper und verständlicher Form transportieren kann. Koordiniert werden die Aktivitäten auf der mixxt-Plattform der Initiative BIKUM, interessierte Initiativen, Organisationen und Einzelpersonen sind herzlich eingeladen, sich an den Diskussionen und Treffen zu beteiligen.

Wer medienpädagogisch tätig ist, macht dies häufig aus tiefster Überzeugung. Deswegen ist es nicht weiter verwunderlich, wenn inhaltliche Differenzen mit Leidenschaft debattiert werden und diese Differenzen mitunter unüberbrückbar erscheinen. Dass das Interesse an Medienbildung mehrere wissenschaftliche Disziplinen und viele Bereiche der pädagogischen Praxis vereint, von Kulturpädagogik und Kunstvermittlung über Jugendarbeit oder Bibliothekswesen bis in die freien Medien, ist ein großer Reichtum, macht es aber zugleich auch sehr schwierig, eine gemeinsame Sprache und Basis zu finden. Die Initiative "Keine Bildung ohne Medien" zeigt sehr eindrucksvoll, dass ein breiter Schulterschluss zwischen den verschiedenen Sparten der medienpädagogischen Theorie und Praxis trotzdem möglich ist. Möglich, und auch nötig, um dem gemeinsamen Anliegen Gehör zu verschaffen – was danach immer noch schwierig genug ist. Nur mit vereinten Kräften kann es uns gelingen, die zentrale Botschaft zu verbreiten: Medien gehören in die Mitte von Bildungsprozessen.

Tags

medienbildung, medienpädagogik, bildungspolitik, medienpädagogisches manifest