Bildung - Politik

2/2017 - Digitale Grundbildung

Das Leben erzählen … raconter la vie …

Sammelrezension und Bericht von zwei Publikationen Pierre Rosanvallons

AutorIn: Wolfgang Neurath

Demokratie kann (wieder) lebendig werden, wenn die Leben(sgeschichten) erzählt und wieder vernommen werden. In Frankreich gibt es ein mediales und demokratisches Projekt die gesellschaftliche Sensibilität zu stärken. Wolfgang Neurath berichtet von den politischen Intervention Pierre Rosanvallons …

"Das Parlament der Unsichtbaren" von Pierre Rosanvallon – "raconter la vie"

Verlag: edition import/export, Blinklicht Medienproduktions GmbH
Erscheinungsort: Wien
Erscheinungsjahr: 2015 (franz. 2014)
ISBN: 978-3903108004

(Vgl. auch Institut für die Geschichten der Gegenwart, online unter: http://importundexport.at/praesentation-parlament/ (letzter Zugriff: 11.06.2017)

Cover: Das Parlament der Unsichtbaren
von Pierre Rosanvallon
Quelle: Amazon

Ein neuer "New Deal" soll in Frankreich angeboten werden, der auch als Gesellschaftsreform verstanden werden kann. Dadurch soll die Resilienz der Gesellschaft erhöht, und vor allem die Ursachen und Wirkungen der großen Krise von 2008 bekämpft werden. Dies erinnert an bereits erfolgreiche Sozialinterventionen, die in Zeiten von umfassenden Krisen begonnen wurden.  1935, in den Zeiten des New Deal lancierte die amerikanische Regierung unter F. D. Roosevelt ein seit damals paradigmatisches Projekt, das "Federal Writers’ Project". Mehr als 6000 großteils arbeitslose Schriftsteller, Journalisten und Lehrer wurden in das Projekt eingebunden, um die Überwindung der Krise von 1929 mittels der großen Sozialreformen zu dokumentieren und die alltägliche Lebensrealität in vollkommen neuer Form sichtbar und kommunizierbar zu machen: "In diesem Rahmen entstand eine völlig neuartige Serie von Führern in jedem Bundesstaat. Im Gegensatz zu einer platten, touristischen Sichtweise boten sie einen gesellschaftskritischen Zugang zur amerikanischen >Folklore<, wobei dieser Ausdruck im eigentlichen Sinn des Wortes als Kultur und Lebensart des Volkes verstanden wurde. Sie legten das Augenmerk auf die neuen Freizeitbeschäftigungen der Massen und feierten das Amerika des täglichen Lebens und der kleinen Leute. Viel Platz wurde den bescheidenen Bauern, den Arbeiter-Gemeinden, den ethnischen Minderheiten und der Vielzahl der einfachen Berufe eingeräumt." (Rosanvallon 2015, 50)

Der „ New Deal“ entbirgt Lebensberichte und Alltagsgeschichten, Biografien und Dokumente von Interviews und Feldforschungen – ansprechendes und reichhaltiges Material, um die Gesellschaft zu verstehen, sie mit sich selbst zu verstricken, ihr neue Formen der Repräsentation zu geben, aber auch um adäquate Regierungsformen und -instrumente zu entwickeln. Heute dient es noch immer als ein besonderes Archiv für SozialwissenschaftlerInnen und für HistorikerInnen. Diese regulative Idee, das Unvernehmen (Ranciére 2002) in der Gesellschaft zu verringern, kennt seit der Französischen und der auf sie folgenden Industriellen Revolution viele Namen und Akteure in der Geschichte der Gesellschaft: Die Namen reichen von Louis-Sébastian Mercier, über Emilé Zola bis John Steinbeck. Pierre Rosanvallon wird in diesem Sinne auch eine kleine Sozialgeschichte dieser Projekte mit ihren Intentionen, Hoffnungen und Befürchtungen im "Parlament der Unsichtbaren" erzählen, die seinem Projekt eine historische Tiefe verleiht.

II. Das Projekt "raconter la vie" …


Cover: Le Parlement des invisibles
von Pierre Rosanvallon
Quelle: Amazon

"Raconter la vie" will mit einer Buchkollektion und einer partizipativen Internetseite, die sich online unter http://raconterlavie.fr/ findet (letzter Zugriff: 11.06.2017), Erzählungen direkt aus dem Leben sichtbar machen und sie so in einem "Parlament der Unsichtbaren" repräsentieren. Denn in Frankreich wird eine grundlegende Verwerfung immer stärker, die damit zusammenhängt, dass keinerlei Vernehmen existiert, weder der Individuen zu sich selbst, noch zu den Anderen. Milieus ohne Resonanz und Anerkennung sind entstanden. Rosanvallon beschreibt dies so: "Ein Gefühl von Verlorenheit erschöpft und deprimiert viele Franzosen heutzutage. Sie halten sich für vergessen, für unverstanden. Sie fühlen sich ausgeschlossen aus der Welt der Gesetze, der Welt der Regierenden, der Institutionen und der Medien." (16)

Viele, vielleicht schon die Mehrheit, fühlen sich nicht vernommen und nicht mehr repräsentiert. Das bedeutet mithin, nicht sichtbar, nicht präsent und nicht relevant zu sein. In der Sprache Michel Foucaults können wir von einem verfemten Teil der Bevölkerung sprechen, deren Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Teilhabe ungehört bleibt, deren Wunsch nach Anerkennung nicht vernommen wird (Foucault 2001). Demokratie wird sich nur entwickeln, wenn sie nicht nur als politische techné verstanden wird, sondern immer auch als fortwährende Aufgabe der Gesellschaft, die Demokratie als soziales und soziologisches Projekt zu betreiben.

Ambitioniertes Ziel des Projekts ist es, Menschen so anzusprechen, dass sie selbst an dieser Bewegung teilhaben, um das Wissen voneinander zu befördern. Statt die ideologische Figur des einen Volkes zu adressieren, welche faktisch immer mit der Unterscheidung von Freund und Feind beginnt, sollen die mehrfachen Stimmen und Sprachen aus dem Volk vernommen und repräsentiert werden. Die Vielfalt und Vielzahl konkreter Existenzen, die indem sie selbst zu Wort kommen, sich in eine kollektive Erzählung einschreiben; "die eigene Singularität zu behaupten und sich gleichzeitig als Teil einer Erfahrungsgemeinschaft zu begreifen; sein >Ich< mit einem >Wir< zu verbinden; mit der eigenen Würde die eigene Handlungsfähigkeit wiederzufinden." (Rosanvallon, 31)

III. Foucault, Bourdieu und Rosanvallon …


Pierre Rosanvallon (auf Wikipedia)

Pierre Rosanvallon, der 1948 in Blois geboren wurde, ist ein Wissenschaftler, der in gesellschaftliche Prozesse eingreift. Er setzt Interventionen; so hat er sich in der französischen Gewerkschaftsbewegung engagiert und verschiedene Veränderungsvorschläge mit der Gewerkschaft erarbeitet. Der Historiker und Soziologe ist Professor für neuere und neueste politische Geschichte am "Collège de France" und Studiendirektor an der "École des hautes études en sciences sociales". 2001 rief er den internationalen intellektuellen Workshop "La République des Idées" ins Leben, deren Vorsitzender er ist. Die Gruppe gibt eine Online-Zeitschrift und Bücher heraus, die sich unter http://www.repid.com/ findet (letzter Zugriff: 11.06.2017). Pierre Rosanvallon hat zahlreiche Schriften publiziert, die in 22 Sprachen übersetzt und in 26 Ländern herausgegeben wurden. 2016 wurde ihm der Bielefelder Wissenschaftspreis im Gedenken an Niklas Luhmann verliehen. Politisch fühlt sich Rosanvallon aber der (frühen) Arbeiterbewegung, Michel Foucault und Pierre Bourdieu (2009) verbunden. Seine Themen sind die Geschichte und Theorie der Demokratie und der Regierungsweisen, Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Solidarität und der Freiheit.

IV. Ein konkretes Beispiel

"Metallisch scheppernd kommt der weiß-grüne Zug aus dem Tunnel wie ein ausgehungertes Tier. Auf dem Bahnsteig drängt sich eine gefügige und kompakte Menschenmenge. Vor dem Volltanken wirft der Zug den Überschuss an Reisenden ab wie Exkremente. In der Fahrerkabine fixiere ich den Zeiger des Manometers auf dem Armaturenbrett, um für ein paar Sekunden die permanente Aufmerksamkeit auf Leute, Signale und den Bahnsteig zu unterbrechen und das Schwindelgefühl zu vertreiben, das die ständig sich bewegende Welt um mich herum auslöst. Die Türen schlagen zu wie scharfe Zähne einer Falle, die zuschnappt."


Christophe Petot auf der HP von raconter la vie

Autor: Christophe Petot ist 52, Metrofahrer in Paris und Autor von "Ligne 11" (vgl. http://raconterlavie.fr/recits/ligne-11/#.WT1jqcakLmg) … "Linie 11", wie die Metrolinie, die von der Station "Châtelet" im Pariser Zentrum bis in den Vorort "Les Lilas" im Osten der Stadt führt. Christophe Petots Metro-Novelle ist eine von vielen Geschichten mit denen die poetische Qualität des politisch nicht (mehr) repräsentierten Pariser Alltags deutlich wird.

Christophe Petot über das Projekt: "Ich bin zufällig auf die Website gestoßen. Ich hörte davon im Radio und war sofort begeistert: Ein Internetportal für Leute, die sich schlecht oder gar nicht repräsentiert fühlen, oder die nicht gehört werden. Besonders gefällt mir, dass das nicht einfach irgendein Blog oder Netzforum ist, sondern dass es sich an Leute richtet, die Lust haben über ihr Leben zu schreiben."

Rosanvallon bietet uns im "Parlament der Unsichtbaren" darüber hinaus allerdings auch eine umfangreiche Krisendiagnose, die in der deutschen Übersetzung als "Die gute Regierung" publiziert wurde.

"Die gute Regierung" von Pierre Rosanvallon

Verlag: Hamburger Edition
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsjahr: 2015 (franz. 2016)
ISBN: 978-3868543018


Cover: Die gute Regierung
von Pierre Rosanvallon
Quelle: Amazon

In diesem Buch schließt Rosanvallon an die Studien an, die Foucault zur Regierungs/Vernunft bzw. Regierungsmentalität durchgeführt hat (Foucault 2006a, 2006b), indem er die Frage der Transformation politischer Macht als Frage nach einer demokratischen Regierung stellt und zeigt, wie sich die politische Macht auf die Exekutive verlagert hat und eine verschobene Machtkonzentration die Funktionsweise und Gestalt demokratischer Prozesse grundlegend verändert hat. Die Macht findet sich "präsidialisiert", die Exekutive dominiert und regiert die Legislative. Das Parlament spielt dabei eine untergeordnete Rolle. In diesem Sinne formuliert Rosanvallon sein Forschungsprogramm im Rekurs auf Foucault mit folgenden Worten:

"Demokratie wurde stets als System verstanden, kaum jemals als spezifische Regierungsweise. Das äußert sich übrigens auch in der Tatsache, dass die Worte 'System' und 'Regierung' historisch gleichbedeutend waren. Die Frage konnte in der Tat zweitrangig erscheinen in der ersten historischen Form des demokratischen Systems, dem parlamentarisch-repräsentativen Modell, in dem die gesetzgebende Gewalt alle anderen überwog. Doch inzwischen ist die vollziehende Gewalt zum Dreh- und Angelpunkt geworden und hat den Umschlag in ein präsidiales Regierungsmodell der Demokratien nach sich gezogen. War es in der Vergangenheit das Gefühl des Schlechtrepräsentiertwerdens (mal-représentation), das alle Kriterien bündelte, so ist mittlerweile auch das Gefühl des Schlechterregiertwerdens in Betracht zu ziehen. Das vorliegende Buch präsentiert eine Geschichte dieses Umschlags und der vorherigen Tendenz zur Ausblendung der vollziehenden Gewalt." (Rosanvallon, 10)

Rosanvollon führt uns dabei mit ungeheurem Detailreichtum vor wie sich die Morphologie der Demokratie von der französischen Revolution, die die Legislative als das 
Gra­vi­ta­ti­ons­zen­t­rum der Demokratie konstituierte, hin zu einer "Genehmigungsdemokratie" entwickelt, in der Entscheidungen nur mehr abgesegnet werden. Erst im 20. Jahrhundert erlangt allerdings die Exekutive das endgültige Machtprimat, welches danach beständig ausgebaut wurde. Als Gründe dafür führt Rosanvallon vor allem drei Ursachen an: den Ersten Weltkrieg, die Entwicklung von Instrumenten zur staatlichen Wirtschaftssteuerung in den krisengeschüttelten Nachkriegsländern und schließlich das Aufkommen nationalistischer und populistischer Strömungen, denen der Pluralismus und der lähmende Parteienzwist im Parlament ein Dorn im Auge waren.

V. Conclusio

Insgesamt entsteht so mit den jüngsten Publikationen Rosanvallons ein eindrückliches Bild der prekären sozialen und politischen Lage im derzeitigen Frankreich, das durch den Rückbau demokratischer Standards mehr und mehr Menschen in die soziale und mentale Peripherie drängt, in der sie oft vergeblich um die Repräsentation ihrer Lebenswelten kämpfen. Das Projekt "raconter la vie" zeigt eine Möglichkeit auf, an der mangelnden Partizipation der Ausgeschlossenen am gesellschaftlichen Leben zumindest irgendetwas zu ändern. Und Rosanvallon liefert den theoretischen Background dazu …


Weitere Literatur

Bourdieu, Pierre, (2009): Das Elend der Welt, Stuttgart: UTB

Foucault, Michel (2006a): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I (Vorlesung am Collège de France 1977–1978), Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2006b): Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II (Vorlesung am Collège de France 1978–1979), Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2001): Das Leben der infamen Menschen, Berlin: Merve.

Rancière, Jacques (2002): Das Unvernehmen: Politik und Philosophie, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Tags

alltagserzählungen, frankreich, soziale ungleichheit, partizipation, repräsentation