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Rezension: Molekulares Rot. Theorie für das Anthropozän

von McKenzie Wark

AutorIn: Simon Nagy

McKenzie Wark unternimmt in "Molekulares Rot" experimentelle Streifzüge durch Wissenschaftstheorien des 20. Jahrhunderts, um eine dem Anthropozän angemessene "low theory" zu erproben. Diese präsentiert sich als produktive Methode, mit Literatur und Theorie zu arbeiten und tradierte Begriffe neu zu beleuchten …

Verlag: Matthes & Seitz
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN 978-3-95757-395-7


Cover: Molekulares Rot
von McKenzie Wark
Quelle: Matthes & Seitz

Im Anthropozän findet keine Befreiung einer Klasse, einer Nation oder eines Geschlechts statt – sondern von Kohlenstoff. So lautet die These, die McKenzie Warks Großessay "Molekulares Rot" zugrunde liegt. Der New Yorker Medien- und Kulturwissenschaftler nimmt sich in diesem Text vor, marxistische Theorie vor dem Hintergrund der geopolitischen Umstände des 21. Jahrhunderts zu aktualisieren. Er bezeichnet unsere Gegenwart als Ära, in der weder Wohlstand noch Macht oder Anerkennung umverteilt werden, sondern Moleküle im Interesse der "Kohlenstoffbefreiungsfront". Diese neuartige Relevanz des Molekularen gegenüber dem Molaren benötigt Wark zufolge eine Umorientierung kritischen Denkens. Anstatt die seit Jahrhunderten tradierten Narrative fortzuführen, müsse sie sich selbst auf molekulare Maßstäbe ausrichten. Wark spricht von einer "low theory", die sich von abstrakten Philosophiemodellen ab- und den konkreten Realitäten menschlich verschuldeten Klimawandels zuwendet. Denken hat "aus der Theorie-Vergangenheit in die Gegenwart des Anthropozäns" zu treten. Diese Bewegung versucht "Molekulares Rot" selbst zu unternehmen, indem es sie in einem ersten Schritt an unterschiedlichen Wissenschaftstheorien des 20. Jahrhunderts aufzeigt.

Im Vordergrund steht dabei der Versuch, marxistische Grundannahmen mit ökokritischen Denkmustern zu verknüpfen. McKenzie Wark stellt sich entschieden gegen die populärer Ökokritik innewohnende Tendenz, der Moderne den Rücken zuzukehren und verklärt-romantische Sehnsucht gegenüber einem vor-technologischen Zustand zu hegen. Ebenso bezeichnet er allerdings eine Analyse der Gesellschaft, die sich strikt an Marx' Konzept des dialektischen Materialismus orientiert, für nicht mehr haltbar. An ihrer statt setzt sich der Autor zum Ziel, einen neuen Begriff der Arbeit einzuführen: einer Arbeit, die sich "in und gegen Natur situiert". Dieser Arbeits-Begriff soll das Herz einer neuen Methode bilden, Gesellschaft und ihren Modus der Naturbeherrschung im Anthropozän zu begreifen.

"Molekulares Rot" präsentiert kein zu Ende entwickeltes Konzept, sondern perspektiviert und appropriiert unterschiedliche Ideen, die es in erzählender Literatur und Philosophie des 20. Jahrhunderts findet. An den Verknüpfungen von SchriftstellerInnen und TheoretikerInnen, die auf den ersten Blick weder miteinander noch mit ökokritischem Denken in deutlicher Beziehung zu stehen scheinen, schärft Wark seinen Begriff der Arbeit. Die Eröffnung macht Alexander Bogdanow, dessen 1908 erschienener Science-Fiction-Roman "Der Rote Stern" einer marxistisch-ökokritischen Lektüre unterzogen wird. Die Methoden, die Wark für eine zeitgemäße Arbeit mit Theorie einfordert, führt er in seinem Text stets selbst vor. Von Bogdanows utopischer Erzählung schreitet er zu den theoretischen Konzepten des bolschewistischen Revolutionärs und eignet sich eine ihrer zentralen Denkfiguren an: die der Tektologie. Bogdanows Tektologie bezeichnet Wark als Vorschlag zu einer horizontalen Philosophie. Tektologisches Denken bewegt sich nicht entlang hierarchischer Baumstrukturen, sondern seitwärts, indem es mit Methoden der Substitution von einem Begriffsfeld zum nächsten wandert. Es ist "eine kameradschaftliche poetische Methode zur Erzeugung von Theorien und zur Koordination ihrer wissenschaftlichen Verifizierung oder Widerlegung" und als solche ein Beispiel für eine von Wark angestrebte "low theory".

"Molekulares Rot" unternimmt in weiterer Folge selbst eine tektologische Bewegung: Der Text reiht eine Vielzahl von Ansätzen aneinander, bewegt sich seitwärts von einem zum nächsten und befragt sie auf ihre eigenen tektologischen Strukturen. Das Potenzial dieser Denkmethode ergibt sich aus den Verknüpfungen, die sie zu ziehen imstande ist: Wark verbindet Ernst Mach mit Paul Feyerabend, vergleicht Karl Marx' Gedanken zum Vampirismus mit Donna Haraways Figur des Cyborgs und lässt utopische Sowjetliteratur mit Kenneth Goldsmiths Praxis des "uncreative writing" in Beziehung treten. Aus diesen Verknüpfungen entspringen überraschende Einsichten, die anregende Re-Lektüren ebenso kanonischer wie weniger bekannter Wissenschaftstheorien erlauben. Angesichts der zentralen Rolle, die der Moment des Vergleichs in "Molekulares Rot" einnimmt, lässt sich die Arbeit geradezu als komparatistische begreifen: Zwar wählt sie andere Begriffe, doch arbeitet sie ohne Unterlass mit Methoden der Metaphorik und der Metonymie. Bereits die tektologische Methode ist im Kern komparatistisch: Sie bezeichnet den Versuch, durch das Mittel der Substitution die einem Bereich immanenten Organisationsstrukturen auf einen gänzlich anderen zu übertragen: "Substitution ist eine Art détournement, durch das die formalen Eigenschaften einer Tätigkeit zur experimentellen Vorlage einer anderen dienen können." Dabei liest Wark abwechselnd erzählende Literatur als Theorie und theoretische Überlegungen als Literatur. Diese Überschreitung formaler Grenzen begreift er als Waffe, um gegen die vorherrschende Form des "kapitalistischen Realismus" anzuschreiben. Das Anthropozän fordert ihm zufolge keine Neuerfindung des Rads, sondern das Denken "neuer Erfahrungen im Rahmen der bereits bestehenden fundamentalen Metaphern". Die Breite dieser Metaphern reicht von Bogdanows utopischem Marskommunismus über Haraways Kritik des Körperfetischs bis zum "Laboratorium der Geschichte" in Kim Stanley Robinsons "Mars"-Trilogie. Die künstlerisch-literarische Praxis des sowjetischen Proletkults greift Wark als Konzept auf, um sie – etwa als Cyborgkult – in zeitgenössische Formen zu übersetzen. Am Ende dieses extensiven Unternehmens steht keine endgültige These, sondern eine Reihe von Versuchen, den Begriff der Arbeit im Anthropozän zu lokalisieren.

Warks Verknüpfungsfreude haftet bei all ihrer komparatistischen Produktivität allerdings eine rhetorische Dimension an. Zuweilen scheint, als überrage der Reiz am Errichten unkonventioneller Wahlverwandtschaften die Ambition, qualitativ neuartige Gedanken aus ihnen zu destillieren. Die Paratexte des Buches kündigen "Molekulares Rot" als "Grundlegung einer Theorie des Anthropozäns" an. Dafür sind seine Nacherzählungen von Primärliteratur jedoch zu ausschweifend, seine Implikationen zu unkonkret und seine theoretische Grundierung zu willkürlich: Das Werk schweigt zum Teil über Theorien aus denen sich seine Argumentation zwar eindeutig speist, deren Nennung dem Autor aber womöglich nicht unkonventionell genug erschien. Sein initiales Konzept eines "geheime[n] Heliotropismus" etwa, der sich aus "der Perspektive einer Vergangenheit, wie sie die Arbeit heute eigentlich braucht", speist, weckt starke Anklänge an Benjamins Geschichtskonzept; ebenso steht der Begriff der "zweiten Natur" klar in der Tradition Hegels und Adornos, die ebenfalls ungenannt bleiben. Warks Aktualisierung kritischer Theorie lässt Kritische Theorie im Sinne der Frankfurter Schule außen vor. Diese Aussparung befeuert den Text zwar zweifellos in der Freude seiner Verknüpfungen, lässt die gesellschaftspolitische Perspektive dadurch allerdings hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Eine radikal neue These aufzustellen, scheint den Ankündigungen zum Trotz allerdings gar nicht das eigentliche Ziel von "Molekulares Rot" zu sein. Vielmehr scheint der Text bewusst im Experimentell-Erprobenden angesiedelt: Er kombiniert auf anregende Weise verschiedene Narrative des 20. Jahrhunderts, um neuartige Perspektiven auf und für Organisationen des kameradschaftlichen Wissens zu erkunden. Für die "low theory", die Wark von zeitgemäßem Denken fordert, liefert er durch seine tektologische Arbeitsweise selbst ein eindrückliches Beispiel. Die Qualität des Werks liegt daher nicht in der Formulierung einer neuen politischen Theorie, sondern in der Methode seiner komparatistischen Verknüpfungsarbeit: Sie behauptet sich als produktive Bewegung, metaphorisch-metonymisch gänzlich unterschiedliche Begriffsfelder zu durchstreifen und an ihnen neue Organisationsformen des Begriffs der Arbeit zu erproben.

Tags

marx, marxismus, molar, molekular, arbeit, rot