Forschung

1/2010 - Medien und Sport

Neue Wege des Augenscheins.

Wie Sport und Medien zusammenfanden. Das Beispiel Österreich

AutorInnen: Matthias Marschik / Johanna Dorer

Im Laufe eines Jahrhunderts haben sich die unterschiedlichen Bereiche des (Massen-)Sports und der (Massen-)Medien immer enger verwoben. Die Geschichte dieser Symbiose wird hier am Beispiel Österreichs nachgezeichnet

Im Zuge einer verspäteten Modernisierung trafen kurz vor 1900 in der österreichisch-ungarischen Monarchie zwei Phänomene aufeinander, die das folgende Jahrhundert prägen sollten: die Massenpresse als Ausgangspunkt der späteren Massenmedien und der aus Großbritannien importierte Sport als Vorläufer des späteren Massensports. Deren Verknüpfung von einer zunächst losen Verbindung zu einem symbiotischen Sport-Medien-Komplex soll in der Folge am Beispiel Österreichs kurz nachgezeichnet werden.

Frühe Annäherungen

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts finden sich in der österreichischen Medienlandschaft erstmals Berichte zum Thema Turnen und Sport: Zum einen entstanden im Rahmen der Turnbewegung eigenständige Fachblätter, die nicht nur Vereins- und Verbandsmitteilungen publizierten, sondern auch die Ideologie der körperlichen Ertüchtigung propagierten. Zum anderen informierten Blätter zum Thema Pferdesport sowohl die Pferdebesitzer und -züchter als auch das Wetten interessierte Publikum über das aktuelle Geschehen (Dimitriou 2007: 44). 1878 erschien schließlich die Illustrierte Sport Zeitung, die sich dem adeligen Sport, besonders dem Reiten und der Jagd, widmete, nach einem Jahr aber wieder eingestellt wurde (Müllner 2002: 87).

Wesentlich größerer Erfolg war der 1880 erstmals erschienenen Allgemeinen Sportzeitung beschieden, die in der Folge bis 1927 existierte, zunächst als Wochenschrift, später mit zwei und drei Ausgaben pro Woche, wie es ja auch der Schnelligkeit des Sports und der Schnelllebigkeit von Sportinformationen entsprach. Ihr Herausgeber, der Bankfachmann, Kommunalpolitiker, Journalist, Zeitungsverleger und eben „sportsman“ Victor Silberer, hatte in den USA sowohl das im Vergleich zu Europa fortschrittliche Presse- wie Sportwesen kennen gelernt und brachte nun in Wien ein von Inhalt wie Aufmachung neuartiges Medium auf den Markt (Müllner 2002, 89). Dabei sollte das moderne, bürgerliche Sportgeschehen (neben Pferdesport, Jagd, Schießen und Fischen eben auch Schwimmen, Rudern, Segeln, Gymnastik, Eissport und bald auch der Automobil-, Flug- und Fußballsport) nicht mehr an ein gehobenes, sondern an ein breites Publikum vermittelt werden.

Schon in der Allgemeinen Sportzeitung ist eine enge Verbindung von Sportpraxis und Sportmedium angelegt. Zum einen sollte sie umfassend über das Sportgeschehen in Wien, in der Monarchie und in ganz Europa informieren, zum anderen war sie aber auch offizielles Verlautbarungsorgan verschiedener Sportverbände; so lebte sie von den sportlichen Ereignissen, aber ihr kam auch die Funktion einer Propagierung der Sportidee und der Popularisierung einzelner Sportzweige in Österreich zu. Außerdem war Victor Silberer ja nicht nur Sportjournalist, sondern auch aktiver und erfolgreicher Athlet, der etliche Sportzweige, vom Rudern bis zu Ballonfahrt, in Wien erst populär gemacht hatte.

Etwa ab 1900, als mit dem Wegfall der Stempelsteuer der Weg zu einer Massenpublizistik geebnet wurde, erweiterte sich die Information zu Sportereignissen ganz wesentlich. Nun nahmen auch Wiener (ebenso wie Prager oder Budapester) Tageszeitungen die Sportberichterstattung in ihr Repertoire auf. Zunächst nur anlassbezogen, bald aber täglich und von eigenen Sportredakteuren aufbereitet (Eggers 2007: 12), wurde zumeist auf den letzten Seiten über inländische und mit Verzögerung auch ausländische Sportereignisse berichtet, wobei sich die Berücksichtigung einzelner Sportzweige durchaus an der Klientel des Mediums orientierte. Eine wesentliche Neuerung war, dass man nun nicht mehr vor Ort zugegen sein musste, um über ein Sportereignis informiert zu sein. Zugleich führte das verbreitete Wissen über Sport auch dazu, dass selbst wenig sportaffine Personen zumindest am Rand über die Geschehnisse unterrichtet waren und ganz generell das gestiegene Gewicht von Sport ebenso vermittelt bekamen wie dessen spezifische Bedeutungen, etwa seine nationale Wichtigkeit, seine maskuline Konnotation oder die besondere Popularität bestimmter Sportzweige, sodass der Sportberichterstattung schon früh eine wichtige Rolle in der Entstehung von Leitsportarten und nationalen Sporträumen zukam (Penz 2009: 100).

Das Beispiel Josef Steinbach

Wien war um 1900 als „Stadt der starken Männer“ bekannt, Wiener Gewichtheber hielten zahlreiche internationale Rekorde, weil noch keinerlei einheitliches Reglement existierte: So konnten auch Weltrekorde im Heben mit einzelnen Fingern, mit den Zähnen und Haaren, oder aber im Bombenjonglieren und Fässerwerfen erzielt werden (Marschik 2006: 132). Die Übergänge zwischen Amateuren und Profis sowie zwischen Sport und Zirkus waren fließend, die Sportbewerbe selbst waren in Wirtshäusern oder Vorstadtvarietés abgehaltene Spektakel: Nur wer vor Ort anwesend war oder es durch Freunde erzählt bekam, wusste über die Ereignisse Bescheid, denn es gab keine Medien, die auch nur über das Endresultat unterrichtet hätten. Dafür gab es enge Verbindungen zwischen den Athleten und ihren Anhängern und Anhängerinnen, die nach der Veranstaltung beisammen saßen und die Ereignisse diskutierten.

Der 1879 im Böhmen geborene Josef Steinbach zog mit 15 Jahren nach Wien, um hier als Kellner zu arbeiten und in diesem Metier kam er auch mit dem Gewichtheben in Kontakt. Etwa um 1900 erlangte Steinbach den Ruf eines local hero (Marschik 2009: 24). In den Medien fand er dagegen erst 1904 nach seinem ersten Weltrekord Erwähnung. Für die kurz darauf in Wien angesetzte Stemm-WM stieg er zum Favoriten auf. Obwohl – ganz im Sinne eines vormodernen Sports – von elf gemeldeten Athleten nur drei nicht aus Wien stammten, war die Begeisterung enorm. Der Weltmeister wurde durch Addition der Leistungen in insgesamt acht Bewerben ermittelt und sah Steinbach als Sieger, der sich nun „Meister der Welt im Gewichtheben pro 1904“ nennen durfte (Allgemeine Sportzeitung 28.5.1904: 640).

Während Internationalisierung und Regelvereinheitlichung schon eine Modernisierung des Stemmsports ankündigten, orientierte sich die Durchführung von Veranstaltungen noch am vormodernen Spektakel. Auch in der Folge war Steinbach medial nur bei internationalen Erfolgen präsent, als er etwa 1904 in Moskau den Titel „stärkster Mann der Welt“ errang oder 1905 in Duisburg und Berlin bei zwei Weltmeisterschaften siegreich blieb. Erst bei der Zwischenolympiade 1906 in Athen (Lennartz 2003: 121) geriet er in den Sog moderner Sportpraxen.

In beiden olympischen Stemmbewerben galt Steinbach als Favorit. Doch schon vor dem Wettkampf im Stoßen hatte Steinbachs Kontrahent, Lokalmatador Dimitrios Tophalos, mit Hilfe der Medien, die Steinbach des Profitums beschuldigten, „die Volkswut gegen den Österreicher“ entfesselt (Schwind 1989). Dann kamen die Wettkampfhanteln abhanden und der Bewerb wurde mit den privaten Geräten des Griechen fortgesetzt. Beschimpfungen und sogar Steinwürfe des Publikums brachten Steinbach zusätzlich aus der Fassung und Tophalos errang Gold. Am nächsten Tag wurden die Anschuldigungen zurückgenommen und Steinbach gewann im einarmigen Reißen doch noch eine Goldmedaille. „Mit seinem olympischen Antreten markierte Steinbach beispielhaft den Übergang in ein modernes Sportgeschehen, das statt Lokalität, Unmittelbarkeit und Amateurismus nun Internationalisierung, Medialisierung und Professionalisierung forcierte. Er wurde zum Bindeglied vom vorstädtischen Idol lokaler Wirtshausspektakel zum nationalen Sporthelden“ (Marschik 2009: 25). Als Olympionike und „Medienstar“ stand er am Beginn eines neuen Sportzeitalters.

Das ist ein Kennzeichen der Mediatisierung des Sports, dass nun, zumindest in Wien und Österreich, das Geschehen den Medien entnommen werden musste. Und die Zeitungen waren über ihre gestiegene Bedeutung offenbar selbst verblüfft. So hieß es in der Abendausgabe des Neuen Wiener Tagblatt (28.4.1906: 6), dass noch am Vorabend die Niederlage Steinbachs „das Tagesgespräch in Sportkreisen“ gewesen sei. Nun aber sei „spät nachts“ die Nachricht von dessen Revanche eingetroffen und habe „in ganz Wien Genugtuung“ ausgelöst. „Auch Kreise, die dem Sport sonst fern stehen“ nähmen plötzlich „an den Vorgängen in Athen lebhaften Anteil.“ Verwundert war die Zeitung nicht nur über die Schnelligkeit der Verbreitung, sondern vor allem über die Wirkung: Nicht allein die Freunde und Anhänger Steinbachs, sondern die Mehrzahl der Zeitungsleser und -leserinnen habe dessen olympischen Auftritt via Medien verfolgt und für wichtig erachtet.

Weil jedoch der Augenschein fehlte, wurden den Lesern und Leserinnen nicht nur die Geschehnisse geschildert, sondern auch Bewertungen angeboten. So stellte die Allgemeine Sportzeitung (26.5.1906: 618) Steinbach als „Opfer von Machinationen“ dar, beschrieb die „possenhaften, schier arroganten Bewegungen“ und den „teuflischen Plan“ von Tophalos, sich den Sieg ungerechterweise anzueignen. Das Neue Wiener Tagblatt (27.4.1906: 5) dagegen machte den Athleten selbst und seine mangelnde Vorbereitung auf die olympischen Wettkampfregeln für die Niederlage verantwortlich. Zugleich lieferten die Zeitungen eine Beurteilung der Ereignisse mit, habe doch das Resultat „Österreich nicht ganz den erhofften Erfolg“ gebracht (Allgemeine Sportzeitung 6.5.1906: 498), womit zum einen der zweite Rang als Enttäuschung interpretiert wurde, zum anderen aber nahe gelegt wurde, Steinbach sei als Repräsentant des Staates nach Athen gefahren.

Josef Steinbachs nicht nur sportliche Heimat waren also Wirtshaus und Vorstadt; sein Ruhm baute auf den direkten Kontakt von Publikum und Sportheld. Doch sein Auftritt in Athen repräsentiert beispielhaft sowohl den Übergang zu einem modernen, verregelten und nationalisierten Sportgeschehen als auch den Eintritt in das Medienzeitalter des Sports.

Massenmedien – Massensport

Schon vor 1918 hatte sich, zumindest in den Metropolen der Habsburgermonarchie, der Sport als fixer Bestandteil des modernen Lebens etabliert und ging eine zunehmend enge Verbindung zur expandierenden Massenpresse ein: Der Sport konnte überhaupt nur mittels einer ständigen Berücksichtigung in den Zeitungen zum Massenereignis werden, die Medien umgekehrt konnten am Phänomen Sport nicht mehr vorbeigehen. Er war in Form von Vorschauen und Berichten über Sportereignisse ebenso präsent wie in Gestalt von Vereins- und Verbandsnachrichten, zudem schalteten Sportveranstalter oder Klubs oft großflächige Anzeigen, um die Menschen auf die Sportplätze zu locken.

Binnen weniger Jahre hatte es das Sportgeschehen zu einer fixen Präsenz in der – urbanen – Medienlandschaft gebracht, die Ereignisse waren in mehr oder minder allen Tages- und Wochenzeitungen präsent, wenn auch in der Qualitätspresse in geringerem Umfang als in der Boulevardpresse, z. B. der ab 1900 erscheinenden Kronen-Zeitung, von wo auch eine Sensationalisierung der Berichterstattung ihren Ausgangspunkt nahm, die den Stil der Sportreportage immer mehr von jenem der politischen oder Wirtschaftsberichterstattung differenzierte. Daneben entstand auch eine immer umfangreichere Sportfachpresse, die sich bald nach Disziplinen auffächerte.

Die Sportberichterstattung zielte auf Aktualität und Unmittelbarkeit, mit anderen Worten waren die Medien bestrebt, die Vermittlung des Augenscheins zu verbessern. Deutliches Indiz dafür war etwa die Gründung des Illustrierten Österreichischen Sportblatts im Jahr 1905. Authentizität konnte das Blatt schon durch die Verpflichtung Max Leuthes, eines populären und noch aktiven Wiener Fußballers (Marschik/Schreiber 2009, 13) als verantwortlicher Redakteur beanspruchen. Die entscheidende neue Qualität des Blattes bestand aber, wie sein Name schon ankündigt, im erstmaligen umfassenden Einsatz fotografischer Illustrationen. Das Bild konnte zwar den Besuch der Sportveranstaltung nicht ersetzen, aber es bleibt „wenigestens ein Rest des Authentischen haften, der das abbildende Medium ebenso feiert wie den Menschen im sportlichen Spiel selbst“ (Sachsse 2006, 84).

Zwischen Medien, Sport und Bild entstand eine lebendige Wechselbeziehung, denn Bewegung und Rasanz des Sportes abzubilden war eine große technische Herausforderung der Fotografie und trug viel zum speziellen Genre der Bildjournalistik bei. Umgekehrt war die noch umständliche fotografische Praxis der Plattenkameras kaum imstande, Momentaufnahmen wie etwa entscheidende Spielszenen zu liefern und beschränkte sich daher oft auf Mannschaftsbilder oder Einzelporträts. Damit beförderte sie aber wiederum, gemeinsam mit dem Faktor Sensationalismus, die Herausbildung von Sportstars, die dann ins rechte Licht gerückt werden konnten. Bilder von Spielszenen konnten dagegen nur mit Tricks bewerkstelligt werden, etwa durch das nachträgliche Einkleben von extra fotografierten Bällen.

Ab 1918 kann, entstanden aus den Sportpraxen von Militär und Krieg, eine sprunghafte zunächst quantitative, bald auch qualitative Weiterentwicklung des Sports konstatiert werden, auch und gerade separatistischer Praxen des Arbeitersports. Begleitet wurde diese Tendenz nicht nur von einer weiteren Expansion des Sportteils von Tageszeitungen und der Entstehung oft kurzlebiger Sportblätter, sondern vor allem von der Publikation einer nunmehr täglich erscheinenden Sport-Tageszeitung. Ab dem Herbst 1918 war das Sportblatt am Mittag. Zeitschrift für Körpersport, Automobilismus und Luftschiffahrt teils als eigene Zeitung, teils als Beilage zum Neuen Wiener Tagblatt erschienen, ab dem Februar 1919 erschien die Zeitung als Wiener Sport-Tagblatt, ab 1921 dann nur mehr als Sport-Tagblatt mit zunächst vier, später bis zu acht großformatigen Seiten.

Die tägliche Erscheinungsweise und die ausgedehnte Berichterstattung über verschiedenste Sportzweige, wenn auch mit dem Schwerpunkt auf Fußball, ermöglichten es der Zeitung, den Typus des umfassenden Sportexperten entstehen zu lassen. Verstärkt wurde dieser Eindruck, weil das Sport-Tagblatt jeweils auf der letzten Seite die wichtigsten in- und ausländischen Tagesmeldungen aus Politik, Wirtschaft und Chronik zusammenfasste, der Leser (oder die Leserin) der Zeitung also keiner anderen Medien bedurfte, um auch auf diesen Gebieten informiert zu sein.

Die Verbindung von Medien und Sport wurde abermals enger. War es im Illustrierten Sportblatt die Authentizität des Bildes, war es im Sport-Tagblatt der Augenschein durch Quantität: Die zahlreichen Meldungen und Berichte verwiesen darauf, dass selbst ein permanenter Besuch von Veranstaltungen nicht mehr ausreichte, um bezüglich des Sportgeschehens auf dem Laufenden zu sein: Zwecks umfassender Information musste man die Medien konsumieren. Weiters war diese Zeitung eine der ersten, die neben den Facts und Hintergründen auch Kommentare und Meinungen veröffentlichte, den Sport also auf ein Niveau hob, das der intellektuellen und essayistischen Reflexion würdig war (Horak/Maderthaner 1997: 131), auf dessen Basis man im Extremfall sogar die Welt erklären konnte. Daraus entstand eine Schule des Wiener Sportfeuilletons, die besonders im Neuen Wiener Journal gepflegt wurde und in eine enge Verbindung von Sport und Boheme mündete (Horak/Maderthaner 2008: 27).

Geschriebene Sportberichte, aber auch die Sportfotografie litten punkto Authentizität noch unter einem großen Manko: Sie konnten nur um Stunden, meist sogar Tage zeitversetzt rezipiert werden. Hier schuf ein neues Medium Abhilfe, das Radio. Die erste Rundfunkübertragung eines Sportereignisses, eines Boxkampfes auf der Hohen Warte im Mai 1924, erfolgte sogar noch vor der Gründung der nationalen Rundfunkanstalt, der RAVAG. Doch verzögerten technische Probleme die Praxis der Liveberichterstattung, sodass zunächst nur Sportnachrichten ausgestrahlt wurden. Erst im Jahr 1928 wurden eine Ruderregatta, ein Pferderennen und dann der Fußballländerkampf Österreich-Ungarn live übertragen – und Reporter Willy Schmieger wurde schon nach dieser Sendung selbst zum Star.

Die Hörer und Hörerinnen lauschten einer Stimme, die direkt und ohne Zeitversetzung aus dem Stadion kam, und konnten im Hintergrund das Raunen und die Schreie der Massen vernehmen. Das war zwar noch nicht der direkte Augen-, aber quasi schon der „Ohrenschein“ des Ereignisses und der Sportbericht erreichte eine neue authentische Qualität, wie etwa im Dezember 1932 bei der Übertragung des „Jahrhundertspiels“ des Fußballteams gegen England aus London deutlich wurde (Marschik 2004). Die RAVAG setzte dafür erstmals auf die technische Neuerung des Unterseekabels und in ganz Wien wurden öffentliche Lautsprecheranlagen errichtet. Lange vor Spielbeginn setzte eine „Massenwanderung zu den Lautsprechern“ ein. Die größte Menge fand sich auf dem Heldenplatz ein, der „einem Rummelplatz“ glich: „eine Musikkapelle, Zuckerlverkäufer, Brezelbuben und was in solchen Fällen sonst noch ‚zum Betrieb’ gehört, war vertreten“. Selbst ein Sportlaie „wußte genau, wie es stand und warum es so stand“ (Neues Wiener Tagblatt, 8.12.1932: 6).

Damit hatte die mediale Rezeption eines Sportereignisses eine eigene populäre Qualität erhalten, die nicht mehr mit jener vor Ort verglichen werden konnte. Die Übertragung selbst war zum Massenereignis geworden. Die Radioreportage übertrumpfte damit die Printmedien, obwohl auch diese mit einer technischen Neuerung, dem per Funk übertragenen Foto – sogenannten „Funkbildern“ – konterten, sich ansonsten aber neuen Aufgaben der zeitversetzten bildlichen Darstellung und textlichen Kommentierung zuwandten.

Auch diese Kombination von Ton, Bild, Text und schließlich mündlicher Kommunikation im Reden über das Sportereignis erzeugte neue Arten der Auseinandersetzung mit Sport, einerseits durch die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der von den verschiedenen Kanälen gelieferten Information, andererseits durch deren grundsätzliche Gleichwertigkeit, konnten doch im Alltagsgespräch die Hörerinnen und Hörer, Leserinnen und Leser, ebenso mitdiskutieren wie jene, die das Ereignis vor Ort erlebt hatten. Fernsehstuben, wie sie im Bereich des Sports erstmals 1936 bei den Olympischen Spielen von Berlin eingerichtet wurden, verkündeten dann einen weiteren Schritt in der Perfektionierung des Mediensports: Es ging dabei nicht nur um eine Ergänzung im Sinne nunmehr bewegter Bilder, sondern um eine enorme Verdichtung, als das Fernsehen doch das Hören und Lesen (etwa in Form von Inserts) in die Übertragung integrierte und damit bereits „Multimedialität“ schuf.

Der neue Augenschein

Etwa 20 Jahre dauerte es, bis die winzigen und unscharfen Bilder den Fernsehstuben entwachsen waren und brauchbare Sportinformation ins Haus (und anfangs oft auch in Wirtshauszimmer) lieferten. Ab den 1960er-Jahren zeigte sich, sobald TV flächendeckend empfangen wurde, die Symbiose dieses Mediums mit dem Sport: Zum einen brauchte das Fernsehen schon sehr früh den Sport, der Einschaltquoten brachte, aber zugleich „nicht nur Anlass und Motivation für den Erwerb eines Empfangsgerätes, sondern auch Beispiel einer adäquaten Nutzung“ war (Bartz 2003, 41). Zum anderen ermöglichte erst das Fernsehen einen medialen Augenschein, der uns zwar bestimmte Rituale, Gefühlslagen und Blickwinkel des Live-Erlebens vorenthält, aber in anderen Punkten wirklicher erscheint als das Geschehen vor Ort. Beim Ski- oder Autorennen sieht man die ganze Strecke, beim Fußball oder bei der Leichtathletik ermöglichen verschiedene Kamerapositionen, Zeitlupen oder Wiederholungen eine weit fundiertere Beurteilung konkreter Spielszenen oder Bewegungsabläufe als beim Live-Erlebnis.

Das Geschehen auf dem Bildschirm ist, auch wenn es auf realen Abläufen vor Ort basiert, längst nicht deren Abbild, sondern kreiert eine eigene Medienrealität. Dennoch wurde dem Fernsehbild erstmals in der Mediengeschichte jener Augenschein zugesprochen, jene Augenzeugenschaft, die eine direkte Teilhabe am Sportevent versprach bzw. nahe legte. So blieben in den 1960er-Jahren viele Stadien halb leer, sobald ein TV-Sender eine Liveübertragung ankündigte. Heute ist das Fernsehen, wie Otto Penz in seinem Beitrag für diese Medienimpulse-Ausgabe ausführt, längst zu einem sportlichen Paralleluniversum mit eigenen Regeln und Rezeptionsformen geworden, erweitert und ergänzt noch durch das Internet, das zwar keinen grundsätzlich neuen Blick, jedoch eine enorme Vielfalt ermöglicht.

Der heutige Massensport war via Medien letztlich erst ermöglicht worden, denn nur so konnten Hunderttausende, die nicht vor Ort teilnehmen konnten oder wollten, dennoch am Sportgeschehen teilhaben. Doch wenn uns der Augenschein eine immer größere Übereinstimmung und Nähe von live erlebtem Ereignis und medial rezipiertem Sport nahelegt, scheint fast das Gegenteil der Fall zu sein, dass sich nämlich der Mediensport immer mehr von seiner Basis, dem sportlichen Wettkampf selbst, entfernt.


Literatur

 

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Dimitriou, Minas (2007): Historische Entwicklungstendenzen des internationalen Mediensports. In: Schierl, Thomas (Hg.): Handbuch Medien, Kommunikation und Sport. Schorndorf: Hofmann, 42-54.

Eggers, Erik (2007): Die Geschichte der Sportpublizistik in Deutschland (bis 1945): Von der Turnpresse im 19. Jahrhundert zur gleichgeschalteten Sportpresse im Dritten Reich. In: Schierl, Thomas (Hg.): Handbuch Medien, Kommunikation und Sport. Schorndorf: Hofmann, 10-24.

Gerhard, Heinz (2006): Fußball im Fernsehen. Wie die Tiefe des Raumes die Höhe der Einschaltquoten bestimmt. In: Holtz-Bacha, Christina (Hg.): Fußball – Fernsehen – Politik, Wiesbaden: VS-Verlag 44-70.

Horak, Roman/Maderthaner, Wolfgang (2008): Die Eleganz des runden Leders. Anmerkungen zur Wiener Schule. In: Horak, Roman/Pfoser, Alfred/Maderthaner, Wolfgang (Hg.): Die Eleganz des runden Leders. Wiener Fußball 1920-1965. Göttingen: Die Werkstatt, 24-47.

Horak, Roman/Maderthaner, Wolfgang (1997): Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne. Wien: Löcker.

Müllner, Rudolf (2002): Sport und Mediatisierung – Österreich vor 1900. In: Krüger, Arnd/Buss, Wolfgang (Hg.): Transformationen: Kontinuitäten und Brüche in der Sportgeschichte I. Hoya: Schriftenreihe des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte, 84–92.

Lennartz, Karl (2003): Die Zweiten Internationalen Olympischen Spiele in Athen 1906. In: Stadion 29, 121-143.

Marschik, Matthias (2004): Die Geburt der Nation aus dem Unterseekabel. Eine Momentaufnahme aus Österreichs Rundfunkgeschichte. In: Medien & Zeit 19/3, 16-24.

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Marschik, Matthias (2009): Moderne und Sport. Transformationen der Bewegungskultur. In: Marschik, Matthias/Müllner, Rudolf/Penz, Otto/Spitaler, Georg (Hg.): Sport Studies. Wien: Facultas/UTB, 23-34.

Marschik, Matthias/Schreiber, Christian (2009): „Ich bin der Begründer des Wiener Fußballsports“. Die Geschichte(n) des Max Johann Leuthe. In: SportZeiten 9/2, 7-23.

Penz, Otto (2009): Hyperrealität des Sports. In: Marschik, Matthias/Müllner, Rudolf/Penz, Otto/Spitaler, Georg (Hg.): Sport Studies. Wien: Facultas/UTB, 99-111.

Sachsse, Rolf (2006): Bilder der Berühmten. Zur Konstruktion von sportlichem Ruhm und medialen Stars durch photographische Bilder. In: Marschik, Matthias/Spitaler, Georg (Hg.): Helden und Idole. Sportstars in Österreich. Innsbruck/Wien/Bozen: StudienVerlag, 84-88.

Schwind, Karl Heinz (1989): Schlagzeilen, Höhepunkte, Premieren. In: Stecewicz, Ludwig (Hg.): Das rotweißrote Sportlexikon [Loseblatt-Ausg.]. Wien: Archiv-Verlag.

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