Kultur - Kunst

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Audiovisuelles Archiv

Zu einem Neuansatz im Umgang mit ZeitzeugInnenschaft

AutorIn: Audiovisuelles Archiv

Das Audiovisuelle Archiv (AVA) ist die digitale Sammlung, Erfassung und Produktion lebensgeschichtlicher Videointerviews zu den unterschiedlichsten Ereignissen der österreichischen Zeitgeschichte. Die MEDIENIMPULSE haben das Team um eine kleine Präsentation gebeten ...

Abstract

Das Audiovisuelle Archiv (AVA) hat sich die Erstellung, Sammlung und Erschließung lebensgeschichtlicher Videointerviews zu den unterschiedlichsten Ereignissen der (vor allem) österreichischen Zeitgeschichte zur Aufgabe gemacht. Ein Teil des urspünglichen AVA-Teams (Andreas Filipovic, Tanja Jenni, Klaudija Sabo, Matthias Vigl, Thomas Ballhausen) hat den vorliegenden Text verfasst, um der ab sofort online frei verfügbaren Seite auch einen theoretischen Rahmen zu verleihen.


1.) Das Audiovisuelle Archiv (AVA) hat sich die Erstellung, Sammlung und Erschließung lebensgeschichtlicher Videointerviews zu den unterschiedlichsten Ereignissen der (vor allem) österreichischen Zeitgeschichte zur Aufgabe gemacht. Abseits der modisch gewordenen Verwertung und Vernutzung von Archivbeständen stehen für AVA die dauerhafte Verfügbarkeit, die wissenschaftliche Aufarbeitung, die thematische Kontextualisierung und der barrierefreie Zugriff auf das archivierte Material für eine breite Öffentlichkeit im Zentrum der strategischen Überlegungen. Insbesondere die von AVA umgesetzte, leicht handhabbare Zuverfügungstellung im Netz erlaubt einen umittelbaren Zugang und rasche, ergebnisorientierte Recherchen.

2.) Die über eine Plattform des AVA zugänglich gemachten Materialien, die in einer Sammlung ständig erweiterter Kollektionen und Einzelbeispiele organisiert sind,  erlauben beispielsweise Recherchen zu zeitgeschichtlichen Ereignissen oder die Verwendung im pädagogischen Bereich. Mittels einer einzigartigen Suchfunktion, die die Suche nach Schlagworten innerhalb der erfassten Interviews erlaubt, wird eine schnelle und unkomplizierte Nutzung garantiert. Das direkte Auffinden und Aufrufen einzelner, der jeweiligen Suche zuzuordnenden Sequenzen garantiert eine effektive Verkürzung von Recherchen. In der Verknüpfung der mit Schlagwort-Markern versehenen Sequenzen mit Volltranskripten der jeweiligen Beiträge liegt ein weiterer Vorteil für die Arbeit mit den entsprechend erschlossenen Materialien.

3.) Ein entsprechend unkomplizierter bzw. nicht-hierarchisch gedachter Ansatz der Nutzung audiovisueller Materialien und ergänzender Dokumente verlangt, will man Dauerhaftigkeit nicht nur behaupten sondern auch beweisen, das Aufnehmen und Überdenken zentraler Begriffe des Archiv-Diskurses (wie z.B. Sammelkriterien, Erschließung, Preservation, Zugriff usw.). Hinsichtlich der skizzierten Benutzbarkeit bietet sich ein gleichermaßen offener Archivbegriff an, dessen praktische Umsetzung und Lebendigkeit an eine intellektuelle Logistik geknüpft ist. Fragen wie "Wer? "Was?" "Wann?" oder auch "Für wen?" führen hier zu einer Umsetzung des Open-Access-Gedankens der produktiv konträr zu einer Gegenwart der Normierungen, Restriktionen und Einschränkungen steht, ja, stehen muss.

4.) Die ZeugInnen und das von ihnen abgetrennt zu setzende Zeugnis, also der jeweilige Beleg in seiner medialen Ausprägung und Eigengesetzlichkeit, fundieren auf der Basis einer Sprachermöglichung, die den etymologisch-juristischen Zug der ZeugInnen, als hinzutretenden Dritten oder als BerichterstatterInnen einer gemachten Erfahrung, hervortreten lässt. Das eigene Sprechen ist hier die Bereitung eines audiovisuell gestützten Sprechenmachens, das einerseits auf das historiografische Primat geschichtsschreibender Semantisierungsprozesse reagiert, andererseits auf den Umstand, dass in langfristiger Perspektive angesetzt und in aller Bitterkeit die Zeugnisse und eben nicht die ZeugInnen bleiben werden.

5.) AVA vollzieht aktiv den notwendigen Schritt hin zu einer Öffnung und Erweiterung des durchaus umkämpften Begriffs der ZeitzeugInnen, um der Herausforderung zu begegnen, die vielfältigen und wertvollen Erfahrungen früherer Geneationen in die Welt der Neuen Medien zu überführen. Bei der Erstellung, Erschließung und Archivierung audiovisuellen Materials liegt der Schwerpunkt auf biographischen Interviews mit ZeitzeugInnen, die für die (österreichische) Geschichte von Bedeutung sind. Insbesondere in unserer Berichtsgegenwart ist es notwendig, auf die Herausforderungen aktueller Vermittlungsarbeit zu reagieren und die Bedeutung bewahrter Interviews zu erkennen. Hier kann und soll auch Raum für neue, bisher wenig verarbeitete Themenfelder und vor allem eines Verständnisses von Geschichte erschlossen werden, das auch in aktuelle Debatten einzugreifen bereit ist.

6.) An der Schnittstelle von historischer Forschung, technologischer Innovation und aktueller gesellschaftspolitischer Fragestellungen versteht sich AVA als ein transdisziplinäres Bildungsprojekt. Unser Team vereint ExpertInnen aus den verschiedensten sozialwissenschaftlichen Feldern mit jenen aus Vermittlungs- und Bildungsarbeit, aktueller Filmproduktion und der IT- und Kreativwirtschaft. Die Verbindung von technischen Fertigkeiten und wissenschaftlicher Aktualität kann die vielfältigen Erlebnisse und Erfahrungen von ZeitzeugInnen generationsübergreifend zu einem lebendigen Beitrag und aktuellen Anstoß für notwendige Diskussionen und brisante Debatten von Heute werden lassen. Geschichte muss als eine Angelegenheit der Gegenwart verstanden wird, will man weder Vergangenheit noch Zukunft einbüßen.

Link

www.audiovisuellesarchiv.org

Tags

zeitgeschichte, audioviusualität, archiv, online-archiv