Forschung

2/2010 - Medienethik

Die Werte der Wertvermittler

Berufliches Rollenselbstverständnis und Weltanschauung von Journalistinnen und Journalisten

AutorInnen: Andy Kaltenbrunner / Matthias Karmasin / Daniela Kraus

Aktuelle Studien und Befragungen dokumentieren: Österreichs Journalistinnen und Journalisten sind nicht nur Berichterstatter. Ihrem Selbstverständnis nach sehen sich viele vorrangig als Kontrollore und Aufklärer, die auch selbst politisch Themen setzen wollen. Mehrheitlich definieren sie sich politisch links der Mitte. Von Gewissenskonflikten in der Arbeit sind sie trotz ihrer Macht- und Multiplikatorenposition als Wertevermittler aber weniger irritiert als andere Berufsgruppen.

Abstract

Der Beitrag analysiert professionelles Selbstverständnis, Weltanschauungen und ethische Überzeugungen von Journalistinnen und Journalisten in Österreich. Auf Basis aktueller Befragungen und Studien wird die Grundstruktur des journalistischen Wertesystems skizziert und der Zusammenhang mit täglicher Berichterstattung. Der Beitrag diskutiert mögliche Konsequenzen für Zukunft des Journalismus und Qualität der Öffentlichkeit.

The article focuses on the professional values, political views and ethical beliefs of Austrian journalists. Based on recent surveys we outline the basic structure of the journalistic value system in Austria and the interdependence of these values and actual reporting and we discuss possible consequences for the future of journalism as a profession and for the quality of the public sphere.


1. Journalismus und gesellschaftliche Wertvermittlung

Medien sind (globale) Schlüsselsektoren. Medien sind eine zentrale Ressource unserer Kultur. Sie stellen Wirklichkeit für Beruf und Freizeit bereit. Medieninhalte sind lokale, regionale und globale Konstituenten der Lebenswelt, sie sind Identitätsentwürfe von Gesellschaften wie von Individuen, sie sind Sozialisationsinstanz und ermöglichen über ihre Emanzipations- und Partizipationsfunktion Teilhabe am öffentlichen Leben. In politischer Hinsicht spielen Medien als „Vierte Gewalt”, als Infrastruktur von Öffentlichkeit, aber auch als Machtfaktor und als Generatoren von Sozialkapital eine Rolle. Über ihre Repräsentationsfunktion artikulieren sie Interessen, mittels ihrer Kritik- und Kontrollfunktion beeinflussen und steuern sie politische Prozesse (hierzu etwa Karmasin 2005).

Auch wenn Journalisten und Journalistinnen schon lange nicht mehr das Monopol auf die Produktion gesellschaftsrelevanter Wirklichkeit beanspruchen können, so hat diese Profession doch einen wesentlichen Anteil an dem, was die Medien uns als Realität vorhalten und welche Werte in und durch die Medien vermittelt werden. Journalismus ist ein Beruf, der Macht hat und auch ausübt. Durch die Auswahl des „Berichtenswerten“ schaffen Journalisten und Journalistinnen Wirklichkeit, oder verweigern diese. Die hohe ethische Relevanz dabei liegt nicht im Zwang oder (subtiler) in der Manipulation des Publikums, sondern in der Fortschreibung von Realitätskonstruktionen, der Stiftung von Identität und der Transzendenz eines bestimmten Freiheitsverständnisses.[1] Kurz und zusammenfassend: Die Medien machen das, was wirklich ist, und die Medien zeigen das, was wirklich ist. Sie produzieren und repräsentieren Öffentlichkeit. Journalismus ist auch deshalb öffentliche Aufgabe, er ist Arbeit an der Gesellschaft und in der Gesellschaft. Ein Beruf, der als wesentlicher Bestandteil der „Vierten Gewalt“ seine ideelle und normative Bestimmung im öffentlichen Vernunftgebrauch finden kann, ist wohl kein Beruf wie jeder andere auch. Nicht nur die Ergebnisse der Gatekeeper- und Redaktionsforschung, die dem Journalismus sui generis eine dominante Rolle in der Konstruktion von Realität beimessen, sondern auch systemtheoretische, funktionalistische, konstruktivistische und strukturalistische Zugänge kommen nicht umhin, den Zusammenhang von Journalismus und der Qualität von Öffentlichkeit anzuerkennen (vgl. Scholl/Weischenberg 1998).

Wir sind der Meinung (und das kann auch als Wertdeklaration verstanden werden), dass die Qualität von Öffentlichkeit und die Qualität von Journalismus positiv korrelieren. Damit ist freilich nicht nur der Journalismus als System, als Struktur und als spezifische Berufskultur gemeint, sondern auch die Rolle und das je spezifische Selbstverständnis von Journalisten und Journalistinnen. Anders formuliert: die Bereitschaft Verantwortung für eine bestimmte Qualität von Öffentlichkeit zu übernehmen, hängt nicht nur von den systemischen Bedingungen ab, also der Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen, sondern auch von der spezifischen Konstruktion von Berufsrollenbildern und journalistischen Selbstbildern, also der Motivation mit Überzeugung konkret zu handeln.

Das kann zugleich vor dem Hintergrund einer „Kultur der Medialität“ (Bauer 2008) interpretiert werden, die Medienbildung als umfassendere media literacy einfordert, weshalb auch die Absichten der Medienproduzenten erst nach empirischer Grundlagenarbeit kritischer Analyse unterzogen werden können. Die Diskussion journalistischer Individualethik, wie sie im Detaildiskurs anhand akut auffälliger Arbeiten oder auch mit konkret adressierten Journalistinnen und Journalisten gelegentlich im öffentlichen und pädagogischen Diskurs erfolgt, ist nicht ausreichend, um Medien insgesamt als Sozialisationsinstanzen begreifen zu können. Anspruch von Medienpädagogen muss sein, Medien auch im Gesamtzusammenhang von journalistischen Leit- und Leidmotiven begreifbar zu machen. Dafür fehlten in Österreich valide Daten.

Was treibt Journalisten und Journalistinnen in Österreich also an, was halten sie für wichtig und welche Werte vertreten sie? Der folgende Beitrag fasst Ergebnisse dreier empirischer Studien, die von den Autoren und Autorinnen dieses Beitrags durchgeführt wurden (Der Journalisten-Report I, II & III[2]), zusammen und fokussiert auf die Frage, welche Werthaltungen dem Berufshandeln von österreichischen Journalisten und Journalistinnen zu Grunde liegen. Neben dem Versuch, Basisdaten über den Journalismus als Beruf im Rahmen einer Totalerhebung zu gewinnen, standen in den an internationalen Vorbildern orientierten Studien vor allem die Fragen nach den Werthaltungen und der Berufsauffassung österreichischer Journalisten und Journalistinnen (auch im internationalen Vergleich) im Mittelpunkt. Aus diesem Grund wurden auch Items aus anderen Studien in die österreichischen Befragungen aufgenommen (v.a.Weischenberg/Malik/Scholl 2006). Angesichts des Standes der Forschung in Österreich stellen diese Datensammlungen einen ersten Schritt in Richtung internationaler Vergleichbarkeit her. Einen ersten Schritt, der in vielen Punkten der qualitativen Ergänzung (z.B. wie werden Wertkonflikte erlebt und verarbeitet?) und der Erweiterung durch quantitative und qualitative Inhaltsanalysen bedürfte (z.B. wie wirken sich divergente Werthaltungen auf die konkrete inhaltliche Gestaltung aus - und in welchem Ausmaß?).

Dieser Beitrag basiert auf Daten folgender Studien:

 

  • „Journalisten-Report I – Österreichs Medien und ihre Macher“, eine 2006 bis 2007 durchgeführte Vollerhebung der soziodemographischen Daten (wie etwa Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Einkommen u.ä.) aller österreichischen Journalisten und Journalistinnen. Von den 7.100 ermittelten hauptberuflichen Journalistinnen und Journalisten[3] in Österreich konnten von 63 % detaillierte Daten gewonnen werden.
  • Basierend auf den Daten von „Journalisten-Report I“ wurde 2008 die Studie „Journalisten-Report II – Österreichs Medienmacher und ihre Motive“ durchgeführt. Kernstück bildete eine repräsentative telefonische Befragung von 500 Journalisten und Journalistinnen zu Rollenbildern, beruflichem Selbstverständnis, Ethik und Arbeitsbedingungen im österreichischen Journalismus[4].
  • „Journalisten-Report III – Politikjournalismus in Österreich“, eine 2009 durchgeführte Befragung von 100 Politikjournalisten und –journalistinnen, die den Schwerpunkt auf Rechercheverhalten und Mediennutzung der österreichischen Politikjournalisten und –journalistinnen setzt.[5]

 

 

2. Journalismus als Vermittlung von Tatsachen?

Unterschiede – auch in journalistischen Berufsauffassungen – werden immer erst im Vergleich deutlich.

Zuerst wollen wir – vor diesen Hintergründen – Ergebnisse jener Studie, die repräsentativ für österreichische Journalisten und Journalistinnen 2008 (Kaltenbrunner/Karmasin/ Kraus/Zimmermann 2008; N= 500) erhoben wurde, im Vergleich zu deutschen Journalisten und Journalistinnen diskutieren (Vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006; N=1.536). Interessant sind die Differenzen vor allem aus einer medienkulturellen Perspektive, da sie bei ähnlicher medienökonomischer Organisation, bei ähnlicher ordnungspolitischer Regulation und bei einem ähnlichen politischen System signifikant sind.

Befragt wurden die österreichischen Journalisten und Journalistinnen, worum es ihnen ganz persönlich in ihrem Beruf gehe. Zu 15 verschiedenen Aussagen zum journalistischen Selbstverständnis konnte auf einer fünfteiligen Skala Zustimmung von „voll und ganz“ bis „überhaupt nicht“ gegeben werden. Um Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurde bei der Formulierung dieser Fragen auf die Items von Weischenberg/Malik/Scholl (2006) aus deren Journalistenbefragung zurückgegriffen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Äquivalenz auf verschiedenen Ebenen (vgl. Hanitzsch 2008: 254 – 257) gegeben ist. Der erste Fragenblock bezog sich auf die Zustimmung zum Berufsrollenbild des objektiven, präzisen und schnellen Informationsjournalisten; der zweite Schwerpunkt lag auf dem Selbstverständnis des Kritikers, Kontrollors und Anwalts; der dritte auf journalistischer Service-, Orientierungs- und Unterhaltungsfokussierung (siehe Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 97-119).

Der Vergleich der Ergebnisse zeigt: Das Berufsrollenbild des neutralen Vermittlers steht in beiden Ländern an erster Stelle. Hier wie da ist es den Journalisten und Journalistinnen besonders wichtig, „das Publikum möglichst neutral und präzise zu informieren“ (Zustimmung D: 89 %, Ö: 92 %) und (bei allen Vorbehalten) „die Realität genauso abzubilden, wie sie ist“ (D: 74 %, Ö: 79 %). Auch bei zwei weiteren Items, die dem Rollenbild des Informationsjournalismus zugeordnet werden können – nämlich, „möglichst schnell Informationen zu vermitteln“ (D: 74 %, Ö: 69 %) sowie „sich auf Nachrichten zu konzentrieren, die für ein möglichst breites Publikum interessant sind“, bewegt sich die Zustimmung in der gleichen Größenordnung.

Doch in weiterer Folge divergieren die Berufsrollenbilder zum Teil beträchtlich. Auffällig ist zuerst: Die österreichischen Journalisten und Journalistinnen stimmen allen anderen Zuschreibungen in größerem Ausmaß zu als die deutschen Journalisten und Journalistinnen; das Selbstverständnis ist in deutlich geringerem Maße ausschließlich von der Rolle des „neutralen Vermittlers“ dominiert. Ergänzt wird dieses Selbstverständnis in Österreich durch ein wesentlich stärker von subjektiven Elementen bestimmtes, meinungsorientiertes, anwaltschaftliches und aktives Rollenbild:

  • Österreichische Journalisten und Journalistinnen glauben sich in einem deutlich stärkeren Ausmaß als ihre deutschen Kollegen dazu berufen, ihrem Publikum Orientierung zu bieten: „Positive Ideale vermitteln“ wollen 66 % der österreichischen, aber nur 40 % der deutschen Journalisten und Journalistinnen; „neue Trends aufzeigen“ wollen 75 % der österreichischen, aber nur 44 % der deutschen Journalisten und Journalistinnen; „Lebenshilfe bieten“ 54 % der österreichischen, aber nur 44 % der deutschen Journalisten und Journalistinnen. Auch das „Erklären und Vermitteln komplexer Sachverhalte“, zwar auch eine Facette des Rollenbildes des „neutralen Vermittlers“, aber doch mit einer deutlichen Orientierungsfunktion, bewerten die österreichischen Journalisten und Journalistinnen noch höher als die deutschen: Diesem Item stimmen 89 % zu, in Deutschland sind es nur 79 %.
  • 75 % der österreichischen Journalisten und Journalistinnen geht es darum, „Kritik an Missständen“ zu üben – in Deutschland wollen das nur 58 %.

 

Die Unterschiede in zwei Itempaaren seien besonders hervorgehoben:

  • Besonders auffällig ist die selbstbewusste und aktive Rolle, die österreichische Journalisten und Journalistinnen einnehmen wollen: deutlich öfter sind sie bereit, dem Publikum ihre „eigenen Ansichten zu präsentieren“: Während die deutschen Journalisten und Journalistinnen hier sehr zurückhaltend sind – nur 19 % sehen das als ihre Aufgabe – stimmen 42 % der österreichischen Journalisten und Journalistinnen zu. Aktives Agenda Setting wollen 31 % der österreichischen, aber nur 14% der deutschen Journalisten und Journalistinnen betreiben („die politische Tagesordnung beeinflussen“).
  • Die österreichischen Journalisten und Journalistinnen fühlen sich in besonders hohem Maße dem anwaltschaftlichen Journalismus verpflichtet. Sie wollen sich für die „Benachteiligten in der Bevölkerung einsetzen“ (60 % in Österreich vs. 29 % in Deutschland), und sie wollen „normalen Leuten“ eine Chance geben „ihre Meinung über Themen zum Ausdruck zu bringen“ (51 % in Österreich vs. 34 % in Deutschland).

 


 

Die Rolle als Vermittler von Werten, als Vertreter „des“ Volkes ist wesentlich und die Tradition der Gesinnungspublizistik ungebrochen aktuell. Journalismus, der unter Verweis auf die hehre Rolle der „Vierten Gewalt“ durchaus „parteiische“ Standpunkte vertritt, hat in Österreich Tradition. Nach dem Bruch von 1933–1938–1945 prägt diese Kultur das journalistische Selbstverständnis sowohl der politischen Presse als auch der kommerziellen Medien in Österreich – wenn auch bei letzteren die politischen Positionen am vermuteten Publikumsgeschmack ausgerichtet werden (ausführlicher Karmasin/Kraus 2010). Geringe Quellentransparenz und Vermischung von Nachricht und Meinung (Renger 2002: 229) sind die Regel – während in Deutschland gelegentlich sogar vor einer Überbewertung des Trennungsgrundsatzes gewarnt wird (Pöttker 2005: 132 – 137). Die beispiellose Dominanz der Kronen Zeitung, ihre Tendenz zum Kampagnenjournalismus[6] inklusive, und vor allem ihre realpolitische Relevanz[7], verdeutlichen und verstärken diesen Effekt. Sehr unmittelbar hatte sich die Boulevardzeitung in den vergangenen Jahren – geradezu werbende Partei – in Wahlkämpfe eingemischt: Durch offensive Unterstützung für den SPÖ-Kandidaten Werner Faymann bei den Nationalratswahlen 2008, Promotion der Liste des Kandidaten und Kolumnisten Hans Peter Martin bei den EU-Wahlen 2009, eine – später teils zurückgenommene – Wahlempfehlung für Barbara Rosenkranz bei den Präsidentschaftswahlen 2010. Solche „Kronifizierung“ der politischen Kommunikation ist eine wesentliche Konstituente der Kampagnenbereitschaft von österreichischem Journalismus  (siehe Kaltenbrunner/Karmasin/Kraus 2010).

Dass die Dominanz des Gesinnungsjournalismus in Österreich – anders als in Deutschland – ungebrochen herrscht, hat seine Ursache auch darin, dass die wesentliche Sozialisationsinstanz für österreichische Journalisten und Journalistinnen nach wie vor das Medienunternehmen ist. Einschlägige Aus- und Weiterbildungen werden in Österreich kaum angeboten, die Akademisierung des Berufes ist gering (Ö: 34 %, D: 69 %). Darüber hinaus ist nach 9-jähriger Pause eine institutionelle Selbstkontrolle in Form eines Presserates, der zumindest als öffentliche Diskursplattform über Normen und berufliches Selbstverständnis dienen könnte (siehe Gottwald/Kaltenbrunner/Karmasin 2006) erst seit Frühjahr 2010 überhaupt wieder im Entstehen und gilt vorläufig weiterhin nur für Printmedien. Zudem ist der Medienjournalismus im Vergleich zu Deutschland schwach entwickelt. Dem Sog der spezifisch österreichischen Medienkultur können sich Journalisten und Journalistinnen auch dann nicht entziehen, wenn sie sich dem Ideal der „Vierten Gewalt“ und der rationalen Kontrolle und Kritik verpflichtet fühlen. Führt dies zu inneren und äußeren Konflikten oder passen sich die im Journalismus tätigen Menschen an?

3. Die Werte der Wertevermittler

Gibt es also innere und äußere Konflikte? Wie schon in anderen Studien (Karmasin 2005), steht die Frage nach Gewissenskonflikten im Mittelpunkt der Einschätzung von Widersprüchen, die der einzelne Journalist, die einzelne Journalistin im beruflichen Alltag erlebt. Dieses Item, das im Anschluss an Kaufmann/Kerber/Zulehner (1986) formuliert wurde, soll zeigen, ob gewisse Handlungsweisen als moralisches Problem erlebt werden. Dies ist wesentlich von der Rezeption bzw. von der moralischen Binnenstruktur des/der Befragten abhängig. Dabei spielt neben den moralischen Prädispositionen und dem (problematischen) Versuch, objektiv auf die eigene Berufsbiografie zu reflektieren, auch die Frage sozialer Öffentlichkeit eine gewisse Rolle. Man kann also davon ausgehen, dass die im beruflichen Alltag auftretende Zahl an Gewissenskonflikten tendenziell höher ist als jene Zahl an Gewissenskonflikten, die die Befragten auch eingestehen.

 

Abb. 2 Gewissenskonflikte im Längsschnittvergleich

Fühlen Sie sich in Ihrem Beruf zu Handlungsweisen gedrängt, durch die Sie mit Ihrem Gewissen in Konflikt geraten?

1994: n=206; 2004: n=122 (aus Karmasin 2004); 2008: n=500 (aus Journalisten-Report II)

Ja, häufig

Manchmal

Nie

1994

Total

4 %

31 %

65 %

Journalisten mit Hochschulabschluss

2 %

31 %

65 %

Journalisten ohne Hochschulabschluss

3 %

36 %

62 %

Journalisten aus Printmedien

3 %

34 %

61 %

Journalisten aus elektronischen Medien

2 %

22 %

76 %

2004

Total

2 %

36 %

62 %

Journalisten mit Hochschulabschluss

2 %

33 %

64 %

Journalisten ohne Hochschulabschluss

1 %

37 %

62 %

Journalisten aus Printmedien

1 %

39 %

60 %

Journalisten aus elektronischen Medien

2 %

32 %

66 %

2008

Total

1 %

27 %

72 %

Journalisten mit Hochschulabschluss

1 %

29 %

71 %

Journalisten ohne Hochschulabschluss

-

26 %

73 %

Journalisten aus Printmedien

1 %

26 %

73 %

Journalisten aus elektronischen Medien

-

34 %

66 %

 

Im Längsschnittvergleich ist erstaunlich: Die Debatten um Boulevardisierung, ethischen und qualitativen „Niedergang“ des Journalismus und dem Trend zur Gesinnungspublizistik verstärkten die moralischen Probleme der Journalisten und Journalistinnen nicht. Im Vergleich zu den Journalisten- und Journalistinnenbefragungen 1994 und 2004 (vgl. Karmasin 2005: 70 ff.) lässt sich sogar ein relativer Rückgang der Gewissenskonflikte im beruflichen Alltag feststellen. Waren 1994 noch 35 % aller Journalisten und Journalistinnen häufig oder manchmal mit Gewissenskonflikten konfrontiert und 2004 sogar 38 %, so sind es 2008 nur mehr 28 %.

Interessant ist auch, dass im Vergleich zu anderen Berufsgruppen die Zahl von Journalisten und Journalistinnen, die in ihrem Beruf zu Handlungsweisen gezwungen sind, die Gewissenskonflikte nach sich ziehen, gering ist. Bei Managern waren es 1995 enorme 74 %, die zumindest manchmal mit Gewissenskonflikten konfrontiert waren (Journalisten 1994: 35 %), und 2006 immerhin noch 52 % (Journalisten 2008: 28 %). Näher liegen die Journalisten und Journalistinnen da am Bevölkerungsschnitt: In beiden Vergleichsjahren sahen sich im Durchschnitt der Bevölkerung nur 24 % aller Befragten in ihrem Berufsleben mit Gewissenskonflikten konfrontiert.

Provozieren also spezifische organisatorische Vorkehrungen und ethische Regulative im Journalismus weniger Gewissenskonflikte? Plausibler erscheint die Erklärung, dass durch die verstärkte Thematisierung wirtschafts- und unternehmensethischer Fragen das Bewusstsein im Management für ethische Fragen generell höher ist als im Journalismus. Für Letzteres spräche vor allem, dass durch das Fehlen einer institutionalisierten Selbstkontrolle in Österreich berufsethischen Fragestellungen im Allgemeinen und der Debatte moralischer Standards im Besonderen wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Etablierte Qualitätsparameter und Instrumente der Selbstregulierung der Medien gelten gemeinhin stets als wichtige Zukunftsfaktoren für Qualität von Journalismus und öffentlichen Diskurs generell. Darum ist es derzeit in Österreich schlecht bestellt.

Der so genannte „Ehrenkodex“ der österreichischen Presse etwa besteht in seiner aktuell gültigen Form ohne Aktualisierungen seit den 1990er Jahren. Mangels Presserat gab es bei Verstößen gegen diesen Kodex auch weder Anlaufstelle für Beschwerden noch Verfahren, um berufsethische Regeln zu diskutieren. Welche Relevanz der eben im Frühjahr 2010 neu konstituierte Presserat entwickelt, getragen neuerlich vor allem von Journalistengewerkschaft und Verlegerverband VÖZ, wird sich erst weisen.

4. Journalismus und Weltanschauung

Wenn Wertehaltungen der medialen Wertevermittler analysiert und diskutiert werden, so sind dann jeweils jene Fragen nach weltanschaulichen und politischen Präferenzen von Journalistinnen und Journalisten meist von besonderem Interesse. Von Publikum wie Politikern werden Forschungsergebnisse in diesem Bereich zur Untermauerung eigener (Vor-)Urteile über eben diese Berufsgruppe besonders ausführlich kommentiert.

Für den Journalisten-Report III (Kaltenbrunner/Karmasin/Kraus 2010) wurden speziell Politikjournalisten und –journalistinnen zu politischen Selbsteinschätzungen und Präferenzen befragt. Das sind jene professionellen Multiplikatoren, für die Zitierung, Kommentierung und Reflexion von Ideologie schlechthin und konkreten politischen Ereignissen im Alltag ja Kern ihrer Tätigkeit sind.

Auf einer Links-Rechts-Skala von 1 bis 100 geben sich Österreichs Politikjournalisten und -journalistinnen demnach einen Durchschnittswert von 40,5, also deutlich links der Mitte (siehe Grafik unten). Das ist noch ein (kleines) Stück weiter links als der Skalenwert 41,9, den die repräsentative Befragung von Journalisten und Journalistinnen aller Ressorts im Jahr 2008 für den Journalisten-Report II ergab.

Deutsche Politikjournalisten und -journalistinnen definierten sich im Durchschnitt auf dieser Skala bei den großen Grundlagenstudien von Weischenberg/Malik/Scholl (2006) mit 38,0 noch ein Stück weiter links als ihre österreichischen Kollegen und Kolleginnen.

Im Jahr 2008 hatte sich Österreichs Gesamtbevölkerung bei einer Erhebung des IMAS-Instituts auf einer solchen Links-Rechts-Skala mit 50,8 einen Hauch rechts von der Mitte eingeschätzt.

Die Interpretation speziell dieser Daten ist „traditioneller Kampfplatz“ (Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 70) bei der Diskussion um Repräsentativität von Journalisten und Journalistinnen. Österreichs Journalisten und Journalistinnen unterscheiden sich also in ihrer politischen Positionierung deutlich von der Gesamtbevölkerung. Sie sind genauso wenig ein Abbild oder gar Abziehbild von Österreichs Population wie etwa Lehrer und Lehrerinnen. Den einen wie den anderen wird deswegen im politischen Diskurs gerne unterstellt, sie würden allenfalls alle Bürgerinnen und Bürger, jedenfalls aber deren Nachwuchs tendenziell politische Wertehaltungen vermitteln, die von jenen der Gesamtbevölkerung deutlich differieren.

Die Objektivitäts-Fiktion als eine Anforderung an Journalismus macht dann die Befragung von Politikjournalisten und -journalistinnen nach parteipolitischen Präferenzen noch schwieriger und heikler als jene allgemeinere nach der politischen Grundhaltung. Vor allem Journalisten und Journalistinnen, die im öffentlich-rechtlichen ORF arbeiten, setzen sich selbst deswegen besonders häufig präzise in die Mitte eines solche Links-Rechts-Schemas und lehnen in Folge Hinweise auf eigene Parteisympathien oder gar eigenes Wahlverhalten ab.

Auf die Frage, ob sie einer Partei „ganz allgemein gesprochen zuneigen“, verweigern unter allen Befragten aus allen Medien dann 14 % die Auskunft, 31 % betonen Äquidistanz zu allen politischen Parteien. Die übrigen berichten deklarierte Präferenzen: Am stärksten neigen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Politik-Ressorts den Grünen zu (28 %), gefolgt von der ÖVP (17%). Der SPÖ sehen sich nur 5 % nahe, sonstige Parteien haben ebenso nur 5 % Zustimmung.

Das Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschen, hat aber international Parallelen. Auch in Deutschland stehen Journalisten und Journalistinnen den Grünen überproportional nahe. Zwischen den (meist oppositionellen) Grünen und (Politik-)Journalisten gibt es häufiger Übereinstimmungen von grundsätzlichen Zielen der eigenen Arbeit und gesellschaftlichen Milieus. Sie sehen sich beide gerne als Kritiker und Kontrolleure von Politik und Wirtschaft. Sie sind – oft gleichzeitig – in Bürgerinitiativen und Bewegungen der civil society der 1970er und 1980er Jahren politisch sensibilisiert und sozialisiert worden.

Zu simplifizierend wäre allerdings der Schluss, persönliche Parteisympathien wären wichtigstes Leitmotiv für journalistische Arbeit und fänden – quasi als subkutane Werbung für eigene Werte und Gemeinschaften – in Artikeln und Sendungen unmittelbar Ausdruck. Der Vergleich mit Lehrern und Lehrerinnen scheint hier ein sehr brauchbarer: Keineswegs schlägt sich eigene Parteisympathie unmittelbar in der Vermittlungsarbeit nieder. Sehr wohl sind politische Grundhaltungen aber Leitplanken für eigenes Handeln. Und Weltanschauung, links oder recht, kann gerade zu besonderer Kritik an jenen Parteien führen, die diese Positionen im Spektrum vertreten – wenn sie nämlich enttäuschen. Die Selbsteinschätzung einer Journalisten-Mehrheit deutlich links der Mitte kann gerade traditionell als „links“ eingeschätzten Parteien wie SPÖ und Grünen zu schaffen machen. Ihnen gilt dann besondere kontrollierende Aufmerksamkeit, wenn sich Journalisten und Journalistinnen zwar eben links, aber durch keine dieser Parteien selbst vertreten fühlen. Die einfache, geradlinige Instrumentalisierung von Journalismus durch Parteien funktioniert spätestens seit Einstellung der letzten überregionalen Parteizeitungen vor zwei Jahrzehnten kaum noch.

Politikjournalismus und Journalismus generell, so legen internationale und nationale Studien nahe (z.B. Lengauer/Pallaver/Pig 2004: 149 – 236; oder Seethaler/Melischek 2010), hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein hohes Maß an Autonomie erarbeitet. In (gesellschafts)politischen Kommunikationsgeflechten, also überall wo es auch um die Vermittlung von Werten, Haltungen und wünschenswerten Perspektiven geht, kommt es zu mehr „Journalistenzentrierung und journalistischer Interpretativität“ (Lengauer/Pallaver/Pig 2004: 196) der Berichterstattung. Eine Journalismusforschung, die genauer nachsieht, welche Werte diese Wertevermittler selbst vertreten und von welchen weltanschaulichen und ökonomischen Eigentümerinteressen sie abhängig sind, gewinnt damit weiter an Bedeutung.


 

Literatur

Bauer, Thomas A. (2008): Kultur der Medialität. Medienbildung als das pädagogische Program von Medialitätskultur. In: Medienimpulse, 65/2008. 9-12

Fidler, Harald (2004): Im Vorhof der Schlacht. Österreichs alte Medienmonopole und neue Zeitungskriege. Falter Verlag. Wien.

Gottwald, Franziska/Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias (2006): Medienselbstregulierung zwischen Ökonomie und Ethik. Erfolgsfaktoren für ein österreichisches Modell. Wien. Lit Verlag.

Hanitzsch, Thomas (2008): Problemzonen kulturvergleichender Kommunikatorforschung: Methodologische Fallstudien. In: Melischek, Gabriele/Seethaler, Josef/Wilke, Jürgen (Hg.)  (2008): Medien und Kommunikationsforschung im Vergleich. Grundlagen, Gegenstandsbereich, Verfahrensweisen. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 253 – 270.

Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela/Zimmermann, Astrid (2007): Der Journalisten-Report I. Österreichs Medien und ihre Macher. Wien: Facultas Verlag.

Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela/Zimmermann, Astrid (2008): Der Journalisten-Report II. Österreichs Medienmacher und ihre Motive. Wien: Facultas Verlag.

Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela (2010): Der Journalisten-Report III. Politikjournalismus in Österreich. Wien: Facultas Verlag.

Karmasin, Matthias (2005): Journalismus: Beruf ohne Moral? Von der Berufung zur Profession. Wien: WUV.

Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela (2010): Culture’s Consequences: Journalismuskulturen in Österreich und Deutschland im Spiegel der Berufsrollenselbstbilder. In: Andreas Hepp, Marco Höhn und Jeffrey Wimmer (Hg.): Medienkultur im Wandel. Konstanz: Universitätsverlag

Kaufmann, Franz-Xaver/Kerber, Walter/Zulehner, Paul (1986): Ethos und Religion bei Führungskräften. München: Kindt.

Luhmann, Niklas (1996): Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Lengauer, Günther/Pallaver, Günther/Pig, Clemens (2004): Redaktionelle Politikvermittlung in der Mediendemokratie. In: Plasser, Fritz (Hg.): Politische Kommunikation in Österreich. Ein praxisnahes Handbuch. Wien: WUV. 149 – 236.

Seethaler, Josef/Melischek, Gabrielle (2010): Journalismus und Politik in den österreichischen Nationalratswahlkämpfen 1999-2008 In: Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela (2010): Der Journalisten-Report III. Politikjournalismus in Österreich. Wien: Facultas Verlag.

Pesendorfer, Nicole (2007): Der EU-Diskurs in der Kronen Zeitung. Diplomarbeit. Universität Wien

Pöttker, Horst (2005): Ende des Milleniums- Ende des Journalismus? Wider die Dogmatisierung der professionellen Trennungsgrundsätze. In: Behmer, Markus/Blöbaum, Bernd/Scholl, Armin/Stöber, Rudolf (Hg.): Journalismus und Wandel. Analysedimensionen, Konzepte, Fallstudien. Wiesbaden: VS Verlag. 123 – 141.

Renger, Rudi (2002): Politikentwürfe im Boulevard. In: Schicha, Christian/Brosda, Carsten (Hg.): Politikvermittlung in Unterhaltungsformaten. Medieninszenierungen zwischen Popularität und Populismus. Münster: Lit Verlag. 223 – 232.

Scholl, Armin/Weischenberg, Siegfried (1998): Journalismus in der Gesellschaft. Theorie, Methodologie und Empirie. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Weber, Stefan (1995): Nachrichtenkonstruktion im Boulevardmedium. Die Wirklichkeit der „Kronen Zeitung“. Passagen Verlag. Wien.

Weischenberg, Siegfried/Malik, Maja/Scholl, Armin (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK.

 


[1] Luhmann (1996: 157): „Man kann nur vermuten, daß die Massenmedien zur Überschätzung der Freiheit anderer führen, während jedem Einzelnen die kognitiven Schranken des eigenen Freiheitsspielraums nur allzu bewußt sind. Und diese Disbalancierung der Freiheitsattribution mag in einer Gesellschaft, die Entscheidungsspielräume auf allen Ebenen immens erweitert und entsprechende Unsicherheiten erzeugt hat, viel folgenreicher sein als die Frage, wer nun definitiv zu bestimmtem Handeln oder Unterlassen gezwungen wird.“

[2] Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela/Zimmermann, Astrid (2007): Der Journalisten-Report I. Österreichs Medien und ihre Macher. Facultas. Wien.; Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela/Zimmermann, Astrid (2008): Der Journalisten-Report II. Österreichs Medienmacher und ihre Motive. Facultas. Wien.; Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela (2010): Der Journalisten-Report III. Politikjournalismus in Österreich. Facultas Verlag. Wien.

[3] Für eine umfassende Definition von Journalist, sowie Operationalisierung der Studie siehe Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela/Zimmermann, Astrid (2007): Der Journalisten-Report I. Österreichs Medien und ihre Macher. Facultas. Wien.

[4] Für detaillierte Informationen und Ergebnisse der Studie siehe Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela/Zimmermann, Astrid (2008): Der Journalisten-Report II. Österreichs Medienmacher und ihre Motive. Facultas. Wien.

[5] Vgl. hierzu Kaltenbrunner, Andy/Karmasin, Matthias/Kraus, Daniela (2010): Der Journalisten-Report III. Politikjournalismus in Österreich. Facultas Verlag. Wien.

[6] siehe dazu grundsätzlich Weber 1995; am Beispiel der EU-Berichterstattung: Pesendorfer 2007; mit zahlreichen Beispielen Fidler 2004: 32ff.

[7] Siehe als weiteres Beispiel den Anti-EU-Kurs der Kronen-Zeitung, der im österreichischen Wahlkampf 2008 zu einem Kniefall der Sozialdemokratischen Partei (SPÖ) vor Krone-Herausgeber Dichand führte, als der regierende Kanzler Gusenbauer und der künftige Kanzler Faymann in einem Brief – exklusiv an die Kronen-Zeitung – die Änderung ihres politischen Kurses zum EU-Reformvertrag ankündigten. Was, wie sich im EU-Wahlkampf 2009 zeigte, für die SPÖ durchaus nicht lohnend war. Der Brief im Wortlaut: http://www.krone.at/krone/S25/object_id__105493/hxcms/index.html, abgerufen am 18.8.2009.

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