Schwerpunkt

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Das leere Zentrum demokratischer Souveränität am Beispiel der Globalisierung des Himmels seit 1783

Mit einer Darstellung der medienkritischen und medienerzieherischen Perspektive des 'kleinen Mannes' anhand von Jean Pauls Giannozzo

AutorIn: Christian Zolles

Christian Zolles analysiert angesichts von Macht, Souveränität und Herrschaft die Rolle der Luftfahrt in der Geschichte der Globalisierung und verbindet sie medienpädagogisch mit Dieter Baackes Studien zu Jean Paul und Norbert Meders Sprachspieler ...

Abstract

In seinem Beitrag zeichnet Christian Zolles die 'Globalisierung des Himmels seit 1783' nach und versucht anhand der Entwicklungen in der Luftfahrt die Konzepte 'Macht', 'Souveränität' und 'Herrschaft' zu umreißen. So zeigen die frühen Ballonflüge die Grenzen absolutistischer Repräsentationsmacht auf und spiegeln sowohl das neue erhabene Raumbewusstsein als auch den revolutionären Freiheitsdrang des Bürgertums. Gleichzeitig mit dem demokratischen Perspektivenwechsel setzt sich die politische Imagination eines charismatischen 'großen Mannes' durch, der die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Bevölkerungsmenge aufheben und volkssouveräne Tatkraft verkörpern kann. Demgegenüber steht der medienkritische Blick des 'kleinen Mannes' (mit Jean Pauls Luftschifffahrer Giannozzo als Archetyp), der mit dem Verweis auf die Figur des Sprachspielers (Norbert Meder) in medienpädagogische Richtung gedeutet wird.

In his contribution, Christian Zolles traces the 'globalization of the sky since 1783' and tries to outline the concepts of 'power', 'sovereignty' and 'dominion' on the basis of developments in aviation. Thus, the early balloon flights reveal the boundaries of absolutist representation power and reflect both the new sublime awareness of the space as well as the revolutionary freedom impulse of the bourgeoisie. At the same time, the political imagination of a charismatic 'great man', which undermines the diversity and inconsistency of the population, Sovereign power. On the other hand, the media-critical view of the "little man" (with Jean Paul's airship commander Giannozzo as an archetype) is interpreted in the media-pedagogical direction with the reference to the figure of the language player (Norbert Meder).


1. Revolution und Reaktion im Luftraum

"Vollends ein Gedicht mit seinem Geheimnis schneidet ja den Sinn der Welt,
wie er an tausenden alltäglichen Worten hängt,
mitten durch und macht ihn zu einem davonfliegenden Ballon.
Wenn man das, wie es üblich ist, Schönheit nennt
so sollte Schönheit ein unsagbar rücksichtsloser und grausamer Umsturz sein,
als es je eine politische Revolution gewesen ist!"
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Am 2. März 1784, in den Anfängen der durch die Erfindungen der Montgolfière (Heißluftballon) und der Charlière (Gasballon) angestoßenen Luftfahrt, kam es auf dem Pariser Marsfeld beim Erstaufstieg des Ballonabenteurers Jean-Pierre Blanchard zu folgender Episode:

"Mit gezogenem Degen stürzte ein Kadett der Kriegsschule vor und verlangte mit bebender Stimme einen Platz in der Gondel. Als sich Blanchard und [der Benediktinermönch Dom] Pech weigerten, schlug der enttäuschte Jungmilitär in unbeherrschter Wut mit seiner Waffe auf den Luftwagen ein und verletzte Blanchard an der Hand. Bevor größerer Tumult entstehen konnte, überwältigten Soldaten den Rasenden und brachten ihn ins Gefängnis. Glücklicherweise wurde sein Name in die Polizeiakten eingetragen – Dupont de Chambon –, denn nach der Revolution sollte sich hartnäckig das Gerücht halten, der Mann, der mit dem Säbel in der Hand eine Himmelfahrt hatte erzwingen wollen, sei niemand anderes gewesen als der junge Leutnant Napoleon Bonaparte." (Stoffregen-Büller 1983: 160)

Was sich hier nach der Französischen Revolution in Form einer Anekdote über einen 14jährigen Militärschüler artikuliert, ist die Figuration eines neuen Herrschertypus: des 'großen Mannes' (vgl. Gamper 2016: 83–129 u. 175–216). Im Gegensatz zur Trägheit des dynastischen Regenten, der an der Spitze der pyramidalen Hierarchie die feudale Macht in sich gebündelt und repräsentiert, zeigt sich das Bild einer beeindruckenden Persönlichkeit, die aus der Volksmenge kommend mit allen Mitteln versucht, ihren Willen durchzusetzen und nach oben zu gelangen. Undenkbar, ähnliches mit dem Monarchen in Verbindung zu bringen, dessen Handlungen untrennbar mit seinem zweiten ahistorischen Körper (Kantorowicz 1994), dem behäbigen Hofzeremoniell und dessen Präsentations- und Kommunikationstechniken verbunden sind.

Ludwig XIV. hatte auf herkömmliche Weise dafür gesorgt, die Aufsicht über die Entwicklung der neuesten technischen Errungenschaft zu behalten: Er hatte nach den Berichten der Ständeversammlung von der ersten öffentlichen Ballonfahrt im Juni 1783 rasch gehandelt, eine Kontrollkommission einsetzen lassen und die Bevölkerung über die wissenschaftlichen Versuche landesweit informiert. Viel mehr noch, das erste Experiment mit Passagieren (einem Hammel, einem Hahn und einer Ente) in einem mit königlichen Insignien geschmückten Ballon fand vor den Augen des Königspaars und des Hofstaats in den Gartenanlagen von Versailles statt und sollte den Brüdern Montgolfier nicht nur eine staatliche Belohnung und die außerordentliche Mitgliedschaft der Akademie der Wissenschaften einbringen, sondern auch die Erhebung in den Adelsstand (vgl. Stoffregen-Büller 1983: 129f). Dies ging mit einem Gesetz einher, welches das Ballonfahren außer Aristokraten nur Bürgern erlauben sollte, die anschließend in den Adelsstand zu erheben waren (der Ursprung der traditionellen 'Ballontaufe').

Diese ungewohnt rasche und umfassende Reaktion des Königs auf die bürgerliche Erfindung (vgl. Stoffregen-Büller 1983: 41f) erklärt sich zum guten Teil aus dem Umstand, dass diese das Potenzial einer Revolution in sich trug, zumindest was ihren symbolischen Effekt auf die Bevölkerung betraf. Die unzähligen Berichte, Abbildungen und Prunkobjekte, die die Anfänge der Aeronautik begleiteten, bezeugen den überwältigenden Eindruck, den sie kollektiv machte, das Gefühl der 'Weltbewegung' (Goethe), das mit ihr einherging. Endgültig schien der Himmel von den jahrhundertealten Zeichen eines allmächtigen Souveräns befreit, der über allem waltete. Es waren nicht mehr höhere Gewalten, die den Menschen 'von oben her' heimsuchen konnten, sondern der Aktionsradius der Bürger hatte sich 'von unten her' schlagartig ausgedehnt. Mit dem Aufstieg in die dritte Dimension stand plötzlich der vormals undenkbare Gedanke im Raum, sich ohne Zugriffsmöglichkeiten über sämtliche irdischen Grenzen hinwegzusetzen und, wie Jacques Alexandre César Charles bei seinem ersten Flug erwog, selbst dem König einen kurzfristigen Besuch abzustatten.

Abb. 1: Hieronymus Löschenkohl, Folgen von der Erfindung der Luftkugeln
Kolorierter Kupferstich um 1790
Österreichische Nationalbibliothek/Wien Bildarchiv H 445–E
"Spottbild. Im Hintergrund bekämpfen sich die Bemannungen zweier Luftschiffe!"

Was sich in den 1780er Jahren vor aller Augen abspielte, ist als "Triumph der Aufklärung" (Behringer/Ott-Koptschalijski 1991: 336–339) und als öffentliche Zurschaustellung der "kollektive[n] praktische[n] Vernunft" (Reinicke 1988: 72) bezeichnet worden. Die durchgängige Anwesenheit des Hochadels bei den frühen Ballonvorführungen zeigt jedenfalls die durchaus politisch gegebene Notwendigkeit, den absolutistisch-repräsentativen Charakter von Höhe, Erhöhung und Erhabenheit zu sichern. Sollte die Begeisterung um die Luftschiffe bald abflauen, so lag das zum einen daran, dass sie sich als sehr wetteranfällig, kaum steuerbar und damit weder für den alltäglichen noch für den militärischen Gebrauch als praktikabel erwiesen; zum anderen aber eben daran, dass der Ballon zu dem Symbol republikanischer Freiheit und Gleichheit geworden war. Blanchard, der sich inzwischen in ganz Europa als Ballonschausteller verdingte und noch vom Preußenkönig Friedrich II. und vom Kaiser Joseph II. lakonische Absagen auf seine Aufführungsangebote erhalten hatte, trug das Seinige dazu bei, indem er mit der neuen öffentlichen Kunst die neue französische Gesinnung exportierte: Bei seinem nach einigen Fehlversuchen endlich geglückten ersten Aufstieg im Wiener Prater im Juli 1791 schmückte er seine Gondel mit der Parole 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' und der Trikolore, hielt politische Reden und nannte sich 'Bürger des Himmels' (vgl. Stoffregen-Büller 1983: 253–255). Und etwa zur gleichen Zeit soll sich in Paris Folgendes ereignet haben:

"Am 18. Juli 1791, am Tage der Proklamation der Verfassung, erhob sich von den Champs Elysées ein Amateur der Luftschwimmkunst, Lallemand de Sainte-Croix, in einem Aerostat geschmückt mit den vier Genien: die Freiheit, Vaterlandsliebe, Frankreich und das Gesetz. Die reich verzierte Gondel hatte die Form eines Hahnes. Dieser enthusiastische Aeronaut stieg auf 12000 Fuß, entledigte sich seiner Bekleidung und deklamierte mit lauter Stimme die Menschenrechte." (Reinicke 1988: 80)

Die geschilderten Anekdoten aus dem ersten Jahrzehnt der Luftfahrt sollten verdeutlichen, dass an deren Beginn, als der alte 'Traum vom Fliegen' (Behringer/Ott-Koptschalijski 1991) verwirklicht schien, Fragen der Souveränität zentral waren und der Ballon von Anfang an als politisches Instrument begriffen wurde. Die Entwicklung seiner repräsentativen Bedeutung lässt sich gut am Aufstieg Napoleons nachvollziehen: Den Widerstreit zwischen Lilienbanner und Trikolore, zwischen absolutistischer Repräsentation und 'nacktem' Bürger sollte schließlich ein "charismatischer Parvenü und Usurpator" (Gamper 2016: 181) aufheben, der sich mit militärischer Taktik und Entschlossenheit über die Institutionen hinwegsetzte und, wie von einem besetzten Ballon aus, eine personenzentrierte, aber nicht patriarchalisch-hierarchische, sondern effektiv im weiten Raum wirkende Herrschaft begründete. Tatsächlich hatte er bereits im Ägyptenfeldzug "Ballons zum Zeichen der europäischen Suprematie an den Pyramiden von Gizeh über den Ägyptern schweben lassen" (Reinicke 1988: 108). Die später erfolgte Schließung der Schule für Militärluftschiffer stand dann wieder ganz im Zeichen der "Rückkehr zu Formen der absolutistischen Repräsentation" (Gamper 2016: 183):

"[Napoleons] Abneigung gegen die widerspenstigen, luftigen Maschinen steigerte sich zu regelrechtem Widerwillen, als im Dezember 1804, anläßlich seiner Krönung zum Kaiser der Franzosen, von fünf unbemannten Schauballonen ausgerechnet das mit einer gewaltigen Kaiserkrone dekorierte Exemplar bis nach Rom flog und dort am Grabmahl Neros hängenblieb, bevor es im See von Bracciano versank." (Stoffregen-Büller 1983: 326f)

Die republikanischen Hoffnungen, die an die Luftschiffe geknüpft waren, erwiesen sich in mehrerlei Hinsicht als überholt. Im 19. Jahrhundert sollten die Ballone von der revolutionären Erfindung zum restaurativen Repräsentationsobjekt, zur Jahrmarktsensation (Fesselballone) und zum bloß imaginären abenteuerlichen Vehikel (etwa bei Edgar Allan Poe oder Jules Verne) absinken.

2. Imaginärpolitik und Kollektivsymbolik

In der Frühphase der Luftfahrt spiegelt sich das Repräsentationsproblem der modernen Demokratien: Wo vormals der König die absolute Souveränität und den erhabenen Ort der Einheit verkörpert hat, bleibt dieses Zentrum der Macht jetzt substanziell leer (vgl. Koschorke/Lüdemann/Frank/Matala de Mazza 2007: 219–318). Der bildlos und abstrakt gewordene Raum, in dem die partikularen Interessen der Bevölkerung zusammengeführt werden müssen, dreht sich gleichsam von der Vertikalen in die Horizontale, von der 'Väterlichkeit' zur 'Brüderlichkeit', und wird mit Debatten und Proklamationen gefüllt. Die für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts konstatierte 'Sattelzeit' (vgl. Koselleck 1979) ist gerade begriffsgeschichtlich so interessant, weil sich anhand des Bedeutungswandels einzelner zentraler Begriffe resp. von Neologismen nachvollziehen lässt, wie sehr man sich in der umgestalteten politischen Öffentlichkeit um die sprachliche Zusammenführung und historische Ableitung von Kollektiven bemühte (etwa über Begriffe wie 'Fortschritt', 'Geschichte', 'Nation' oder 'Menschheit'). Dahinter stand nicht zuletzt die entscheidende Frage nach der nationalstaatlichen Legitimität:

"Das 'Wir', das den Monarchen zur Abdankung zwingt und sich sogar berufen fühlt, ihn zu töten, agiert nicht im eigenen Namen. Es ist grammatikalisch und politisch Platzhalter eines noch größeren, umfassenderen Kollektivs, der Nation. Die Souveränität der Nation steht aber, jedenfalls ihrer Selbstbeschreibung nach, der vormaligen Herrschersouveränität nicht symmetrisch gegenüber. Sie geht mit einem neuartigen Anspruch auf Allgemeinheit einher und siedelt sich insofern auf einer höheren Abstraktionsstufe an. Dieser Anspruch manifestiert sich in einem zunächst rein formalen Begriff, dem Begriff des Gesetzes. Es ist der Nation als Kollektivsubjekt wesentlich, dass sie sich ein Gesetz gibt und zugleich von demselben Gesetz ableitet. Der Zirkel der wechselseitigen Bedingtheit von Nation und Gesetz bringt eine neue Form von gründender Gesetzlichkeit in die Welt, und das ist die Verfassung." (Koschorke/Lüdemann/Frank/Matala de Mazza 2007: 241)

Mit der Französischen Revolution (und der Guillotine als egalitärem Hinrichtungsinstrument) kam es zu einer Dekorporation souveräner Herrschaft, die fortan mit Gesetzestexten, zentralen Begriffen, allegorischen Bildern und Theateraufführungen repräsentiert wurde, aber ohne öffentliche Identifikationsfigur auskommen musste. Dieses Manko des 'unsichtbaren' und 'imaginärem' Staates sorgte dafür, dass der Auftritt von 'großen Männern' latent wurde. Da plebiszitäre Elemente bereits ein unumgänglicher Faktor der Herrschaftslegitimität geworden waren, konnte die Repräsentationskraft aber nicht mehr auf einem königlichen symbolischen Körper beruhen: "der Usurpator unterschiebt sich mit seinem natürlich Leib dem Staat", und "im Prinzip [könnte] jeder Beliebige den leeren Platz der Autorität usurpieren" (Koschorke/Lüdemann/Frank/Matala de Mazza 2007: 253). Was wohl als Grundbedingung moderner politischer – und in anderen Feldern genauso philosophischer, künstlerischer oder sportlicher – Führerschaft zu betrachten ist (vgl. Gamper 2016: 345–405).[1]

Der machttechnische Umbruch, der sich im Prinzip bereits ab 1750 in der Herausbildung einer institutionell Gewalt verteilenden Netzwerkstruktur abzeichnete, setzte eine neue Form der Kommunikation zwischen 'großem Mann' und 'Kollektivsubjekten' voraus. Neben der Herausbildung einer 'Gefühlspolitik', bei der sich populäre Handlungen des Herrschers mit unterschiedlichen affirmativen Meinungsäußerungen aus der Bevölkerung ergänzten, ist eine neue 'Imaginärpolitik' zu beobachten (vgl. Gamper 2016: 83–101). Sie unterschied sich von der Disziplinarmacht (indirekte Unterwerfung der Vielen) und Biomacht (indirekte Lenkung der Vielen) dadurch, dass sie über die Einbildungskraft bei den RezipientInnen ein kollektives Körperbewusstsein bewirkte und für realpolitische Zwecke instrumentalisierte. Sie beruhte auf Breitenwirksamkeit, einer insbesondere nach 1789 einsetzenden Orientierung an den Massen und einer Kalkulation von deren Macht. Diese 'Imaginärpolitik' versuchte mittels einer wirkungsmächtigen Bildersprache einen Ausdruck von Innerlichkeit zu suggerieren, über den sich möglichst viele Individuen aller Bevölkerungsgruppen angesprochen fühlen konnten.

Die imaginationspolitischen Kampagnen 'großer Männer', die sich wie erwähnt auch auf Felder jenseits der Realpolitik erstreckten, beruhten auf neuen medialen, vermittelnden Faktoren, die gleichzeitig dem Bestreben nach unmittelbarer Partizipation entgegenwirkten (die Frage nach den Ursachen für den freiwilligen Verzicht auf politische Repräsentation findet sich bedeutend behandelt bei Marx 1852/1975). Die allgemein in der Spätaufklärung einsetzende 'Vermassung' von Kommunikation, bei der gerade auch die der Öffentlichkeit abgewandte, nicht-interaktive Seite der Individuen einbezogen war – "[d]er moderne Adressat heißt Subjekt", selbst noch in der "Semantik seiner Weltabwendung" (Koschorke 2003: 265) –, vollzog sich dabei im Grunde über den Schriftverkehr. Je mehr die Schrift von der früheren interaktiven Sinnlichkeit einbüßte und sich gleichsam entkörperte, desto stärker wuchs ihre Einbildungskraft, d. h. das Vermögen, Abwesendes als Anwesendes vorzustellen und die Entfernung und Ungleichzeitigkeit von Autor und Leser mit imaginärer Präsenz zu füllen (vgl. Koschorke 2003: 263–322). Es sollte Aufgabe der 'Dichtung' sein, das "vom Akt der schriftlichen Aufzeichnung ausgeschlossene 'Leben' sprachlich zu substituieren" und die übermittelten Bilder "untereinander zu einer vollständigen und autark scheinenden zweiten Welt des Imaginären" (Koschorke 2003: 307 u. 321) zusammenzufügen. Anschließend an die Ausführungen von Albrecht Koschorke stellt Michael Gamper fest:

"Literatur übermittelt durch arbiträre Zeichenkombinationen der Schrift Informationen; sie tut dies im Vergleich zu anderen Textverfahren durch die besonders ausgeprägte Anwendung rhetorischer, narrativer und fiktionaler Techniken, die geradezu darauf angelegt sind, normale Wahrnehmungen zu konterkarieren und zu verzerren. Überdies besitzt die Literatur im Vergleich zu anderen Diskursformen keinen definierten und definierenden Gegenstand. Sie bezieht sich deshalb vorwiegend auf jene interdiskursive Sphäre, innerhalb deren die Spezialdiskurse zusammenlaufen und welche als gemeinsamer Wissensfundus der Epoche die Grundlage für eine allgemeine Verständigung bietet." (Gamper 2010: 103)

Wie v. a. Jürgen Link diskursanalytisch aufgezeigt hat, ist für den 'Interdiskurs' der Rückgriff auf eine 'Kollektivsymbolik' zentral (vgl. Drews/Gerhard/Link 1985). Korrespondierend mit der neuen überwältigenden Erfahrung des Panoramas und des Horizonts, deren zentrale Bedeutung für die Herausbildung eines bürgerlichen erhabenen Raumbewusstseins an dieser Stelle nur angedeutet werden kann (vgl. allgemein Oettermann 1980; Koschorke 1990), trug nun die Begeisterung rund um die frühe Luftfahrt dazu bei, aus dem Ballon ein außergewöhnlich wirkmächtiges Symbol zu machen, in dem sich die kollektiven Empfindungen semantisch bündelten (vgl. Link 1983: 48–72; Link 1984). Bereits die frühen deutschsprachigen Berichterstatter Christoph Martin Wieland und Georg Christoph Lichtenberg hatten den poetischen Charakter der Luftfahrt betont, bei der die Aeronauten gar nicht anders konnten, als zu Dichtern zu werden (vgl. Lichtenberg 1783/1994: 74; Wieland 1784/1984: 73). Während sich die realen und realpolitischen Erwartungen an den Luftschiffen also nicht erfüllten und rasch abflauten, sollte die über 'Dichtung' und hierbei häufig Aphorismen vermittelte imaginäre und imaginärpolitische Bedeutung des Ballons als Kollektivsymbol im allgemeinen Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts (und darüber hinaus, wie das dem Beitrag vorangestellte Motto von Robert Musil zeigt) wirksam bleiben.

Abb. 2: Diskursanalytisches Schema des Kollektivsymbols 'Ballon' im 19. Jahrhundert, aus Link 1984: 158f.

Das von Link behelfsmäßig erstellte diskursanalytische Schema weist das Ballonsymbol als semantische Struktur aus. Die horizontale Achse nennt seine wichtigsten Elemente für den Bereich der Bildebene ('Pictura') und der Sinnebene ('Subscriptiones'), von denen ausgehend einerseits im oberen Teil die Nachbarschaft zu weiteren Kollektivsymbolen und andererseits im unteren Teil einige gesellschaftliche Praxisbereiche angezeigt werden.

"Dieses Analogien-Gitter ermöglicht es, jene kollektiv getragene, elementar-literarische Rede in Gang zu bringen und in Gang zu halten, durch die z. B. die Entfesselung des Ballons sich so zum Absturz verhält wie die Revolution zum Brumaire oder die philosophische Spekulation zum Wahnsinn. Die Struktur des Kollektivsymbols erweist sich also in der Tat als Integrationsinstrument verschiedenster Praxis-, Erfahrungs-, Wissens- und Diskursbereiche […]. Wie sich zeigte, können nicht nur Händler, Politiker, Philosophen, Journalisten und Poeten die gleiche Pictura handhaben, sondern auch Progressive und Reaktionäre, 'romantische' Utopiker und 'realistische' Bourgeois. Dabei können die Kontrahenten entgegengesetzte Positionen einnehmen." (Link 1984: 156f)

Die Dominanz des Ballonsymbols erklärt sich aus der neuen kollektiven Erfahrung einer räumlich vertikalen Achse, die bildhaft auf die wesentlichen Diskurse übertragen wurde und zwischen diesen für sprachliche Kohärenz sorgte. Der philosophische Geist der Spekulation konnte so über das Bild der Entfesselung direkt im poetischen Aufschwung des Genies – oder realpolitisch eben in einem 'hombre-globo' wie Napoleon (vgl. Link 1983: 60) – seine Entsprechung finden. Der gleichen vertikalen Geistesrichtung folgend, steuerten sowohl Dichter als auch Philosophen auf das 'Apogäum' zu, das nach Link "in der Struktur des Kollektivsymbols in zwei ideologisch konträren Versionen [existierte]: negativ als Maximum des 'Schwindels', eben als 'Luftschloß', positiv als Punkt lustvollen Freischwebens mit panoramatischer Sicht auf die Erde bei weitestem Horizont." (Link 1983: 56; vgl. auch Link 1984: 152–155)

Zeigt sich darin eine noch von der traditionell religiös-metaphysischen Tradition beeinflusste "dichotomische Symbolisierung der Vertikalisierung" (Link 1983: 52) im Sinne von oben und unten, Himmel und Erdboden, Geist und Materie, später auch Überbau und Basis usf., so lässt sich diese Dichotomie auch in Hinblick auf den neuartigen Massendiskurs lesen. Der vertikale Aufstieg bedeutete schließlich in erster Linie eine Loslösung vom Kollektiv und eine Alleinstellung. Er bezeichnete bei aller idealistischen Erhabenheit zugleich auch einen Antagonismus "zwischen dem einsamen Genie und der dummen Masse, die ihm von unten glotzend nachsieht." (Link 1983: 57) Herausforderung für den 'großen Mann' sollte es sein, nicht vollkommen abzuheben, nicht von widrigen Gegenströmungen verweht zu werden und den möglichst direkten Kontakt zur Masse zu halten. An dieser Stelle kann die Darstellung des 'kleinen Mannes' ansetzen, der ohne jeden Anspruch auf Führerschaft in den Himmel steigt, im abenteuerlichen Streifzug einen Gesamteindruck vom Weltgeschehen erhält und in Anbetracht der unzähligen irdischen Missstände keine Ruhe finden und geben kann. Sein Schreibimpuls: "Ich könnte ein pläsantes Leben hier oben führen, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über alles erboste, was ich mir denke und finde." (Jean Paul 1801/1933: 425)

3. Jean Pauls Giannozzo

Gibt es einen Text, der die Struktur des Kollektivsymbols 'Ballon' vermutlich gesprengt hat, so ist es Jean Pauls erstmals 1801 erschienener Anhang zum Titan-Roman Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch. In den auf die geschlossene Romanform folgenden 'Ausschweifungen' findet sich nicht nur Jean Pauls Ästhetik des 'bildlichen Witzes' fast durchgehend eingelöst, der nicht "malen", sondern "färben" will, nicht Totes "beseelt", sondern "das Leben entkörpert" und dabei "in jedem Komma den Leser zu springen nöthigen" (Jean Paul 1804/1935: 173) möchte. Sie nehmen auch im Bezug auf das Ballonsymbol "eine einzigartige diskursive Position ein, die weder der 'romantischen' noch der 'realistischen' einfach entspricht", denn es ist in der geschilderten Luftreise des Giannozzo keinerlei "geheime Gerade hinter dem kontingenten Zickzack" (Link 1984: 161) auszumachen. Die Luftsprünge des Protagonisten entsprechen den Gedankensprüngen des Autors, die an keiner idealistischen Form, narrativen Struktur oder diskursiven Position festzumachen sind.


Abb. 3: Jean Paul (1801/2013): Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch.
Hg., gestaltet und mit einer Nachbemerkung versehen von Klaus Detjen.
Mit einem Nachwort von Norbert Miller. Göttingen: Wallstein (Typographische Bibliothek 10).

Es geht also nicht um die vertikale Achse des symbolischen Aufstiegs und des Fortschritts, die auf Höheres hinweisen soll, sondern um die horizontale Achse einer wilden Länderreise, deren vierzehn Auffahrten Jean Paul den 'großen Hans' Giannozzo in ein Flugjournal protokollieren lässt. Ihm wird es darin nicht gelingen, sich einer romantischen Naturbetrachtung oder einem positiven 'Apogäum' anzunähern (in anderen Texten ist Jean Paul den kollektivsymbolischen Vorgaben sehr wohl gefolgt), zu sehr bleibt er allem Irdischen, d. h. den Menschen verhaftet, wie ein einziger längerer Auszug aus der zweiten Auffahrt zeigen soll:

"Aber so ist die ganze ungeweihte Erde. Man denkt sich nur immer die eigne Stadt als das Filial und das Wirtschaftsgebäude zu einer entfernten Sonnenstadt; könnte man aber durch alle Gassen auf der Kugel auf einmal hinunter und hinauf sehen und so immer dieselbe Gemeinheit der Alltäglichkeit auf beiden Kugelhälften finden: so würde man fragen: ist das die berühmte Erde? 'Das Spuckkästchen drunten, das Pißbidorchen, das ist der Planet', würd' ich einem Seraph antworten, der vor mir vorbeiflöge und mich bäte, ihn zurechtzuweisen. Das ist eben meine zweite Hölle […], daß ich so unzählige Narren, die wie Luftbetten nach jeder Erniedrigung sich selber wieder heben – die Billionen, die sich den ganzen Monat die Huldigungsgerüste selber bauen – die Repetieruhren, die es immer wiederholen, wie weit sie vorgerückt – alle die Trommelsüchtigen in tausend Dörfern, Gerichtsstuben, Expeditionsstuben, Lehrsälen, Ratsstuben und Kulissen und Souffleurlöchern, welche lustig schwellen können, ohne daß man ihnen mit dem Trokar einen tapfern Stich geben kann, das ist meine Hölle, daß ich so viele Windschläuche mir denken muß, denen ich nie beikommen kann, weil manche einen ganzen Erdmesser weit von mir liegen. – – O Gott, nur einen Jüngsten Tag der allgemeinen Demütigung – gern fahr' ich dann ab!" (Jean Paul 1801/1933: 427)

Ohne sich in einen reinen Geist transzendieren zu können – "o wie hohl klang mir in der Stille das Leben" (Jean Paul 1801/1933: 458) –, bleibt Giannozzo selbst in den Lüften "in diesem Ich-Besteck, in diesem Leibe" (Jean Paul 1801/1933: 475). Dementsprechend tauft er sein Luftschiff nach einem alten Ausdruck für eine vor die Stadt gelagerte Quarantänestation 'Siechkobel' und bleibt dabei als Asozialer (und nicht als Aristokrat) innerhalb des auf den Luftraum ausgedehnten sozialen Feldes. Zwar kann er sich je nach Wind und Laune immer wieder allen Blicken entziehen, doch treibt es ihn stets an die Erdoberfläche herab, um irdische Ereignisse zu kommentieren und zu beeinflussen oder mit unterschiedlichster Begründung inmitten der Menschen zu landen. So folgt das Luftschiffsjournal auch keiner chronologischen, sondern einer topografischen Ordnung. Die Auffahrten führen Giannozzo von Leipzig über Großstädte ("Abends fraß ich in Wien. Ich mag heute nichts mehr schreiben", Jean Paul 1801/1933: 437), kleinere Ortschaften und einzelne Landstriche in die Schweizer Alpen, in denen er schließlich in einem gewaltigen Unwetter abstürzt. Bezeichnend, dass am aufgefundenen Leichnam bloß alle 'Kontaktwerkzeuge' verstümmelt sind: "Sein rechter Arm und sein Mund waren weggerissen, das Horn zum Theil geschmolzen, seine langhängenden Augenbrauen auf den hohen Wangenknochen kahl weggebrannt und sein Gesicht sehr zornig verzogen; alles andere aber unversehrt." (Jean Paul 1801/1933: 502)

Im 'Almanach für Matrosen wie sie sein sollten' (Jean Paul 1801/2004) erweist sich das Luftschiff als ein "alles zusammenspinnende[s] Weberschiffe" (Jean Paul 1801/1933: 454), von dem aus alle möglichen Aktionen im "Theater des Lebens" (Jean Paul 1801/1933: 453) observiert und inspiziert werden können. Hat doch Giannozzo in seinem Luftschiff sowohl "auf allen sechs Seiten Fenster" als "auch auf dem Fußboden" (Jean Paul 1801/1933: 423), um von erhabener Position einen umfassenderen Blick auf die Menschenwelt werfen zu können. "'Des Luft=Schiffers GIANOZZO See=Buch' – und wenn er'S 'Seh=Buch' geschriebm hätte, wär's noch ehrlicher gewesn" (Schmidt 1970/2002: 493), lautet es entsprechend bei einem späteren Gewährsmann Jean Pauls, in Arno Schmidts Monumentalwerk Zettel's Traum. Tatsächlich stellt Giannozzos 'Siechkobel' einen Beobachtungsposten dar, der mit dem zentralen Ort in den architektonischen Fabriks- und Strafanstaltskonzepten des englischen Philosophen Jeremy Bentham zu vergleichen ist, die Michel Foucault im Zusammenhang mit den Dispositiven normativer Kontroll- und Strafgewaltsamkeit moderner Disziplinargesellschaften in Überwachen und Strafen analysiert hat (vgl. Birchler 1997; Vogel 2005): "Das Panopticon ist eine königliche Menagerie, in der das Tier durch den Menschen ersetzt ist, die Gruppierung der Arten durch die Verteilung der Individuen und der König durch die Maschinerie einer sich verheimlichenden Macht." (Foucault 1972: 261)

Die Funktion des Luftschiffs kongruiert mit derjenigen des Wächterturms in Benthams Panopticon, da von beiden Punkten aus ein ständiges Überwachtsein suggeriert wird (vgl. Foucault 1972: 258f) und ein neues "Regime des Blicks" (Koschorke/Lüdemann/Frank/Matala de Mazza 2007: 223) eingerichtet wird. Je nach Bedarf detailliert, als Punkt oder gar nicht sichtbar treibt Giannozzo, der "die lüftende Freiheitsluft gegen den Kerkerbrodem unten" (Jean Paul 1801/1933: 435) getauscht hat, über ein panoptisches Feld, über "den großen Kerker aller kleinen" (Jean Paul 1801/1933: 423) und blickt als großes Auge hinab (vgl. Vogel 2005: 53). Giannozzo gibt aber natürlich kein Bild des 'großen Mannes' ab, der wie Napoleon "alles mit einem einzigen Blick überragt, aber dem kein Detail, wie winzig es auch sein mag, jemals entkommt" (Foucault 1972: 279). Die Disziplinarmaßnahmen, die Giannozzo setzt, sind keine distanzierten Straf-, sondern grundsätzlich mitleidende Affekthandlungen, wie an der vierzehnten und letzten Fahrt deutlich wird, bei der ein ringsum drohendes Gewitter von einem Schlachtendonner begleitet wird und die Erd- und Luftsphären erneut auf eine Weise verbunden scheinen, die kein Außerhalb mehr zulässt. Wo ein Kind einen abgerissenen Arm fortträgt und darin die bruchstückhafte panoptische und panoramatische Aufsicht "als die Teleologie des Blicks, als unmittelbare Zerstückelung, als Zerreißen des Lebendigen, als moderner Krieg" (Brüggemann 2000: 180) aufscheint, will sich Giannozzo "in den entzündeten Schwaden senken und mitschäumen wie der elende Mensch" (Jean Paul 1801/1933: 495):

"Jetzt wurd' ich auch von der Wut gepackt, denn ich bin ja auch einer von denen drunten, und schleuderte grimmig und gerade alle Steine, die ich hatte, auf die ringende, vom Erdbeben eines bösen Geistes zum Kampfwahnsinn untereinander geschüttelte Masse – – Mög' ich nur kein unschuldiges Pferd getroffen haben!" (Jean Paul 1801/1933: 496)

Was einige Fahrten zuvor noch als militärisches Geplänkel begann, wird hier zu einem Völkerkrieg, in den sich auch Giannozzo einbezieht: "O Giannozzo, der Wahnsinn, womit du verwunden hilfst, ist eben der greuliche, der die Völker gegen einander treibt!" (Jean Paul 1801/1933: 496) Im Luftraum, in dem der 'Siechkobel' zuvor noch als "der neue Trabant um die Erde" (Jean Paul 1801/1933: 425) und eigener "Globus" (Jean Paul 1801/1933: 489) erscheinen mochte, gelten dieselben vernichtenden Gesetze wie auf dem Erdboden, der sich als eine "Schädelstätte erhabener Natur" (Brüggemann 2000: 181) erweist. Eine Feststellung, die wiederum als 'dichterisch' ironisch gebrochen vorgestellt werden muss.

In seiner sprachlichen und inhaltlichen Unbändigkeit erweist sich Jean Pauls Giannozzo als weitgehend singuläre Erscheinung im 'Reflexionsmedium' Literatur um 1800 (vgl. Gamper 2010: 102–104). Wie Jürgen Link feststellt:

"Von diesem Text Jean Pauls aus kann ich mir eine schreibende Intervention in das Ballonsymbol vorstellen, für die ich bisher kein Beispiel kenne. Daß der reale Verlauf des Progresses häufig nur schwer im Wortsinne auf Linie zu bringen war – diese bittere Erfahrung mußte das Jahrhundert der Eisenbahn von Anfang an machen. Mit Hilfe des Ballons wäre also als Alternative ein pluridimensionaler Progreß imaginierbar gewesen, der sich sowohl auf die technisch nicht total beherrschbare Natur und damit auf die Dialektik von Planung und Spontanität hätte einlassen müssen wie auf das Spiel von Horizontale und Vertikale, d. h. die Dialektik von theoretischem Abstandnehmen und praktischer Intervention – und all das ohne 'festen Boden', im Bereich des 'Überbaus' selbst, dessen eigene 'Materialität' […] dabei zu berücksichtigen gewesen wäre." (Link 1984: 161f.)

Um mit einem weiteren Gewährsmann Jean Pauls aus dem 20. Jahrhundert anzuschließen:

"Daß Montgolfieren vor hundert Jahren aufstiegen, war durch die dichterische Verklärung, die ein Jean Paul davon gab, gerechtfertigt für alle Zeiten; doch kein Gehirn mehr, das Eindrücke zu Bildern formen könnte, wird in den Tagen leben, da eine höhenstaplerische Gesellschaft zu ihrem Ziel gelangen und der Parvenü ein Maßbegriff sein wird." (Kraus 1908/1960: 12)

4. Der Sprachspieler in der Medienpädagogik

Eben auf Giannozzo (und nicht etwa auf die 'Erziehlehre' Levana von 1807) nimmt der Erziehungswissenschaftler und Pionier der Medienpädagogik Dieter Baacke in seinem Aufsatz Vehikel und Narrenschiff der Seele in einer Schwerpunktausgabe von Text und Kritik zu Jean Paul Bezug (Baacke 1983). In dessen ornamentalen Stil erkennt er die Formen der Arabeske, der Disgression und des Appendix als die maßgeblichen Indizien, die den Autor von den ästhetischen Konventionen seiner Zeit wegführen und deren Idealen immer nur sukzessive, von 'unten her' annähern lässt. Bei Jean Paul zeige sich nicht die Unmöglichkeit, sondern die Omnipotenz des Ausdrucks, die Manier des 'humoristischen Eskapidismus' spiegle "den Zustand der Welt gegenüber dem immer potentiell bleibenden Vermögen, vollendet zu sein" (Baacke 1983: 40). Der Seebuch-Appendix nun sei paradigmatisch für die Form des sprunghaften scherzhaften Erzählens von Einfall zu Einfall, das nicht auf die Ausmessung einer psychologischen Tiefe abziele: "Es geht in den 'Bocksprüngen' des Erzählers, die denen des Luftschiffes gleichen, nicht um die Einheit des Erzählens, sondern um die Vielfalt der Weltperspektiven; nicht in der Fabel liegt das Ziel, sondern in der Freiheit der phantasierenden Seele." (Baacke 1983: 52)

Ist "es Giannozzo in seinem Reisebericht gelungen […], die verschiedensten Weltausschnitte in der Perspektive eines einzigen Beobachters zusammenzuschließen" (Baacke 1983: 54), so ist dies von der unvollkommenen Perspektive des 'kleinen Mannes' her gedacht, deren "schweifende[] Allmacht" (Baacke 1983: 51f) entgegengesetzt zu der vollkommenen Allmachtsperspektive des 'großen Mannes' steht. Als "ein anderer Prometheus" (Baacke 1983: 55) ist Jean Paul ein Allegoriker im Sinne Walter Benjamins, der sich des traditionellen Sprachmaterials höchst subjektiv bedienen, den Dingen experimentellen Zeichencharakter verleihen und alles mit allem in Beziehung setzen kann:

"Der ganze Bestand der Welt hat Materialcharakter, steht zur Verfügung für die Produktivität der Phantasie, die des Stoffes nur bedarf, ihre Ubiquität zu erfüllen. […] Das Material wird übertragen in das Zeichenmaterial der Sprache, und die Beziehung der Sprachzeichen untereinander, ihre Tendenz auf Bedeutung wird arrangiert vom 'second maker' Jean Paul, der aber, frei von den Gesetzen der Nachahmung, frei über den Weltbestand verfügt." (Baacke 1983: 54f)

Von dieser Feststellung aus ist Baackes Grundlegung einer Mediendidaktik zu verstehen – als Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien (vgl. Baacke 1973). Offenkundig wird hier der pragmatische Anteil jeder Medienhandlung (Medienkompetenz) in den Vordergrund gerückt, nicht die Orientierung an einer kommunikativen Norm, sondern an einem kommunikativen und mithin kreativen Potenzial. Diesen Aspekt hat schließlich Norbert Meder mit der in die Medienpädagogik eingeführten Figur des Sprachspielers stark gemacht (Meder 1987; vgl. weiterführend Hartwich/Swertz/Witsch 2007):

"Wenn also der moderne Bildungsgedanke das Allgemeine des Menschlichen – in der historischen Situation der Moderne zurecht – als kritisches Potential zum Ausdruck brachte, so ist es jetzt – angesichts einer globalen systemischen Verallgemeinerung – der Gedanke der Besonderung, der dieses kritische Potential im Bildungskonzept tradiert. Das, was wir bisher stets das Selbst genannt haben, dürfen wir auch als den konkreten Menschen bezeichnen, der sich als Gegenpol des Gesellschaftlichen einerseits jeder Relation zur Gesellschaft entzieht und gerade deshalb anderseits sein Verhältnis zu Welt und Gesellschaft autonom bestimmen muß. Ich habe an anderer Stelle vorgeschlagen, er möge dies so tun, daß er sich als Sprachspieler definiert [zit. Meder]. Denn als Sprachspieler knüpft er das Band zu Welt und Gesellschaft über das Motiv einer ihm immer und allemal vorausgehenden Sprache, die ihren Ursprung in der Gemeinschaft hat. Als Spieler bewahrt er sich jenen nicht zu vergesellschaftenden Rest, von dem schon Simmel (1908) in seiner transzendentalen Deduktion der Gesellschaft spricht." (Meder 1998/2015)

Wurde zuvor 'Dichtung' als 'Reflexionsmedium' bezeichnet, so gilt es gerade in ihr nach Beispielen zu suchen, die das "Reflexiv-Werden der Sprache" als den "eigentlich neue[n] Bildungsgedanke[n] der Informationstechnologie und damit auch der Informationsgesellschaft" (Meder 1998/2015) vorwegnahmen. Giannozzo stellt eine derartige Figur dar, die helfen kann, präskriptive Medientheorien in die Praxis zu übersetzen. Ein Ansatz wäre, das verlorene utopische Potenzial der Luftschifffahrt in Erinnerung zu rufen und mit der heutigen Mediengewalt in Beziehung zu setzen:


Abb. 4: Auszug aus einem U.S. Patent von Amazon Technologies Inc auf ein fliegendes Warenlager:
"Airborne fulfillment center utilizing unmanned aerial vehicles for item delivery"


Anmerkung

[1] Siehe zu den aktuellen Tendenzen in der politischen Führung Gamper 2016: 402f: "In der Bundesrepublik Deutschland bildete sich nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus eine solide Skepsis gegenüber dem charismatischen Element in der Politik heraus, was sich in der Image-Gestaltung der Politiker-Persönlichkeiten niederschlug. […] Dem entspricht verfassungsrechtlich, dass der Bundespräsident, anders als in der Weimarer Republik der Reichspräsident, nicht mehr durch Volkswahl gekürt wird und damit das plebiszitäre Moment aus der bundesdeutschen Politik weitgehend eliminiert ist. Dass damit auch die Gefahr einer Erstarrung der Demokratie, einer zunehmenden Apathie und Politikverdrossenheit einhergehen kann, darauf hat jüngst Julia Encke [Encke 2014] hingewiesen. Anders präsentiert sich die Situation in den USA. [Bereits Max Weber sah] in den Vereinigten Staaten eine politische Konstellation gegeben, die dem charismatischen Moment in besonderer Weise zum Ausdruck verhalf. So erkannte Weber in Theodore Roosevelts Wahlkampf von 1912 'ein plötzliches Aufflammen charismatischer Heldenverehrung', die gleichermaßen auf der 'Macht des Geldes' wie dem 'Charisma der Rede' beruht habe und paradoxerweise gerade der 'zunehmende[n] Bürokratisierung der Parteien und des Wahlgeschäfts' entsprungen sei. […] Dies bedeutet freilich nicht, dass die USA seit Generationen von Charismatikern gelenkt würden. […] Während die Charismatiker durch ihre außergewöhnliche Präsenz Gefühle und Phantasien der Vielen besetzen und sie zu einer Einheit formen, bestechen die populären kumpelhaften Politiker durch ihre (vermeintliche) Ähnlichkeit mit den 'durchschnittlichen' Bürgern und erzeugen so die Illusion, ein bereits vorhandenes mehrheitsfähiges Kollektiv zu verkörpern."


Literatur

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Zentrale Aspekte dieses Beitrags gehen zurück auf Zolles, Christian (2006): Die Entdeckung des Luftraums. Analyse eines kulturgeschichtlichen Raumes anhand literarischer Perspektiven um 1800 mit Hauptaugenmerk auf Jean Pauls Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch, Dipl. Univ. Wien.

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