Neue Medien

3/2017 - Medien und Flucht – Medienpädagogische Perspektiven

Rezension: Von Geschichtszeichen – Rezension: Fraternité! Schöne Augenblicke in der europäischen Geschichte

von Bernd Jürgen Warneken

AutorIn: Alessandro Barberi

Alessandro Barberi rezensiert den wunderbaren Versuch Bernd Jürgen Warnekens in der Geschichte der Moderne seit der Französischen Revolution schöne Augenblicke der Solidarität nachzuweisen, um sie gegen das Konkurrenzdenken des Neoliberalismus zu halten ...

Verlag: Böhlau
Erscheinungsort: Wien/Köln/Weimar
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3205202486


Cover: Fraternité!
von Bernd Jürgen Warneken
Quelle: Amazon

 

"[…] daß jene Begebenheit […] als hindeutend, als Geschichtszeichen
(signum rememorativum, demonstrativum, prognostikon),
angesehen werden müsse […]
"

Immanuel Kant, Streit der Fakultäten (1798)

"Tschu En-Lai soll einst auf die Frage Henry Kissingers,
was er denn von der Französischen Revolution halte,
geantwortet haben: »Too soon to tell«.
"

Bernd Jürgen Warneken, Fraternité! (2016)

Es waren – bei unterschiedlichen Angaben – rund 200.000 bis 300.000 Menschen, die am ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille, dem 14. Juli 1790, auf dem Pariser Marsfeld als progressive Masse die Französische Revolution gefeiert haben, um sich mit Liberté, Égalité, Fraternité! zu identifizieren und die Aristokratie damit zu distanzieren:

"Deutsche, schweizerische, französische, amerikanische, englische Revolutionsfreunde sind versammelt, die Frauen tragen Trikolorebänder an den Hüten, man singt ein von Sieveking verfasstes Freiheitslied:

[…] L'aristocrate dit: mea culpa!/Ah, ça ira, ça ira, ça ira!/Le clergé regrette le bien qu'il a;/Par justice la nation l'aura. […]

[…] Der Aristokrat sagt: Mea culpa!/Ah, das wird geh'n, das wird geh'n, das wird geh'n!/Der Klerus trauert seinem Besitz nach;/Zu Recht wird die Nation ihn sich nehmen. […]" (S. 16–18)

Dabei vergaßen die Frauen ihr Geschlecht und die Klassen und Stände ihre Herkunft. Auch Hautfarben zählten auf einer bestimmten Ebene nicht. Und auch wenn diese Massen sich (der Reihenfolge nach) der Nation, dem Gesetz und dem König unterstellten – was Marat dazu führte, das Föderationsfest rundum abzulehnen (S. 19) – so ist dieses Fest doch eine eminente massenpsychologische manifestation, eine Demonstration des französischen "Volkes", in und mit denen ein diskurs- und sozialgeschichtlicher Anfangspunkt der modernen Volkssouveränität ausgemacht werden kann. Ein Moment der Verschwisterung, in dem auch Olympe de Gouges droits des femmes eine gewisse Rolle spielten.

Es ist dieser bemerkenswerte Moment kollektiver Fraternité und mithin einer "Verschwisterung" (7) auf freiem Feld, das Bernd Jürgen Warneken als kollektives Ereignis der Identifikation mit den Idealen der Französischen Revolution an den Anfang seiner Analyse schöner Augenblicke in der europäischen Geschichte stellt. Denn diese archäologische Urszene stellt so etwas wie die Urgeschichte moderner Prinzipien des Gemeinsamen und Kommunitären dar. Insofern hat der Autor sich zu Beginn viel vorgenommen: Denn er unternimmt mit seinem Band zur Fraternité nichts Geringeres als angesichts der heutigen Durchsetzung von Konkurrenzstrukturen vor allem anhand von vier diskurs- und sozialgeschichtlichen Ereignissen den Nachweis zu führen, dass in die Quellen der Moderne seit der Französischen Revolution kollektive Momente hereingebrochen sind, die belegen können, dass die Menschheitsgeschichte der letzten 227 Jahre Augenblicke der sozialen und solidarischen Schönheit kennt, in denen eben das Kommunitäre und Gemeinsame im Sinne der Kooperation über das Trennende und Spaltende der Konkurrenz obsiegte. Eine Geschichte schöner Momente zu schreiben ist mithin auch ein sehr schönes Vorhaben, das Warneken hervorragend umgesetzt hat.

Dabei erinnert diese Komparatistik historischer Ereignisse schon auf der ersten Seite an die Kantische Rede vom "Geschichtszeichen" angesichts der Französischen Revolution, wenn u. a. drei "Aufbrüche" (S. 9) – eben das Pariser Föderationsfest von 1790, der erste Arbeitermai 1890 und der gemeinsame "wilde" Streik von deutschen und "ausländischen" Arbeiter*innen 1973 – als "Augenblicke intersozialen Glücks" (S. 9) und revolutionärer Solidarität gefasst und abschließend auf das aktuelle Politikum des Moscheebaus in Deutschland bezogen werden. Denn bei all diesen Ereignissen – und Warneken analysiert und kontextualisiert noch weitere – stellt sich sehr aktuell die Frage ein, wer in die Universalität der Menschenrechte eingeschlossen und wer ausgeschlossen ist (S. 26f.). Dabei ist es entscheidend, dass diese historischen Kollektivereignisse durch ihre sozialgeschichtliche Wucht "Strukturen, Praxen und Diskurse veränderten" (S. 9) und insofern utop(olog)ische Momente markieren, welche in einem buchstäblich revolutionären Sinn das "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch) – um das es Warneken nach wie vor geht (S. 8) – in der Geschichte der Moderne positiv belegen. So zeigt der Autor auch punktuell, wie es seit der Marxschen (revolutionären) Aufforderung, die Welt nicht zu interpretieren, sondern zu verändern, vor allem auch durch die Arbeiter*innenbewegung tatsächlich zu eben solchen Veränderungen kam.

Deshalb insistiert die Fraternité auch an den Tage(n) der Internationale (S. 75f.), setzt sich in der Rebellion der Gastarbeiter (S. 199f.) fort und ist noch mit dem völkerverbindenden Fest zur Einweihung der größten Moschee Deutschlands am 26. Oktober 2008 präsent (S. 237f.). Auch sind diese Ideale noch in jedem Aufruf zur Solidarität mit Exkludierten oder Randständigen vorhanden, denen die universellen Menschenrechte volle Souveränität garantieren, die ihnen allerdings sozial und ökonomisch abgesprochen werden kann. Man denke nur an fragwürdigste Instrumentalisierungen der Flüchtlingsproblematik, in welche Warnekens Analysen sich aktuell einschreiben, um vor allem das Verhältnis der An- und Aberkennung sozialer Rechte im Verhältnis von Inklusion und Exklusion gleichsam als Konstante der Moderne zu beschreiben. Dabei steht dem Autor klar vor Augen, dass die Commune de Paris nicht erst 1871 ihren Namen erhält und in Begriffen wie "Gemeinde", "Gemeinwohl" oder "Gemeinschaft" bis heute mitklingt. Denn:

"Anfang 1790 übt ganz Frankreich die neuen Mitwirkungsrechte aus. Bei den Kommunalwahlen [sic! A. B.] vom Januar bis März werden neue Bürgermeister, Gemeinderäte [sic! A. B.] und Notabeln gewählt, wobei man den Adelseinfluss entschieden zurückdrängt." (21)

Anhand solcher grundlegenden sozialgeschichtlichen Einsichten arbeitet Warneken im Zusammenhang mit dem "Geschichtszeichen" /1790/ mit den Diskursen der Zeitzeugen genauso wie mit den Historiografen der Französischen Revolution und dehnt die gewonnenen Erkenntnisse dann auf spätere Ereignisse – eben /1890/ oder /1973/ – bis hin zur Gegenwart aus. Und so gelingt es ihm in intelligenter Weise diskursgeschichtliche Quellen zur Rezeption und Konstruktion dessen zu konsultieren und zu präsentieren, was für uns auch heute noch diese Ereignisse darstellen: So betonte etwa Jules Michelet, dass mit dem Föderationsfest jede Spaltung aufgehört habe und es "weder Adel, noch Bürgertum, noch Volk mehr" gab (S. 18) und Jean Jaurès betonte hundertelf Jahre nach dem Föderationsfest, dass sich Kohlenhändler und Markthallenarbeiter darum stritten, "wer wohl am meisten Erde zu Ehren der Revolution bewegen würde" (S. 29). Warnekens "Zeichenanalysen" lassen sich mithin auch als ein Beitrag zur Semiologie derartiger (chronologischer) Geschichtszeichen lesen.

Insofern ist die Erinnerung daran, dass mit der emanzipatorischen Universalität der Proklamation der Menschenrechte in der Französischen Revolution die Fragen der Integration und Inklusion des sozial und/oder kulturell "Anderen" (etwa Ausländer, Flüchtlinge und nach wie vor Arbeiter) nur vorweggenommen werden, nach Warneken – ähnlich wie bei Axel Honneth (2010) – immer auch eine Frage der "soziale(n) Anerkennung" (S. 8 und 9) respektive Aberkennung.

Die Subtilität von Warnekens historischen Quellenanalysen steht dabei eindeutig mit seiner germanistischen Ausbildung in Zusammenhang, die auch allgemeine Rhetorik umfasste, weshalb diese "schönen Augenblicke" an vielen Stellen eine gelungene Überkreuzung von Literatur- und Sozialgeschichte darstellen, wobei bemerkenswerter Weise die Tatsache nicht zur Seite geschoben wird, dass auch Historiker*innen ihre Analysen erzählen müssen.

Dabei geht es in Warnekens Erzählung(en) – in aktualisierender Erinnerung an die Ideale der Französischen Revolution – immer auch um ein gegenwärtiges politisches Statement: Denn ausgehend von jenen massenpsychologischen und sozialgeschichtlichen Momenten in der Geschichte der Moderne, in denen Liberté, Egalité und Fraternité insofern real wurden, als es tatsächlich zu einer zumindest ephemeren und ereignishaften Überwindung der Klassen-, Standes- und Geschlechtergrenzen kam, ist dieses Buch – im Rekurs auf Jay Winter (2006), Benjamin Ziemann (2013), Julia Eichenberg und John Paul Newman (2013) sowie Richard Sennet (2012) – auch ein aktuelles Plädoyer für soziale Kooperation und gegen neoliberale Konkurrenz. Warneken zeigt einmal mehr auf, dass die inneren Widersprüche des Kapitalismus und der Moderne auch jene zwischen formaler und ökonomischer Gleichheit sind und bewegt sich method(olog)isch auf dem rhetorischen Niveau der Erzählung von "dichte(n) Beschreibungen" im Sinne Clifford Geertz'. Es handelt sich mithin auch um eine Historische Anthropologie, die sowohl die Ethnologie der Geschichte als auch die Geschichte des ethnologischen Diskurses im Blick behält:

"Meine Darstellung fügt der aktuellen Diskussion keine neue Theorie, auch keine Abhandlungen, sondern Erzählungen [sic! A. B.] hinzu. Ihre Absicht ist es, in Anlehnung an Methoden der historischen Ethnographie »dichte Beschreibungen« [sic! A. B.] zu liefern, die auch »dichte Bewertungen« erlauben." (S. 11)

In diesen dichten Beschreibungen gelingt es dem (Literar)-Historiker überzeugend die Spiegelungen historischer Ereignisse auch in literarischen Quellen nachzuweisen: so bezieht Warneken etwa die Begriffe der "kühn-emsigen Völkerschaft" und den "Gemeindrang" in Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil (S. 27–28) direkt und zu Recht auf die Ereignisse auf dem Marsfeld.

Damit ist Warneken auch hinsichtlich geisteswissenschaflicher Methodologie auf der inter- bzw. transdisziplinären Höhe unserer Zeit. Und so ist abschließend positiv und mit vollem Nachdruck hervorzuheben, dass der Band die Grundlagen der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung auf theoretisch hohem Niveau berücksichtigt, und sie keineswegs – wie heute üblich – nach dem Fall der Mauer auf den Müllhaufen der Geschichte kippt. Die Effekte der Ideen- und Diskursgeschichte werden dabei nicht unterschlagen, sondern minutiös als aktiver Teil der Geschichte berücksichtigt.

Warneken zeigt mit diesem Band also auch, wie die Geschichte der Plebejer*innen und Proletarier*innen im Umfeld der Arbeiter*innenorganisationen und der Internationale – man denke auch an die erst jüngst ins Deutsche übertragene wunderbare Arbeit von Jacques Rancière Die Nacht der Proletarier (2013) – ein konstitutives Moment der Moderne darstellt. Es waren die Plebejer*innen, welche die aristokratischen wie bürgerlichen Rechtsformen radikal in Frage gestellt und so das Ziel der "Überwindung von Klassengesellschaften" (S. 269) in die Geschichte eingeschrieben haben. Wer mithin historische Belege dafür sucht, dass die Menschheit fähig ist zu klassen-, standes- und geschlechterübergreifender Gemeinsamkeit und Solidarität wird in diesem schönen Band mehrfach fündig werden und mag so Mut entwickeln, sich seines eigenen (historischen) Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen, um auch in der Gegenwart Geschichtszeichen kritisch zu deuten. Man sage nicht, die Sozialgeschichte habe abgedankt. Dieser Band beweist das Gegenteil. Möge die Kooperation einer neuen Internationale die Konkurrenz besiegen!


Weiterführende Literatur:

Eichenberg, Julia/Newman, John Paul (2013): The Great War and Veterans' Internationalism, London: Palgrave Macmillan

Honneth, Axel (2010): Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Rancière, Jacques (2013): Die Nacht der Proletarier, Wien: Turia & Kant.

Sennet, Richard (2012): Together. The Rituals, Pleasures and Politics of Cooperation, Yale: Yale University Press.

Winter, Jay (2006): Dreams of Peace and Freedom: Utopian Moments in the Twentieth Century, Binghamton/New York: Vail-Ballou Press.

Ziemann, Benjamin (2013): Gewalt im Ersten Weltkrieg. Töten – Überleben – Verweigern, Essen: Klartext Verlag.


Editorische Notiz: Die vorliegende Rezension erschien erstmals in: medien und zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart 1 (32. Jg.) 2017.

Tags

solidartität, kooperation, französische revolution