Neue Medien

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Rezension: Der Mensch, der Schreibmuskel, der Suchtfetzen

von Werner Schwab (hg. von Ingeborg Orthofer)

AutorIn: Magdalena Lehnhart

Vor über zwanzig Jahren starb einer der bemerkenswertesten Künstler und Autoren Österreichs: Werner Schwabs Gesamtwerk stand damit auf breiter Ebene wieder zur Diskussion. Magdalena Lenhart präsentiert den Stand der derzeitigen Diskussionen …

Abstract

2014 stand der 20. Todestag Werner Schwabs (1958–1994) an und im Zuge dessen, stieg das öffentliche Interesse am Grazer Autor merkbar. Dieser Umstand war sowohl an den Spielplänen der Theater erkennbar, als auch an der ansteigenden Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema. Eine solide Sammlung von Interviews und Essays von Werner Schwab fehlte damals allerdings noch und liegt nun vor.


Cover: Der Mensch, der Schreibmuskel, der Suchtfetzen
von Werner Schwab
Quelle: Amazon

Verlag: Droschl
Erscheinungsort: Graz
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-8376-3551-5

Der 2016 erschienene Sammelband zu Werner Schwab "Der Mensch, der Schreibmuskel, der Suchtfetzen" setzt sich aus drei Teilen zusammen: Interviews und Portraits, die über den Autor geschrieben und mit dem Autor geführt wurden, einer Sammlung an kurzen Essays vom Autor selbst und seinem längeren Essay "Der Dreck und das Gute. Das Gute und der Dreck". Ergänzt wird das Werk durch ein Nachwort von Diedrich Diederichsen, einem Nachweis der Erstveröffentlichungen und einer sehr nützlichen chronologischen Auflistung der Uraufführungen der Dramen Schwabs. An diesem Punkt beginnen nämlich häufig schon die Schwierigkeiten, wenn man sich mit dem Grazer Schriftsteller näher befassen möchte: die widersprüchlichen Angaben zu Aufführungsdaten, Veröffentlichungen und nicht zuletzt zur Biografie des Autors sorgen häufig für Verwirrungen.

Wie mittlerweile bekannt sein dürfte, ist das Mysterium um die Biographie Schwabs durchaus nicht zufällig entstanden. Ebenso verhält es sich mit dem gewissenhaft komponierten Image der öffentlichen Figur Schwab. Die Portraits und Interviews sind im Sammelband chronologisch angereiht und sowohl Fragen wie Antworten erweisen sich in der Zusammenschau extrem repetitiv. Kurioser Weise sind es jedoch genau diese Wiederholungen, die das 'Projekt Schwab' offenlegen. Dem Autor werden im Laufe der Zeit, genauer gesagt zwischen November 1990 und Oktober 1993, immer und immer wieder dieselben Fragen gestellt. Die Antworten die Schwab den JournalistInnen gibt, verändern sich jedoch, entwickeln sich weiter, so wie sich der Autor und sein Werk über die Jahre verändert und entwickelt hat. Wurde er beispielsweise am Anfang seiner Karriere gefragt, ob ihm der Hype um seine Person zusetzt, hat er das kategorisch verneint. Nach nur wenigen Jahren ist die Verdrossenheit des jungen Autors über den Kulturjournalismus, und etliche andere Dinge, in seinen Antworten deutlich herauszulesen. Doch auch die sprachliche Entwicklung und die angestrebte Struktur der Werke verändert sich, Schwab spricht beispielsweise in den Jahren 1990 und 1991 gerne darüber, dass seine Dramen wie eine mathematische Gleichung zu lesen sind, und zwar eine Gleichung mit 'Null Rest', "am Ende darf möglichst wenig dabei herauskommen.". Später sagt er, darauf angesprochen, dass ihm diese Devise mittlerweile nicht mehr wichtig sei, da er sein Werk nun anders konzipiere.

Interessant ist weiters die Gegenüberstellung von Interviews und Portraits. Es hat den Anschein, dass Schwab seinen GesprächspartnerInnen immer wieder und teilweise ungefragt, ganz bestimmte sprichwörtliche Knochen vor die Füße wirft, die seinen selbsterschaffenen Mythos unterstützen: obwohl er jahrelang gegenüber dem Schauspielhaus gewohnt hat, war er niemals im Theater, sondern nur bei Punkkonzerten. Seine Prosatexte wurden abgelehnt und die Leute, die ihm damals schrieben, sie würden seine Texte nicht verstehen, behaupten heute, sie hätten es immer schon gewusst. Er habe sich dem Theater zugewandt, weil ihm das das Fernste überhaupt war und er es eines Abends im Wirtshaus einfach beschlossen habe. Er hat prinzipiell keinerlei Interesse an Theater, geschweige denn an Gesellschaftskritik. Die Handlung eines Dramas interessiert ihn absolut nicht und außerdem ist das Wichtigste sowieso der Spaß am Schreiben. Für die JournalistInnen kommt das äußerliche Auftreten des Autors hinzu und schon schnappt die Falle zu. Beinahe allen GesprächspartnerInnen legt Schwab vorsichtig seine Image-Schlinge um den Hals und zieht behutsam zu. Die Interviews, wie die Portraits, ähneln sich teilweise fast aufs Wort, besonders die Einleitungen sind beinahe ident, wenn keine ohne die Erwähnung seines hünenhaften Aussehens, den roten Haaren und den groben Stiefeln auskommt und sein kometenartiger Aufstieg in den Theaterhimmel jedes Mal angeführt werden muss.  Und so ist im Vergleich von Interview und Portrait sehr schön zu erkennen, wie Schwab sein Image erschaffen hat. Er selbst sagte, wenn er anders aussehend würde, hätte er zumindest ein Drittel weniger Erfolg. Diesem Sammelband nach zu urteilen, muss man ihm dahingehend wohl leider Recht geben und so ist in den Wiederholungen abermals ein zentraler Punkt des Sammelbandes erkennbar: die Kritik an der verkürzten Berichterstattung des Kulturjournalismus der 1990er Jahre.


Der zweite Teil, die Sammlung von Kurzessays von Schwab ist besonders hilfreich, da diese Texte häufig sehr schwer zugänglich und bibliografische Angaben kaum auffindbar sind. Schwab schreibt in "Das Grauenvollste – einfach wundervoll", "Hausbeispiel und Spielgebiß", "Daheim" und in "Der Schreibmuskel und der Suchtfetzen" meist über sein Werk und sein Theaterverständnis. Dabei spielt immer die Sprache Schwabs die zentrale Rolle. Durch die Kunstsprache des Autors, dem sogenannten "Schwabischen", vollzieht er eine Subjekt-Objekt-Umkehrung, er formuliert sein Bestreben, seine "perverse Theaterrettungsidee", folgendermaßen: "Sprache in reines Menschenfleisch umzuwandeln … und selbstnatürlich umgekehrt.".

Ähnlich verhält es sich mit dem dritten Teil des Sammelbandes, der das Essay "Der Dreck und das Gute. Das Gute und der Dreck" beinhaltet. Er widmet sich in diesem Text vorrangig seiner Theaterkonzeption und der Frage nach der Beziehung zwischen dem Dreck, dem Guten und der Sprache, doch sind auch autobiografische Züge nachweisbar. Das Essay ist nicht im üblichen Sinne als wissenschaftlicher Text einzuordnen, was unter anderem dem "Schwabischen" geschuldet ist. Es ist jedoch durchaus möglich, eine Art Poetik aus dem Essay herauszulesen, am einfachsten zu erkennen ist dieser Umstand am "mongoloiden Osterhasen", den er als Beispiel heranzieht, um die verschiedenen Herangehensweisen eines Autors ans Theater darzustellen. Hier wird auch sichtbar, was vielerorts unerwähnt bleibt, doch in fast allen Schwab-Werken anzutreffen ist: der zynisch-bösartige Humor des jung verstorbenen Autors.

Der Sammelband ist also auf zumindest zweierlei Arten hilfreich: zum einen kann durch die Sammlung von Interviews und Portraits ein Eindruck über den Autor gewonnen und mit seinen Essays abgeglichen werden. Zum anderen erleichtert der Band die wissenschaftliche Recherche erheblich, denn bisher waren sowohl die Essays, als auch die Interviews nicht in gesammelter Form zugänglich und die Quellenangaben häufig fragwürdig. Es bleibt also zu hoffen, dass dieser Sammelband als edierte Grundlage für wissenschaftliche Arbeiten zur Auseinandersetzung mit dem Werk Werner Schwabs anregt, das noch viele unerforschte Tiefen in sich birgt.

Tags

theater, schwab, sammelband