Neue Medien

2/2017 - Digitale Grundbildung

Die Macht der Worte. Ideologien und Sprache im 19. Jahrhundert.

von Horst Dieter Schlosser

AutorIn: Bianca Burger

Die Macht von Sprache und Worten werden uns unter anderem in der Werbung täglich vor Augen geführt. Welchen Einfluss Worte in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts hatten, versucht Horst Dieter Schlosser im vorliegenden Buch zu erörtern. Bianca Burger hat rezensiert ...

 

Verlag: Böhlau-Verlag
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-412-50557-8

Cover: Die Macht der Worte
von Horst Dieter Schlosser
Quelle: Amazon

Sprache und Worte sind mächtig; sie können unser Denken, unsere Gefühlswelt aber auch unsere Handlungen beeinflussen und sogar präfigurieren, wie wir die Welt wahrnehmen. Welche Macht den Worten im Hinblick auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung zukommt, versucht Horst Dieter Schlosser in seinem Buch "Die Macht der Worte – Ideologien und Sprache im 19. Jahrhundert" zu ergründen. Schlosser, emeritierter Professor für Philologie, der auch bereits zum Thema "Sprache unterm Hakenkreuz" forschte, beschäftigt sich in seinem neusten Buch mit der Entwicklung bestimmter Begrifflichkeiten in Deutschland im "langen 19. Jahrhundert". Dieser sprachwissenschaftliche Zugang ist einer, der seinen Beobachtungen nach in der bisherigen politisch-historischen Forschung zu kurz kam und stiefmütterlich behandelt wurde. Ziel der Analyse von Schlosser ist es nun diese Lücke zu füllen.

Sein Zugang ist dabei in zwei Abschnitte unterteilt: im ersten Teil erörtert der Autor auf knapp 40 Seiten die deutschen Leitbilder des 19. Jahrhundert, bevor er im zweiten, umfassenderen Abschnitt die Entwicklung der Leitbilder im Rahmen der politischen Geschichte erörtert. Gleich zu Beginn macht Schlosser deutlich, wie Worte der Sachentwicklung vorauseilen. Die politischen und sozialen Ideen des 19. Jahrhunderts sind zunächst nur als sprachliche Symbole, Schlagwörter, präsent, die erst nach und nach prägend wurden und sich dann zu solchen Schlüsselwörtern entwickelten, welche die politische Geschichte beeinflussten. Dabei macht er die Begriffe "Freiheit" und "Einheit" als "Urleitbilder" des Jahrhunderts aus, die anfänglich gemeinsam angestrebt wurden, allerdings im Laufe der Zeit eine unterschiedliche Gewichtung erhielten. Im Hinblick auf "Freiheit" macht Schlosser deutlich, dass dieser Begriff bereits in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aufkam und damit mehr als ein Jahrzehnt vor der französischen Revolution, in der "Freiheit" zu einem politischen "Fahnenwort" wurde. Schlosser unterstreicht, wie abstrakt und unscharf der Begriff in politischer Hinsicht lange Zeit war und wie sich eine Bedeutungsveränderung ergeben hat. Die Revolutionen von 1789/92 bzw. 1917 werden gemeinhin als Ankerpunkte des "langen 19. Jahrhunderts" gewählt und so folgt auch Schlosser diesem Schema, da diese Revolutionen zudem gleichsam als "Geburtshelfer" für verschiedene politische Haltungen fungierten, die sich dann in späterer Zeit zu Ideologien verdichteten, in denen man versuchte, die angesprochenen Leitbilder umzusetzen oder auch zu bekämpfen.

Obwohl das Hauptaugenmerk auf den Entwicklungen des 19. Jahrhunderts liegt, vom deutschen Bund, über den Vormärz, das Kaiserreich bis hin zum Ersten Weltkrieg, werden sowohl kleinere Rückblicke als auch Vorgriffe gewagt, um die Entwicklungslinien und Bedeutungsverschiebungen einzelner Begriffe aufzuzeigen. So greift der Autor bei der Schilderung der Entwicklung des Begriffs "Volk" bis in die heutige Zeit vor und knüpft an aktuelle Geschehnisse an, wenn er den "Volks"-Begriff der Organisation "PEGIDA" erörtert und in Bezug zur Geschichte setzt. Das Aufkommen dieser rechtspopulistischen Vereinigung sieht Schlosser als Beweis für eine Krise im Verständnis der deutschen Identität seit der Wiedervereinigung und eine Rückkehr zu den Wurzeln des Leitbilds, als das Eigene nur durch Abwertung fremder Eigenarten definiert wurde. Da vor allem die Geschichte und Veränderung der Schlüsselbegriffe wie "Volk", "Freiheit" oder "Revolution" im Fokus stehen, muss ein entsprechendes Vorwissen, was die deutsche Geschichte anbelangt, vorhanden sein, um den Ausführungen Schlossers folgen zu können. Es werden oftmals lange und breitgefächerte politische Entwicklungen skizziert, die für das Verständnis der Leitbildentwicklung notwendig sind, denen man ohne die deutsche Geschichte bereits zu kennen, jedoch nur schwer folgen kann.

Neben der groben Gliederung in zwei Abschnitte sind diese jeweils zusätzlich in Unterkapitel und diese wiederum in kleinere Einheiten unterteilt. Diese Unterteilung lockert den Textkorpus etwas auf, ein Lesefluss kommt dadurch jedoch nur schwer zustande. Als weiteres auflockerndes Element dienen die Zitate eingangs der jeweiligen Kapitel, sowie die längeren wörtlich übernommenen Passagen zeitgenössischer Autoren, mit denen Schlosser das damalige Verständnis der jeweiligen Leitbegriffe zu verdeutlichen versucht. Vom Schreib- und Sprachstil her spürt man natürlich Schlossers Profession als universitärer Sprachwissenschaftler, was sich dementsprechend auf die Zielgruppe auswirkt. Es dürften sich bereits vom Themenbereich her eher ForscherInnen und nicht unbedingt der interessierte Laie von diesem Buch angesprochen fühlen. Durch seine komplexen Zusammenhänge und dem nötigen Vorwissen eignet es sich daher auch nur bedingt als Strandlektüre; für Fachkreise ist es zweifellos eine Bereicherung und eröffnet einen neuen Blick auf die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts. Man kann nur hoffen, dass sich ForscherInnen anderer Länder zukünftig ebenfalls für einen sprachwissenschaftlichen Zugang zur Erforschung der historisch-politischen Geschichte interessieren und diesen Ansatz von Schlosser aufgreifen und weiterverfolgen.

Tags

deutsche geschichte, begriffsgeschichte, sprachwissenschaft