Kultur - Kunst

2/2017 - Digitale Grundbildung

Versuch über Literatur und Gastfreundschaft

AutorIn: Thomas Ballhausen

Thomas Ballhausen macht sich – u. a. im Rekurs auf Jacques Derrida, Samuel Beckett und Christoph Ransmayr – angesichts der Gastfreundschaft auf die Suche nach der Sprache und der Rolle des Gastes im Sinne einer Politik der Freundschaft ...

"Arbeitet es, das Bezügliche, aus mir, damit ich es schreiben kann?
Wie ist es, als Abstraktum, das der Vorstellung dient, daß da was ist,
was das Schreiben lenkt oder ihm einen Rahmen gibt – schreibbar?
Wie ist es umsetzbar? Das ist es nämlich:
die Umsetzung des Bezüglichen
als Arbeiten am vorliegenden Geschriebenen."

Ferdinand Schmatz

I. Schwellen

In den vorliegenden Ausführungen, die nur ein Versuch, ein erster Ansatz sein wollen und können, möchte ich das Verhältnis von Literatur und Gastfreundschaft anhand konkreter Textbeispiele adressieren. Basierend auf einer Reflexion über die philosophische Terminologie, die ein Sprechen über Gastfreundschaft geprägt hat und auch weiterhin mitbestimmen wird, möchte ich in diesen vorsätzlich persönlich gehaltenen Ausführungen Samuel Becketts "neither" (1976/1979) verwenden, um den Roman "Die letzte Welt" (1988) von Christoph Ransmayr für die vorliegende Unternehmung nutzbar zu machen und aufzuschlüsseln. Diese Auswahl ist durch mehrere Faktoren mitbestimmt: Der in seiner Form lyrisch anmutende Text Becketts ist, wie es der Form des Gedichts üblich ist, in das von Jonathan Culler benannte Spannungsverhältnis aus intensivem verdichtetem Ausdruck subjektiven Erfahrens und dem fiktiven Sprechen einer spezifischen persona eingebettet; Ransmayrs Prosawerk, ein vielbeforschtes, international rezipiertes Werk der österreichischen Gegenwartsliteratur – hier sei beispielsweise auf die Übersetzungen ins Englische, Französische und Italienische hingewiesen – ist wiederum eine von literaturgeschichtlichen Referenzen durchzogene Annäherung an die Möglichkeiten des Erzählens, das Dauern der Erinnerung, die Notwendigkeit einer ungezähmten Kritik und die existenzielle Erfahrung mit der Fremde.


Cover: Die letzte Welt
von Christoph Ransmayr
Quelle: Amazon

Auf dieser Grundlage formuliere ich einige Überlegungen, die die mannigfaltigen Möglichkeiten der Literatur in Hinblick auf die Gastfreundschaft umreißen – insbesondere in Zeiten wie den unseren. Dabei möchte ich betonend vorausschicken, dass es mir hier nicht um eine Indienstnahme der Literatur im Sinne parteipolitischer Instrumentalisierung geht, wohl aber um das Beziehen von Positionen, seien sie auch parteiisch und um die Notwendigkeit klarer politischer Haltungen. Innerliterarische Kontexte wollen im Rahmen dieses Versuchs ebenso angesprochen sein wie externe gesamtgesellschaftliche Umstände. Mit einem möglichst breit angesetzten Begriff von Literatur wird im Sinne dieser formulierten Denkbewegung, die den Bewegungen der verhandelten Texte ahmend nachspürt, auch einem möglichen, potenziellen Zusammendenken begriffsgeschichtlicher und diskursanalytischer Ansätze zugearbeitet. Abgeglichen mit Belegen der Ransmayr-Rezeption, also einer nicht minder vielschichtigen Art der Auf- und Annahme, kann und soll nach den Qualitäten von Literatur gefragt werden, die sich nicht unbedingt im textlinguistisch gerahmten Modell von Textualität greifen und eingrenzen lassen. Literarische Texte gehen über diese definierten Vorgaben und Komponenten hinaus, sie stellen vielmehr ebendiese Rahmungen auf die Probe, als dass sie durch sie gezähmt werden könnten.

II. Verwurzelungen

Im versuchsweisen Sprechen über das Verhältnis von Literatur und Gastfreundschaft erweist es sich (zumindest für mich) als unvermeidlich, die Begriffe von Text und Raum stark zu machen. Auch die Vielzahl der Belege und Quellen, die im Sinne eines breit angesetzten Literaturverständnisses interpretiert werden müssen, stützen diese Vorgehensweise. Es gibt eine lange literaturgeschichtliche Tradition der Verhandlung von Situationen der Gastfreundschaft, die über Kulturräume, ikonografische Systeme und Textsorten hinweg sowohl konkret als auch vielgestaltig nachweisbar ist. Wesentlich erscheint mir, dass die Literatur einerseits als zentraler Ort der Verhandlung von Gastfreundschaft angesetzt werden kann, dabei aber andererseits weit mehr als nur innerliterarische Aspekte thematisiert und verhandelt. Die literarischen Belege sensibilisieren, hier schließe ich an die von Friedrich und Parr zusammengetragenen Studien an, in ihrer Gesamtheit die sprachliche Gefasstheit, Kodifizierung und Rahmung von Gastfreundschaft. Die Etymologie der Gastfreundschaft, die auch die gemeinsame sprachliche Wurzel von Gastgeber und Gast nicht unterschlägt und sich im klingenden Namen der Xenia (eben als Gastfreundliche aber auch als Fremde lesbar) gebündelt sieht, führt in ihrer lebendigen Praxis, so Hans-Dieter Bahr, zum "Gebot allgemeiner Sittlichkeit, unter welchen selbst Feinde sich als Personen anerkennen und einander Gastrecht gewähren können".


Cover: Die Sprache des Gastes,
von Hans-Dieter Bahr
Quelle: Amazon

Der sprachgeschichtlich also durchaus widersprüchliche Gast, der im ursprünglichen Bedeutungsumfang sowohl den friedlichen Fremden als auch den kriegerischen Eindringling meint, erfährt über die Jahrhunderte hinweg eine positive Semantisierung und Bedeutungsverengung. Die im 17. Jahrhundert weiter ausgeprägte Begrifflichkeit der Gastfreundschaft ist philosophisch nicht nur eine Pflicht gegen andere, sondern kantianisch gewendet, auch gegen sich selbst. Die Erlaubnis an den Gast, die Schwelle zum Eigenen zu übertreten, vermittelt sich in einer aufklärerischen Parallelbewegung vom vernünftigen Naturwesen zum mit innerer Freiheit ausgestatteten Menschen. Die Gastfreundschaft des Gastgebers wird hier als eine Erfahrung von Erhabenheit und moralischer Aufforderung beschreibbar und auch literarisch manifest. Das Fundament dafür ist die Haltung von Gastlichkeit, sie bildet, was sich auch in den einschlägigen literarischen bzw. literaturwissenschaftlichen Diskursen abbildet, die Voraussetzung von Gastfreundschaft. Wenn z.B. Bahr in einer Fortführung von Aristoteles auf diesen Aspekt hinweist, muss bedacht werden, dass der antike Philosoph in der Gastfreundschaft noch eine unvollkommene Form der Freundschaft sieht – sie sich aber zu dieser weiterentwickeln kann, eben wenn miteinander gelebt wird. Das Kriterium der Distanz, die wortwörtliche Nähe auch im Sinne des Wohnens, macht die Freunde. Bemerkenswert hierbei ist, dass die Attribute der Freundschaft, wie sie sich z. B. mit Vertrautheit, Verlässlichkeit oder Loyalität benennen lassen, dabei nicht die Voraussetzungen, sondern vielmehr die Folgen einer sich bewährenden, einzigartigen Freundschaft über die Dimensionen von Zeit und Raum hinweg sind.

Der dieser Entwicklung zugrundeliegende Austausch braucht und benötigt im Entfalten seines Raums den Text. Die von Bahr im weiteren apostrophierte "Freundschaft auf den ersten Blick", die sich nicht in der Gleichwertigkeit der damit verbundenen Aufwände – seien es nun tatsächliche, wie auch immer geartete Gaben oder das Gewähren von Schutz und Unterkunft – messen lässt, suspendiert die Vorstellung von Hierarchien, sie stärkt die prinzipielle Annahme der Gleichwertigkeit zwischen den Befreundeten. An diesem Punkt lässt sich produktiv eine Brücke zu den im besten Sinne radikalen Vorstellungen der Gastfreundschaft bei Jacques Derrida denken: In seinen Ausführungen lesen wir von einer dynamischen Hinwendung auf ein Konzept des Möglichen unter, um den referenzierten wie auch weitergedachten Kant zu paraphrasieren, Einrechnung der Abhängigkeit des Denkens bzw. des Gedachten von seinen Performanzstrategien und medialen Ausformungen. Dieses Zustreben auf das diskursive Vermögen subjektiver Äußerungen hat zwingenderweise auch Gültigkeit für das Feld der Literatur. In seiner kritischen Befragung der Gastfreundschaft stellt Derrida folgerichtig die Frage nach der Erbschaft einer solchen Gastfreundschaft, deren Akte eben auch poetisch, also textlich sein können.

Dem Gast, der sich mitunter wie ein Gespenst in Erinnerung ruft bzw. gerufen sieht, steht in dieser Konzeption ein besonderer Schutz zu, den er unabhängig von der Gewährleistung eines Namens oder eines feststellbaren Status genießen darf. Erneut gesellt sich der Raum zum Text – dem Gast soll ein definierter Ort geboten werden, eben ohne auf die Gegenseitigkeit der Freundschaft oder das Fragestellen des Gastgebers zu bestehen. Durchaus im Bewusstsein für die neuzeitliche Verschiebung von der Gastfreundschaft zum Fremdenrecht, auf die u.a. Bahr und Groebner hinweisen, ist in Derridas Konzeption willkommen auch wer nicht eingeladen, identifizierbar oder erwartet ist. Die von ihm umrissene "absolute Gastfreundschaft" verzichtet in ihrer Bedingungslosigkeit auf jede Art von Befragung oder Interrogation, sie ist in sozialer, gesellschaftshierarchischer, aber auch textlicher Hinsicht, eine Ausnahmesituation. Im Zusammenspiel aus der Bewirtung bzw. Unterhaltung des Gasts und der Befragung des Gasts im Rahmen der ihm zugestandenen Rechte (oder eben auch im bewussten Verzicht auf besagte Fragen) wird eine Begegnung denkbar, die nicht sofort Formen von Feindlichkeit und Alarmierung aufruft, sondern im Stiften von Gastlichkeit das Erzählen über das Eigene als auch über das Fremde bzw. Alterität befördert. Dass wir angesichts von Derridas Forderungen mit einer Aporie konfrontiert sind, einer Weglosigkeit im Lösen philosophischer Fragen, verweist für mich auf die unausgesetzte Aktualität der Gastfreundschaft. Die zu gebenden Antworten sind von Widersprüchen, von entgegengesetzten Ergebnissen durchzogen, der Begriff der Gastfreundschaft lässt das Narbengewebe des Diskurses spüren – es bezeichnet eine Stelle, die, im Sinne von Adornos Vorlesungen zur "Philosophischen Terminologie", von seiner Gegenwärtigkeit zeugt.

III. Nachschrift

Gastlichkeit und Gastfreundschaft haben als Schwellensituationen immer auch etwas mit Erzählen und Text zu tun, werden in der mitunter prekären Begegnung doch immer auch zentrale Dichotomien wie Innen-Außen, Eigenes-Fremdes usw. (mit)verhandelt. Die Literatur ist demnach ein Vektor, der bei der Betrachtung und Behandlung von Gastfreundschaft eine zentrale Rolle spielen kann, werden die zuvor skizzierten Begriffe doch einmal mehr zum Einsatz gebracht. Die Literatur setzt sich dabei, ganz der aristotelischen Forderung des Zusammenlebens als Grundlage der Freundschaft folgend, in ein Naheverhältnis zur Philosophie und zur Begriffsgeschichte; sie steht in einer vielschichtigen Wechselbeziehung, die sich bei Heidegger treffend als "Nachbarschaft" beschrieben sieht: "Wir verlangen allerdings sogleich eine Erklärung darüber, was hier Nachbarschaft heißen soll, mit welchem Recht von dergleichen die Rede ist und sein kann. Nachbar ist, was das Wort selber uns sagt, wer in der Nähe wohnt zu einem und mit einem anderen. Dieser andere wird dadurch selbst zum Nachbarn des einen. Die Nachbarschaft ist somit eine Beziehung, die sich daraus ergibt, daß einer in die Nähe des anderen zieht. Die Nachbarschaft ist das Ergebnis, d.h. die Folge und Wirkung dessen, daß einer gegenüber dem anderen sich ansiedelt. Die Rede von der Nachbarschaft des Dichtens und Denkens meint demnach, daß beide einander gegenüber wohnen, eines gegenüber dem anderen sich angesiedelt hat, eines in die Nähe des anderen gezogen ist. Dieser Hinweis auf das Kennzeichnende der Nachbarschaft bewegt sich in einer bildlichen Redeweise." Einmal mehr sehen wir Text und Raum aufgerufen. Die literarischen Beispiele für die vorliegenden Ausführungen sollen den zuvor gemachten Beobachtungen und zitierten Einschätzungen entsprechen. Eben um das Verhältnis von Literatur und Gastfreundschaft zu veranschaulichen, möchte ich Samuel Becketts "neither" in die Nachbarschaft von Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt" ziehen, den präzisen Kurztext als eine Form von Lesehilfe und Taktgeber zur Aufschlüsselung des Romans verwenden.


Samuel Beckett (von Reginald Gray)
Quelle: Wikimedia Commons

Samuel Becketts "neither" entstand 1976 nach einem Treffen mit dem Komponisten Morton Feldman im September des gleichen Jahres. Auf einer Postkarte übermittelte Beckett seinen Text über Vergeblichkeit, der im Original und mit den Zeilenumbrüchen des Erstdrucks 1979 folgendermaßen lautet: "to and fro in shadow from inner to outer shadow / from impenetrable self to impenetrable unself / by the way of neither / as between two lit refuges whose doors once / nearly gently closes, once away turned from / gently part again / beckoned back and forth and turned away / heedless of the way, intent on the one gleam / or the other / unheard footfalls only sound / till last halt for good, absent for good / from self and other / then no sound / then gently light unfading on the unheeded / neither / unspeakable home". Beckett, der diesen Text nie als dramatischen Text oder lyrisches Stück eingeschätzt hatte, setzte sich für die Aufnahme von "neither" in die Sammlung seiner Kurzprosa ein. Die deutsche Übersetzung "weder noch", die dieser Vorgabe zur Integration innerhalb des Werks folgt, berücksichtigt weiterhin die Zeilensprünge: "Hin und her im Schatten vom inneren zum äußeren Schatten / vom undurchdringlichen Selbst zum undurchdringlichen Nicht-Selbst / durch weder noch / wie zwischen zwei erleuchteten Herbergen, deren Türen beim Näherkommen / sich sachte schließen, beim Abwenden / sachte wieder aufgehn / von hier von dort herbeigewunken und abgewiesen / ohne Acht auf den Weg, allein auf den einen Schein / oder den anderen / ungehörte Tritte einziger Laut / bis schließlich für immer Halt, für immer fern / vom Selbst und dem anderen / dann kein Laut / dann sachte Licht / unvermindert auf dem unbeachteten weder noch / unaussprechliche Heimstatt".

Christoph Ransmayrs Erfolgsroman "Die letzte Welt", der die historisch verbürgte Geschichte um die Verbannung des Dichters Publius Ovidius Naso in eine Zeitebenen verbindende Reflexion über Erzählen und Erinnern umschreibt, endet in seiner literarischen Verhandlung der Fremde auf eben diesem "unspeakable home". Ransmayrs Protagonist, der Römer Cotta folgt dem angeblich im Exil verstorbenen Naso ans Ende der Welt, die Stadt Tomi: "Tomi, das Kaff. Tomi, das Irgendwo. Tomi, die eiserne Stadt." Seekrank stolpert Cotta an Land, er ist ein Fremder aus dem fernen Rom, der, so der Eindruck der Einwohner, ein zutiefst eigenwilliges Verhalten an den Tag legt: "Erst allmählich und ohne die üblichen Ausschmückungen begann dem Fremden ein Gerede zu folgen, das zu anderen Zeiten vielleicht Anlaß zu feindseligen Gesten gegeben hätte: Der Fremde, der dort unter den Arkaden stand und fror; der Fremde, der an der rostzerfressenen Bushaltestelle den Fahrplan abschrieb und auf kläffende Hunde mit einer unverständlichen Geduld einsprach, – dieser Fremde kam aus Rom. Aber Rom war in diesen Tagen ferner als sonst." Man bleibt ihm, diesem neuen Gast bzw. Nachbarn im Sinne Heideggers, der nach Naso, aber eben auch nach dessen verschollenem Meisterwerk sucht, Antworten zumeist schuldig: "Ach, gab es denn nun auch ein Gesetz, das einen zwang, sich um einen Römer zu kümmern, der in Trachila verkam? Ein Gesetz, nach dem man Rede und Antwort stehen mußte, wenn ein Fremder nach dem Verbleib eines anderen fragte? Wer an dieser Küste lebte, der lebte und starb im Verborgenen unter Steinen wie eine Assel. Was Cotta schließlich erfuhr, war nicht viel mehr, als daß man am Ende der Welt nicht gerne mit einem sprach, der aus Rom kam. [...] In einem Brief, der die Via Anastasio Monate später erreichte, stand: Man mißtraut mir."

Cotta ist, ganz dem Beckett-Text gemäß, in eine Bewegung eingebunden. Zwischen den Polen "Keinem bleibt seine Gestalt." und "Jeder Ort hat sein Schicksal.", zwischen Form und Inhalt entspinnt sich seine vergebliche Suche: Es bleiben nur die Spuren und Andeutungen, die sich öffnenden und schließenden Türen, es bleibt die Ruine von Nasos Haus. Cottas Fragen und Rufe verklingen erfolglos. Obwohl er sich als "höflicher Gast" erweist, bleibt er zumeist der "Fremde", dem nur in wenigen Ausnahmen Gastfreundschaft gewährt wird, über den spekuliert wird: "War dieser Römer denn nun ein Verwandter, ein Freund des Verbannten oder nur der Beauftragte irgendeiner fernen Behörde [...] ?" Die Ausweglosigkeit der Verbannung erstreckt sich zuletzt auch auf Cotta und die Stadt Tomi. Verwandlung und Verschwinden markieren den Eintritt in das verschollene Werk, das die Wirklichkeit fortschreitend durchdringt. Cotta tritt, vermittelt durch Ransmayr, in die gesuchten "Metamorphosen" ein, die sich einer klaren Zuschreibung entziehen. Ransmayrs und Nasos Bücher, also der Roman und die darin verhandelte Naturkunde der Mythen, sind in ihrer poetologischen Bestimmung seine "unaussprechliche Heimstatt".  Es erscheint mir nur konsequent, dass mit dem "unspeakable home" textlich ein Ort angedeutet ist, der sich der Sprache entzieht, der nicht vollständig ausformuliert werden kann.

IV. Sagbarkeit

Die Literatur ist, auch in Bezug auf Gastfreundschaft, prinzipiell in der Lage zu formulieren, was anderen Disziplinen zumeist verwehrt bleibt. Im Zusammendenken von Literatur und Gastfreundschaft möchte ich als eine Form von Zwischenergebnis abschließend auf interne und externe Aspekte zu sprechen kommen, die sich aus dieser produktiven Wechselbeziehung ableiten lassen. Denken wir von der Gastfreundschaft auf die Literatur hin, lassen sich u. a. folgende interne Faktoren benennen: Ausgehend vom bündelnden Begriff der literarischen Rezeption, der auch im Sinne von Relation mitgelesen sein will, soll ausgehend von den gewählten Beispielen insbesondere auf das Thema der  Übersetzung hingewiesen werden. Übersetzung als Verhandlung zwischen den Texten ist eine Option der Aneignung und des aufrichtigen Verstehen-Wollens, vielleicht auch des Verstehens. Intertextualität, als Ausformung produktiver Rezeption, ist ebenfalls mittels Gastfreundschaft denkbar und vermittelbar. Die von Krüger-Fürhoff entwickelte Transplantationspoetik liefert auf dieser spezifischen Ebene bereits erste Ansätze für eine gelungene Gastfreundschaft zwischen den Texten. Allgemein für die Literatur muss als interner Faktor auf die Qualität sprachlicher Iterabilität, wie sie von Derrida in seinem Text "Signatur Ereignis Zeichen" beschrieben wird, hingewiesen werden – also auf die ganz grundsätzliche Wiederholbarkeit sprachlicher Zeichen im Sinne einer Möglichkeit, in die jeweilige Wiederholung einen Diskurs der Alterität einzuarbeiten oder den Kontext generell zu wechseln. Ransmayrs Roman demonstriert diese spezifische Eigenschaft, die sich unabhängig von ihren medialen Ausprägungen des zu wiederholenden sprachlichen Zeichens einlöst, in seiner Bezugnahme auf Ovid gleichermaßen anschaulich und gelungen für die Literatur.

Denken wir von der Literatur auf die Gastfreundschaft hin, lassen sich u .a. folgende externen, über die Literatur hinausgehenden Faktoren beschreiben: An erste Stelle möchte ich hier die Reklamation von Sprachregistern und Vokabularien stellen, die verstärkt in andere Diskurse überführt, ja für diese gekapert worden sind. Begriffe wie Sicherheit, Werte, Meinungsfreiheit, Mythos, Grenze oder auch Linie, die sich rund um das Verhältnis von Literatur und Gastfreundschaft gruppieren lassen, können und dürfen nicht verloren gegeben werden. Das Denken von Sprache und deren Gebrauch ist in Anschluss an Fynsk, politisch und auch ethisch zu reflektieren und zu verstehen. Der zweite wesentliche Aspekt soll hier mit einer als zweiwertig anzusetzenden Sagbarkeit umrissen werden. Literatur ist ein probates Mittel und Medium künstlerischer Forschung und gesamtgesellschaftlich wirksamer Kritik. Literatur entfaltet eine spezifische Qualität transgressiven Potenzials, da sie vorsätzlich Momente (z. B. Verwerfungen, Traumata, Zäsuren) von Geschichte, Historiographie und Historizität neu bzw. erstmalig verhandelt, die in der sogenannten offiziellen Geschichtsschreibung wenig oder auch keine Berücksichtigung finden. Darüber hinaus sind die genannten Positionen auch durch ein Moment produktiven Verfehlens gekennzeichnet: Im Übernehmen erzählerischer wie auch nichtfiktionaler Formalprinzipien werden im Verhandeln von Geschichte bzw. der historiografischen Sinnstiftungsprozesse die Wege des Erzählens und des (im aristotelischen Sinne) Mythos beschritten. Abseits des simpel Dokumentarischen operierend, wird durch die Differenz zum Verhandelten die Auseinandersetzung darüber gestiftet und ermöglicht. Im Rahmen der beschriebenen Verbindungen wird der Mythos notwendigerweise als eigenständiger Diskurs endlich neu gefasst, der zum Logos nicht als komplementär verlaufend verstanden werden darf, sondern in transversaler Eigenständigkeit und -gesetzlichkeit zu ihm steht. In der zwangsweisen Auseinandersetzung mit dem Logos und seinen Sinnstiftungsangeboten wird der Mythos zur Option konstruktiver, notwendiger Kritik feststehender Ausdifferenzierungen der Moderne und der damit einhergehenden verordneten Befriedung im Sinne von zähmender Kategorisierungen oder repressiver Toleranzhaltung durch moderne Ordnungsnormen.


Cover: Politik der Freundschaft
von Jacques Derrida
Quelle: Amazon

Die zweite Ebene der Sagbarkeit ist notwendigerweise das direkte Ansprechen mit den Mitteln der Literatur. Wir müssen uns dahingehend eine zentrale Frage stellen: Diskutieren wir bereits, was die Künste leisten können – oder reden wir immer noch darüber, was sie, im Sinne einer zähmenden Indienstnahme, zu leisten haben? Wir verharren bei der Option des (Wahr-)Sprechens der Künste, insbesondere der Literatur, zumeist im Bezirk des Wirklichen. Was aber ist mit dem Möglichen, mit dem (vermeintlich) Unmöglichen? Die aktuellen Verhandlungsstrategien der veränderten gesamtgesellschaftlichen Bedingungen in den Kunstwerken und den sie begleitenden kritischen Paralleldiskursen ist wohlbelegt; es gibt einen relevanten, über das Kunstfeld hinaus wirksamen, freimütigen "artistic response" (Foster) in Bezug auf unsere Wirklichkeit. Die Gastfreundschaft steht, künstlerisch wie auch philosophisch, in ihren Rahmungen umfassend zur Diskussion. Mit der von Foucault und auch von Derrida wieder stark gemachten Figur der parrhesia wird die Form ungeschützter, riskanter Sprache der Offenheit an ein Subjekt gekoppelt, das diesen Weg einschlagen kann (oder eben auch nicht). Derrida hierzu: "'Was ist Literatur?' Literatur als historische Institution mit ihren Konventionen, Regeln, etc., aber auch als Institution der Fiktion, die im Prinzip die Macht verleiht, alles zu sagen, alle Regeln zu brechen, sie zu verschieben und so zu instituieren, sie zu erfinden und sogar die traditionelle Differenz zwischen Natur und Institution, zwischen Natur und dem konventionellen Recht, zwischen Natur und Geschichte anzuzweifeln. Hier müssen juridische und politische Fragen gestellt werden. Die Institution der Literatur im Okzident ist, in ihrer relativ modernen Form, verbunden mit der Autorisierung, alles zu sagen, und zweifellos auch mit der Herkunft der modernen Idee der Demokratie."

Zwischen Erzählimperativ und Fiktionsbedürfnis siedelt die Sagbarkeit. Meine einzugestehende aristotelische Schlagseite einrechnend, ist es mir eine unbedingte Notwendigkeit, die Kategorie der Imagination wieder verstärkt in den gesamtgesellschaftlichen Kreislauf hinzutreten zu lassen: Beispielsweise in der von Castoriadis beschriebenen wechselseitigen Formung von Individuum und Gemeinschaft bzw. Gesellschaft wird ein Imaginäres angesetzt, das Voraussetzung und Mitbedingung für das Entstehen bzw. den Bestand ebendieser Gesellschaft darstellt. Für die Literatur und die Gastfreundschaft führt diese wechselseitige Formung zu einem Sagen-lassen oder Sprechen-machen, in dem nicht einfach befragt oder vermeintlich an Stelle eines Dritten gesprochen wird – hier steht die Ermöglichung des Sprechens dieses Dritten, dieses Gastes mit den Mitteln der Literatur im Vordergrund. Die von der Literatur geförderte Differenzierung und Urteilskraft müssen nicht zwangsweise zu unmittelbaren Handlungen führen, können aber auf eine "Kritik der Kritik" (Butler) abzielen: Damit ist weit mehr als schlichte Verweigerung und nichts weniger als die Anfechtung verordneter Rationalität und, als Fortführung ihrer selbst gedacht, die Reflexion der gesellschaftlichen Bedingungen unter denen Kritik entsteht gemeint – eben ohne sofort vereinnahmt, antizipiert oder gezähmt zu werden. Die Literatur erlaubt – und hier binde ich die Gedanken nochmals auf Beckett und Ransmayr zurück – eine Verdeutlichung, die uns verstehen lässt, warum die Wirklichkeit ihren schlechten Ruf nicht ganz unberechtigt hat. Im Sinne einer zu reflektierenden Verantwortung müssen wir uns klar machen, dass wir nur diese eine, letzte Welt haben.


Literatur

Adorno, Theodor W. (2016): Philosophie Terminologie. I und II, herausgegeben von Henri Lonitz, Berlin: Suhrkamp.

Bahr, Hans-Dieter (1994): Die Sprache des Gastes. Eine Metaethik, Leipzig: Reclam.

Ballhausen, Thomas (2016): "und nicht war ruhe der feldschlacht". Aus den aktuellen Notizen, in: alternativlos: flüchtling. Herausgegeben von Peter Clar, Matthias Schmidt, Eva Schörkhuber und Daniel Terkl. (=Triëdere – Zeitschrift für Kunst, Literatur und Theorie/Sonderausgabe 2016) 135–139.

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Beckett, Samuel (1995): Collected Short Prose. 1929–1989. Edited and with an Introduction and Notes by S. E. Gontarski, New York: Grove Press.

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Culler, Jonathan (2015): Theory of the Lyric, Cambridge, MA: Harvard University Press.

Derrida, Jacques (2001): Limited Inc. Herausgegeben von Peter Engelmann, Wien: Passagen.

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Foster, Hal (2015): Bad New Days. Art, Criticism, Emergency. London: Verso Books.

Foucault, Michel (2012): Die Regierung des Selbst und der anderen. Vorlesungen am Collège de France 1982/83. Berlin: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2012): Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen II. Vorlesungen am Collège de France 1983/84, Berlin: Suhrkamp.

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Ransmayr, Christoph (1988): Die letzte Welt, Nördlingen: Franz Greno.

Ransmayr, Christoph (1989): Il mundo estremo, Milano: Leonardo.

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Vetter, Helmuth (2014): Grundriss Heidegger. Ein Handbuch zu Leben und Werk, Hamburg: Felix Meiner.


Editorische Notiz: Der vorliegende Text ist die deutschsprachige Variante meines englischsprachigen Beitrags "Hospitality and Literature" zur Advanced Studies Conference "Hospitality and Mental Health" (19.–20. Mai 2017), organisiert vom Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit/Sigmund Freud Universität und dem St. Catherine’s College/University of Oxford. Für die Erarbeitung des Vortrags bzw. der vorliegenden Ausführungen wurden die Bestände des Literaturhauses Wien/Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, und hier insbesondere der Pressedokumentation, herangezogen.

Tags

poesie, literatur, poetologie, gastfreundschaft