Neue Medien

2/2017 - Digitale Grundbildung

Verwüstung der Zellen

von Markus Mittmansgruber

AutorIn: Johanna Lenhart

Johanna Lenhart rezensiert für die MEDIENIMPULSE Markus Mittmansgrubers Debütroman "Verwüstung der Zellen" über den Niedergang eines Sohnes. Die Familie kann auch aus medienpädagogischer Sicht als ein Ort des Schreckens begriffen werden ...

Verlag: Luftschacht
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN 978-3-902844-93-4

 

Cover: Verwüstung der Zellen
von Markus Mittmansgruber
Quelle: Amazon

 

Dass der Protagonist nur "der Sohn" genannt wird, offenbart bereits eines der wichtigsten Motive des Romans, das auch für das Horrorgenre nicht klassischer sein könnte: die Familie als Ursprung des Schreckens. Der Sohn, sozial isoliert und in ein unbefriedigendes Arbeitsverhältnis verstrickt, und seine Mutter werden vom langsam in die Demenz abdriftenden, hospitalisierten Vater mit "dem Verbot" belegt, das ihnen jeglichen Kontakt zu dem Kranken untersagt. Vor den Kopf gestoßen, irritiert von der Gleichgültigkeit der Mutter und ermutigt von einer dubiosen, sektenartigen ‚Selbsthilfegruppe‘ macht der Sohn sich daraufhin auf die Suche nach einem unerhörten Ereignis in der Vergangenheit und wird natürlich fündig. Gleichzeitig ist der Sohn getrieben von Angstzuständen, die sich in einem ihm ständig folgenden und alles überlagernden "Geräusch" äußern, das ihn nicht schlafen lässt und das dazu führt, dass "er die Reste seiner ‚nervlichen Substanz‘" verliert. Es ist der Horror des Alltags, die den Sohn in die Verzweiflung treiben: Familie, Arbeit, Mitmenschen – nirgends lässt sich Halt oder Sinn finden. Erst eine Selbsthilfegruppe mit dem dubiosen Ziel der "Möglichkeiten-Multiplikation" scheint ihm Sozialkontakte und die Chance, den "Heimsuchungen der ANGST" zu entkommen, zu eröffnen, aber auch diese entpuppt sich zunehmend als manipulativ und destruktiv.

Die ziellose Fortbewegung einer wiedergängerischen, menschenfressenden, zombieartigen Gestalt, die eigentlich gar keine Gestalt, sondern nur mehr konzentrierte Masse – ein Massepunkt – ist, bildet die zweite Erzählebene von Mittmansgrubers Roman, aus der sich auch die sprachlich reizvollsten Teile des Romans speisen. Der Massepunkt ist ein Körper, der sich komprimiert hat, zu einem "ich", das nur noch in Anführungszeichen existiert:

"ein autopilot, eine körper-maschine, das ‚ich‘ ohne ich, schlafwandelnd in materie, aufgegangen in ihr, eine leerstelle, ein wiedergänger, oder ein verdichteter punkt, ein massepunkt: •. erste person singular, ein massepunkt. •. erster fall, zweiter, dritter, vierter fall. jeder fall. ein massepunkt, der in sich versunken ist, der wütet, aber ohne das dazugehörige gefühl. alles, was der fall ist, ein massepunkt."

Diese zwischengeschalteten Episoden über den Massepunkt können dabei kaum noch Erzählung im Sinne eines Plots genannt werden: Vielmehr sind die Umtriebe von • Gewaltorgien voller Blut und Eingeweide ohne Hintergedanken, sie folgen der Befriedigung eines Triebs, der Akkumulation von immer mehr Masse:

"am strand der kreisverkehrinsel liegt ein verletzter, man hat ihn vergessen oder ihn absichtlich zurückgelassen. […] da sieht er jemanden durch die dämmerung kommen. es ist • und das schlurfende, vom rohen fleisch gefallen körperrelikt, und • sieht den liegenden bluten und stürzt hin, so schnell es noch geht. […] aber ohne unterkiefer beißt und kaut es sich schlecht • kann nichts mehr in sich hineinfressen. […] und so nimmt das körperrelikt den verletzten mit den bloßen händen aus und kramt und kratzt und scharrt und schabt und gräbt, und es zieht dessen eingeweide strängeweise aus seiner mitte und führt sie mit den klauen dorthin, wo vormals die mundöffnung gewesen ist."

Gemeinsam sind den beiden Ebenen die Themen Zerfall und Körper. So wie die Familie auseinanderbricht, der Verstand von Vater und Sohn langsam bröckelt, beschäftigt sich der Massepunkt mit der Förderung des körperlichen Zerfalls anderer. Damit einher geht auch die Thematisierung des Zerfalls über Ernst Jandls Gedicht "chanson", das mehrmals zitiert wird, und das sich um Wörter des Alltags dreht, die ihre Gestalt verändern, syntaktische Grenzen mutieren. Das sich Hinwegsetzen über sprachliche Konventionen ist bei Jandl ein produktiver Zerfall, eine Möglichkeit die Sprache zu erweitern. Im Roman jedoch bleibt die Sprache – selbst in den Berichten vom Massepunkt – intakt. Obwohl Verstand und Körper eigentlich aller Personen langsam aussetzt, hat dieser Verfall keine Auswirkungen auf die Sprache, sie bleibt eloquent und bilderreich. Dass der Massepunkt-Zombie niemand anderer als der Sohn selbst ist, hätte man zwar vermuten können, wird aber erst gegen Ende des Romans klar, und macht so den geistigen Verfall zu einem körperlichen, eine Art Entäußerung seiner selbst: "Aus meiner Haut schälen, aus mei­ner Haut schälen, aus meiner Haut schälen, aus meiner Haut schälen, aus meiner Haut schälen, aus meiner Haut schälen, aus meiner Haut schälen, aus meiner Haut schälen …", wird zum obsessiven Gedanken des Sohnes.

Trotz der Fülle an Themen und Motiven – von der Festsetzung der Familiengeschichte im Bewusstsein, über die Tücken der modernen Arbeitswelt bis hin zu zweifelhaften Selbsthilfegruppen und unbefriedigenden Beziehungen – merkt man dem Roman stellenweise das hinter dem Plot stehende Theoriewissen des Philosophen Mittmansgruber an, etwa die Reflexion auf den Körper und dessen Verhältnis zur Umwelt, was ab und an etwas ermüdend ist und auch die Entscheidung zur Markierung des Massepunkts durch einen typografischen Punkt wirkt etwas bemüht. Entschädigt wird man jedoch durch die ausdrucksstarke Sprache – besonders in den Abschnitten zum Massepunkt – die abgründige, lustvoll-ekelhafte Bilder entstehen lässt und in ihrer kalauernden Art und Weise dann und wann durchaus auch einen ganz eigenen Witz entwickeln:

"• ist nicht achtsam, sondern verwaltet nur die verformungen des körpers ohne rücksicht auf verluste. das körperrelikt spricht im gehen ungebändigt bände. in einem band sagt zum beispiel die aasschwarze fleischschlacke, die • noch von den rippen hängt, mehr als tausend worte. und in einem anderen band ruht • nicht, sondern tut tausend weitere schritte. sie kommen vom fließband, die schritte, und sie sind schritte des abschaums."

Tags

familie, roman, sohn