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2/2017 - Digitale Grundbildung

Poetik der Alterität. Fragile Identitätskonstruktionen in der Literatur zeitgenössischer Autorinnen

von Andrea Horváth

AutorIn: Christina Wintersteiger

Mit der Rezension von Andrea Horváths "Poetik der Alterität" macht sich Christina Wintersteifer gemeinsam mit den LeserInnen der MEDIENIMPULSE auf eine Reise in das Fremde, das Andere und die damit verbundenen (feministischen) Grenzerfahrungen …

Abstract

Gibt es eine Poetik der Alterität? Ausgehend von der Prämisse, dass Kultur und Schreibweise zusammenhängen, macht sich Andrea Horváth auf eine literarische Spurensuche nach der Beschaffenheit einer Poetik des "Andersseins", die sie in Texten zeitgenössischer Autorinnen, deren Werke Themen wie kulturelle Fremdheit, Migrations- und Grenzerfahrungen und gender-bezogene Diskurse wie Sexualität verhandeln, ausmacht. Sich auf die theoretischen Modelle sowohl der Gender als auch der Postcolonial Studies beziehend, erörtert die Autorin anhand von zehn partikularen Analysen und Lektürebeispielen die spezifisch poetologischen Mechanismen, mit denen das "Andere" beschrieben werden soll und dabei dekonstruiert wird. Sie zeigt damit, dass die Unmöglichkeit, Alterität zu repräsentieren, nicht zuletzt in der formalen Gestaltung der Texte reflektiert wird.


Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-8376-3906-


Cover: Poetik der Alterität
von Andrea Horváth
Quelle: Amazon

Die Annahme ist, dass Literatur und Kultur zusammenhängen – kulturelle wie soziale, genderbezogene oder mit Migration und der Erfahrung von Fremdheit in Beziehung stehende Begebenheiten schlagen sich in Texten nieder. Doch nicht nur inhaltlich und motivisch, sondern auch auf der formalen Ebene, wie dieses Buch zeigen will. Indem sie sich theoretischer Vorarbeiten wie Deleuzes und Guattaris Rhizommodell oder Julia Kristevas Konzept der psychischen Alterität bedient, möchte Andrea Horváth eine spezifische Poetik herausarbeiten, die zur Beschreibung und Dekonstruktion von Alterität und einer (fiktiven) homogenen Identität in den Texten zeitgenössischer Autorinnen verwendet wird. Dabei bezieht sie sich primär auf zwei große Theoriemodelle: zum einen auf die Gender Studies und zum anderen auf die Postcolonial Studies. Mit ausgewählten Textanalysen, die auf die Exkurse zum jeweiligen Standpunkt sowie Forschungsstand der Disziplinen folgen, wirft sie die Frage auf, ob die theoretischen Annahmen anwendbar sind, um sie auf eine literarische Poetik zu übertragen. Wie kann die Schnittstelle zwischen postkolonialer und gender-orientierter Narratologie fruchtbar gemacht werden für das Verständnis zeitgenössischer Texte? Dabei geht es Horváth um poröse Texte – Texte, die die Bruchstellen von Kultur und Identität in den Mittelpunkt des Interesses rücken: "Literatur ist nie Zeugnis einer Welt, ohne Zeugnis des Risses in der Welt zu sein." (W. Wintersteiner)

Ein Ausgangspunkt sind wesentliche Erkenntnisse (bzw. Problemstellungen) der Gender Studies: eine Krise der Repräsentation und eine anzuerkennende Interdependenz von Identitätskategorien (sowohl in gender- als auch in kultureller Hinsicht), die sich ebenso auf Debatten der Postcolonial Studies beziehen lassen – und die sich, wie im Verlaufe des Buches gezeigt werden soll, auch in der formalen Gestaltung zeitgenössischer Texte zum Thema Identität erkennen lassen. Doch wie können diese formalen Bausteine einer solchen Poetik der Alterität aussehen?  In den von Horváth sezierten Texten lässt sich ein von der Norm abweichender Umgang mit Sprache, auch durch die Verwendung fremder Elemente, erkennen. Erinnernd an postmodernes Schreiben, handelt es sich um eine Ästhetik des Fragmentarischen, um Formen der Marginalität und Doppeldeutigkeit, eine Verunsicherung der AutorInnenpostition, das Kollabieren von Perspektive. Ein zentrales Schlüsselmoment bei der literarischen Produktion von Identität und Alterität ist die Hybridität, welche sich in verschiedenen Analysekategorien zeigt: Räume, Perspektive, Erzählinstanz, Figuren, Zeitstruktur – auf allen Ebenen findet sich eine Ambivalenz, ein Oszillieren, eine Hybridisierung. Horváth bedient sich geschickt aus der von den Gender und Postcolonial Studies zur Verfügung gestellten narratologischen Werkzeugkiste – bei ihrem Blick auf die Texte greift sie auf Begriffe und Konzepte der Disziplinen zurück (z. B. auf die diskursiven Strategien postkolonialer Praxis: Mimikry, Stereotypisierung, blurring of genres, …)

Ihre sehr explizite und partikulare Auswahl von Texten umfasst Werke von Barbara Frischmuth, Emine Sevgi Özdamar, Ágota Kristóf, Elfriede Jelinek, Anna Kim, Judith Hermann, Marlene Streeruwitz, Terézia Mora, Zsuzsa Bánk und Juli Zeh. Die Frage, die an alle Texte herangetragen wird, ist, wie Differenzen markiert und verwischt, konstruiert und destabilisiert werden – dabei lassen sich vier Paradigmen ausmachen: geographisch-kulturelle Fremdheit, individuelle und kollektive Erinnerung, Grenzerfahrung von Krieg und Tod sowie soziale Marginalisierung. Ausgehend von einer Furchtbarkeit der Theoriefusion von Poststrukturalismus, Postkolonialismus und Gender Studies lautet das – ambitionierte – Programm wie folgt: "Wenn der postkoloniale Diskurs hybrid ist, prinzipiell ambivalent, dekonstruierbar, dann muss eine Methodik der Textanalyse zu gewinnen sein, die weder in diskursanalytische Reduktionen noch in binäre Schematisierungen verfällt und die auch keine dialektischen Widersprüche und Aufhebungen produziert, sondern die Mehrdeutigkeiten dort aufsucht, als solche intakt lässt und zu beschreiben sich vornimmt, wie sie auftauchen: in der Lektüre."

Die in zehn Kapitel eingeteilten Lektüren erzählen von einer Zerbrechlichkeit der Identität, von einem (Er-)Leben der Autorinnen in Zwischenräumen – dabei streicht Horváth jeweils bestimmte Leitmotive, rote Fäden und metaphorische Anhaltspunkte der Texte, hervor. In Barbara Frischmuths "Der Sommer, in dem Anna verschwunden war" zieht sich das Motiv des Schleiers durch die Geschichte von drei Frauengenerationen – nach Cixous kann das Schreiben hier als ein sukzessiver Weg der Entschleierung (von Wahrheit) gelesen werden. Die Poetik wird bestimmt vom unvermittelten Wechseln von Tempi, Modi und Perspektiven sowie von Ironie. Mit Emine Sevgi Özdamars "Die Brücke vom Goldenen Horn" eröffnet sich der Raum als theoretisch aufgeladenes Leitmotiv während es in Ágota Kristófs "Das Große Heft" vor allem um die Grenze geht – um Grenzziehungsprozesse in physischer, psychischer und moralischer Hinsicht, wobei auch der/die LeserIn hier oft an seine/ihre Grenzen stößt. Mit ihrer gewohnten polemisch überspitzten Sprache lässt Elfriede Jelinek in "Lust" die Unmöglichkeit der weiblichen Sexualität und Lust durch eine Sprachkritik, eine als "stilistische Deformierung der Wirklichkeit" diagnostizierte Schreibart sichtbar werden. In Anna Kims Erzählungen wird auch eine Unmöglichkeit thematisiert – die Unmöglichkeit des Sichtbarmachens an sich. In "Die Bilderspur", "Die gefrorene Zeit" und "irritationen" zeigt sich eine rhizomatische Ästhetik von Überlagerungen, ungewöhnlichen, auf der klanglichen Ebene verstärkten, Wortzusammensetzungen, eine Betonung von Leerstellen und Pausen, die verdeutlichen, dass es undarstellbare Erfahrungen gibt – Traumata, deren Kern nicht zeigbar, wenn auch spürbar bleibt. Judith Hermanns Erzählungen in "Sommerhaus, später" oszillieren wiederum zwischen Nähe und Ferne, Vertrautem und Unbekanntem, wobei die Grenzen zwischen Realem und Imaginärem verschwimmen.

Das Motiv des sexuellen Wandels (von der Repressionshypothese eines Max Weber et. al. über die diskursive Konstruktion des Sexuellen bei Foucault hin zu einer Pluralisierung und Inszenierung der sexuellen Normen) zieht sich durch Marlene Streeruwitz’ Werk. Anhand von "Jessica, 30" und "Nachwelt" wird die Frage nach dem Sexualitätsdiskurs in der Gegenwartsliteratur von Frauen aufgeworfen – eine Frage, deren Beantwortung viele Stapel Sekundärliteratur füllen könnte. Hier zeigt sich das Bild der postfeministischen Frau als ebenso brüchig wie die Poetik des Textes selbst: Risse im Gedankenstrom, fehlende Punkte, die Verquickung von Politischem und Privatem. Um eine Poetik, die sich entlang klassischer Begriffe der interkulturellen Forschung bewegt, handelt es sich bei Terézia Moras "Seltsame Materie". Hier ist das Leitmotiv das der Fremdheit als existenzielle Lebenserfahrung, der Konstruktion von Differenz – die Konzepte "In-der-Fremde-sein" und "Sich-fremd-Fühlen" als Erfahrungen der Lektüre. Essenziell für die Einordnung solcher Erfahrungen ist die Erinnerung – ihre identitätsbildende Funktion verhandelt Zszusa Bánk auf fragmentarische, die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verwischende Weise in "Der Schwimmer". Die letzte Station in Horváths Lektürereise ist ein Reisebericht – Juli Zehs "Die Stille ist ein Geräusch" schreibt sich ein in den Diskurs über den Zerfall Jugoslawiens und auch in die Tradition des Genres der Reiseliteratur selbst. Ihre synästhetische Poetik lässt sich als Kritik an dem westlichen Primat einer visuellen Konstitution von Wirklichkeit lesen.

Während Horváth sich all diesen Texten auf eine persönliche, bestimme Teilaspekte und Blickwinkel herausgreifende Art nähert, lässt sie eventuelle Kritikpunkte oder offene Fragen nicht unbeachtet. Dies schreibt sich ein in ihr Projekt, keine ergebnisorientierte, umfassende Studie zur Frage nach einer Poetik der Alterität liefern zu wollen, sondern eine Eröffnung des Diskussionsfeldes sowie einen Beitrag zur Theorie der semantischen Konstruktion von Alterität und Identität. Dennoch zeitigt diese flüssig zu lesende Studie Ergebnisse. Allen Werken gemeinsam ist, dass sie als "Allegorien der Unmöglichkeit, das jeweils thematisierte Andere kohärent und eindeutig in klaren Konzepten zu fassen und entsprechend zu repräsentieren" fungieren und damit Andersheit als Konzept dekonstruieren. In den Lektüren ließen sich verschiedene Mechanismen herausarbeiten, durch die diese Dekonstruktion formal bewerkstelligt wird: referenzielle Vervielfältigung des Subjekts, Schwächung der AutorInfunktion, terminologische Permutation, Fragmentierung, intertextuelle Einbettungen, Verdoppelungen, Heterogenität der Gattung, Hybridisierung der Stilformen, Montage und Collage, Polyphonie unterschiedlicher Erzählstimmen, metaphorische Codierung – "Die Problematik der Repräsentation von Alterität hat jeweils poetologische Konsequenzen."

Andrea Horváths Versuch, eine Poetik der Alterität zu bestimmen und diese an der Schnittstelle zwischen Postkolonialismus, Poststrukturalismus und Gender Studies zu verorten, ist ein interessantes Projekt, das vor allem ein weiteres Feld eröffnet. Statt Ergebnisse wie einen Katalog von Kategorien oder eine absurde Liste formaler Merkmale einer zeitgenössischen Migrationsliteratur anzustreben, bietet sie hier in beinahe essayistischer Manier spezifische Lektüreangebote. In Analogie zu der Essenz der hier beschriebenen Ästhetik geht es um Aspekte und Blickwinkel, nicht um eine Ganzheit des Textes. Der interdisziplinäre Theoriehorizont – von psychoanalytischen Theorien bis zu Deleuze und Guattari – sowie die auf Symbole und Motive fokussierten Lesarten ermöglichen einen spannenden Einblick in einen regen Diskurs, in dem es um die Prozesse des Sichtbarmachens und Entschleierns mithilfe von Literatur geht.

Tags

poetik, poetologie, frauenliteratur, das fremde, das andere