Neue Medien

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Rezension: Ein Jahrhundert der Verunsicherung. Medienkomparatistische Analysen

von Marijana Erstić

AutorIn: Raffaela Rogy

Raffaela Rogy berichtet von Marijana Erstićs "Ein Jahrhundert der Verunsicherung", das Ende dieses Jahres unter Creative Commons Lizenz im Netz frei zugänglich gemacht wird. Eine Fundgrube für MedienpädagogInnen …

Abstract

Der 12. Band der Reihe „Medienwissenschaften“ des Universitätsverlags Siegen ist mit „Ein Jahrhundert der Verunsicherung. Medienkomparatistische Analysen“ betitelt und basiert auf der Habilitationsschrift von Marijana Erstić. Mittels fünfzehn Aufsätzen legt Erstić eine Studie vor, die sich der Intermedialität in den Künsten des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt auf die Sprachen und Kulturen des Alpen-Adria-Bereichs sowie der medialen Verarbeitung von Kriegserfahrungen widmet. Der Band "Ein Jahrhundert der Verunsicherung. Medienkomparatistische Analysen" von Marijana Erstić wird ab Herbst 2017 den interessierten LeserInnen auf der Homepage der Universitätsbibliothek Siegen (http://www.ub.uni-siegen.de/) zusätzlich als frei zugängliche Onlinepublikation zur Verfügung gestellt werden.


Verlag: universi
Erscheinungsort: Siegen
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-936533-88-0


Cover: Ein Jahrhundert der Verunsicherung
von Marijana Erstić
Quelle: Amazon

Das 20. Jahrhundert ist durch seine politischen und medialen Geschehnisse, wie anhand der zwei Weltkriege, des Kalten Krieges, des Jugoslawienkrieges und der Installation neuer Leitmedien deutlich wird, ein Jahrhundert der Zerstörung sowie der Umbrüche und ist von einer Präsenz der Verunsicherung durchzogen. Dieser ambivalenten Größe der Verunsicherung geht Marijana Erstić in ihrer wissenschaftlichen Studie "Ein Jahrhundert der Verunsicherung. Medienkomparatistische Analysen" auf den Grund, indem sie mit intermedialem und komparatistischem Werkzeug künstlerische Werke des 20. und frühen 21. Jahrhunderts analysiert, um Stimmungen des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen. Zuvor arbeitet Erstić die Verbindung des 20. Jahrhunderts zum 16. Jahrhundert, das ebenfalls durch sozialhistorische und wissenschaftliche Erschütterungen als Jahrhundert der Verunsicherung angesehen wird, und die damit verbundene disharmonische Formensprache, die unter dem Begriff Manierismus angeführt wird, heraus. Erstić geht davon aus, dass viele künstlerische Werke und Produktionen des 20. Jahrhunderts die Kriege nicht nur reflektieren, sondern auch auf diese antworten und ein Umbruch im Denken stattgefunden hat, der sich bis heute in der Medienreflexion abzeichnet. Diesem – durch die Verunsicherung markierten – Umbruch wird vorrangig im Alpen-Adria-Raum mittels medialer Topografien im Bereich Literatur, Malerei, Fotografie und Film nachgegangen.

Der erste Teil des vorliegenden Buches steht unter der Überschrift "Die Weltkriege und die Verunsicherung (in) der Kunst" und verhandelt u. a. die Performativität bei Gabriele d’Annunzio und vergleicht das kroatische Drama "Die Glembays" (1928) mit den deutschen "Buddenbrooks" (1901). Der einprägsamste Aufsatz des ersten Teils (und einer der besten des ganzen Buches) ist der Vergleich von Stefan Zweigs "Schachnovelle" (1942) und Roman Polanskis Film "The Pianist" (2001), in welchem Autorin Marijana Erstić Gedächtnistheorien mit der Wirkungskraft des Holocaust verknüpft und dabei die Ästhetik und Kraft der Kunst im Kriegsgeschehen analysiert. Der zweite Teil verschreibt sich "Pier Paolo Pasolinis filmische(r) Kritik der Nachkriegsgesellschaft" und zeigt an drei Aufsätzen mit Bezügen u. a. zu Georges Didi-Hubermans "Überleben der Glühwürmchen", der Mimesis-Theorie René Girards, dem italienischen Futurismus sowie dem österreichischen Filmregisseur Michael Haneke und Pasolinis Werk als Kampf gegen die Verunsicherung, den Faschismus und gesellschaftliche Missstände. Im dritten Teil "Filmische Manierismen der Nachkriegszeit" finden Michelangelo Antonionis Film "Blow Up" (1966) und die Literaturverfilmung "Fontane Effi Briest" (1974) von Rainer Werner Fassbinder Anklang und werden – wie bereits bei Pasolini –  auf Mechanismen des Sadismus sowie auf Malereiverweise und Spiegelungen hin untersucht. "Die neueren Tendenzen der Verunsicherung" bilden das vierte Kapitel, in welchem Caravaggio-Zitate im Film als auch im Musikclip sowie ein Spielfilm Guiseppe Tornatores über eine osteuropäische Prostituierte erläutert werden und ein Bezug zu einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach zum Bosnienkrieg hergestellt wird. Das finale Kapitel "Der Bosnienkrieg in Literatur, Film, Musikclip" widmet sich der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Bosnienkrieg (1992–1995) und erarbeitet für das Gebiet der Filmforschung gewinnbringend den Begriff der "Ästhetisierung des Schreckens" von Karl Heinz Bohrer sowie Bogdan Bogdanovićs Theorie der Städtezerstörung. Bemerkenswert ist hier die Auseinandersetzung mit der Genderproblematik am Beispiel des Jugoslawischen Nachfolgekrieges und die These, dass der Krieg als Katalysator der traditionellen Rollenzuschreibungen und ihrer vehementen Potenzierungen fungiert.

Mit "Ein Jahrhundert der Verunsicherung. Medienkomparatistische Analysen" liegt eine medienästhetische Studie vor, die trotz ihrer zeitlichen und räumlichen Eingrenzung eine wissenschaftliche Vielfalt bietet und mit umfassender Detailarbeit besticht. Die besagten Spuren der Verunsicherung deckt Marijana Erstić in einem intermedialen und unerzwungenen Wechselspiel zwischen Literatur, Film, Fotografie, Malerei und Musikclips auf und veranschaulicht so die Argumentation und Kraftwirkung von Gewalt und Krieg in den Künsten. Auch wenn es nie direkt adressiert wird, kommt man nicht umhin zwischen den Zeilen der einzelnen Aufsätze, die die Schrecken und Kraftquellen des Krieges gleichermaßen aufzeigen, ein persönliches Engagement der Autorin zu erkennen. Ein Engagement das gegen das Kriegsgeschehen unabdingbar und – wie hier eindrucksvoll bewiesen wurde – in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung fördernd ist.

Tags

kriegsgeschichte, medienkomparatisitik, umbrüche