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4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Rezension: Der Unernst des Kitsches. Die Ästhetik des laxen Blicks auf die Welt

von Yushin Ra

AutorIn: Bianca Burger

Yushin Ra hat den Kitsch als ästhetisches Phänomen einer eingehenden Analyse unterzogen. Dabei versucht sie die Frage nach dem Unernst mit Hilfe unterschiedlichster Theorien zu beantworten. Bianca Burger fasst diese Forschungen zusammen ...

Abstract

Den Kitsch-Begriff gibt es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Da in der bisherigen Forschung vor allem versucht wurde, eine Definition und einen einheitlichen Maßstab für Kitsch zu finden, fragt Yushin Ra nun erstmals nach einem besonderen Aspekt, dem Unernst des Kitsches.



Cover: Der Unernst des Kitsches
von Yushin Ra
Quelle: Amazon

Verlag: transcript
Erscheinungsort: Bielefeld
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-8376-3551-5

"Kitsch ist das Echo der Kunst", das sagte bereits der Publizist Kurt Tucholsky. Doch was "Kitsch" genau ist und wie er definiert werden kann, stellt vielfach noch ein Problem dar. Diese Problematik ist es auch, die die Kultur- und Kunstphilosophin Yushin Ra ihrem Buch voranstellt. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Aufzeigen der "Einzigartigkeit des Unernstes des Kitsches" und der Unterstreichung seines eigenständigen Charakters. Auf knapp 200 Seiten versucht Yushin Ra zu ergründen was Kitsch ist, was ihm zugeschrieben wird zu sein und vor allem worin sich sein Unernst zeigt. Die Abhandlung wurde ursprünglich als Dissertation an der Freien Universität Berlin eingereicht und der Charakter einer Hochschulschrift ist auch in Buchform zum einen in der Kapitelstruktur, in der Unterkapitel auf Unterkapitel folgt, zum anderen in der Absteckung sämtlicher Rahmenbedingungen und Definitionen noch deutlich spürbar. Wer sich eine schnelle Antwort auf die Frage, was den nun den "Unernst des Kitsches" ausmacht, erhofft, wird enttäuscht werden. Die LeserInnen werden langsam dorthin geführt und müssen sich auf dem Weg zur Antwort mit vielen ästhetischen, kunsttheoretischen und kunstphilosophischen Themen auseinandersetzen. Wie das Zitat von Tucholsky bereits verdeutlicht werden Kitsch und Kunst als miteinander verbunden verstanden. Es gelten ähnliche Maßstäbe, wobei dem Kitsch oft nachgesagt wird, dass ihm die entscheidenden Merkmale der Kunst fehlen, weshalb die beiden Begrifflichkeiten vielfach als Antonyme verstanden und gebraucht werden. Im Laufe der Zeit hat sich der Begriff des Kitsch gewandelt und eine Bedeutungsveränderung erfahren, indem er nicht mehr auf die Kunstszene beschränkt wird, sondern ebenfalls im Zusammenhang mit Gebrauchsgegenständen oder Dekorationsartikel gebraucht wird. Kitsch ist zu einer Bezeichnung mit einer "bestimmten ästhetischen Tendenz" geworden, die sich eignet, um auf bestimmte ästhetische Merkmale zu verweisen.

An erster Stelle widmet sich Yushin Ra der Vielschichtigkeit des Kitsch-Begriffs, bevor sie erst nach mehr als der Hälfte des Buches auf den eigentlichen Kern zu sprechen und sich an Hand mehrerer sinnfälliger Beispiele wie einer Disney-Kuckucksuhr, eines Bierkruges mit Bismarck-Kopf, sowie einem Ausschnitt aus einem als kitschig geltenden Arztroman dem Unernst des Kitsches zum einen auf einer sprachwissenschaftlichen und zum anderen auf einer philosophischen Ebene nähert. Da sowohl Kunst als auch Kitsch zur Ästhetik zählen, versucht Ra den Unernst der Kunst auf jenen des Kitsches zu übertragen, was sich jedoch nur als bedingt praktikabel erweist, da der Kitsch über mehrere Ebenen als die Kunst verfügt. Ein kitschiger Gegenstand verfügt nicht nur über einen ästhetischen Wert, sondern fungiert meist auch als Gebrauchsgegenstand, während künstlerischen Gegenständen dieser praktische Nutzen fehlt. Die zentrale These der Autorin ist, dass sich der Kitsch, ähnlich wie die Kunst, Unernst präsentiert, weil die Absicht sich aufrichtig zu verständigen bei Kitschgegenständen in den Hintergrund tritt, sondern ihnen ein spielerisches Element inne wohnt, das vermittelt, dass es nicht ernst gemeint ist.

Auf Grund der Komplexität des Themas und der Herangehensweise kann vieles nur oberflächlich angesprochen werden. Teilweise verliert sich die Autorin in den Erklärungen einzelner Sachverhalte, die man schneller auf den Punkt bringen könnte und deren Verhältnis zur ursprünglichen Fragestellung nicht immer deutlich wird. Yushin Ra hat sich einem bisher wenig bis gar nicht behandelten Thema angenommen und versucht die Frage nach dem Unernst mit Hilfe unterschiedlichster Theorien zu beantworten. Dabei knüpft sie an viele bekannte philosophische Hypothesen an, was ein Vorwissen in Sachen Ästhetik sowie Philosophie voraussetzt und das Buch daher eher als Arbeitsbuch denn als Bettlektüre eignet.

Tags

kitsch, kunst, ästhetik