Neue Medien

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Rezension: The View from the Cheap Seats. Selected Nonfiction.

von Neil Gaiman

AutorIn: Christina Wintersteiger

Neil Gaiman ist ein leidenschaftlicher Leser und Künstler, dessen Liebe zur Literatur, zur Kindheit, zum Träumen zur Kunst des Geschichtenerzählens sich in Reden, Vorworten, Vorträgen und Essays dokumentiert. Christina Wintersteiger berichtet …

Abstract

Neil Gaiman, Autor zahlreicher Fantasy-, Science-Fiction- und Kinderbücher sowie Comics (am bekanntesten wohl die DC-Reihe "The Sandman"), legt hier eine Auswahl nichtfiktionaler Texte vor. Die in dem abwechslungsreichen Band abgedruckten Reden, Vorworte, Vorträge und Essays sind die Hommage eines leidenschaftlichen Lesers und Künstlers an die Literatur, die Kindheit, das Träumen und an die Kunst des Geschichtenerzählens. – Christina Wintersteiger hat diesen sehr persönlichen Band nicht minder persönlich für die MEDIENIMPULSE rezensiert.



Cover: The View from the Cheap Seats. Selected Nonfiction.
von Neil Gaiman
Quelle: Amazon

Verlag: HarperCollins
Erscheinungsort: New York
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-0-06-245962-6

"Ask me with a gun to my head if I believe in them, all the gods and myths that I write about, and I’d have to say no. Not literally. Not in the daylight, nor in well-lighted places, with people about. But I believe in the things they can tell us. I believe in the stories we can tell with them. I believe in the reflections that they show us, when they are told. And, forget it or ignore it at your peril, it remains true: these stories have power." – so Neil Gaiman. Vielen LeserInnen mögen seine Romane wie "American Gods" oder "Stardust" geläufig sein, einigen wohl auch seine Comics oder Kinderbücher wie "The Sandman" und "Coraline". Der vorliegende Band hält sowohl für bekennende Gaiman-Fans spannende Einblicke bereit, eignet sich aber auch gut als Einstieg in sein kreatives Universum. In mehreren Abschnitten, die alle vor Begeisterung sprühen und sich mit den Leidenschaften des Künstlers (Literatur, Musik, Menschen, Märchen, Film, Comics, Träume) auseinandersetzen, erzählen die Vorträge, Reden, Vorworte, Essays und Artikel Gaimans darüber, wie er zu dem geworden ist, was er ist – und was ihn als Schriftsteller und Mensch antreibt. Hier reihen sich Anekdoten, Erinnerungen, liebevolle Schilderungen von Freundschaften, zärtliche und witzige Porträts von KollegInnen aneinander und zeigen einen Autor, der – wie ein Kind mit Staunen und leuchtenden Augen – den Lesenden dieses Buches seine Welt erklärt und sie zu Nostalgie und kreativem Tatendrang anspornt.

Als Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin habe ich einen bestimmten Zugang zu Büchern, zum geschriebenen Wort, doch kaum je bin ich auf eine treffendere Definition meiner Tätigkeit gestoßen, als in dem Abschnitt "Some Things I believe": "It is the job of the creator to explode. It is the task of the academic to walk around the bomb site, gathering up the shrapnel, to figure out what kind of an explosion it was, who was killed, how much damage it was meant to do and how close it came to actually achieving that." Nach dieser Einschätzung von ihm selbst mache ich mich nun daran, die kleinen Bruchstücke Gaimans – Hautfetzen, Herzstücke, Hirnschmalz – zusammenzuklauben, zu betrachten und den Unfallort der Explosion abzugehen.

Das Kapitel "Some things I believe" ist eine Zusammenstellung von Texten, die zeigen sollen, wer Gaiman ist und vor allem, warum und für wen er schreibt: ein Plädoyer für Büchereien und Buchgeschäfte, Lesewürmer und Tagträumer – denn: "Our future depends on libraries, reading and daydreaming." Der Kinderbuchautor erzählt von den Orten und fiktionalen Welten seiner Kindheit, über die Herausforderung, als Engländer über Amerika zu schreiben, über seine Ansichten zu "Kinderliteratur" und dem Konzept "Genre" an sich, immer unter einem ironisch-bis-sympathisch-ehrlichen Vorbehalt: "I hope none of you are here for answers". Auch in den weiteren Kapiteln strebt der Autor nicht danach, Antworten zu liefern, sondern Inspirationen und Erinnerungen. Der Abschnitt "Some people I have known" versammelt Porträts und Begegnungen mit anderen AutorInnen  (u. a. Douglas Adams, Harlan Ellison oder Stephen King) und wir lernen den ehemaligen Journalisten Gaiman kennen. Des Weiteren zeigen uns diverse Vorworte und Gedanken über Science-Fiction Bücher und Filme seine Art, die Welt und ihre Kunst zu betrachten. Man kann diese gesammelten Aufsätze auch problemlos als Vorlage für seine nächste Buchbestellungsliste heranziehen – denn Gaiman spricht dermaßen enthusiastisch über Bücher, man kann nicht umhin, an seiner Begeisterung teilhaben zu wollen.

Kenner seiner Werke werden sich auch über Betrachtungen seiner eigenen Arbeiten (Drehbücher zu "Dr. Who", "MirrorMask" oder "Coraline") freuen, und seine Freunde und Kollegen (wie z. B. Dave McKean, mit dem er an "MirrorMask" gearbeitet hat und der zahlreiche seiner Kinderbücher illustriert hat) besser kennenlernen.  Das Kapitel "On Comics and Some of the People Who Make Them" gibt Einblicke in das Comicgeschäft und zeigt Gaiman als erfahrenen Comicautor, der aufstrebende Künstler an seiner Erfahrung teilhaben lassen möchte. Ganz wichtig: "Trust your obessions." Und: "My first piece of advice is this: Ignore all advice. In my experience, most interesting art gets made by people who don’t know the rules, and have no idea that certain things simply aren’t done: so they do them. Transgress. Break things. Have too much fun."

Neil Gaiman ist ein Autor mit vielen Leidenschaften – was seine nichtfiktionalen Texte so spannend macht, ist, dass jedeR darin etwas entdecken kann, das die eigenen Leidenschaften anspricht. Ob es sich nun um Musik handelt (ein großartiges Interview mit Lou Reed oder der Booklet-Text zum Album "Who killed Amanda Palmer"), um Klassiker der Literaturgeschichte (Poe, Wells, Lovecraft und viele mehr), Märchen, Freundschaft oder – schlicht und einfach – Liebe (ob nun zu seiner Frau, der Künstlerin Amanda Palmer, zu seinen zahlreichen Freunden und seinen Kindern, oder zu Geschichten an sich). Als Herzstück der Gaiman’schen Explosion, die dieser Band darstellt, sticht "Make Good Art" heraus, nichts weniger als ein Manifest: "Husband runs off with a politician? Make good art. Leg crushed and then eaten by a mutated boa constrictor? Make good art. IRS on your trail? Make good art. Cat exploded? Make good art." Über einige der Dinge, die ihn selbst antreiben (auch wenn er mit keiner mutierten Riesenschlange aufwarten kann), erzählt Gaiman noch einmal in dem letzten Abschnitt, "The View from the Cheap Seats: Real Things" – reale Ereignisse seines Lebens, Politik, Beziehung, Tod, die Band The Dresden Dolls.

"The View from the Cheap Seats" ist eine wunderschöne Sammlung von Gedanken, Anekdoten, Interpretationen (von Büchern, Menschen, dem Leben) eines spannenden und facettenreichen Autors. Wenn man durch ist, will man mindestens ein paar Bücher von Gaiman lesen, ein paar der von ihm empfohlenen, und vielleicht auch gleich das eine oder andere selber schreiben: "And now go, and make interesting mistakes, make amazing mistakes, make glorious and fantastic mistakes. Break rules. Leave the world a more interesting place for your being here. Make good art."

Tags

gaiman, comics, kunst, ästhetik