Editorial

1/2017 - Tätigkeitsfelder schulischer MedienpädagogInnen

Editorial 1/2017: Tätigkeitsfelder schulischer Medienpädagog*innen

AutorInnen: Alessandro Barberi / Theo Hug / Petra Missomelius

Editorial 1/2017

Obschon den Medienpädagog*innen von vielen Seiten eine Schlüsselrolle für die Schule im 21. Jahrhundert zugesprochen wird, wurden mit Blick auf die Situation an den Schulen Österreichs (und Deutschlands) bislang kein klares Berufsbild und entsprechend verbindliche Qualitätsstandards entwickelt. Daher gilt es derzeit, künftige Tätigkeitsfelder derjenigen Absolvent*innen zu umreißen, die sich in ihrer Ausbildung auf die Vermittlung von Medienbildung und Medienkompetenz im Bildungssystem spezialisiert haben. Diese Schwerpunktausgabe will eine aktuelle Beschreibung der Arbeitsgebiete, Aufgabenbereiche, Tätigkeitsfelder, Einsatzszenarien und Zuständigkeiten leisten …

Medienpädagogische Expertise betrifft in vielen Hinsichten Querschnittsmaterien, wodurch sich Aufgabenbereiche nicht auf etablierte schulische Tätigkeiten des Unterrichtens, der Verwaltung zum Beispiel von Lehrmittelsammlungen (Kustodiate) oder auf Nebenleistungen etwa hinsichtlich der Betreuung einer Schulbibliothek oder der Schüler*innenberatung reduzieren lassen. Die Aufgaben können beispielsweise ebenfalls Elternarbeit sowie Mitgestaltung der schulischen Lehr-/Lernkultur beinhalten. Ein wichtiger Punkt ist ebenso, dass die komplexen Anforderungen, die mit den vielgestaltigen Mediendynamiken auch in schulischen Kontexten verbunden sind, kontinuierliche Auseinandersetzung und nachhaltige Entwicklungsarbeit verlangen.

Zudem stellen sich Fragen nach Kooperationsvereinbarungen, (dienst-)rechtlicher sowie institutioneller Verankerung von Zuständigkeiten, der Akkordierung und Konkretisierung von Handlungsspielräumen und Rahmenbedingungen dieser Arbeitsbereiche mit regionalen und überregionalen Entscheidungsträger*innen und Schulbehörden.

Den beruflichen Tätigkeitsfeldern schulischer Medienpädagog*innen wird daher eine eigene Schwerpunktausgabe der MEDIENIMPULSE gewidmet, um potenzielle Verantwortlichkeiten, Expertisen und Szenarien (be-)greifbar zu machen und als Grundlage für weitere Diskurse zur Verankerung medienpädagogischer Arbeit an der Schule zu dienen.

Angesichts des Schwerpunktthemas möchten wir insbesondere folgende Fragen diskutieren:

  • Welche Ziele verfolgen schulische Medienpädagog*innen?
  • Welche Rolle spielen sie im Rahmen der Bandbreite der Fächer?
  • Welche Rolle spielen Medienpädagog*innen in der Schulentwicklung und Schulorganisation?
  • Welche schulischen Projektarbeiten und außerschulischen Kooperationen von Medienpädagog*innen sind denkbar und wünschenswert?
  • Welche Rolle spielen sie hinsichtlich der Lehr-/Lernkultur einer Schule?
  • Welche Modelle und Szenarien gibt es bereits?

Ganz in diesem Sinne eröffnet Jürgen Drewes den medienpädagogischen Reigen um die Tätigkeitsfelder schulischer Medienpädagog*innen, wenn er ganz nah an der Unterrichtspraxis der Frage nachgeht, was konkret die "digitale Schule" ausmacht und mit welchen Orientierungs- und Zielvorstellungen Medienpädagog*innen digitale Medien in der Schulklasse einsetzen sollten. Auf seinen didaktischen Erfahrungen seit den 1990er Jahren aufbauend erläutert er die Herausforderungen der interaktiven Arbeit zwischen Lernenden und Lehrenden anhand (s)eines Schulwikis mit dem er eine Tablet-Klasse seit geraumer Zeit unterrichtet. Dabei geht es dem Autor angesichts der Debatten um "Partizipation" auch um Fragen der "Öffentlichkeit" im digitalen Raum, da Kinder und Jugendliche aus medienpädagogischen Gründen über die Medienkritik darauf vorbereitet werden müssen, dass Teilhabe und demokratisches Engagement heutzutage nicht ohne Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gedacht werden können. So betont Drewes bemerkenswerter Weise, dass gerade der Einsatz eines interaktiven Wikis die Möglichkeit schafft, kooperatives Lernen und mithin gemeinsames Entwickeln von Medienkompetenz in der Gruppe zu realisieren, um so die Schulklasse vor einem marktorientierten "Einzelkämpfertum" zu bewahren. Dabei steht sowohl die Freiheit der Einzelnen in der Gruppe als auch die didaktische Notwendigkeit, präzise, eindeutig und konsequent zu arbeiten im Raum (der Schulklasse). Es spricht also nichts gegen die Verwendung "egalitärer" Medien im Unterricht, da sie dabei helfen können schwächere und stärkere Schüler*innen durch das medienpädagogische Arbeiten in der Gruppe "anzugleichen", um so auch im Sinne der Medienkritik die Eigenverantwortung aller Beteiligten zu befördern. Schulische Projektarbeit wird so im Sinne einer Kultur der Überarbeitung zu einem Instrument der Einübung demokratischer Strukturen, wenn Medienkompetenz im Sinne der Mediengestaltung und Mediennutzung (Prosumers) kritisch vermittelt wird.

Wenn Theo Hug, Johannes Maurek, Petra Missomelius und Thomas Schroffenegger dann die curriculare Spezialisierung der Medienpädagogik als ein neues Angebot für Lehramtsstudierende diskutieren, wird deutlich, warum nur eine spezifische Steigerung der Medienkompetenz von Lehrenden garantieren kann, dass die derzeit vieldiskutierte "Schule 4.0" didaktisch sauber zur Realität werden kann. Dabei sind sowohl in Österreich, der Schweiz und in Deutschland brisante Diskussionen zur "Digitalen Bildung" in Gang gesetzt worden. Die Autor*innen heben deshalb im Blick auf die Lehramtsstudien im Verbund Lehrer*innenbildung West hervor, dass vor allem sechs Aufgabenbereiche und Tätigkeitsfelder schulischer Medienpädagog*innen im Fokus unserer Aufmerksamkeit stehen sollten, wenn es um "Digitale Bildung" geht: Denn neben der Schulentwicklung und dem damit verbundenen Medienmanagement, der medienpädagogischen Beratung von Lehrer*innen und der Öffentlichkeitsarbeit (d. h. auch schulische Kommunikation) geht es für Medienpädagog*innen immer auch um spezifische Evaluierungen (etwa von OER-Angeboten oder LMS-Systemen), organisatorische Aufgabenbereiche und den Unterricht spezifisch medienpädagogischer Themen. So geht es etwa in der konkreten Unterrichtspraxis um das Erstellen von Printmedien und die Gestaltung in und mit visuellen Medien. Ganz im Sinne Dieter Baackes steht so die Entwicklung und Förderung der (Medien)Kompetenz zur innovativen und kreativen Mediengestaltung und interaktiven Mediennutzung im Zentrum des didaktischen Raums, wobei auch die reflexive Medienkritik und die breite Palette der Medienkunde niemals zu kurz kommen darf. Zusammenfassend hebt das Autor*innenkollektiv hervor, dass Bildung auch das Fundament für die Partizipation an der Zukunftsfähigkeit einer demokratischen Gesellschaft darstellt, weshalb die bildungstheoretische und medienethische Reflexion der Entwicklungsdynamiken des Bildungssystems genauso wenig unterschätzt werden sollte wie dessen qualitative und quantitative empirische Untersuchung.

Insofern liegt auch eine der jüngsten Stellungnahmen der ÖFEB – Sektion Medienpädagogik ganz im Rahmen unseres Schwerpunkthemas. Denn der Vorsitzende Christian Berger und sein Stellvertreter Thomas Strasser haben die äußerst komplexen Diskussionen zur Rolle der Medienkompetenz in der "Schule 4.0" in luzider Art und Weise heruntergebrochen und mit einfachen und klar verständlichen Worten zusammengefasst, was es bedeutet, wenn es jetzt digital wird. Mit "Schule 4.0 – jetzt wird’s digital" hat das Bundesministerium für Bildung (BMB) ein vier Säulen-Modell vorgestellt, dass bildungspolitisch für die Vermittlung von digitaler Medienbildung in der Schule nun ein Orientierungszeichen abgibt. Denn neben der materiell notwendigen Geräteausstattung geht es dabei um die Unterstützung von Lehrer*innen durch eine "Eduthek" und umfassende Aus- und Weiterbildungsangebote. Entscheidend für Medienpädagog*innen ist, dass nunmehr "Digitale Grundbildung" in den Lehrplänen ab der Volksschule verankert wird. Die Autoren der Stellungnahme halten deshalb im Namen der ÖFEB im Sinne einer grundlegenden Kritik an neoliberalen Marktorientierungen konzise fest, dass eine breite Medienbildung der österreichischen Schüler*innen durch die Vermittlung von Medienkompetenz in einem eigenen Unterrichtsfach nicht nur im Hinblick auf den Arbeitsmarkt relevant sein darf. Denn im Sinne einer Bildungspolitik als medienkritische Demokratiepolitik muss Medienbildung vor allem einen Beitrag zur Bildung des Menschen in einer modernen Wissens- und Informationsgesellschaft leisten und die Kritikfähigkeit junger Staatsbürger*innen bei der kritischen Nutzung von und der kreativen Gestaltung mit Medien nachdrücklich befördern. Nicht nur damit haben die Autoren in aller Kürze pointiert den Rahmen abgesteckt, in den sich die Tätigkeitsfelder schulischer Medienpädagog*innen in Zukunft einfügen werden. Aber lesen Sie selbst, es lohnt sich …

Auf die Frage, welche Rolle schulische Projektarbeit hinsichtlich der Lehr- und Lernkultur einer konkreten Schule im Sinne der Digitalen Bildung spielt und welche didaktischen Modelle und Szenarien mit welcher Software umgesetzt werden können, gibt Josef Buchner dann den Leser*innen der MEDIENIMPULSE eine mehr als nützliche Antwort, die auf seiner langjährigen Erfahrung als Geschichtsdidakt beruhen. Dabei ist sein Titel "Offener Geschichtsunterricht mit Augmented Reality" wahrhaftig paradigmatisch für den gesamten Beitrag. Denn Buchner ist es ebenfalls im Sinne der demokratischen Ausbildung von kritischen Staatsbürger*innen darum zu tun, in der Schulklasse mit der Verwendung digitaler Medien einen offenen didaktischen Raum der Teilhabe zu etablieren, in dem Lernende und Lehrende partizipativ, integrativ und interaktiv handeln können, um sich im Raum der AR gemeinsam Geschichte zu erarbeiten. Dies erläutert Buchner sowohl theoretisch als auch praktisch. Auf reflexivem Niveau erweitert er Dieter Baackes Kompetenztheorie um Heinz Mosers Kompetenztrias (Sach-, Methoden- und Sozialkompetenz) und legt sie in der Folge klug auf die Geschichtsdidaktik um, indem er historische (Methoden-, Sach-, Orientierungs- und Fragekompetenzen) und politische Kompetenzen (Methoden-, Sach-, Handlungs- und Urteilskompetenzen) unterscheidet und bestimmt. Die konkreten Handlungen im didaktischen Raum der Schulklasse unterstützt Bucher dann mit passender Software (z. B. Explain Everything oder Aurasma Studio) sowie Hardware (PC, Tablet, Smartphone), wodurch es zu einer praxeologisch abgesicherten Medienpädagogik der AR kommt, die als Querschnittsmaterie in alle anderen Fächer übertragen werden kann. Dabei liegt es Josef Buchner am Herzen, einen schülerorientierten Unterricht zu gestalten, der Selbstbestimmung, Kooperation und das Erleben von Kompetenzen ermöglicht. Schüler*innen sollten dadurch intrinsisch motiviert werden, also den Lernprozess aus echtem Interesse und Freude am Tun erleben.

Nina Grünberger kümmert sich dann in ihrem Beitrag ebenfalls um die verschiedenen Facetten schulischer Medienpädagogik, indem sie den Versuch unternimmt ein umfassendes Bild der Tätigkeitsfelder medienpädagogischer Arbeit im Schulkontext zu skizzieren. Ganz unabhängig davon ob es um den Ist-Stand, die Soll-Analyse oder die reine Möglichkeitsform geht. Dabei geht sie davon aus, dass die Pädagogische Hochschule Wien gemeinsam mit einigen Partner*innen im Herbst 2016 zur Partizipation an der Online- und Print-Publikation "Schule neu denken und medial gestalten" aufgerufen hat. In der Folge kam es zu 70 Einreichungen, die ihr als repräsentatives Themenspektrum dienen, um zu begreifen, was Schule aktuell "bewegt". Das vorliegende Textmaterial wurde von unterschiedlichen, im Entwicklungsprozess der schulischen Medienpädagogik beteiligten oder daran interessierten Personengruppen erstellt und von Grünberger eingehend analysiert. Dabei garantiert gerade die Heterogenität der partizipierenden Autor*innen und der thematisierten Institutionen und Nationen ein umfassendes Bild auf die gegenwärtigen Tätigkeitsfelder schulischer Medienpädagog*innen. So diskutiert die Autorin Medien, Tools und didaktische Szenarien genauso wie unterschiedliche Konzeptualisierungen von Medien und Medialisierung(en) und arbeitet so intelligent den allgemeinen Mehrwert digitaler Medien heraus, indem sie deren Steigerungs- und Veränderungsleistung im didaktischen Raum hervorhebt und direkt auf Fragen der Schulentwicklung umlegt. So finden in diesem Zusammenhang gesellschaftliche Entwicklungen eine Berücksichtigung und ermöglichen die Einbeziehung der vielfältigen und umfassenden Thematiken der Medienpädagogik, die weit über den "bloßen" Einsatz digitaler Medien hinausgeht. Klar wird dabei vor allem, dass die weitreichenden medienpädagogischen Aufgaben den unterschiedlichen schulischen Akteur*innen der Medienpädagogik bekannt und bewusst sind, die politischen Strategien sich aber daran noch nicht angelehnt haben.

Da auch die anderen Ressorts von verdienten Medienpädagog*innen betreut und bespielt werden nimmt es nicht wunder, dass sich das Schwerpunktthema in fast allen Beiträgen dieser Ausgabe spiegelt. Denn mit dem Forschungsbeitrag von Ilona Cwielong sind wir alle aufgefordert über das Anerkennungsproblem zwischen Lehrenden und Lernenden reflexiv-wissenschaftlich und konkret-praktisch nachzudenken. Dabei beweist die Autorin eine eingehende Kenntnis der Etymologie, Valenz und Semantik des Begriffs "Anerkennung" und verortet ihn gekonnt in der Dialektik von Herr und Knecht bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel. "Anerkennung" soll dabei nicht nur als Perspektive und Instrument der Empirie und zur Theoriebildung dienen, sondern auch eine Reflexionskategorie medienpädagogischer Praxis sein, in der sie nicht nur ein Qualitätsmerkmal darstellt oder nur ein aus moralisch-ethischen (oder motivationstheoretischen) Gründen zu praktizierendes Handeln verkörpert. Vielmehr ist "Anerkennung" durch die technischen digitalen Möglichkeiten heute nicht mehr nur ein natürlicher und von sich aus gegebener Moment im Kommunikations- oder Verständigungsprozess, sondern vielmehr per se als eine eigene Dimension medienpädagogischen Handelns zu begreifen. Damit ist auch nach Cwielong jedes Tätigkeitsfeld schulischer Medienpädagogik als ein Feld der "Anerkennung" ausgewiesen.

Wie verhält es sich nun in diesen Tätigkeitsfeldern mit dem Verhältnis von Medienkompetenz und Menschenrechten? Christine W. Trültzsch-Wijnen erläutert ausgehend von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der UN-Kinderrechtskonvention glasklar in welcher Art und Weise ein Recht von Kindern und Jugendlichen auf Medienkompetenz medienpädagogisch abgeleitet werden kann. Ausgehend von den Debatten zur "Digitalen Kompetenz" arbeitet die Autorin deshalb heraus, wie etwa mit der UN-Kinderrechtskonvention und ihren "3 Ps" (Protection/Provision/Participation bzw. Schutz/Entwicklung & Förderung/Beteiligung) ein allgemeines Regulativ dafür abgeleitet werden kann, wie sich Medienpädagog*innen in der konkreten Praxis für die Aufrechterhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte einsetzen können, um damit in der Fluchtlinie der Aufklärung kritische Staatsbürger*innen zu bilden. Dabei betont Wijnen, dass Medienkompetenz – wenn sie als Kinderrecht verstanden wird – in- und außerhalb des schulischen Kontexts die Schaffung entsprechender Fördermöglichkeiten für Heranwachsende unabhängig von ihrer sozialen, kulturellen und ethischen Herkunft nötig macht. Darüber hinaus kann und muss Medienkompetenz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachtet werden, welche die Förderung von Eltern und Familien sowie Pädagog*innen genauso wie aller anderen gesellschaftlichen Gruppen einschließt, um allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an einer zunehmend medialisierten Gesellschaft zu ermöglichen.

Es freut die Herausgeber*innen ganz besonders, dass Christoph Kaindel im Ressort Praxis die Leser*innen der MEDIENIMPULSE zu einem Barcamp am 18. und 19. April 2017 nach Salzburg einlädt, das unter dem bezeichnenden Titel "Medienpädagog*innen aller Länder, vereinigt euch"! steht. Die Initiative Medienbildung JETZT! beweist damit erneut ein Gespür für die aktuellen Debatten, wenn es am Salzburger Institut für Medienbildung darum gehen wird, die Gründung eines medienpädagogischen Fachverbandes für ganz Österreich voranzubringen, der Vereine, Schulen, Universitäten und andere Einrichtungen ebenso wie medienpädagogische "Einzelkämpfer*innen" unterstützen, vernetzen und mit Informationen versorgen soll. Dabei kann Kaindel schon jetzt einige Zwischenergebnisse präsentieren, die auf einer nach wie vor laufenden Online-Umfrage beruhen, und so sehr informativ auf das Barcamp vorbereiten. Denn dort wird es von besonderem Interesse sein die Wünsche der Umfrageteilnehmer*innen an den Verband zu präsentieren und zu diskutieren.

Ganz praktisch berichtet auch Claudia Sardi vom Safer Internet Day 2017, der dem Motto: "Gemeinsam für ein besseres Internet!" gewidmet war. Dieser jährliche Aktionstag wird von der Europäischen Kommission im Rahmen des Safer Internet-Programms organisiert, wobei über 100 Länder sich international daran beteiligen, um eine aufgeklärte, kritische und verantwortungsvolle Mediennutzung des Internets im "global village" zu diskutieren und zu realisieren. Für Medienpädagog*innen ist dies eines der spannendsten weltweiten Projekte überhaupt. Dabei geht es vor allem darum, den internationalen Austausch zu fördern und ganz konkret im Sinne der Prosumers zu gestalten, zu nutzen und auszuprobieren. Im Ressort Praxis ist der Beitrag auch deshalb gelandet, weil Saferinternet.at Lehrenden, Eltern, Kindern und Jugendlichen eine Reihe an Informationsmaterialien bereitstellt. Im Sinne von Creative Commons laden wir unsere Leser*innen deshalb zum kostenlosen Download ein …

In letzter Zeit wurde in diesem Sinne auch viel über Commons diskutiert. Ob Michael Hardt und Antonio Negri den Common Wealth in Buchform beschreiben oder ob Community Medien wie Okto einen freien und partizipativen Zugang zum Medium Fernsehen garantieren, ob die Kommunitarismus-Debatte reaktiviert wird oder der Neokommunismus Alain Badious oder Slavoj Žižeks vor Augen steht, das bleibt sich da gleich. Deshalb hat Chefredakteur Alessandro Barberi sich entschlossen im Ressort Bildung/Politik eine einfache Einsicht breit darzulegen: Denn ob mit Pierre Bourdieu, Terry Eagleton oder Didier Eribon, eines ist medienpädagogisch sonnenklar: Der Klassenkampf beginnt in unseren Schulklassen! Vom Kindergarten bis zur Hochschule reproduzieren unsere Bildungssysteme auf das Brutalste soziale Unterschiede und zementieren so ein System härtester Ressourcenballung, in der die begüterten Familien ihre (symbolischen) Güter – und seien es akademische Titel – reproduzieren. Barberis Beitrag unternimmt deshalb im Bereich der Politischen Philosophie den Versuch, klassifikatorische Instrumente an die Hand zu geben, die klassenspezifischen Differenzen in unseren Schulklassen zu begreifen, um sie auf dem Weg in die ökonomische Gleichheit aller Menschen auch zu ändern …

Darüber hinaus wollen die MEDIENIMPULSE auch zur Diskussion stellen, wie aktuell die katholische Medienpolitik einzuschätzen ist. Denn im Herbst 2016 veröffentlichte die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz in der Reihe "Arbeitshilfen" ein netzpolitisches Papier, das Digitalisierung eingehend diskutiert und dazu aus Sicht der katholischen Soziallehre Stellung nimmt. Der Titel des Papiers: "Partizipationsmöglichkeiten und Beteiligungsgerechtigkeit in der digital vernetzten Gesellschaft". Der Beitrag von Andreas Büsch verlinkt u. a. auf das Papier, rekapituliert seine Entstehung und liefert unseren Leser*innen eine erste Einführung in den Stand der Dinge. So ist es für Medienpädagog*innen schlicht interessant, was die katholische Kirche zu Themen wie Datenschutzsensibilität, Teilhabegerechtigkeit, Urheberrecht, Hass und Verrohung im Netz, Jugendmedienschutz oder Medienbildung bzw. Vermittlung von Medienkompetenz derzeit diskutiert. Über weitere kritische Beiträge zu dieser Thematik würde die Redaktion sich freuen.

Genauso wie über die Tatsache, dass Christoph Kaindel erneut über die Initiative "Medienbildung JETZT!" berichtet, die wie wohl alle österreichischen Medienpädagog*innen aktuell auf die Digitalisierungsstrategie "Schule 4.0" des BMB reagiert. Im Sinne des ersten Satzes des Grundsatzerlasses Medienerziehung "Medienerziehung zielt auf eine umfassende Medienbildung ab", erinnert Kaindel daran, dass ganz genau darauf geachtet werden muss, dass nicht allein der erfolgreiche Umgang mit digitalen Medien im Mittelpunkt der Medienpädagogik steht, sondern auch andere Aspekte der Medienbildung wie eben politische Bildung, Empowerment und kreativer Ausdruck mit, durch und in Medien. Und damit sind wirklich alle Medien Thema der Medienerziehung und/als Medienpädagogik – ob digital oder analog, ob Buch, Zeitung, Radio, Film, soziales Netzwerk oder Videospiel.

Dabei erfordert die Vermittlung von Medienkompetenz und digitaler Bildung in allen pädagogischen Handlungsfeldern auch eine gesetzliche Grundlage. Deshalb hat Christian Swertz auf Anfrage einen Bericht für das Grünbuch "Digitalisierung und Politik" des Zukunfts- und Verfassungsausschuss des österreichischen Bundesrates verfasst, den wir hiermit auch den Leser*innen der MEDIENIMPULSE zugänglich machen. Swertz betont vor allem, dass Medienbildung eine pädagogische Aufgabe im Blick auf mündige Bürger*innen als Souveräne des demokratischen Staates ist. Dabei wägt er bedacht die Risiken und Chancen ab, die mit den aktuellen Mediatisierungen verbunden sind und gibt von der Schule über die Jugendarbeit bis hin zur Forschung luzide Empfehlungen ab, die für Medienpädagog*innen ob der aktuellen Lage von großem Interesse sind. Sein Fazit: Weder Bildung noch Souveränität sind angeboren. Beides muss erlernt werden. Dies zu ermöglichen ist eine vornehme Aufgabe des demokratischen Staates!

Im Ressort Kultur/Kunst kommen wir auf ein Thema zurück, dass die MEDIENIMPULSE schon des Öfteren in den Blick genommen haben. Denn mit den Comics von Guido Crepax, die soeben von den Historikern Günter Krenn und Paolo Caneppele neu herausgegeben wurden, liegen wunderbare Bildgeschichten vor, die ob ihrer immensen Qualität etwa in der Oberstufe als Unterrichtsmaterial verwendet werden können. Benjamin Schanz analysiert deshalb eingehend Crepax’ Bände Valentina und Valentina Underground. Auf Deutsch sind die beiden Bände im Avant-Verlag erschienen. Sie bilden den Beginn der Crepax-Werkausgabe, die auch über sich hinausverweist. Denn der ersten Ausgabe ist etwa Umberto Ecos Essay über die Bedeutung von Crepax für den Comic vorangestellt, während die zweite von einem Vorwort des Linus-Herausgebers Oreste del Buono eingeleitet wird. Erneut geht es mithin den MEDIENIMPULSEN um visuelle Historiografien und um Comics zwischen Reflexion und Konstruktion von Geschichte(n) …

Und erneut hat unser Poet und Poetologe Thomas Ballhausen sein Ressort Neue Medien mit Rezensions-Juwelen reichlich bestückt. So hat er Simon Nagy darum gebeten, den von Bernd Neumann und Gernot Wimmer herausgegebenen Band "Der Erste Weltkrieg auf dem deutsch-europäischen Literaturfeld" durchzusehen, in dem auf unterschiedlichen komparatistischen Wegen literarische Werke aus dem zeitlichen Umfeld des Ersten Weltkriegs danach befragt werden, wie sie die Umwälzungen ihrer Zeit abbilden und verhandeln. Und Simon Nagy hat gleich nachgelegt: Denn mit seiner zweiten Rezension vom P. Howards "Ein Seemann aus der Neuen Welt. Ein analoger Revuekrimi" arbeitet er heraus, wie diese Literatur eine allein auf sich selbst gerichtete Bewegung darstellt, die sie mit ihren nimmermüden Figuren teilt. Unsere verdiente Raffaela Rogy verdient sich erneut großes Lob. Denn sie zeigt wie anhand von "Mein Kino des 20. Jahrhunderts. Erlebte Filmgeschichte" durch den Mikrokosmos von Horst Dieter Sihler österreichische Filmgeschichte wie in einem Wassertropfen rekonstruiert werden kann. Denn dieser wunderbare Band bringt das Kulturschaffen einer für die österreichischen Filmgeschichte mehr als wichtigen Person auf den Punkt. Auch Paul Winkler kennen die regelmäßigen Leser*innen der MEDIENIMPULSE nur allzu gut: Diesmal führt er uns in die von Paul Nolte herausgegebene "Vergnügungskultur der Großstadt" und stellt so einen mehr als lesenswerten Band vor, der insgesamt zehn Beiträge zur Urbanistik umfasst. Auch von Schund- und Schmutzliteratur haben wir schon oft gehandelt. Und so haben wir unsere hochdekorierte Christina Wintersteiger erneut um eine Rezension gebeten. Sie bereichert unsere Ausgabe durch die Rezension von Christina Templins "Medialer Schmutz" und vertieft dabei für unsere Leser*innen das Verständnis der Entwicklungsgeschichte des öffentlichen Umgangs mit Sexualität und Nacktheit. Auch die Produktivität von Christian Swertz ist bemerkenswert. Denn en passant hat er "Die digitale Bildungsrevolution" von Jörg Dräger und Ralp Müller-Eiselt zerlegt, wieder zusammengebaut und distanziert: Denn in der Redaktion der MEDIENIMPULSE herrscht Konsens darüber, dass die digitale Bildungsrevolution nicht den Imperativen der freien Märkte folgen darf, wenn es um die Bildung kritischer Staatsbürger*innen geht …

Ceterum Censeo: Wie immer wird die gesamte Ausgabe von der unsichtbaren Arbeit unserer Chefassistenin Katharina Kaiser-Müller getragen, deren redigierende und umsorgende Handschrift oft lesbar ist, wenn es beim Lesen nicht auffällt und symbolisch dem Chefredakteur zugeordnet wird. Deshalb sei daran erinnert, dass sie neben der Betreuung der Redakteur*innen und Autor*innen nicht nur – aber eben auch – für die Zusammenstellung aller Ankündigungen verantwortlich zeichnet, die Medienpädagog*innen alle drei Monate in ihre Kalender eintragen. Das ist die Rolle einer wichtigen Multiplikatorin im Netzwerk der deutschsprachigen Medienpädagog*innen …

Zum Abschluss möchten wir unsere Leser*innen noch ganz im kommunitären Sinne daran erinnern, dass das BMB, unser Verlag new academic press und die Redaktion der MEDIENIMPULSE sich ganz besonders darüber freuen, unsere drei Druckausgaben 2009–2015 und die bisher erschienenen drei Bände unserer Reihe "Mediale Impulse" im Rahmen der Creative Commons Lizenz gratis unter dem Reiter Print zur Verfügung zu stellen. Für ein öffentlich finanziertes Medium ist es eine wunderbare Sache, die eigene Arbeit als Geschenk frei verteilen zu können. Die weitere Distribution ist nicht nur erlaubt, sondern sehr gewünscht. So einfach und kostenlos lässt sich wohl kaum ein umfassendes Archiv der Medienpädagogik auf die eigene Platte herunterladen! Wir wünschen unseren Leser*innen deshalb viel Spaß mit dieser Ausgabe und dem Medienwechsel zwischen Druck und Online und wieder zurück …

Mit herzlichen Grüßen und im Namen der Redaktion,

Alessandro Barberi, Theo Hug und Petra Missomelius

Tags