Praxis

4/2016 - Macht, Souveränität, Herrschaft

Jüdische Geschichte digital

Das Projekt Geschichtomat lässt SchülerInnen ihre jüdische Nachbarschaft erforschen

AutorIn: Carmen Smiatacz

Im Schulalltag ist wenig Zeit deutsch-jüdische Geschichte jenseits der Opferperspektive zu vermitteln. Mit dem Einsatz digitaler Medien ändert dies das Schülerprojekt Geschichtomat aus Hamburg. Carmen Smiatacz berichtet ...

Im deutschen Schulalltag ist wenig Zeit sich mit jüdischer Geschichte und Kultur jenseits der Opferperspektive zu beschäftigen. Eine empirische Studie deutscher Schulbücher zeigt, dass jüdische Geschichte vorrangig in Verbindung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust unterrichtet wird. (Liepach 2014: 15). Auch in anderen Epochen wird jüdische Geschichte meist mit Verfolgungsgeschichte gleichgesetzt. Dies ist in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen steht die zweitausendjährige jüdische Geschichte Europas damit im Rückblick von heute zwangsläufig im Zeichen des Holocaust. Es werden Parallelen von den mittelalterlichen Verfolgungen über den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts bis hin zum Nationalsozialismus gezogen. Jüdische Geschichte erscheint so als Vorgeschichte des Holocaust. Ein zweites Problem entsteht durch das Weglassen oder Nichtunterrichten der Perioden des friedlichen Nebeneinanderlebens von Juden und Nichtjuden. Dadurch werden Juden immer ausschließlich als Ausgegrenzte dargestellt. (Liepach 2014: 176f.) Dieser Befund hinterlässt die Frage: Wie kann jüdische Geschichte anders vermittelt werden? Und können digitale Medien dabei helfen?

1. Was steckt hinter Geschichtomat?

Das Projekt Geschichtomat bietet eine Lösung an, indem es Impulse für eine vielseitige Vermittlung jüdischer Kultur und Geschichte gibt. Ziel des deutschlandweit einzigartigen Projekts ist es, SchülerInnen einen eigenständigen Zugang zur jüdischen Geschichte, Kultur und Gegenwart in ihrer Stadt zu eröffnen. Im Rahmen von Projektwochen gehen die Jugendlichen in ihrem Stadtteil (oder in ihrer Stadt) auf Spurensuche. Sie beschäftigen sich mit historischen Personen, Orten oder Ereignissen und setzen sich mit aktuellem jüdischen Leben auseinander. Mit fachlicher und medienpädagogischer Begleitung recherchieren sie, führen Interviews mit Experten und Zeitzeugen, besuchen Museen und Archive, drehen und schneiden Filme, bearbeiten Fotos und schreiben Texte. Zum Ende der Projektwoche werden die fertigen Beiträge auf die Geschichtomat-Website www.geschichtomat.de hochgeladen. So entsteht nach und nach ein digitaler Stadtplan zum jüdischen Leben aus der Sicht von Jugendlichen. Durch die Verortung im Stadtteil, die freie Themenwahl, die Entwicklung eigener Fragestellungen und nicht zuletzt durch den Bezug zum eigenen Lebenskontext erhalten die SchülerInnen die Möglichkeit eines individuellen Zugangs zu Geschichte. Ritualisierte Formen des Erinnerns und mahnenden Gedenkens werden auf diese Weise aufgebrochen.

Der Geschichtomat wird vom Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden getragen. Nach knapp zweijähriger Entwicklungsphase konnte das Projekt im Februar 2013 erstmalig als Modell an einer katholischen Stadtteilschule (Gesamtschule) in Hamburg-Barmbek realisiert werden. Seitdem haben 22 Projektwochen an verschiedenen Schulen im Hamburger Stadtgebiet stattgefunden, darunter vor allem Stadtteilschulen (Gesamtschulen), aber auch Gymnasien und ein regionales Berufs- und Bildungszentrum. Über 500 SchülerInnen von der 7. bis zur 12. Klasse haben sich bislang beim Geschichtomat beteiligt: Sie waren auf jüdischen Friedhöfen, haben koschere Gummibärchen verkostet, Matzen gebacken oder die Synagoge besucht. Sie haben sich mit dem Schicksal verfolgter JüdInnen auseinandergesetzt, sich mit den Kindertransporten oder der Bücherverbrennung von 1933 beschäftigt. Dabei sind bisher über 100 Kurzfilme entstanden.

2. Ablauf einer Projektwoche

Vor Beginn einer Projektwoche finden ein bis zwei Treffen mit der Schulklasse und der Lehrkraft statt. Diese sogenannten Auftaktveranstaltungen dienen zum gegenseitigen Kennenlernen, zur Überprüfung des Wissenstands und eventueller Vorkenntnisse der SchülerInnen sowie zur Erklärung des Projekts und des Ablaufs der Projektwoche. In Hamburg findet während dieser Auftaktveranstaltung meist noch eine Rallye durch das Grindelviertel, das ehemalige jüdische Viertel der Stadt, statt. Die SchülerInnen bekommen so die Möglichkeit frühere und heutige Orte jüdischen Lebens zu erforschen und einen ersten Eindruck von der langen jüdischen Geschichte ihrer Heimatstadt zu gewinnen. Die Ergebnisse der Rallye werden gemeinsam besprochen und präsentiert. Im Anschluss daran werden die verschiedenen Themen für die Projektwoche vorgestellt und Gruppen mit vier bis fünf SchülerInnen bilden sich.

Geleitet wird die Projektwoche von einem Team aus zwei MedienpädagogInnen und einer Kulturvermittlerin. Diese bringen auch das nötige technische Equipment – Kameras, Ton und Schnittrechner – mit in die Schule. Die Schule selber muss lediglich einen Klassenraum, einen Zugang zum Computerraum für mögliche Recherchearbeiten sowie eine Lehrkraft zur Verfügung stellen. Die Projektleiterin bereitet im Vorfeld die jeweiligen Themen für die Projektwoche vor, stellt Materialien zusammen und sucht gegebenenfalls Interviewpartner.

Die Projektwoche beginnt mit der Einarbeitung in die verschiedenen Themen. Materialien zum Einlesen werden verteilt. Zudem bekommen die SchülerInnen eine Übersicht, ob und wann sie Interviews haben und wer ihre Interviewpartner sind. Diese Interviews müssen vorbereitet, Fragen erarbeitet und gegebenenfalls passende Drehorte gesucht werden. Parallel findet eine Einführung in die Technik durch die MedienpädagogInnen statt. Für viele SchülerInnen ist es der erste Umgang mit einer professionellen Kamera. Das Einstellen und Aufbauen der Technik will geübt sein, aber auch das Platzieren eines Interviewpartners muss erlernt werden.

Die SchülerInnen müssen lernen eine Geschichte zu erzählen und sich dabei mit ihrer Nachbarschaft auseinanderzusetzen. So haben sie einen direkten Bezug zu ihrem Erforschten. Geschichte wird bei Geschichtomat erarbeitet, denn die Jugendlichen sollen einen eigenen Beitrag erstellen und eine eigene Geschichte erzählen. Dafür müssen sie die verschiedenen Informationen, die sie über die letzten Tage gesammelt haben, filtern, ordnen und in ihrem Beitrag strukturieren. Durch die Auswahl dessen, was in das spätere Video soll, lernen die SchülerInnen das Geschichte immer eine Narration zugrunde liegt. Es muss also immer hinterfragt werden, nach welchen Kriterien und auf welcher Grundlage Informationen ausgewählt wurden. (Barricelli 2012: 261) Gleichzeitig setzen sich die Jugendlichen mit dem Internet als Recherchemedium auseinander. Sie lernen die Suchergebnisse zu hierarchisieren und Inhalte zu bewerten. (Bernsen 2012: 6ff.)

Der zweite und dritte Tag der Projektwoche dient dem Sammeln von Materialien. Interviews werden geführt, Fotos gemacht, Ansager vor der Kamera eingesprochen. Während ihrer Recherche lernen die SchülerInnen, unter anderem durch unterschiedliche Primärzeugnisse oder Interviews mit ZeitzeugInnen und ExpertInnen, verschiedene Sichtweisen auf die Vergangenheit kennen. (Bergmann 2008: 160) Anhand dieser unterschiedlichen Darstellungen kann in einer Schülergruppe über die verschiedenen Perspektiven und Interpretationsmöglichkeiten von Geschichte diskutiert werden. So kann die Vorstellung von einer linear verlaufenden Geschichte aufgebrochen werden. (Bernsen 2012: 8) Bei den ZeitzeugInnen- und ExpertInneninterviews treten die Jugendlichen zudem in einen Dialog mit den Generationen, wobei sie den Verlauf des Gesprächs vorgeben und auf diese Weise nicht nur die Rolle der RezipientInnen, sondern auch der AkteurInnen einnehmen. In der Regel ist dies an anderen außerschulischen Lernorten oder in der Schule anders, da hier Gespräche durch die Lehrkraft moderiert werden. (Kowitz-Harms/Menny 2014: 334)

Geschichtomat bietet zudem die Möglichkeit sich mit verschiedenen, bis dahin vielleicht wenig bekannten Kulturen, auseinanderzusetzen. Dadurch entsteht ein "interkulturelles Geschichtslernen". (Jebrak: 8) Gerade in Großstädten und Metropolen besitzen SchülerInnen vielfach einen Migrationshintergrund. Verschiedene Religionen und Kulturen lassen sich innerhalb einer Klasse finden. Dies bietet die Chance für Diskussionen, um als eigen und fremd erachtete Identitäten.

Der Schnitt der Videos dauert in der Regel am Längsten und fordert von den Jugendlichen eine erhöhte Konzentration. Die Interviews müssen wieder und wieder angehört, wichtige Informationen herausgefiltert und Zusammenhänge verstanden werden. In der Regel haben die SchülerInnen noch nie mit einem professionellen Schnittprogramm gearbeitet. Vereinzelt ist auf Smartphones gefilmt und geschnitten worden. Einige Jugendliche haben bereits bei YouTube Videos hochgeladen. Für Geschichtomat sollen aber kurze Dokumentationen entstehen, die sachlich korrekt sein müssen. Diese haben einen anderen Anspruch als selbstgedrehte Handyvideos.

Die SchülerInnen müssen sich deshalb mit dem Medium Internet auseinandersetzen. Ihre Beiträge müssen inhaltlich und sachlich richtig sein, aber auch visuell ansprechend. Um die Aufmerksamkeit späterer Nutzer zu sichern, sollen die Videoclips eine Länge von vier bis fünf Minuten haben. Spannung muss in ihnen aufgebaut werden, sie sollten abwechslungsreich gestaltet werden und gegebenenfalls unterschiedliche Medien, wie zum Beispiel Musik oder Fotos einbinden. Die Erarbeitung eines Drehbuchs ist deswegen unerlässlich. (Kowitz-Harms/Menny 2014: 335) Gleichzeitig dürfen die Jugendlichen keiner "Technikfaszination" erliegen. Der Inhalt darf bei aller gestalterischen Freiheit nicht zu kurz kommen. Das dies nicht geschieht, liegt in der Verantwortung der Geschichtomat-MitarbeiterInnen und der Lehrkraft.

3. Der Einsatz digitaler Medien – Chance und Risiko

Zum Abschluss der Projektwoche werden die fertigen Beiträge auf die Geschichtomat-Website hochgeladen. Außerdem erfolgt eine Präsentation der Videos im Klassenraum oder vor anderen Klassen. Die Veröffentlichung der Beiträge auf einer Website verleiht ihnen eine höhere Wertigkeit gegenüber einer Präsentation im Klassenraum. Dies kann zu einer Reflexion über die Macht des Mediums Internet führen. Gleichzeitig erlaubt die niedrigschwellige Publikationsmöglichkeit den Jugendlichen selbst die Rolle von GeschichtsproduzentInnen einzunehmen und bietet Raum für eigene Gestaltung und Selbstdarstellung. Aber die Veröffentlichung von Beiträgen im Internet birgt auch Gefahren. Die Verbreitung der Videos ist kaum kontrollierbar. Geschichtomat-Beiträge sind deshalb auf einem nicht-öffentlichen Kanal bei YouTube eingebunden. So können sie auf dieser Plattform nicht direkt gefunden und ausschließlich über die Geschichtomat-Website aufgerufen werden. Eine Weiterverbreitung und Verlinkung wird somit erschwert.

Die SchülerInnen erhalten während des Projektes eine erhöhte Sensibilität im Umgang mit Quellen und bei der Darstellung bestimmter Themenkomplexe im Internet. Bevor sie vor eine Kamera treten, muss dies gut überlegt sein. Dies gilt natürlich auch für ihre Interviewpartner. Persönlichkeitsrechte, aber auch Ton- und Bildrechte Dritter müssen gewahrt werden. Deswegen dürfen für Geschichtomat-Beiträge nur Video- und Audioaufnahmen sowie Fotos verwendet werden, für die vorab die Rechte geklärt worden sind, beziehungsweise die selbst von den SchülerInnen produziert wurden. Jugendliche laden inzwischen selbst viele Fotos, Musik und Videos auf Social Media Websites wie Facebook oder Instagram hoch. Eine Sensibilisierung gegenüber diesen Medien ist deswegen wichtiger Bestandteil aktueller Medienpädagogik.

Die Präsentation der Ergebnisse im Internet bietet die Chance der späteren Nachnutzung und Einbindung in den Unterricht. Damit wird ein individuelles und forschendes Lernen ermöglicht. Audiovisuelle Medien lassen sich gewinnbringend in den Geschichtsunterricht einbeziehen, da sie einen Lebensweltbezug besitzen. (Binnenkade 2013: 346) Auf der Geschichtomat-Website lassen sich zudem speziell erstellte Unterrichtsmaterialien zu den Themen "Kosheres Essen", "Kindertransporte" und "Jüdische Friedhöfe" finden. Die SchülerInnen werden darin aufgefordert sich spezielle Geschichtomat-Beiträge anzuschauen und das eben Gesehene anhand verschiedener Fragen und Arbeitsaufträge nachzuvollziehen, zu hinterfragen und zu verstehen. Dadurch ermöglicht sich eine neue Art der Auseinandersetzung mit Geschichte. Die Geschichtomat-Beiträge sind somit von Jugendlichen für Jugendliche.

Das Projekt Geschichtomat zeigt, dass Geschichte mit Hilfe digitaler Medien zeitgemäß vermittelt werden kann. Die teilnehmenden Jugendlichen erforschen und entdecken ihre Nachbarschaft und lernen jüdische Geschichte auf eine neue, einzigartige Weise kennen. Dadurch entwickeln sie einen Bezug zur jüdischen Kultur, Geschichte und zu jüdischem Leben, der ihnen durch den normalen Schulunterricht nicht vermittelt werden kann. JüdInnen sind nicht mehr nur Opfer, jüdische Geschichte nicht mehr nur eine Verfolgungsgeschichte, sondern Teil der Stadtteilgeschichte. Die Einbeziehung digitaler Medien hilft dabei, das Projekt für SchülerInnen interessant und alltagsnah zu gestalten. Das Internet ist aus dem Alltag der Jugendlichen kaum mehr wegzudenken. Auch im Unterricht nimmt die Bedeutung zu. Umso wichtiger ist das Erlernen eines adäquaten Umgangs mit dem Medium Internet, zielgerichtete Recherchen einzuüben und den Blick für Gefahren und Probleme des Netzes zu schärfen. (Kowitz-Harms/Menny 2014: 341)

Derzeit gibt es das Projekt ausschließlich in Hamburg. Die technischen Voraussetzungen für eine Erweiterung des Projektes sind im vergangenen Jahr geschaffen worden. Nun können theoretisch weltweit Beiträge auf der Website hochgeladen und mit einem Punkt auf der Weltkarte verlinkt werden. Die Umsetzung von Projektwochen außerhalb Hamburgs ist ausdrücklich erwünscht. Das Geschichtomat-Team und die Projektleiterin stehen für Fragen und Anregungen jederzeit zur Verfügung.

Geschichtomat ist für alle Schulformen geeignet. Teilnehmen können SchülerInnen ab der Mittelstufe (7. Klasse) im Klassenverband oder in Projektgruppen. Infos unter www.geschichtomat.de, E-Mail: geschichtomat@igdj-hh.de oder Tel. +49 40/428 38 80 45.


Literatur

Barricelli, Michele (2012): Narrativität, in: Barricelli, Michele/Lücke, Martin (Hg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Bd. 1, Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag,  255–280.

Bergmann, Klaus (2008): Geschichtsdidaktik. Beiträge zu einer Theorie historischen Lernens, Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag.

Bernsen, Daniel/König, Alexander/Spahn, Thomas (2012): Medien und historisches Lernen: Eine Verhältnisbestimmung und ein Plädoyer für eine digitale Geschichtsdidaktik, in: Zeitschrift für digitale Geschichtswissenschaft, Heft 1, 1–27.

Binnenkade, Alexandra (2013): Audiovisuelle Medien. Ein interdisziplinärer Beitrag, in: Furrer, Markus/Messmer, Kurt (Hg.): Handbuch Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag, 338–351.

Jebrak, Svetlana: Angekommen?! Jüdische Zuwanderung nach Deutschland 1990–2010. Materialien und Vorschläge zur pädagogischen Arbeit, hg. vom Jüdischen Museum Westfalen.

Kowitz-Harms, Stephanie/Menny, Anna (2014): Schülerprojekt Geschichtomat. Zur Vermittlung jüdischer Geschichte im Internet, in: Demokratische Geschichte, Heft 25, 329–342.

Liepach, Martin/Geiger, Wolfgang (2014²): Fragen an die jüdische Geschichte. Darstellungen und didaktische Herausforderungen, Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag.

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