Neue Medien

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Rezension: Film und Kino. Die Faszination der laufenden Bilder

von Elizabeth Prommer

AutorIn: Raffaela Rogy

Sie brauchen Unterlagen zum historischen Wandel des Mediums Film? Dann hat Raffaela Rogy für Sie wichtige Arbeit gleistet und den Band "Film und Kino. Die Faszination der laufenden Bilder" von Elizabeth Prommer für Sie durchgesehen …

Abstract

Die Reihe "Medienwissenschaft kompakt", unter der Herausgeberschaft von Klaus Beck und Gunter Reus, legt mit "Film und Kino. Die Faszination der laufenden Bilder" von Elizabeth Prommer nun einen Band vor, der es sich zur Aufgabe macht die Wirkkraft sowie den historischen Wandel des Mediums Film für interessierte Laien als auch für Studierende der Sozial- und Geisteswissenschaften komprimiert, verständlich und journalistischen Standards folgend zugänglich zu machen.



Cover: Film und Kino
von Elizabeth Prommer
Quelle: Amazon

Verlag: Springer VS
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-658-09085-2

Am 28. Dezember 1895 erfuhr der Film mit der Aufführung der Gebrüder Lumière in Paris seine Geburtsstunde. Seither hat das neue Medium Film sowie das Kino Geschichte geschrieben, die weltweit technische wie künstlerische Innovationen, (gesellschafts-) politische Interventionen, Filmindustrien, Stars und faszinierte Publikumsgenerationen mit sich zog und noch nicht am Ende ist. Diesem vielseitigen Wandel geht die Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft Elizabeth Prommer im hundert Seiten starken Band "Film und Kino. Die Faszination der laufenden Bilder" nach und legt dabei einen Schwerpunkt auf Deutschland, wobei dieses in Bezug zur globalen Film- und Kinoentwicklung gesetzt wird. Prommer wählt für ihre Ausführungen eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive, d. h. Film im Kino ist ein Kommunikationsmedium dessen historische Entwicklung mit starkem Bezug auf das Publikum betrachtet wird. Dabei hält Prommer fest, dass mit der Einbeziehung des Publikums und dessen Rezeption Film und Kino nicht als Kunstwerk, sondern als (Massen-)Medien angesehen werden. Der künstlerische Anspruch, so Prommer, findet sich auf der Seite der Kunstschaffenden, deren Werke unterschiedlich wahrgenommen werden.

Zunächst erhält man in "Film und Kino. Die Faszination der laufenden Bilder" einen Überblick über die Geschichte von Film und Kino. Fanden anfänglich Filmvorstellungen auf Jahrmärkten oder in Varietétheatern statt, wurden Kinos ab 1906 urbaner Bestandteil in Deutschland, Frankreich oder in den USA. Durch die ortsfesten Spielstätten entwickelte sich das System des Filmverleihs und der Anspruch des Publikums auf längere (Stumm-)Filme stieg. Die ersten Stars wie Asta Nielsen waren geboren und die Filmindustrie wuchs durch ihre Filmstudios wie z. B. im deutschen Babelsberg oder in Hollywood. Im Ersten Weltkrieg erlitt die europäische Filmindustrie einen Stillstand während sich in Hollywood das Studiosystem sowie erzählerische wie technische Filminnovationen etablierten. In den 1920er Jahren ging es mit der deutschen Kinoindustrie bergauf und der Tonfilm setzte sich durch. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Film mit seinen Pflichtkinovorführungen für Propagandazwecke von den am Krieg beteiligten Regierungen genutzt. Nach 1945 erholte sich die Kinoindustrie schnell, was sich an hohen BesucherInnenzahlen zeigt, die bis zum Ende der 1960er mit dem Aufkommen des Fernsehens deutlich sanken. Zahlreiche Kinoschließungen waren die Folge. In den 1950er Jahren wurden in Deutschland Heimatfilme oder imperiale Historienfilme wie "Sissi" geschätzt, während die amerikanischen Majorstudios gesetzlich zerschlagen wurden. Größen wie Alfred Hitchcock setzten neue ästhetische Maßstäbe und wenig später erhoben Autorenfilme aus Frankreich, Italien oder Deutschland den Film zur Kunst wodurch neue Denkanstöße gesetzt werden sollten. Die 1990er und 2000er Jahre brachten Multiplex-Kinos, aufwändige Filme mit Special Effects sowie die 3D-Technologie hervor, die vermehrt ZuschauerInnen in die Kinos lockten. Während in Hollywood größtenteils auf eine Franchise-Strategie gesetzt wird, kann dem Fernsehen aktuell mit hochwertigen Serien wie "Mad Men" oder "House of Cards" eine künstlerische Linie zugesprochen werden.

Über die Filmindustrie erfährt die Leserschaft von "Film und Kino. Die Faszination der laufenden Bilder" anschaulich an Diagrammen wie Film und Kino zwischen Kunst und Kommerz bzw. zwischen Milliardenindustrie und Kulturförderung oszilliert. Dabei erläutert Elizabeth Prommer die Schritte der Filmherstellung, des Vertriebs sowie die Aufführung im Kino. Akzente werden ebenfalls auf den Unterschied zwischen Multiplex- bzw. Mainstream-Kinos und des Programm- oder Arthaus-Kinos gesetzt sowie auf Filmfestivals. Die vielseitigen Zugänge der Filmtheorie und die Methoden der Filmanalyse werden überblicksartig umrissen und man erfährt beispielsweise die Wortherkunft von "Blockbuster".

Wer geht ins Kino? Dieser Frage widmet sich schließlich der vorliegende Band und zeigt, dass sich verschiedene Gruppen (vor allem in Deutschland aufgrund des Forschungsstandes) von KinogeherInnen ausmachen lassen. So haben etwa über 50-Jährige einen anderen Filmgeschmack sowie Motive ins Kino zu gehen als unter 25-Jährige. Es lässt sich an Studien belegen, dass der Kinobesuch im gesellschaftlichen Verbund bei Jugendlichen einen höheren Stellenwert hat als bei Erwachsenen, die – je älter sie werden – öfters allein ins Kino gehen. Der Gang ins Kino erfordert auch die Auswahl eines Films, die bei unterschiedlichen Generationen anders ausfallen kann: KinobesucherInnen über 50 Jahre vertrauen eher auf Filmkritiken als jüngere KinobesucherInnen, die sich oftmals an Werbungen und Trailern orientieren. Prommer arbeitet die Unterschiede von Mainstream- sowie Arthaus-orientiertem Kinopublikum heraus, weist zudem auf Jugendschutz im Kino hin und veranschaulicht das Kinoverhalten im Laufe des Lebens bei rund hundert befragten Personen. Der demografische Wandel sowie die immer mehr verbreitete Möglichkeit sich Filme online anzusehen, könnte das Aussterben des Kinopublikums verursachen. Will der Film seine Heimstätte Kino behalten und gesellschaftlicher Ort bleiben, so muss er sich stets neu erfinden.

"Film und Kino. Die Faszination der laufenden Bilder" gibt einen klar strukturierten und gut lesbaren Überblick bzw. ersten Einblick über die Beziehung von Film und Kino, über dessen Werdegang und die weltweite Auswirkung, die dieses Medium auf die Menschen hat, die letztlich an Studien über das Publikum anschaulich und unterhaltsam belegt wird. Literaturtipps sowie ein Glossar runden das Werk ab, das ohne Übersetzungsfehler und einer einheitlichen und gendergerechten Schreibweise ansprechender wäre. Die Argumentation der Autorin kippt oftmals zu sehr in ein dichotomes Denken, das den feinen Ziselierungen des Films nicht gerecht wird. Bei einer romantischen Komödie beispielsweise, interessiert sich das Publikum, so Prommer, für die Figuren mehr als bei einem Actionfilm, bei welchem man wenig bis nichts über Helden und Bösewichte erfährt und stattdessen der Verlauf der Handlung sowie Actionszenen mit Spezialeffekten im Vordergrund stehen. Betrachtet man das Actiongenre der letzten Jahre wie die "Batman"-Trilogie von Christopher Nolan oder die "X-Men"-Reihe, die im vorliegenden Band als Beispiel genannt werden, erkennt man neben den mit Spezialeffekten versehenen Szenen die feine psychologische Entwicklung der Figuren wie z. B. eines Joker oder eines Magneto. Anhand der Zahlen und Studien, die Elizabeth Prommer präsentiert, scheint es, als würde die Filmkritik und das Kinopublikum oder das Kunstwerk Film und das Massenmedium Film sich kaum kennen und auf zwei Seiten stehen. Dies fordert zu Diskussionen auf und regt Filminteressierte sowie jene die sich dem Medium Film berufen fühlen zum Weiterdenken, -lesen und -blicken an.

Tags

film, kino, fimgeschichte, deutschland