Schwerpunkt

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Medieninklusion für Geflüchtete im Freien Mediensektor

AutorInnen: Christian Diabl / der fisch / Lale Rodgarkia-Dara

Hier finden Sie Erfahrungsberichte aus der aktiven Radioarbeit mit Rückschlägen, freudigen Begebenheiten, Versuchen und Adaptierungen und Neustarts aus Linz und Wien. Lesen Sie über zwei unterschiedliche Projekte, die die Freude am Radio in den Vordergrund stellen ...

Abstract

Dabei geht es um ein Projekt in Linz, dass sich als als Teil der medienpädagogischen Aufgabe des Freien Radios  versteht und ein weiteres Projekt in Wien, bei dem der Fokus des Radiomachens auf dem Nutzen des Mediums Radio liegt, mit dem reflektiert Distanz geschaffen werden kann, um als emanzipatorisches Tool zur Alltags- und Lebensgestaltung zu dienen.


I. Achtung! Refugee Radio

2015 dominierte die Berichterstattung über Geflüchtete die Medienlandschaft. Besonders in den sozialen Medien wie Facebook & Co brachte und bringt das Thema Klicks, Likes und vor allem viel Angst und Hass. Alle kamen zu Wort, nur von den Geflüchteten selbst war kaum etwas zu hören. Radio FRO hat sich deshalb zum Ziel gesetzt diesen Menschen eine Stimme zu gehen. Den Menschen aber einfach nur ein Mikro vor die Nase zu halten, war uns aber zuwenig. Wir wollten sie in die Lage versetzen, selbständig Medien zu produzieren und ihre Anliegen zu formulieren. Die Herausforderung bestand vor allem darin, die Sprachbarrieren zu überwinden.

Partizipation gehört zur Kern-DNA des freien Mediensektors mit offenem Zugang. Alle Menschen können am Programm teilhaben, Inklusion wird großgeschrieben. Das reicht von unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen über ethnische Minderheiten bis hin zu "Franz aus dem Stahlwerk". Jeder ist willkommen und kann bei Radio FRO mitwirken. Um Menschen in die Lage zu versetzen, selbständig on air zu gehen, bietet Radio FRO eine vielseitige Ausbildung in allen relevanten Bereichen. Das Angebot reicht von den Grundlagen der Freien Radios, Medien- und Urheberrech über Audioproduktion und Studiotechnik bis hin zu Cross Media Publishing. Die mehrtägige Ausbildung gipfelt in der Regel in einer gemeinsamen Live-Sendung.


Abb. 1 Homepage von RADIO FRO

Wichtig dabei ist ein niederschwelliger Zugang – sowohl im physischen Bereich, als auch was die intellektuelle Leistungsfähigkeit betrifft. Ein Studio rollstuhlgerecht einzurichten ist naheliegend, es geht aber genauso darum, die intellektuellen Barrieren abzubauen und auch sprachlich "offen" und zugänglich zu sein.

II. Train the Trainee

Weil bei Radio FRO niemand Farsi, Dari, Arabisch oder Paschto spricht, haben wir das Projekt "Achtung! Refugee Radio" entwickelt; ein Konzept von Veronika Moser. Die Idee ist, Geflüchtete mit journalistischer Erfahrung zu RadiotrainerInnen auszubilden, die dann in der Folge anderen Geflüchteten das Radiohandwerk vermitteln. In diesen Train the Trainee-Workshops lernten die angehenden WorkshopleiterInnen nicht nur alles rund ums Radiomachen bei Radio FRO, sondern auch die wichtigsten pädagogischen Kompetenzen, um ihr Wissen als MultiplikatorInnen weiterzugeben.

III. Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge

Nach der Ausbildung informierten wir verschiedenene Betreuungseinrichtungen über das neue Angebot und organisierten Schnuppernachmittage, wo wir unser Medium und die Möglichkeiten bei Radio FRO präsentierten. Der Schwerpunkt lag auf sog. "Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen". Für alle Interessierten folgte dann die Grundausbildung im Radiomachen mit den neuen RadiotrainerInnen in den jeweiligen Landessprachen. Vermittelt wurde das volle Programm: journalistische Aspekte wie Recherche, Interviewtechniken, Verständnis für Politik und Gesellschaft in Österreich und technische Grundlagen wie Studio- und Aufnahmetechnik, Mikrofonie, Bedienung des mobilen Studios und so weiter.

IV. Hinaus in die Öffentlichkeit

Einfach nur Radiomachen war uns aber zu wenig. Wir wollten mit unseren neuen RedakteurInnen hinaus in die Stadt und Präsenz zeigen. Am besten funktioniert das mit Live-Übertragungen von Kundgebungen, Aktionen und Veranstaltungen im öffentlichen Raum. Für uns war das aus zwei Gründen wichtig: Zum einen wollten wir sichtbar machen, wie schnell unsere neuen KollegInnen das Handwerk erlernt hatten, zum anderen ging es auch um Wertschätzung und darum, ihnen das Gefühl zu geben, dass wir voll und ganz hinter ihnen stehen. Die Außeneinsätze waren nicht nur ein Praxisfest für die erlernten Kompetenzen, sie erforderten vor allem Teamwork und auch ein bisschen Mut, mit dem Mikro in der Hand auf Menschen zuzugehen und sie zu interviewen. Radiomachen ist kein isoliertes Handwerk, sondern auch eine Schule für's Leben, das hat sich deutlich gezeigt.

So hat die Ausbildung im Detail funktioniert:

  • Radioworkshops: Es wurde auf zwei Konzepte zurückgegriffen, das Erste war der klassische Workshop mit Frontalunterricht und Übungen, das zweite Konzept kam aus einem älteren Projekt in dem Asylsuchende eine Radioausbildung erhielten und mit dem Medium die Entwicklungen in der Stadt aus verschiedenen Perspektiven beleuchteten.

  • Mobiles Studio: Alle ProjektteilnehmerInnen wurden im Umgang mit unserem Mobilen Studio geschult, das vor allem bei Übertragungen im öffentlichen Raum genutzt werden kann. In Kleingruppen wurde alles rund um die mobile Übertragungseinheit erprobt: Aufbau, Mikrofonie, Übertragungs- und Streaming-Technik, Beschallung und so weiter.

  • Radiosendungen: Im Laufe des Projekts haben wir eine "mobile Außeneinsatzcrew" ins Leben gerufen, die aus Geflüchteten, Jugendlichen und TrainerInnen besteht und immer dann aktiv wird, wenn es Berichtenswertes gibt. Die Themenauswahl erfolgt mittels einer Diskussion im Team. Aufwändiger sind da die Live-Übertragungen, für die ein größeres Einsatzteam benötigt wird: Menschen die vor Ort die Technik machen, RedakteurInnen die vor Ort moderieren und Interviews führen, Menschen die für eine gute Übertragung sorgen und welche, die zwischen "innen" und "außen" kommunizieren.

  • Mehrsprachigkeit: Um Ausgrenzungen aufgrund fehlender Deutschkenntnisse zu vermeiden wurden Workshops und Radiosendungen ganz bewusst mehrsprachig gestalten. Diese vielsprachige Realität findet sich natürlich auch in den Radiosendungen wieder, denn es sollen möglichst viele HörerInnen erreicht werden. Methodisch orientieren wir uns dabei an der Handreichung "Lust auf Sprachen" für SendungsmacherInnen im nichtkommerziellen Rundfunk.

  • Gendersensibilität: Ein Großteil der neuen RadiomacherInnen sind Männer. Die Sensibilisierung für Diskriminierung und Kommunikation auf Augenhöhe ist uns deshalb ein großes Anliegen. Beim MultiplikatorInnen-Team haben wir zudem darauf geachtet, dass Männer und Frauen darin vertreten sind.

V. Ein erstes Fazit

Radio FRO hat durch das Projekt viel gelernt. Das Team konnte seine interkulturelle Kompetenz stärken und Erfahrungen sammeln. Zudem haben wir zur richtigen Zeit ein wichtiges, öffentliches Zeichen gesetzt. So wurde das Projekt "Achtung! Refugee Radio" mehrfach ausgezeichnet und konnte damit die mangelnde mediale Repräsentation von Geflüchteten zum Thema machen. In Punkto Nachhaltigkeit sind die Ergebnisse aber gemischt. Auf der einen Seite sind die meisten ausgebildeten MultiplikatorInnen dem Radio treu geblieben und mit eigenen regelmäßigen Formaten im Programm vertreten. Allein in Farsi gibt es heute sieben Sendungen auf Radio FRO. Bei den Jugendlichen sieht das anders aus. Sie lassen sich zwar immer wieder für Aktionen, wie zum Beispiel die "Lange Nacht der Sprachen" gewinnen, eigene Sendeformate konnten sie aber noch nicht realisieren.

Das hat auch viel mit ihren Lebensumständen zu tun. Unser Kooperationspartner, das Jugendwohnhaus Lichtenberg, ist außerhalb der Stadt und unser Studio deshalb nicht so leicht erreichbar. Außerdem mussten viele mit dem Erreichen der Volljährigkeit die Unterkunft verlassen und werden nun anderswo betreut. Dennoch war die Beschäftigung mit dem Medium Radio, die Vermittlung von Medienkompetenz und das Arbeiten im Team eine wichtige Erfahrung für die jungen Geflüchteten und wir hoffen damit einen Beitrag zu einem guten Start für ihr Leben in Österreich geleistet zu haben. Das "Achtung! Refugee Radio"-Projekt geht auch dieses Jahr weiter. Wir bieten derzeit Coachings für unsere Farsi-sprechenden SendungsmacherInnen an, um einzelne Aspekte der Radioproduktion, wie Audioschnitt und Studiotechnik, zu vertiefen. Auch mit den verbliebenen Jugendlichen wird weiter gearbeitet. Konkret wird die Einsatzcrew auch heuer beim "Langen Tag der Flucht" vor Ort sein und berichten. Radio FRO bleibt also dran! 

Einen ganz anderen themen-zentrierten Weg im Erreichen von geflüchteten Frauen wurde im Zuge eines Radio-Pilotprojektes im November und Dezember 2015 probiert:

Ein ursprünglich auf Initiative der Frauenabteilung der Stadt Wien basierendes Projekt hat sich schnell als nicht durchführbar erwiesen und musste noch vor dem Start adaptiert und freier gestaltet werden. (Die Idee der Frauenabteilung war es, im Rahmen eines Workshops mehrere 3-4-minütige Beiträge zum Thema Gesundheit zu produzieren, was jedoch so zielgerichtet in einem Workshop-Format unmöglich erschien, da gerade mit AnfängerInnen erst Möglichkeitsräume und nicht fertige Produkte geschaffen werden können. In einem zweiten Anlauf ist das Projekt der Abteilung ein Jahr später mit professionellen RadiomacherInnen erfolgreich durchgeführt worden.

Schlussendlich ist daraus ein Pilot-Radioprojekt mit Unterstützung der Frauenabteilung der Stadt Wien mit Rascha Aboulghaith (Übersetzung) und Lale Rodgarkia-Dara in Kooperation mit Fem Süd und der Basis Zinnergasse, Flüchtlingsdienst Diakonie, sowie mit großer Unterstützung durch das Hebammenzentrum, Katharina Kreindl, geworden. Zu Beginn ist mit dem Versuch die Grenzen des geschriebenen Wortes zu überwinden und die orale Kommunikationsform (in Form von Audiobeiträgen für Whatsapp oder zur Radioverbreitung) in den Fokus zu stellen, an das Projekt herangetreten, um mit Frauen in einem A1-Kurs in der Zinnergasse zum Thema "Schwangerschaft, Partnerschaft, Kinderbetreuung" einen Beitrag zu gestalten. Die Gruppe des WorkshopteilnehmerInnen war relativ heterogen, hat sich jedoch schon seit langem gekannt, da sie gemeinsam einen A1 Kurs besucht haben und der Workshop im Zuge des Regelunterrichtes stattgefunden hat.

Im Vordergrund ist dabei stark der Selbstermächtigungsprozess gestanden, d. h. den Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Anliegen selbst einzubringen und Mikro und Aufnahmetechnik quasi als Katalysator einzubauen. Zwei Effekte waren angedacht, einerseits die Technikscheu abzubauen bzw. nicht aufkommen zu lassen und andererseits soziale Hierarchien und Grenzen zu überwinden. Eben jene Grenzen, die zwischen allen Beteiligten herrschen, d. h. innerhalb der Gruppe der Lernenden, vor allem auch zwischen allen Beteiligten. Der Ansatz dies im Zuge einer künstlerischen Praxis zu machen, erleichtert die Begegnung zusätzlich. Die Idee hat darin bestanden eine Gruppe in der vordefinierten Schulumgebung (inkl. Kinderbetreuung) mit den Möglichkeiten der Audioproduktion vertraut zu machen und in einem weiteren Schritt Interessierte für das Produzieren von einem Beitrag zu gewinnen.

Um die Sprachbarriere (ins Arabische) zu überwinden war Rascha Aboulghaith einerseits für die mündliche als auch schriftliche Übersetzung tätig. Die Frauen der Gruppe haben jedoch nicht ausschließlich Arabisch als Erstsprache. Sie stammen aus Syrien, Tschetschenien, Somalia und Afghanistan. Ähnlich den bestehenden ganz unterschiedlichen Bildungsniveaus aller Beteiligten gestaltet sich auch die Kommunikation mehrsprachig und war manchmal holprig, indes immer machbar. Durch die Einbindung der Arbeit in den Deutsch-Kurs war klar, dass auch das Formulieren von Fragen und vor allem auch Benennen von Körperteilen auf Deutsch ein integraler Bestandteil des Workshops gewesen ist. Lösungsorientiert und vor allem sensibel gestaltet sich der feine Grad "Was ist von allgemeinem Interesse?" und "Was sind persönliche zum Teil sehr intime Problemfelder der Beteiligten". Wie gehen wir alle damit um.

Der Prozess der Bewusstmachung, was ist öffentlich, was ist privat, was soll in einem Radiobeitrag insgesamt vorkommen und wie lassen sich persönliche Anliegen verallgemeinern und so aus dem sehr engen sozialen Kontext einer Art Dorfgemeinschaft der Zinnergasse herausheben sind ein starkes Thema. Die Selbstermächtigungsprozesse liefen zum Teil erfolgreich ab, zum Teil eher lau. Wichtig ist vor allem die Tatsache, dass die meisten Fragen und körperlichen Problemkreise, die angesprochen wurden zum Teil schon durch ÄrztInnen behandelt worden sind, aber weiterhin bestehen bleiben.

Lösungsorientiertes Zusammenarbeiten schafft einerseits Vertrauen innerhalb der Gruppe als Ganzes und andererseits hat es auch ermöglicht, dass eine Art Distanzierung zum Thema entsteht. Der allgemeine Aushang und die Beteiligungsaufforderung bei gleichzeitiger Integration in den Deutschkurs hat dazu geführt, dass ca. fünf Frauen aus anderen Kursen am ersten Tag beteiligt waren, was eine gute Quote darstellt, wie die Mitarbeiterinnen der Basis Zinnergasse kommentierten.  Zeit und Engagement haben sich als die wichtigsten Faktoren in der Zusammenarbeit herausgestellt. Einerseits ist der Prozess der gegenseitigen Vertrauensbildung ein langer und andererseits abhängig von den Rahmenbedingungen vor Ort. Findet die Kinderbetreuung statt oder nicht, findet der Deutschkurs statt, gibt es Ausfälle (Krankheit), wie lange sind die Beteiligten interessiert, wie motiviert sind sie, wie gelangweilt ... Die starre Terminvereinbarung  hat sich dabei als wenig effektiv herauskristallisiert, als es darum ging, erste Beziehungen zu knüpfen.

Am ersten Tag (03.12.2015) kam es zu einer Kennenlernrunde unter Zuhilfenahme der Aufnahmegeräte und des Studiomikrofons. Der erste Tag musste vom 30.11.15 auf 03.12 wegen Krankheit verschoben werden. Die TeilnehmerInnenanzahl variierte aufgrund der Kinderbetreuung und des Interesses zwischen 9–19 Frauen. Der Workshop war offen gestaltet. Bereits am Beginn wurden sehr konkrete Fragen gestellt und erarbeitet, zum Teil auf Arabisch diskutiert und danach auf Deutsch formuliert.

Da das Interesse groß war, wurde in Zusammenarbeit mit der der Deutschtrainerin Petra ein außerplanmäßiger zweiter Tag (09.12.15) eingeschoben, diesmal ohne Übersetzerin Rascha. Im Vordergrund stand hier vor allem das Ausformulieren von Fragen auf Kärtchen und der Themenkreis "Was ist ein Interview?".

Durch einen Ausfall der Kinderbetreuung war der dritte Tag (10.12.2015) weniger gut besucht. 3–4 Frauen haben teilgenommen. Besonders schön war, dass vier ihre Abwesenheit persönlich entschuldigt haben. Das Team der Basis Zinnergasse und ich haben uns sehr darüber gefreut, da dies ansonsten nicht üblich ist.

Am vierten Tag (15.12.2015) ist die erfahrene Hebamme Katharina Kreindl vom Hebammenzentrum den Frauen für konkrete Anliegen zur Verfügung gestanden. Zum Teil haben die Frauen die Gespräche mitgeschnitten, zum Teil ist es zu persönlichen Gesprächen gekommen. In den Gesprächen hat sich vor allem gezeigt, dass die Anliegen der Frauen ganzheitlicher Natur sind und nicht streng abgegrenzt werden können. (Was ist medizinisch behandelbar, was ist Folge der Flucht, was ist sozial ...) Katharina hat viel Erfahrung als Hebamme im In- und Ausland und war unter anderem für Ärzte ohne Grenzen tätig. Die erste Zusammenarbeit ist sehr befruchtend für alle Beteiligten verlaufen und ist hoffentlich nicht die letzte gewesen. Der Tag ist ein wenig wie eine Sprechstunde vergangen. Auch waren ständig Kinder beschäftigt, anwesend und werkelnd.

Insgesamt ging es an allen vier Tagen darum, lösungsorientiert zu arbeiten und so Hilfe zur Selbsthilfe zu schaffen. Dabei musste eine Vertrauensbasis geschaffen werden, um so Zeit für Beziehungen entstehen zu lassen. Dabei ist aus medienpädagogischer Sicht langfristiges Engagement essenzieller Teil der Arbeit.

VI. ZWEITER VERSUCH: Radio im Dorf, Macondo im Sommer 2017

Im Zuge des Projektes "Feldversuch auf SOMMERZEIT", einer Intensiv-Workshop-Zeit in Macondo mit künstlerischen Workshops aus den bildenden Künsten, Raspberry-Pi, Radreparatur und Literatur – durchgeführt durch den Verein Speisekammertag, (Konzept Lale Rodgarkia-Dara, Rosie Benn) – hat im Sommer 2017 ein Radioworkshop namens "Radio im Dorf" stattgefunden, welcher aufbauend aus den Erfahrungen des ersten Workshops gestaltet wurde. Der Flüchlingsdienst der Diakonie, Basis Zinnergasse, war diesmal sogar als Projektpartner tätig, Orange 94.0 unterstützt ebenso.

Macondo ist das in der Peripherie Wien-Simmerings gelegene Gelände einer ehemaligen Kaserne im Besitz der Bundesimmobilien Gesellschaft. Hier leben, bewusst angesiedelt, seit der Fluchtwelle aus Ungarn 1956 Menschen mit ganz unterschiedlichen Fluchterfahrungen am Wiener Stadtrand. Der öffentliche Verkehr ist beschränkt, der Dorfcharakter ist sichtbar. Durch die Abgeschiedenheit funktioniert Macondo, Zinnergasse, wie ein Dorf, im positiven wie negativen Sinne. Der schmale Grad zwischen sozialer Kontrolle und Fürsorge ist spürbar und reicht durch soziale Medien bis in das erweiterte virtuell präsente Dorf in den Krisengebieten, die ständig präsent bleiben. Neben dem sozialen ist ebenso ökonomischer Druck offensichtlich und eine Art Perspektivenvakuum. Die erste Zusammenarbeit im Bereich Audio-Radio hat hier vielleicht eine neue Perspektive geschaffen.

Der Name Macondo stammt aus Gabriel Garcia Marquez' "Roman Hundert Jahre Einsamkeit". Während langjährige BewohnerInnen über unbefristete Mietverträge verfügen, können neue BewohnerInnen nur befristete Übergangswohnungen beziehen, was das "Dorf" massiv verändert hat. Der Transit ist Realität, die mahnende Abschiebung materialisiert in Form eines hoch umzäunten Familienanhaltezentrums des Innenministeriums präsent. Neben dem Anhaltezentrum liegt auch das Büro der Diakonie Basis Zinnergasse und der Macondo-Platz eine kleine semi-öffentliche Grünfläche, welche die Diakonie als Gemeinschaftspark etablieren will und so einen realen sozialen Raum schaffen will. Semi-öffentlich daher, da sie als Pächterin für die frei zugängliche Grünfläche verantwortlich zeichnet.

Zu aller erst ist die Erinnerung aufgefallen. Es war nach 1 1/2 Jahren eine Wiedersehensfreude auf allen Seiten, was es auch den neuen WorkshopleiterInnen erleichtert hat, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Alle Workshops haben diesmal außerhalb einer schulischen Struktur stattgefunden und haben als Kommunikationsfläche mit den BewohnerInnen gedient. Teilgenommen haben hauptsächlich Kinder, beteiligt haben sich viele. Der spezifische "Radio im Dorf"- Workshop sollte den WorkshopleiterInnen Frank Hagen, Delagha Miakhel, Maiada Hadaia und Barbara Huber als Erkundungs- und Spielfeld dienen und sie als Gruppe auf den Ort einwirken lassen und ihnen die Möglichkeit geben, jenen auch zu erkunden.

Was ist in Macondo möglich, wer interessiert sich, wie reagieren alle Menschen auf die Idee selbst Radio zu machen? Es war frei gestaltet, er fand im öffentlichen Raum statt und leider in der heißesten Woche des Sommers. TeilnehmerInnen waren viele begeisterte Kinder unter 12. Es ist auch ein Versuch der gelebten Anwendung von peer2peer Konzepten in der Medienpädagogik gewesen. Drei erfahrene multilinguale MedienpädagogInnen und ein radiobegeisterter Neueinsteiger als Workshopleiter, der vor zwei Jahren als Workshopteilnehmer im Zuge des von K3 unterstützten Projektes " ... Ich kann dich nicht verstehen." mit Jugendlichen aus Afghanistan in der Berufsschule 1120 erste Erfahrungen mit dem Radiomachen geknüpft hat und mittlerweile engagiert aktiv im Feldversuch, einem temporären Raum in der Wiener Innenstadt, waren im Rahmen des Projekts tätig. Wo peer2peer Prozesse passieren, hängt auch von dem Rollenverständnis ab, das im Idealfall eigenmächtig gewählt wird. Wer also mein Peer ist, scheint im ersten Augenblick schnell beschlossen, beim zweiten Hinsehen, ist es nicht mehr so klar. Erneut ist in den Fokus zu stellen, das Unterschiede nicht nivelliert werden sollen, sondern bewusst wahrgenommen und genutzt gehören, um einerseits ein entspanntes mimetisches Lernen zu ermöglichen und andererseits die Kompetenzen des anderen erkennen zu können. Das ist nicht immer leicht und erfodert Behutsamkeit, für die nicht immer Zeit und Geduld da ist, aber es zahlt sich aus.

Das Wetter hat alle Beteiligten an ihre Grenzen gebracht und zum Teil die Arbeit massiv erschwert, da die Workshopzeiten leider nicht kurzfristig in die kühleren Abendstunden verlegt konnten.

Ein erster Output der unzähligen Interviews, die die Kinder und WorkshopleiterInnen in sechs Sprachen durchgeführt haben, wird im Zuge eines Festes am 29. September 2017 in Macondo vorgespielt. Der Ansatz von "Radio im Dorf" ist es, ein langfristiges Projekt zu ermöglichen. In welche Richtung es nach den ersten Versuchen mit den WorkshopleiterInnen geht, ist noch nicht absehbar, weil es sich im Einreichungsstatus für Fördermittel befindet.

Dem schmalen Grad, auf dem sich alle Beteiligten bewegen, zwischen beschränkter Zeit- und Ressourcen-Ökonomie, muss offen gegenübergestanden werden, damit Radiomachen nicht nur jenen möglich ist, die es sich leisten können.

VII. Vorläufige Conclusio

Da das Projekt "Radio im Dorf" noch zu frisch ist, um zu einer endgültigen Conclusio zu kommen, hier eine vorläufige Conclusio aus Linz und Wien. Was ist im Rahmen solcher Projekte medienpädagogisch zu beachten?

  • Raum schaffen, damit Engagement ermöglicht wird
  • Ressourcen zur Verfügung stellen
  • Aktives Radiomachen vorleben, erleben und Freude dabei haben
  • Kompetenzunterschiede nutzen und Beteiligte nicht viktimisieren
  • Radiomachen hat das Potenzial als Brückenbauer zwischen den BewohnerInnen zu dienen, Spannungen unter den BewohnerInnen zur Sprache zu bringen und verbindend zu wirken (Persönlichkeitsrechte ansprechen)
  • Im Radio gibt es keine Rechtschreibung! Orale Sprachenvielfalt anerkennen und nutzen!
  • Die meisten Kinder halten immer gerne eine Mikro in der Hand! Erwachsene auch, wenn Sie sich vergessen dürfen und vertrauen!
  • Gleich zu Beginn, Vertrauen schaffen und Menschen die Handhabe über ihre Stimme überlassen!
  • Die Workshopgestaltung als ein Zusammenleben begreifen
  • Langfristiges Engagement ist essenziell
  • Verantwortliche Einzelpersonen durch Teamverantwortung ersetzen.
  • Verantwortungen weiterreichen, Scheitern zulassen
  • Learning by doing und peer2peer mindestens im 1:3, Stärken verteilen, Behutsamkeit, Anerkennung.
  • Zeit nehmen, um Erfahrungen antizipieren zu können.

Mit den Erfahrungen aus Linz und Wien, die ein breites Spektrum aktiver Radioarbeit spiegeln, lassen sich hoffentlich vor allem jene Initiativen ermutigen, die in einer ersten Euphorie 2015 unzählige Projekte mit Menschen, die nach Österreich geflüchtet sind, durchgeführt haben und welchen nun an Grenzen der Partizipation und der Ressourcen (zumeist Geld und Zeit) angekommen sind und den Elan der ersten Stunden vermissen lassen. Frustrationen müssen daher angesprochen und Scheitern, Dranbleiben und die Freude am Radiomachen in den Vordergrund gestellt werden!


Literatur

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