Neue Medien

4/2017 - Kreativität/Ko-Kreativität

Rezension: Draußen. Zum neuen Naturbezug in der Popkultur der Gegenwart

von Johannes Springer und Thomas Dören (Hg.)

AutorIn: Johanna Lenhart

In der Popkultur der letzten beiden Jahrzehnte macht sich ein Trend zur Auseinandersetzung mit Natur bemerkbar. Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE den neuen kultur- und medientheoretischen Sammelband zum Thema …

Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-8376-1639-2


Cover: Draußen
von Johannes Springer und Thomas Dören (Hg.)
Quelle: Amazon

Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war – so der Ausgangspunkt der beiden Herausgeber Johannes Springer und Thomas Dören – geprägt vom Thema Natur: Von Klimawandel zu einer (wieder-)erstarkenden Sehnsucht nach Naturverbundenheit ist die Beziehung des Menschen zur Natur Anfang des Jahrtausends erneut stark in den Fokus gerückt. Diese Auseinandersetzung lässt sich jedoch nicht nur in Bezug auf gesellschaftspolitische Zusammenhänge beobachten, sondern ist auch in die Popkultur eingezogen, die in den letzten Jahren ein regelrechtes greening durchlaufen hat. In allen Bereichen fanden "symbolische Einschreibungen in Natur von thematisch andockender Literatur, Musik, Bild-Medien, Mode und anderen sozialen und kulturellen Aktivitäten und Bewegungen statt."

Gerade Pop erscheint Springer und Dören dabei als geeignetes Vehikel um die Mechanismen des "Dispositivs 'Natur'" zu veranschaulichen. Denn gerade hier werden gesellschaftliche Entwicklungen schnell aufgegriffen, zugespitzt und für jedermann sichtbar ausgestellt. Gleichzeitig wurden in der Popkultur immer schon Alternativen entworfen, die gegenkulturelle Zugänge und Werte präsentierten, wie es etwa in den großen Popsubkulturen wie den Hippies oder den Punks erkennbar ist. Dementsprechend fungiert Natur im Pop immer als zweierlei: als eskapistischer Fluchtort, der als Alternative zur durchrationalisierten, technologieaffinen, kapitalistischen Großstadt dient, und gleichzeitig als Widerstandsort, der Platz bietet für subversive Ideen und Konzepte.

Dabei ist die Hinwendung zur Natur im 21. Jahrhundert geprägt von einer Nostalgie, die mitunter an Mark Fishers Konzept der Hauntology erinnert. Fisher beschreibt damit die Hinwendung zeitgenössischer KünstlerInnen auf vergangene, nicht umgesetzte Gesellschafts- und Zukunftsentwürfe, die für das Jetzt quasi wieder aus dem Grab geholt werden.  Der Naturbezug der Popkultur des 21. Jahrhunderts ist in seiner Grundhaltung nämlich oft nicht kritisch, sondern hat etwas dezidiert Rückwärtsgewandtes, etwa im direkten Bezug auf Subkulturen der 60er/70er Jahre wie die Hippie-Bewegung und ihre Gegenurbanisierungstendenzen. Diese Wiederaneignung vergangener, naturverbundener Gesellschaftsentwürfe ist besonders in der Musik – und hier v. a. im Folk – anzutreffen, wie sie etwa Jochen Bonz in seinem Beitrag anhand der begeisterten Remediatisierung von Vashti Bunyans 1970 ohne großem Echo veröffentlichten Album "Just Another Diamond Day" durch die MusikerInnen des New Weird America Anfang der 2000er beschreibt. Vashti Bunyan mit ihrem Rückzug aufs Land und zum 'einfachen Leben' außerhalb der Konventionen – berühmt wurde ihre Reise durch Schottland, die sie gemeinsam mit ihrem Partner Robert Lewis mit einem Pferdefuhrwerk unternahm – ist auch ein Bezugspunkt für den Back to the Nature-Trend der 70er mit dem sich Keith Halfacree in seinem Beitrag beschäftigt.

Alles andere als eine neue Erfindung – so gab es in England bereits im 17. Jahrhundert die sogenannten "Diggers", die sich mit einem agrarisch-egalitären Lebensentwurf gegen den urbanen Kapitalismus wandten – war der Rückzug in die Natur für viele MusikerInnen ein Versuch sich auf das Ursprüngliche, das einfache Leben zu besinnen und den "Kopf wieder freizubekommen". Auch dieser Rückzug aufs Land wird aktuell wiederaufgenommen, gerade im Folk mit seinen "stark ländlich-rustikalen Darstellungsformen", der, so Thomas Ebke in seinem Beitrag zur Naturerfahrung des US-amerikanischen Indie Folks, "geradezu als Wiedergänger der Folk-Szene der 1960er und 70er Jahre posiert". Dabei schildert Ebke eine Art der Aneignung der Vergangenheit – besonders was die Repräsentation von Natur betrifft – die die Gegenwart in keiner Weise markiert und so die neue Anverwandlung nicht von der "phantasierten Vergangenheit unterscheidbar macht […]. Es ist, als ob die Vergangenheit in der Gegenwart gerinnt." Erst beim sehr genauen Hinsehen etwa in einer Detailanalyse des Songs Roscoe der Band Midlake offenbart sich, wie die Gegenwart mitsamt ihrer in nostalgischen Naturphantasien verdrängten, neoliberalen Logik in den Folk zurückdrängt und so zu einer "Deformation der Nostalgie selbst" beiträgt.

Neben diesen Beiträgen, die sich mit Naturkonzepten in der zeitgenössischen Musik beschäftigen, drehen sich die restlichen Aufsätze um die Inszenierung von Natur in anderen Medien. Nicht fehlen darf dabei natürlich eine Untersuchung von Sean Penns Natur-Eskapismus-Klassiker "Into the Wild" (2007). Benjamin Moldenhauer zeigt, wie der Film "eine vergleichsweise komplexe Geschichte von der Natur als Projektionsfläche und sinnstiftende[m] Ort" erzählt. Auch Millay Hyatt beschäftigt sich mit naturverklärenden Fiktionen in ihrem Beitrag zu literarischen Utopien im Gefolge von William Morris' "News from Nowhere" (1890), stellt allerdings auch ein Potential des Widerstands der Natur selbst fest, deren "Wucht" – etwa in Naturkatastrophen – dem Menschen als alleinigem Entscheidungsträger und Handelnden entgegentritt. Mit der Verklärung von Natur, allerdings in die Zukunft gedacht, beschäftigt sich auch der Beitrag von Dan Podjed zum Science-Fiction Blockbuster "Avatar" (2009). Podjed untersucht dabei vor allem die sexuellen Projektionen der Fangemeinde auf die überzeichnete "Super-Natur" des Films: Die Natur von Pandora kann "wie ein Pornostar verstanden werden. Es sieht aus wie die Natur der Erde, hat aber verschiedene Implantate und Verbesserungen, die sie unwiderstehlich attraktiv wirken lassen."

Auf die Verbindung von inszenierter Natur bzw. Natürlichkeit, Sexualität und Genderidentität gehen auch die Beiträge von Jill E. Anderson zum Roman "Sometimes a Great Notion" (1964) des US-amerikanischen Autors Ken Kesey und Thomas Dörens Untersuchung von Hipster-Vollbärten ein. Andersons Analyse der Männlichkeitskonstrukte der Holzarbeiter in Keseys Roman arbeitet die Entstehung einer (mitunter queeren) Homosozialität im Wald als einem Raum, der ohne Frauen auskommt heraus. Auf queere Konzepte bezieht sich auch Dören in seiner Analyse des möglichst ungezähmt-natürlich sprießenden Hipster-Bartes der 2000er indem er ihn auf den Bart als Merkmal sexueller Identität in der queeren Szene der 1980er zurückführt.

Mit weniger affirmativen Ansätzen der Beschäftigung mit der Natur beschäftigt sich Tobias Lander in seinem Beitrag zur Pop Art: Ausgehend von der zwar recht basalen, aber doch notwendigen – zumal sie in den anderen Beiträgen wenn überhaupt eher anklingt als explizit gemacht wird – Feststellung, dass Natur vom Kulturwesen Mensch nie als reine Natur, sondern nur mit kulturellen Kontexten im Hintergrund abgerufen werden kann, analysiert Lander unter anderem Werke von Roy Liechtenstein oder Andy Warhol, die sich gegen eine mimetische Naturdarstellung wenden. Vielmehr rufen diese Bilder kulturelle, wiedererkennbare Codes ab, die Natur als Chiffre erkennbar machen: Pop-Künstler vermitteln "nicht nur ein Bild aus zweiter, sondern eher aus dritter, vierter, fünfter Hand […]. Es sind Meta-Paraphrasen, welche über das Dargestellte im Lichte all seiner Paraphrasen sprechen."

Während sich die meisten Beiträge – mit Ausnahme von Dörens Hipster-Vollbärten sowie Chris Andertons Beitrag zu Musikfestivals als einer "kurzfristige[n] Aneignung eines Ortes in der freien Natur" – vor allem mit dem Bild von Natur in Kunst, Literatur und Musik beschäftigen, steuert Elke Krasny einen "Erfahrungsbericht" über einen Ausflug in die Natur bei. Mit der Seilbahn auf einen Berg fahrend, denkt Krasny über die Inszenierung von Naturerfahrung nach und darüber, welchen Effekt die "Popularisierungsmaschine" Imagination auf die Natur hat: Nicht einsame, unberührte Berggipfel sind es nämlich, die den Natur-Sehnsüchtigen erwarten, sondern Menschenmassen in einer von Technik zerschnittenen Landschaft.

Diese (trotz allem noch recht dezente) Kritik am Umgang des Menschen mit der Natur wird von Michael Sicinski in seinem Beitrag über die Dokumentarfilme von Ben Rivers stärker herausgearbeitet, sieht er doch in den experimentellen Filmen des britischen Regisseurs, die den Platz des Menschen in "einem größeren öko-geologischen Narrativ" zeigen, auch eine "große Aufmerksamkeit für kleine, bescheidene Formen des Widerstands gegen besitzergreifendes, habgieriges Leben in der Natur". Die Argumentation Sicinskis, warum die Expermientaldokus von Rivers doch auch "Pop" sind, geht von Gramscis Modell des "Popular-Nationalen" aus und nimmt zwar recht viel Platz ein, überzeugt jedoch nur teilweise: "Um es kurz zu sagen: »Populärkultur« kann ein Ensemble an Arbeiten sein, die für ein Publikum gemacht wurden, das noch nicht existiert, aber durch die Arbeiten selbst geformt und sich bewusst wird."

Gerade diese kapitalismuskritische Komponente der Beschäftigung mit der Natur, die in vielen der Aufsätze zumindest mitschwingt, wird auch im letzten Beitrag des Bandes, ein Interview von Johannes Springer mit Kulturjournalist Didi Neidhart, noch einmal explizit gemacht. Die Dominanz des Kapitalismus sei, wie Neidhart ausführt, einer Logik der Natürlichkeit geschuldet, die das kapitalistische System als scheinbar unveränderliche "ökonomische Naturgesetzlichkeit" präsentiert. Neidhart bringt in dem Interview vieles auf den Punkt, was in den Beiträgen zuvor zwar angeklungen ist, aber nicht explizit wurde oder in der Beschreibung des konkreten Beispiels etwas untergegangen ist. So räumt das spannend zu lesende Interview am Ende auch einer kritischen Perspektive auf die neue Naturverbundenheit noch Platz ein und denkt die sehr unterschiedlichen Beiträge des größtenteils lesenswerten Bandes zusammen.

Tags

natur, kapitalismuskritik, film, roman