Neue Medien

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Rezension: Ingeborg Bachmann. "Male oscuro". Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit

von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni (Hg.)

AutorIn: Veronika Zoidl

Der erste Band der großangelegten Salzburger Bachmann Edition, die von Hans Höller und Irene Fußl herausgegeben wird, macht "Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe" erstmals zugänglich. Veronika Zoidl hat die Veröffentlichung einer genauen Lektüre unterzogen …

Verlag: Piper/Suhrkamp Verlag
Erscheinungsort: München/Berlin
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-518-42602-9


Cover: "Male oscuro". Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit
von Ingeborg Bachmann
Quelle: Amazon

"Il Male Oscuro", das dunkle Übel, bezeichnet in Giuseppe Bertos gleichnamigen autobiografischen Roman die Odyssee zwischen Diagnose, Behandlung und Rekonvaleszenz einer psychischen Erkrankung. "Male oscuro" ist auch jener Titel, den Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni für Ingeborg Bachmanns "Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit" wählten. Diese Aufzeichnungen sind der erste Teil der als kritische Studienausgabe in dreißig Bänden konzipierten Salzburger Bachmann-Ausgabe des Suhrkamp-Verlags. Grundlage dieser Gesamtausgabe sind veröffentlichte, unveröffentlichte und – wie im Fall von "Male oscuro" – bisher gesperrte Texte. Die herangezogenen Notizen, Typoskripte und Manuskripte stammen aus der Zeit nach der traumatischen Trennung von Max Frisch und beinhalten ausgewählte Traumaufzeichnungen (1963–66), Briefe an ihren Arzt und Therapeuten (1965–68) und eine fiktive "Rede an die Ärzteschaft". Etwa die Hälfte des Buches macht aber ein äußerst umfangreicher Kommentar und Stellenkommentar aus.

Die Traumaufzeichnungen sind Teil der durch Dr. Schulze angeordneten, aus heutiger Sicht äußerst grausamen und zweifelhaften "Grenzsituationstherapie". Die Patientin wird im Rahmen dieser extremen Stresssituationen ausgesetzt, die ihre neurotischen Ängste unterdrücken sollen; strenge Askese ist eine zweite Säule des therapeutischen Prozesses. Dass Bachmann innerhalb weniger Jahre massiv tabletten- und alkoholabhängig wird, kann die Therapie nicht verhindern. Ihre Träume beschreibt Bachmann als "kaum erzählbar", und doch sind sie gerade in dieser Schwierigkeit voller offener und verborgener Poesie. Auch auf sprachlicher Ebene sind sie traumhaft-alptraumhaft, stecken in ihrer Rhetorik und ihrem Inhalt voller Metonymien und Metaphern, die schon seit Freud und spätestens seit Lacan zwingend mit dem Traum verbunden sind. Zahlreiche Tipp- und orthografische Fehler geben Aufschluss über Bachmanns psychische und physische Verfassung, die Herausgeberinnen wollen darin sogar zum Teil Freud’sche Fehlleistungen erkennen. Bachmanns Aufzeichnungen, von denen wir nicht wissen, ob sie unmittelbar nach dem Erwachen aus dem Traum oder nach einiger Reflexion notiert wurden, sind Zeugnisse einer poetischen Traumarbeit.

Das Schreiben wirkt dabei aber wenig reflektiert, sondern automatisiert, assoziativ und intuitiv, was einen einzigartigen Eindruck vom Schreibprozess Bachmanns liefert. Durch das Abwechseln von staccato-artigen, kurzen Sätzen und langen, durch eine Vielzahl von Kommata sequenzierten Passagen entsteht eine ganz außergewöhnliche Rhythmik der Sprache. Das Resultat sind prosaisch-lyrische Texte, die eindrucksvolle Bilder zeichnen: "Alles ist farbig, Autos rollen heran, Menschen tauchen auf, stark überfärbt, grinsen im letzten Augenblick, wenn ich an sie herankomme, fallen um, sind Strohpuppen, alles hat trotzdem eine unglaubliche Konsequenz, die Bilder, die Farben, die Gegenstände, mein Herumgehen in dieser Welt, ich gehe immerzu weiter, manchmal ist es schrecklich, dann nicht so sehr, und immerzu, während ich an diese Gegenstände und Personen komme, weiß ich, daß ich verrückt bin, und wenn es mich ängstigt, dann versuche ich die Augen zuzumachen, ich will heraus aus dieser Welt, ich will unbedingt heraus", beschreibt sie etwa die bildhafte Beengtheit eines Traumes vom 20. Februar 1966.

Die meisten Briefe richten sich an ihren mit "caro dottore" adressierten Arzt Dr. Schulze. Nicht alle Briefe sind vollständig, nicht jeder vollständige wurde auch abgeschickt. In den Briefen rückt die psychosomatische Erkrankung der Schriftstellerin nahe an die Lesenden. Bachmanns Briefe sind seltene literarische Zeugnisse einer Krankheit aus Sicht einer Kranken, nicht über eine Kranke. Wenn die Unmöglichkeit, offen über die Krankheit zu sprechen, zum Teil der Krankheit wird, dann ist das Schreiben darüber auch Teil der Therapie. Nur selten bekommt man derart intime Einblicke in einen solchen Prozess; inwiefern das Lesen dann zum Voyeurismus wird, ist nicht immer eindeutig zu beantworten. Die "2 Vorfälle bei denen mir schlecht wurde" beschreiben etwa die massiven, plötzlich auftretenden Angstzustände Bachmanns, die wie eine Lawine über sie hinweg rollen und ihre Sprache zum Versagen bringen – ein Alptraum für eine Dichterin, aber etwas, woran sich Bachmann in den Jahren ihrer Krankheit gewöhnt hat. Dass die Aufzeichnungen bisher für die Öffentlichkeit gesperrt waren, verwundert dann nicht mehr. Folgt man Hans Höller und Irene Fußl im Vorwort des Bandes, wäre Diskretion hier aber auch falsch am Platz: Wer davor zurückschreckt, solche Dokumente heute einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, tabuisiert psychische Erkrankungen mehr, als dies fünfzig Jahre nach ihrem Verfassen der Fall sein sollte.

Dass die Texte heute noch Relevanz haben, zeigen keine anderen Schriftstücke so eindrucksvoll wie die Entwürfe zur nie gehaltenen "Rede an die Ärzte". Die Rede prangert die Entmündigung von Kranken und die fehlende Sensibilität von ärztlicher Seite an. Es ist aber auch wieder ein sprachliches Problem, das Bachmann beschreibt. Es fehle den Kranken die Sprache für das Empfinden, den Ärzten aber das Empfinden für die Sprache: "Ich darf Ihnen versichern, daß wir keine Begriffe haben, wir haben die Krankheit", schreibt sie im kollektiven Wir der Patientenschaft in ihrer Rede. "Wir haben den male oscuro." In dieser zur Sprache gebrachten Unmöglichkeit über das Innerste zu sprechen, entfaltet sich das enorme poetologische Potenzial von "Male oscuro": "(…) die maladie hängt mir zum Hals heraus, ich kann nicht mehr drüber reden, aber das bringt sie nicht zum Verschwinden", schreibt sie etwa auch an ihren Lektor Otto F. Best. Derartige Schriftstücke sind zwar nicht im Textkorpus von Male Oscuro enthalten, aber der umfangreiche Kommentar stellt vielfache solche Bezüge und Verweise her und lässt dabei wenige (vielleicht zu wenige?) Fragen offen.

Die Bezüge zum "Todesartenzyklus" sind dabei besonders zentral: Bachmanns Traumaufzeichnungen finden sich zum Teil in starker Analogie in "Malina" wieder. Die Herausgeberinnen finden in der Textgenetik der "Todesarten" die Legitimation zur Veröffentlichung der Texte; vor allem das mache sie literaturwissenschaftlich relevant. Der Kommentar legt dabei aber doch einen starken Fokus auf die biografischen Hintergründe der Schriftstücke. Bachmanns Ekel vor dem Literaturbetrieb ("Die [Literatur] gibt es für mich nicht mehr. Ich bin aus diesem Paradies gefallen"), ihre massiven Angstzustände, ihre sexuell aufgeladenen Träume ("und sag einer noch, der gesittete Mensch sei keiner Perversion fähig") und schließlich ihre neuentdeckte Arbeitswut, beißend-zynisch kommentiert ("Heute setze ich mir die ‚Termine‘, wie ich mir früher die Selbstmordversuche gesetzt habe, das ist, in den Augen dieser Welt, ja ein Fortschritt.") – an solchen Stellen muss der Sprung über den biografischen Voyeurismus hinaus gelingen, zu leicht wird in der Lektüre sonst nur der Schmerz der Aufzeichnung verewigt und reproduziert. Und wenn man sich bei der Lektüre manchmal zum Weghören und -lesen gezwungen fühlt, so lohnt es sich doch, genau hinzusehen.

Paradox und hochgradig poetologisch sind jene Stellen, in denen Bachmann über Symptome der Aphasie schreibt, in denen sie ihre aufs Schreiben bezogenen Ängste und Zweifel schildert: "Schreiben, das war für mich etwas, das war so schön. Aber wie kann das je mehr schön für mich werden?" Den Weg aus dieser Aporie fand Bachmann schließlich in ihrer Zuwendung zur Prosa. Es wird über das Schreiben, aber vor allem über das Nicht-Schreiben-Können, über das Nicht-Sprechen-Können reflektiert. Bachmanns Ringen um ihre literarische Existenz wird  zum zentralen Angelpunkt dieser Texte. Dabei sollten sich Lesende vom Kommentar nicht dazu verleiten lassen, die Texte nur als biografische Relikte am Weg zu "Malina" zu verstehen: Die Veröffentlichung von diesen Texten könnte als literaturwissenschaftliche Notwendigkeit betrachtet werden, weil hier Bachmanns Wende vom Lyrischen ins Prosaische vollzogen wird.

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bachmann, leiden, krankheit, literatur