Schwerpunkt

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Machtverhältnisse in den Darstellungen der Religionen im Orbis sensualium pictus des Comenius

AutorInnen: Bernhard Lasser / Christian Treinen

Bernhard Lasser und Christian Treinen arbeiten anhand der Religionsdarstellung im Orbis sensualium pictus des Comenius Machtverhältnisse heraus, die auch heute noch das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden durchziehen …

I.            Einleitung:

Johann Amos Comenius (1592–1670) war Bischof der Böhmischen Brüderunität und einer der wichtigsten Pädagogen des 17. Jahrhunderts. Prägend war für ihn besonders sein Studium an der calvinistischen Akademie in Herborn (vgl. Heydorn 1970: 253). Das Leben von Comenius war gezeichnet von den Glaubenskriegen, der Verfolgung und der Zerstörung Europas (vgl. Dietrich 2005: 9–12). Aus der Situation heraus, Europa wieder aufzubauen entwickelte er seine Auffassung von Erziehung und Bildung. In seinem Werk Orbis sensualium Pictus schreibt er "Ruditatis antidotum eruditio est […]." In der ersten Ausgabe von 1658 wird das folgendermaßen übersetzt: "Das Gegenmittel zur Unwissenheit ist der Unterricht [...]." (Comenius 2012: XXV) Die Aussage kann so verstanden werden, dass durch Erziehung die Rohheit auf der Welt bekämpft wird, um diese zu verbessern.

Im Lauf dieser Arbeit möchten wir auf die von Comenius vermittelten Inhalte des Orbis sensualium Pictus in Bezug auf Religionen eingehen und aufzeigen wie die von ihm ausgewählten Inhalte dargestellt worden sind. Daran anschließend möchten wir auf den Aspekt der Macht eingehen, welche durch die Vermittlung der Inhalte entstehen kann. Der gesamte Orbis sensualium Pictus findet sich online unter folgendem Link: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/comenius1698/0001 (letzter Zugriff: 21.12.2016).

II. Methodisches Vorgehen

Das methodische Vorgehen ist hermeneutisch, wobei der Fokus auf dem Verstehen des Textes und nicht auf dem Verstehen der Psyche des Autors liegt. Weiters wird auch eine ideologiekritische Perspektive eingenommen, die an Heydorn angelehnt ist, um problematische Vorstellungen von Religion aufzudecken. Damit soll aufgezeigt werden, dass Comenius trotz seiner universellen Konzeption des Neuen Jerusalem anderen Religionen gegenüber Vorurteile besaß. Herrschaftsverhältnisse werden auch in Schulbüchern produziert und reproduziert. Hier ist bei Schulbüchern besonders zu berücksichtigen, dass diese viele SchülerInnen erreichen sollen. Wichtige Quellen sind die herangezogenen Texte von Comenius und Aufsätze Heydorns, in denen er sich mit Comenius auseinandersetzt.

III. Comenius Pädagogik und der Orbis sensualium pictus

Die Notwendigkeit für Comenius überhaupt pädagogisch aktiv zu werden, resultierte aus den Ereignissen des dreißigjährigen Krieges. Europa war in weiten Teilen zerstört. Die kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Konfessionen des Christentums bewegten Comenius so sehr, dass er versuchen wollte diese zu unterbinden. Die einzigen Mittel, die er sah, um diese Differenzen abzubauen und eine bessere hiesige Welt zu erschaffen, waren Erziehung und Bildung. Bildung argumentiert Comenius anthropologisch; es geht um die Bildung, die für den Menschen notwendig ist. Mit der Bildung des Menschen kommt es zu einem Bruch mit den gegebenen Verhältnissen. "Bildung ist ‚educatio‘, Hinausführung, Exodus aus dem Verhängtsein." (Heydorn 1970: 255) Comenius geht davon aus, dass der Mensch den Gipfel der vollkommenen Schöpfung darstellt und durch das Einhauchen der Seele zu Höherem berufen ist. Durch jegliches Tun erlangen wir stets eine höhere Stufe. Diese Stufen sind jedoch nicht begrenzt, da der Mensch im irdischen Leben immer weiter lernt und somit die nächsten Stufen erreichen kann. Dieser Vorgang wird von Comenius als das Durchbrechen der Dunkelheit durch immer weiteres Anhäufen von Licht verbildlicht. (vgl. Comenius 2007: 23) Dadurch soll es, wie bereits im oben angeführten Zitat, zur Verbesserung der weltlichen Zustände kommen. Der Tod stellt in seiner Auffassung einen Neubeginn dar, welcher den Menschen zu seinem letzten Aufenthaltsort führt. Deshalb soll der Mensch sich in diesem Leben bereits auf das Leben im Neuen Jerusalem vorbereiten – dazu im späteren Verlauf des Artikels mehr.

Comenius sieht den Menschen als Pflanze, welche aufgezogen werden muss (vgl.  Comenius 2007, 64-96). So wie ein Gärtner seine Pflanzen durch sein Wissen behutsam aufzieht, so soll auch ein Lehrer seine Pflanzen bzw. SchülerInnen aufziehen. Wichtig bei Comenius ist, dass er eine Methode hat, welche er anwendet, um sein Ziel zu erreichen. Gepflanzt wird im Frühling, da dies der beste Zeitpunkt ist, damit sich eine Pflanze gut entfalten kann. Auf den Menschen übertragen heißt dies, dass bereits im frühen Alter mit der Erziehung angefangen werden soll. Laut Comenius ist die Zeit entscheidend für die richtige Vermittlung von Lerninhalten. Er kritisiert damit, dass Schule bisher die falschen Zeiten für Übungen ausgewählt und Lerninhalte nicht stufenweise vermittelt hat. So ist es wichtig, dass bereits im Kindesalter – zur Morgenstunde und altersgerecht – gelehrt wird.

Das Orbis sensualium pictus gilt sowohl als das erste Schulbuch als auch das erste Bilderbuch. Eine solche Einschätzung verbunden mit einer Hochachtung für das Werk findet sich bereits bei Johann Bernhard Basedow (vgl. Russ 1973: 50). Mit diesem Buch sollten die SchülerInnen einerseits Latein und Deutsch lernen und andererseits ein enzyklopädisches Weltwissen entwickeln. Auch soll es möglichst viele Menschen erreichen. Am Anfang seines Werkes "Pampaedia" entfaltet Comenius den Universalismus seiner Pädagogik: "So geht es hier also darum, daß dem ganzen Menschengeschlecht, das Ganze, gründlich – pantes, panta, pantos – Omnes, Omnia, omnino – gelehrt werde." (Comenius 1960: 15) Das Universale bezieht sich also einerseits auf alle Menschen, die erreicht werden sollen und andererseits auf ein allgemeines, enzyklopädisches Weltwissen, welches die SchülerInnen entwickeln sollen. Um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, wurde der Orbis sensualium pictus neben Latein auch auf Deutsch verfasst. "Der Orbis sensualium pictus ist Comenius’ Antwort auf seine pädagogisch-didaktischen wie theologisch-pansophischen Überlegungen." (Müller 2010: 373) Besonders wichtig sind dabei die Bilder. Das Ziel von Comenius war es, "‚Sache‘ (in diesem Falle das Bild) und Sprache zu vereinigen" (Russ 1973: 50). Für Comenius ist es also notwendig, dass die SchülerInnen eine Anschauung zu den gelernten Gegenständen haben, damit sie diese auch in der Welt identifizieren können (vgl. Russ 1973: 50). Das Motto des Orbis sensualium pictus lautet "Omnia sponte fluant, absit violentia rebus" (Comenius 2012: o. S.), was übersetzt heißt: Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne der Dinge.


Abb. 1: Das Emblem des Comenius im Orbis sensualium pictus (Comenius 2012: o. S.).


An diesem Motto zeigt sich die gewaltfreie Perspektive des Comenius, nach der eine befreite Gesellschaft durch das Mitwirken der Menschen am Plan Gottes möglich ist. Dieses Motto, zunächst ein pädagogisches, wurde wichtig für das gesamte Werk des Comenius (vgl. Fritsch 2005: 118) Auf dem Bild des Emblems ist ein Kreislauf der Natur zu sehen, der nicht von Menschen zerstört wird (vgl. Fritsch 2005: 119). Es handelt sich also um eine schöpfungstheologische Darstellung der von Gott gut geschaffenen Welt. Die creatio continua läuft weiter, ohne dass der Mensch störend eingreift. Im Werk des Comenius finden sich verschiedene Darstellungen dieses Emblems (vgl. Fritsch 2005: 119). Das "Omnia sponte fluant" ist auch schöpfungstheologisch zu lesen, hier zeigt sich Comenius’ Vertrauen in die Schöpfung Gottes (vgl. Fritsch 2005: 124). Der zweite Teil, das "absit violentia rebus" ist ein Ablehnen von Gewalt, die negativ in diesen harmonischen Kreislauf eingreifen würde.

IV. Die Darstellungen der Religionen im Orbis sensualium pictus

Die verschiedenen Religionen werden im Orbis sensualium pictus von Comenius unterschiedlich dargestellt. Durch die Beschreibung der Religionen beansprucht er die Definitionsmacht über diese. Hierbei sind die Darstellungen von Judentum und Christentum positiv, die des Heidentums und des Islams sind negativ konnotiert. Die Darstellung hat die Reihenfolge Heidentum, Judentum, Christentum und Islam, worauf noch die Vorsehung Gottes und das letzte Gericht folgen, womit die verschiedenen Religionen in eine christliche Vorstellung von Heilsgeschichte eingeordnet werden. Die Schöpfung wird hier nur sehr kurz behandelt, da sie am Anfang des Orbis sensualium pictus dargestellt wird. Später, bei der Beschreibung des Menschen, verweist Comenius auf seine Gottebenbildlichkeit (vgl. Comenius 2012: 75). Der Gedanke der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen ist außerordentlich wichtig für das theologische Denken des Comenius.

Zentral für Religion ist nach Comenius der Glaube an einen Gott und die Frömmigkeit. Zu Unterschieden zwischen den Religionen führt folgendes: "Dass es einen Gott gibt, empfinden alle Menschen; aber nicht alle kennen Gott richtig." (Comenius 2012: 299) Damit wird einerseits eine Einheit der Menschen im Glauben an Gott hergestellt, die dem christlichen Universalismus entspricht, andererseits wird die Gottesverehrung mancher Religionen als verzerrt oder falsch verstanden.

Die Götter der Heiden sind nach Comenius von den Menschen ausgedacht (vgl. Comenius 2012: 300). Besonders die Religionen der PhilisterInnen und die der InderInnen werden dabei negativ beurteilt. Die PhilisterInnen opferten laut Comenius Kinder der Gottheit Moloch, indem sie sie lebendig verbrannten; die InderInnen verehren den Teufel (vgl. Comenius 2012: 301).

Beim Judentum werden als wichtige Gestalten die Erzväter genannt; Abraham wird besonders hervorgehoben, ebenso Mose und das Gesetz (vgl. Comenius 2012: 302-303). Auch die Stiftshütte und die Bundeslade werden erwähnt, weiters die Beschneidung; ebenso geht Comenius auf die religiöse Praxis des Judentums ein (vgl. Comenius, S. 303). Das Judentum wird positiv rezipiert. Judentum und Christentum sind für ihn durch Messianismus und Eschatologie verbunden. Heydorn fasst das Verhältnis von Messianismus und Eschatologie bei Comenius folgendermaßen zusammen: "Der gekreuzigte Gott der Christen hat das Versprechen der Rückkehr gegeben, er kehrt wieder als Messias der Juden. Er kommt, wenn wir die Welt bereitet haben, als erneuerte Wirklichkeit." (Heydorn 1971: 46-47)

Den Abschnitt zum Christentum beginnt Comenius mit Jesus als dem Sohn Gottes, der durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria empfangen wurde (vgl. Comenius 2012: 304). Die weitere Darstellung orientiert sich an der Taufe Jesu im Markusevangelium (Mk 1,9-11). Comenius beschreibt diese durch Johannes den Täufer, bei welcher der Geist auf Jesus in Form einer Taube herabkam, womit er auch die Trinität erklärt (vgl. Comenius 2012, 305). Darauf folgend schildert Comenius das letzte Abendmahl, die Kreuzigung, die Auferstehung und Erscheinungen des Auferstandenen (vgl. Comenius 2012: 306-307). Die Darstellung endet damit, dass Jesus beim Jüngsten Gericht zur Rechten Gottes sitzen und für alle Menschen bitten wird (vgl. Comenius 2012: 307).

Der Islam ist für Comenius eine Religion, die sich "Mohammed, ein Kriegsmann […] erdachte" (Comenius 2012: 308). Das führt Comenius auf Epilepsie zurück (vgl. Comenius 2012: 309). Er thematisiert zudem Enthaltsamkeit von Alkohol, polygame Ehen, dass Christus nicht als Sohn Gottes gilt und dass die heilige Schrift im Islam der Koran ist (vgl. Comenius 2012: 309).


Abb. 2: Die Darstellung des Islam im Orbis sensualium pictus (Comenius 2012: 308).
Stehend ist hier der Kriegsmann Mohammed abgebildet, sitzend seine zwei Berater.

V. Eschatologie und Kirche bei Comenius

Die nächsten Kapitel des Orbis sensualium pictus leiten in eine Eschatologie über, also in die Lehre von den letzten Dingen; diese kommende Welt steht bei Comenius im Mittelpunkt. Das menschliche Leben wird nach Comenius von Gott bestimmt (vgl. Comenius 2012: 311). Beim Jüngsten Gericht werden die Menschen vor dem Richterstuhl Christi gerichtet, wobei die Frommen in das Neue Jerusalem einziehen, die anderen in die ewige Verdammung fallen werden (vgl. Comenius 2012: 313). Mit dem Neuen Jerusalem greift er ein Bild aus der Apokalypse des Johannes (Apk: 21,1-2) auf. Frömmigkeit wird hier nicht allein über die Religion definiert, welcher Menschen angehören. In das Neue Jerusalem können alle, abhängig von ihrer Frömmigkeit, gelangen. Quellen der Frömmigkeit sind für Comenius die Welt, die von Gott geschaffen wurde, das Gewissen und die Bibel (vgl. Blankertz 2011: 34). Zumindest zwei der drei Aspekte von Frömmigkeit betreffen auch Menschen, die anderen Religionen als dem Christentum angehören. Wichtig ist für Comenius, dass die verschiedenen Menschen an der Verwirklichung des Neuen Jerusalem mitwirken. Das bedeutet, sich bereits in der Gegenwart auf diesen Weg zu machen und die Alte Welt nach den Maßstäben der Neuen Welt zu gestalten. Trotz der Sündenlehre von Comenius ist dies für den Menschen möglich. Dem Sündenfall Adams steht die Erlösungstat Christi gegenüber, wodurch die gute Natur des Menschen wiederhergestellt wurde und der Mensch zu Großem fähig ist (vgl. Blankertz 2011: 34) Das zeigt sich auch an Dimensionen der Gleichberechtigung, die Comenius, aus der Eschatologie abgeleitet, in Bezug auf das irdische Leben vertritt. Comenius argumentiert in seinem Werk "Große Didaktik":

"Auch ließe sich keine ausreichende Begründung dafür geben – um das im Besonderen zu erwähnen –, das schwächere Geschlecht von den Studien der Weisheit, weder von den in lateinischer noch von den in der Muttersprache vermittelten, insgesamt auszuschließen. Denn sie sind in gleicher Weise Gottes Ebenbilder, in gleicher Weise der Gnade und des Reiches künftiger Zeiten teilhaftig, in gleicher Weise, ja oft mehr als unser Geschlecht mit einem lebhaften und für die Weisheit empfänglichem Geist begabt; ihnen steht gleichermaßen der Zugang zu Höchstem offen, denn Gott selbst hat sie oft herangezogen zur Herrschaft über Völker, zur Heilkunde und zu anderen der Menschheit heilsamen Zwecken, auch zum prophetischen Amte und zur Ermahnung von Priestern und Bischöfen." (Comenius 2007: 53)

Heydorn betont hier, dass Comenius die Gleichberechtigung verschiedener Gruppen der Gesellschaft, in dem Fall die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, theologisch mit der Eschatologie, an der alle teilhaben können, begründet (vgl. Heydorn 1970: 254). Auch politisch hat das Konsequenzen. "Die Frauen sollen auch Latein lernen, […] was nichts anderes heißt, als daß sie Anspruch auf Herrschaftswissen besitzen […]." (Heydorn 1971: 39) Zur Pansophie, die in das Eschaton führen soll, können nach Comenius alle beitragen,

"ohne Rücksicht darauf, ob einer Christ oder Mohammedaner, Jude oder Heide sei, und welcher Sekte auch immer er unter jenen angehört habe, ob er Pythagreer, Akademiker, Peripatetiker, Stoiker, Essäer, Grieche, Römer, alt oder modern, Doktor oder Rabbi, gewesen sei, jede Kirche, Synode und Vereinigung – daß man, sage ich, sie alle zulässt und anhört, was sie gutes bringen" (Comenius 1963: 89).

Es können sich also alle Menschen auf den Weg zum Neuen Jerusalem machen (vgl. Heydorn 1970: 254). Auch die im Orbis sensualium pictus abfällig dargestellten "Mohammedaner" sind ausdrücklich unter den Gruppen genannt, die sich auf diesen Weg machen können.  An anderer Stelle schreibt Heydorn, dass dieses Werk, der Weg zum Neuen Jerusalem, "den Turmbau zu Babel durch den salomonischen Tempel ablöst". (Heydorn 1970: 254) Nachdem alle die Möglichkeit haben, aktiv am Neuen Jerusalem mitzuwirken, können sich auch alle auf diesen Weg machen.

Zentral für die Kirche ist dabei der Geist. "Die unsichtbare zerstreute Kirche des Geistes wird erst unter Mühsal sichtbar." (Heydorn 1970: 254) Diese Mühsal müssen alle auf sich nehmen, die sich auf den Weg ins Neue Jerusalem machen. Die unsichtbare Kirche hat ihren Ursprung in Gott, sie ist nicht auf bestimmte Zeiten oder Gruppen beschränkt, sie ist heilig, weil sie von Gott in Wahrheit geheiligt und von Christus geliebt wird (vgl. Neval 2006: 124) Seinen Kirchenbegriff argumentiert Comenius biblisch unter anderem mit Apg 15,9 und Joh 4,23. Von der unsichtbaren Kirche zu unterscheiden ist die sichtbare, womit die empirisch gegebene Kirche gemeint ist.  Die AnhängerInnen der Religionen, die im Orbis sensualium pictus negativ konnotiert sind, sind nicht aus dem Eschaton ausgeschlossen. Wichtig ist, dass alle etwas beitragen können und diese Anstrengungen auf sich nehmen. Comenius betont, dass bereits in der Gegenwart eine Veränderung und Verbesserung der menschlichen Verhältnisse notwendig ist; diese wurde für ihn auch immer wichtiger (vgl. Euler 2004: S. 14). Mit dem Übergang von der vergehenden in die kommende Welt ändern sich auch die Machtverhältnisse.

VI. Resümee

Die Machtverhältnisse innerhalb der Bücher und Theorien von Comenius ähneln in ihrer Form auch heutigen Diskursen über Curricula. Was jemand wie lernt beinhaltet ein immanentes Machtverhältnis. Curricula werden immer nach einer bestimmten Vorstellung zusammengestellt. Die vermittelten und nicht vermittelten Inhalte blenden immer bestimmte Themen aus oder beleuchten diese; dies führt dazu, dass Wahrheit und Wirklichkeit in Institutionen wie Schulen hergestellt und vermittelt werden. Aussagen, welche getroffen werden, beeinflussen auch immer Diskurse. Machtverhältnisse bei Comenius sind vielseitig. Einerseits kann man argumentieren, dass Comenius es vermeidet Nicht-ChristInnen den Weg ins Neue Jerusalem zu verwehren. So ermöglicht er auch den frommen ChristInnen den Weg dorthin. Andere christliche Theologen ließen den Weg ins Paradies nur jenen Menschen, welche den "richtigen" Weg einschlugen. Dies führt dazu, dass es kein richtig oder falsch bei Comenius gibt, sondern jeder Mensch soll sich zu seinem Besten (z. B. durch Bildung) entwickeln. Andererseits stellt er durch die Aussagen, die er über die verschiedenen Religionen trifft, einen (Religions-)Diskurs her.

So nimmt Comenius sich die Macht, die verschiedenen Religionen erklären zu können. In seinem universellen Vorgehen ist es notwendig, auch andere als die eigene Religion erklären zu können. Er hat hier einen Einfluss auf die Konstruktion der verschiedenen Religionen. Dadurch hat er "die personale Fähigkeit, die Deutungen anderer durch eigene Deutungsangebote zu beeinflussen […]." (Hastedt 2014: 101) In diesem Fall sind das im Besonderen SchülerInnen und Lehrer. Auffällig ist, dass er eine hierarchische Auffassung der verschiedenen Religionen hat. Das Christen- und Judentum werden weitgehend als etwas Gutes beschrieben, das Heidentum sowie der Islam als Glaube an ein verzerrtes Göttliches. Dies führt dazu, dass auch SchülerInnen mit diesen Vorstellungen von Religionen konfrontiert werden. Alle Menschen erkennen das Göttliche, doch nur die "guten" Religionen erkennen es richtig, während die anderen es nur verzerrt erkennen. Es wird ein kategorisiertes Machtgefälle zwischen den verschiedenen Religionen, also zwischen Judentum und Christentum einerseits und Heidentum und Islam andererseits. aufgestellt und reproduziert. Damit beeinflusst Comenius "die überpersonale Konstitution von historisch variablen Deutungen." (Hastedt 2014: 101) Durch die Darstellungen von Religionen im Orbis sensualium pictus werden Machtverhältnisse sowohl produziert als auch reproduziert.

Von diesen verschiedenen Wertungen der Religionen wird aber keine Verdammnis oder Ähnliches für die Menschen, die an verzerrte Formen des Göttlichen glauben, abgeleitet. Das ausschlaggebende Kriterium für die Teilhabe an der kommenden Welt ist die Frömmigkeit, die es in allen Religionen gibt. Alle Menschen, die am Eschaton teilhaben möchten, sollen an der kommenden Welt Gottes mitwirken. Das betrifft Männer und Frauen, alle Religionen und Stände. Mit der kommenden Welt ändern sich daher auch die Machtverhältnisse.


Online-Quelle

Comenius, Johann Amos (1698): Orbis Sensualium Pictus, online unter: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/comenius1698/0001 (letzter Zugriff: 21.12.2016)


Literatur

Blankertz, Herwig (2011): Die Geschichte der Pädagogik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart, Wetzlar: Büchse der Pandora.

Comenius, Johann Amos (1960): Pampaedia. Lateinischer Text und deutsche Übersetzung, in: Tschižewskij, Dmitrij (Hg.): Johann Amos Comenius. Pampaedia. Lateinischer Text und deutsche Übersetzung. Pädagogische Forschungen. Veröffentlichungen des Comenius-Instituts, Heidelberg: Quelle & Meyer.

Comenius, Johann Amos (1963): Vorspiele: Prodromus pansophiae. Vorläufer der Pansophie, Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann.

Comenius, Johann Amos (2007): Große Didaktik. Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren, in: Flitner, Andreas (Hg.): Johann Amos Comenius. Große Didaktik. Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren, Stuttgart: Klett-Cotta.

Comenius, Johann Amos (2012): Orbis Sensualium Pictus, in: Uvius Fonticola (Hg.): Joh. Amos Comenii. Orbis Sensualium Pictus, Frankfurt/M.: Friedrich Verlagsmedien.

Dietrich, Veit-Jakobus (2005): Johann Amos Comenius, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Euler, Peter (2004): Kritik in der Pädagogik. Zum Wandel eines konstitutiven Verhältnisses in der Pädagogik, in: Pongratz, Ludwig A./Nieke, Wolfgang/Masschelein, Jan (Hg.): Kritik der Pädagogik – Pädagogik als Kritik, Opladen: Leske + Budrich.

Fritsch, Andreas (2005): Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne der Dinge. Das Emblem des Johann Amos Comenius – Let all flow spontaneously, but violence be removed. John Amos Comenius’ signet, in: Korthaase, Werner/Hauff, Sigurd/Fritsch, Andreas (Hg.): Comenius und der Weltfriede. Comenius and World Peace, Berlin: Oktoberdruck, 118–141.

Hastedt, Heiner (2014): Was ist >Deutungsmacht<? Philosophische Klärungsversuche, in: Stoellger, Philipp (Hg.): Deutungsmacht: Religion und belief systems in Deutungsmachtkonflikten. Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie, Tübingen: Mohr Siebeck, 89–101.

Heydorn, Heinz Joachim (1970): 10. Die Welt in der Hand des Menschen. Ein Vorkämpfer der klassenlosen Gesellschaft: Jan Amos Comenius, in: Heydorn, Irmgard/Koneffke, Gernot/Weick, Edgar (Hg.) (2006): Heinz-Joachim Heydorn. Bildungstheoretische und Pädagogische Schriften 1967–1970. Werke. Band 2. Studienausgabe. Wetzlar: Büchse der Pandora, 252–256.

Heydorn, Heinz-Joachim (1971): Die Hinterlassenschaft des Jan Amos Comenius als Auftrag an eine unbeendete Geschichte, in: Heydorn, Irmgard/Koneffke, Gernot/Weick, Edgar (Hg.) (2006): Heinz-Joachim Heydorn. Bildungstheoretische und Pädagogische Schriften 1970–1974. Werke. Band 4. Studienausgabe, Wetzlar: Büchse der Pandora, 29–55.

Müller, Peter O. (2010): Pictura & Nomenclatura. Zur Wissensvermittlung in Wort und Bild in der Sachgruppenlexikographie des 17. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Germanistische Linguistik, 2010, Vol.38 (3), 370–387.

Neval, Daniel Alexander (2006): Die Macht Gottes zum Heil. Das Bibelverständnis von Johann Amos Comenius in einer Zeit der Krise und des Umbruchs, Zürich: Theologischer Verlag Zürich.

Russ, Willibald (1973): Geschichte der Pädagogik. Klinghardts Pädagogische Abrisse, Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinghardt.


Abbildungen

Abb. 1: Comenius, Johann Amos (2012): Orbis Sensualium Pictus, in: Uvius Fonticola (Hg.): Joh. Amos Comenii. Orbis Sensualium Pictus. Frankfurt/M.: Friedrich Verlagsmedien, o. S.

Abb. 2: Comenius, Johann Amos (2012): Orbis Sensualium Pictus, in: Fonticola, Uvius (Hg.): Joh. Amos Comenii. Orbis Sensualium Pictus, Frankfurt/M.: Friedrich Verlagsmedien, 308.

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comenius, religionen, didaktik, orbis sensualium pictus